Rezension: Haindling – und überhaupts…

Haindling-DE-Poster02Haindling ist ein kleines, niederbayerisches Dorf mit etwa 100 Einwohnern, darunter auch der Volksmusiker Hans-Jürgen Buchner. Weil dem gebürtigen Berliner seine Wahlheimat so viel bedeutet, hat er auch seine Band Haindling genannt. Pünktlich zu seinem siebzigsten Geburtstag hat Regisseur Toni Schmid ein Filmporträt über ihn, seine Gruppe und seinen Wohnort gedreht. Und das heißt – selbstverständlich – auch Haindling.

Begonnen hat das Projekt als 45-minütiger Beitrag für den Bayerischen Rundfunk. Dem Filmteam schien die Zeit unzureichend, um über ein solch langes Leben und eine kaum weniger umfangreiche Karriere zu berichten. Es galt, Material aus drei Jahrzehnten Bandgeschichte zu verarbeiten. Die Laufzeit verdoppelte sich, aus dem Fernseh- wurde so ein Kinofilm. Leider spürt man den Ursprung des Projekts in nahezu jeder Szene. Was da geboten wird, wäre im BR-Nachmittagsprogramm (vielleicht zwischen Dahoam is Dahoam und Jetzt red i) mit Sicherheit gut aufgehoben. Künstlich auf Spielfilmlänge aufgeblasen, fehlt es Haindling – und überhaupt’s… massiv an Substanz.

 

Das liegt unter anderem an Buchner selbst. Der zum Keramiker ausgebildete Multi-Instrumentalist ist natürlich kein Unsympath. Wer über 30 Jahre lang Frontmann einer erfolgreichen Kapelle ist, der lernt sich in Szene zu setzten, pointierte Anekdoten zum besten zu geben und großzügig Charme zu versprühen. Dabei muss trotz aller Inszenierung noch die für das Genre der Volksmusik so bedeutsame Fassade aus Authentizität und Bodenständigkeit bewahrt werden. Der Volksmusiker darf schließlich nicht aus dem Volke fallen. Wobei man dem Dichter von Zeilen wie „Bayern, jawoi des samma mir!/ Bayern und des bayerische Bier!“ schwer Elitarismus vorwerfen kann.

Mit dem Film werden wohl vor allem jene warm, die mit dem Musikantenstadl, Schunkeln und bierseligen Mitgröhl-Refrains keine Berührungsängste haben. Buchner ist gleichermaßen enthusiastischer Bayer wie Musiker. Seine Liebe zu ausgefallenen Instrumenten aus aller Welt machen die grundsoliden Stücke zwar nicht unbedingt origineller, doch die Rolle des weltoffenen Althippies mit Blume hinterm Ohr steht ihm gut zu Gesicht.

Haindling Szenenbild Copyright Vertrieb / Produzent

Leider sind sein Auftreten, seine Aussagen und seine Songs von einer fast schon anstrengenden Naivität und Schlichtheit durchzogen. Neben einem kurzen Überblick über seine persönliche Geschichte werden nämlich auch allerlei andere Themenkomplexe angerissen. In tiefem Bayrisch sinniert er dann etwa über den Naturschutz („schon immer ein wichtiges Thema“), seine Schulzeit („ich war schlecht in Latein“) oder wägt ab, warum CSU-Politiker seine Musik zu schätzen wissen („Politiker merken, dass ich das Volk anspreche“). Auch die Neurowissenschaft scheint ihm zu liegen, merkt er doch einmal an: „Wenn man bedenkt, dass der Mensch sowieso nur mit 20% von seinem Hirn arbeitet…“

Selbst große Fans (wohl ohnehin die primäre Zielgruppe der Doku) werden sich angesichts der eher losen Aneinanderreihung von Szenen und Themen oftmals wünschen, dem wäre wirklich so. Denn leider vermag der Film kaum zu fesseln. Über Haindling gibt es, das merkt man schnell, eigentlich wenig zu erzählen. Viel von dem Gezeigten wirkt wie Füllmaterial. Einmal fragt Buchner im Backstage-Bereich, was das denn für eine Suppe wäre. Ein Koch erklärt, es handele sich um Karotten-Ingwer-Suppe. Aufregend. Später berichtet der Musiker, mit welchen Worten er Gäste empfängt. Packend. Man kann diese Entschleunigung in Zeiten hektischer Blockbuster sicher gutheißen, doch ganz so beschaulich muss es im Kino dann doch nicht zugehen.

