Rezension: Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Birdman Poster. Copyright: Verleih / Produzent

Jean-Luc Godard hat einmal gesagt, jeder Schnitt sei eine Lüge. Wenn dem so ist, dann könnte Alejandro González Iñárritus Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) voller Wahrheit stecken – genau wie das Theater, in dem der Film spielt. Den auf den Brettern, die die Welt bedeuten gibt es schließlich keine Montage. Es wird nicht geschnitten, es fällt höchstens der Vorhang. Gelogen wird dort trotzdem, zumindest hinter dem gefallenen Vorhang und den Kulissen. Intrigen, Selbstsucht und ein ewiger Kampf zwischen den Darstellern sind an der Tagesordnung. Menschen drehen sich um sich selbst und keiner kann diesem Kreislauf entkommen. Und so fährt auch Emmanuel Lubezkis Kamera in endlosen Bewegungen durch die Gänge des Schauspielhauses, wir gefangen in einer in jeder Hinsicht theatralischen Version von Gus van Sants Elephant.

Iñárritus fünfter Langfilm ist im gleichen Maßen wie van Sants Amok-Drama von einer ungewöhnliche Formentscheidung geprägt. Statt wie sonst Dialoge über Schuss und Gegenschuss zu erzählen und durch das klassische Continuity-System eine stringente Welt vorzutäuschen, reiht der Film Plansequenz an Plansequenz. Nicht ganz so konsequent wie Aleksandr Sokurovs Russian Ark gibt es hier doch immer wieder godardsche Lügen, etwa wenn der Spießroutenlauf der Figur durch einen dunklen Türrahmen führt.

Dann gibt es einen (unsichtbaren) Schnitt. Und dann taucht beispielsweise der ehemalige Blockbuster-Darsteller Riggan Thomson (Michael Keaton) aus den Schatten auf. Seit dem Ende seiner Zeit als „Birdman“ vor über zwanzig Jahren führt dieser ein eher trauriges Leben: Mit dem Superhelden- hat er auch das Superstar-Dasein hinter sich gelassen. Als Defibrillator für seine siechende Karriere soll eine Bühnenadaption von Raymond Carvers What We Talk About When We Talk About Love dienen. Neben der Hauptrolle übernimmt Thomson auch die Posten von Regisseur und Produzent seines Prestige-Projekts. Doch er scheint vom Pech verfolgt: Einen Tag vor der ersten Aufführung wird einer seiner Hauptdarsteller von einem Scheinwerfer erschlagen. Zunächst scheint es wie ein großer Glücksfall, als der beliebte Theater-Mime Mike Shiner (Edward Norton) anbietet, spontan einzuspringen. Schnell wird jedoch klar, dass die Arbeit mit dem egoistischen Großkotz nicht leicht wird. Mehr und mehr reißt er das Projekt an sich. Er flirtet sogar mit Thomsons Tochter Sam (Emma Stone). Dabei hat die gerade erst einen Entzug hinter sich und ist daher in besonderem Maße verletzlich.

Copyright: Verleih / Produzent
Auch Geldsorgen, seine Beziehung zu Schauspielerin Laura (Andrea Riseborough), seine Ex-Frau Lesley (Naomi Watts) und die herzlose Theaterkritikerin Tabitha (Lindsay Duncan), die ihn und sein Stück verachtet, machen ihm zu schaffen. Langsam driftet er in den Wahnsinn ab: Birdman, sein früheres Alter Ego, übernimmt nach und nach seinen Verstand.

Auch der Zuschauer kann nie sicher sein, was von dem gezeigten Realität und was Einbildung ist. Gemeinsam mit den kontinuierlichen Bildern verfolgt Iñárritu damit die Absicht, die Filmräume zu einer Abbildung der Innenlebens seiner Hauptfigur werden zu lassen. Verschiedene Szenerien verschmelzen. Etwa, wenn ein Schlagzeug-Stück erst als Teil des Soundtracks vor sich hin trommelt, plötzlich aber wirklich ein vollständiges Drumkit mit Musiker im Bild auftauchen. Die psychologische Wirkung langer Einstellungen ist allgemein bekannt: Je länger der Kamerablick verweilt, desto mehr reagiert der Zuschauer mit Anspannung. Als würde uns ein Mensch anstarren, der niemals blinzelt. Riggan fühlt kurz vor dem Abend, der sein restliches Leben und sein Vermächtnis für die Nachwelt entscheidend prägen könnte enormen Druck. Früher hat er Kohle gescheffelt, doch jetzt soll daraus ein Diamant gepresst werden.

Copyright: Verleih / Produzent
Michael Keaton spielt die Rolle, die für den ehemaligen Batman-Darsteller mehr als nur ein paar biographische Züge trägt, am Rande seiner Leistungsfähigkeit. Dass er in vielen der größeren Momente in seinen Fähigkeiten ge- und überfordert wird, tut seiner Darbietung dabei keinen Abbruch. Im Gegenteil, denn auch seine Figur ist spürbar nicht in ihrem Element. Solche Meta-Spielereien durchziehen den Film. Iñárritu versucht zwischen Diegese und Realität genau so fließende Übergänge zu schaffen, wie zwischen Szenen und Schauplätzen.