Szenenbild Haindling Copyright Vertrieb / Produzent

Gewiss – Biographien sind nicht leicht in eine dramaturgisch stimmige Form zu fügen, daran scheitern Hollywoods Prestigeprojekte mit großer Regelmäßigkeit selbst bei den Großen der Weltgeschichte. Zuspitzen, ordnen, ein Narrativ finden – das sind die Aufgaben von Dokumentarfilmern. Hier jedoch wird aus dem „Deshalb“, welches im Drehbuch Szenen verbinden sollte, ein schlichtes „Und“. Infolgedessen setzt sich der Film aus größtenteils belanglosen Vignetten zusammen, die nie mehr werden als die Summe ihrer einzelnen Teile.

Sogar Produktionsszenen haben es in den fertigen Film geschafft. Dann wird etwa über den richtigen Drehort diskutiert. Solche Momente sollen wohl einen intimeren Blick inszenieren und ganz bewusst mit der klassischen Inszenierung eines Porträts brechen. In ihrer Fülle wirken sie aber eher wie Rohmaterial, das eigentlich auf dem Boden des Schnittraums hätte zurückbleiben müssen. Vor allem wirkt diese Strategie, Unmittelbarkeit vorzutäuschen, so berechnend, dass sich selbst Fans der Band, sofern sie nicht gänzlich unkritisch sind, vor den Kopf gestoßen fühlen müssen.

Nur in einer kurzen Szene wird ein Schimmer der Person hinter der Persona deutlich: Buchner setzt sich mit seinem erfolgreichsten Lied „Bayern“ auseinander. „Mensch, das klingt aber primitiv“, soll er am Anfang über das Lied geurteilt haben. Aber auch: „Weißt du was, das mach ich!“ Und so stellt sich auch hier die Frage, die man sich bei Volksmusik immer stellt und die man sich vielleicht auch über diesen Film stellt: Merken die Beteiligten, was sie da machen? Sind sie Täter oder Opfer in diesem Spiel? Doch auch als Reflexion über die „Neue Volksmusik“ in ihrer Gesamtheit taugt Haindling nur wenig. Es ist eine Liebeserklärung an die Band, an das Dorf, an den Musiker. Doch von dieser Liebe kommt wenig beim Zuschauer an. Trotz Konzertmitschnitten und Interviews gilt: Wer nicht ohnehin schon begeistert ist, der wird hiervon auch nicht mehr überzeugt.

Also ein Film von einem Fan für Fans, der sich vor allem um sich selbst dreht. „Auf meinem T-Shirt steht Haindling“, verkündet Hans-Jürgen Buchner von Haindling (der Band) aus Haindling (dem Dorf) inHaindling (dem Film). „What’s in a name?“, will man mit Julia aus Shakespeares bekanntestem Stück fragen. Für Toni Schmid ist klar: Alles! Begeistert stapelt er Redundantes zu Bergen aus Banalem und Nebensächlichem. Niemand wird dadurch etwas Neues, Interessantes oder Bedeutsames erfahren. Hier bleiben Bayern bayrisch; Dorf und Musik, Kultur und Region – alles wird eins. Doch dafür hätte man keinen Film drehen müssen. Ein schlichtes, stolz-trotziges „Mia san mia“ hätte eigentlich genügt.

(zuerst bei kino-zeit.de erschienen)

 

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