Das gelingt mal mehr, mal weniger. Ganz ohne Zweifel ist die Grundidee originell. Und wo in Iñárritus Filmografie oft bemängelt wurde, dass er nur Leiden und Transzendenz aneinanderreihte, gelingt hier ein weniger vertrauter Erzählrhytmus. Aber: Was über den kreativen Prozess, das Theater als Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Medien als sensationsgierige Aasgeier und Kritiker als Eunuchen des Schaffens kolportiert wird, ist leider reichlich trivial. Vieles davon wurde schon gesagt, zumal eleganter und subtiler. Satire verliert an Kraft wenn sie nicht wie ein Angriff, sondern wie ein Verteidigungsmanöver wirkt. Sie ist eine spitze Nadel, kein Holzschild. Gerade die scharfen Attacken auf Journalisten wirken wie eine Trotzreaktion Iñárritus auf die Tatsache, dass seine letzten Projekte (etwa das schwere Drama Biutiful) bei der schreibenden Zunft auf wenig Liebe stießen. Eine scharfe Feder beweist der mexikanische Regisseur nicht – von der wirren Zerrfigur Tabitha werden sich selbst sensible Zeitgenossen nicht hinreichend geschmäht fühlen. Da war selbst Uwe Boll mit seinen Fäusten durchschlagender.

Copyright: Produzent / Verleih

Auch der Sturm gegen die Omnipräsenz des Superhelden-Films, den Iñárritu in Interviews als „kulturellen Genozid“ bezeichnet hat, fällt handzahm aus. Der Filmemacher identifiziert die Probleme dieses neuen Genres zwar, kann sie aber nicht wirklich auf der Leinwand sichtbar machen. In einigen Momenten von Birdman bricht die Bildsprache der Marvel-Blockbuster in seine Vision ein, doch dem Schrecken der digitalen Beliebigkeit und der Einfältigkeit der semi-faschistoiden Nerdfantasien wird das zu keinem Augenblick gerecht. Ohnehin reißt der Film viele Themen an, ohne jedoch jemals eins davon auf befriedigende Weise zu behandeln. Genau wie die Haltung zur eigenen Hauptfigur bleiben alle Aussagen auf halber Strecke zwischen Ambivalenz und Unentschlossenheit liegen. Das Endergebnis ist nicht Pro oder Kontra Theater, nicht Pro oder Kontra Superhelden, sondern lediglich Pro Alejandro González Iñárritu. Und Kontra Kritik (wenn auch nicht auf eine ganz so besorgniserregende Art und Weise wie etwa M. Night Shyamalans Das Mädchen aus dem Wasser.)

Anderes gelingt dem Film: Darsteller stellen gekonnt dar, Iñárritu weiß, wann er führen muss und wann gewähren lassen. Wenig ist vor der Kamera so schwer wie das gespielte Schauspiel, an der Doppelbelastung von Rolle und Meta-Rolle scheitert so mancher. Gerade Edward Norton überzeugt und reißt jede Szene an sich. Alle Figuren treten so dominant auf, wie es zu ihnen passt. Keaton trifft einige Male nicht den richtigen Ton, weiß aber immerhin die Musik zu spielen. Dem Chargieren sonst nicht abgeneigte Darsteller wie Zach Galifianakis (in der Rolle von Riggans chaotischem Assistenten) oder Emma Stone fügen sich mit der Interpretation ihrer Rollen gut ins Gesamtgefüge ein. Allein ihre Präsenz offenbart, das Birdman auch ein lustiger Film sein soll. Und ja, gelegentlich wird man im Kinosaal lachen. Das es vergnügter zugeht als bei Biutiful war zu erwarten. Ehrlich gesagt ist es anders auch kaum vorstellbar, stirbt hier doch niemand Leidvoll an Krebs.

Emmanuel Lubezkis eingangs erwähnte Kameraarbeit fasziniert, alleine schon mit ihrer reinen Athletik. Die Frage, ob ein Film dadurch besser wird, dass seine Verwirklichung herausfordernd ist? Ob diese Strapazen das Endergebnis auf eine neue Stufe heben? In diesem Fall kann sie mit „Ja“ beantwortet werden. Sicherlich ist es rein körperlich (neben The Raid 2) das eindrucksvollste, was mit einer Steadycam in diesem Jahr versucht wurde. Auch wenn die emotionale Wirkung des geschickt platzierten Schnitts verloren geht handelt es sich bei dieser Entscheidung nicht um ein Nullsummenspiel. Neben dem Gefühl etwas Neues zu sehen führt sie auch zu dem Gefühl einer permanenten Vorwärtsbewegung, ein Gefühl von Getriebenheit. Riggan in der Flucht nach Vorne.

Birdman ist weit davon entfernt ein Meisterwerk zu sein, zeigt aber eine neue Seite eines talentierten Regisseurs. Iñárritu gibt die Formelhaftigkeit seines bisherigen Werks auf und fängt langsam an zu experimentieren. Mit dem Ego eines Theaterschauspielers ausgestattet verrennt er sich oft in langen, leeren Gängen. Er schießt in Richtung von Zielen, die besser gewählt sein könnten. Seine Waffe streut zu sehr und richtet mehr Lärm als Versehrung an. Doch das ist für das, was auf der Bühne passiert, letztlich egal. Am Ende heißt es : „Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Und auch wenn der Applaus zunächst zögerlich kommt: Er ist verdient. Geblendet vom Scheinwerferlicht sieht man kein Publikum, dafür aber vielleicht einen Hauch Wahrheit.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rezension: Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s