Rezension: Manolo und das Buch des Lebens

Copyright: Produzent / VerleihEine Gesellschaft kann gut danach beurteilt werden, wie sie mit dem Tod umgeht. In Mexiko ist der Tod eine Frau  – und eine Heilige: Santa Muerte. Wo in großen Teilen der westlichen Welt das Sterben gänzlich aus dem öffentlichen Leben verbannt und durch medizinische Maßnahmen beherrschbar gemacht wird, zelebriert man die Toten dort durch eine gänzlich andere Erinnerungskultur. Einmal im Jahr, am Día de los Muertos, wird sogar ihre Rückkehr auf die Erde gefeiert. Die Grenze zwischen Dies- und Jenseits ist für viele Mexikaner dünn.

Manolo und das Buch des Lebens ist zwar ein amerikanischer Animationsfilm, bedient sich aber an solchen alten, mexikanischen Legenden. Den Rahmen für die Handlung, vor allem aber den Zugang für die junge Zielgruppe, stellt eine Gruppe Kinder auf ihrem Schulausflug dar. Eine freundliche Museumsführerin erzählt ihrem zunächst skeptischen, später zunehmend begeisterten Publikum die Geschichte von zwei Geistern. Die gütige La Muerte, die über das Reich der Erinnerten herrscht und den finstere Xibalbá, Fürst über das Reichs der Vergessenen. Die beiden schließen eine Wette ab: Ihr Blick fällt zufällig auf Manolo und Joaquin, zwei Kinder, die beide in dasselbe Mädchen verliebt sind, die schöne Maria. La Muerte wählt als ihren Champion den sensiblen Manolo, der am liebsten Gitarre spielt. Xibalbá bevorzugt den kräftigen, mutigen Joaquin. Die beiden Geister wetten darum, welchen der beiden María einmal heiratet. Ist es Manolo, gewinnt La Muerte und Xibalbá darf sich nicht mehr in die Geschicke der Lebenden einmischen. Heiratet María Jaoquín, tauschen La Muerte und Xibalbá ihre Reiche.

Doch zunächst wird Maria auf Jahre von ihren beiden Verehrern getrennt: Ihr Vater schickt sie für ihre Ausbildung nach Europa, wo sie zur eigenständigen, emanzipierten Frau heranwächst. Während den Jahren ihrer Abwesenheit wird Manolo zum Stierkämpfer trainiert, doch eigentlich hängt sein Herz an der Musik. Er treibt sich mit einer Mariachi-Band herum und weigert sich standhaft, die unschuldigen Bullen zu töten. Joaquin reift zu einem echten Krieger heran, zum besten Soldat in der Dorfmiliz. Sein gewaltiger, muskelstarrender Körper ist übersäht mit Medaillen, die von seiner Tapferkeit zollen. Eine davon ist ein Unverwundbarkeits-Medaillion, das ihm Xibalbá (gegen die Regeln) hat zukommen lassen.

Beide stehen im Schatten ihrer Väter und Vorväter: Manolo stammt aus einer Familie von Stierkämpfern. Joaquins Vater wacht sogar noch posthum, in Form einer gewaltigen Statue, über das Dorf.  Die beiden Jungendfreunde kämpfen nun nicht nur gegeneinander um die Liebe Marias, sondern auch gegen zahllose Bedrohungen von außen (etwa den Banditen …) und gegen die Erwartungen, die ihnen auferlegt wurden.

Der mexikanische Regisseur und Animator Jorge Gutierrez füllt diese Geschichte über den Tod mit viel Leben. Das Ergebnis ist ein Film mit viel Licht, aber auch viel Schatten. Das fängt bereits beim Animationsstil an: Während viele Szenerien wirklich wundervoll gelungen sind in ihrem Detailreichtum, wirken vor allem einige Figuren merkwürdig flach und, in letzte Konsequenz, einfach hässlich. Angelehnt ist die Ästhetik an die traditionellen Skulpturen von etwa José Guadalupe Posada und die Zuckerfiguren, die man am Tag der Toten in Mexiko überall sieht.  Auch Einflüsse der Azteken-Kunst sind manchmal zu erkennen. Ein Soldat ist sogar eine klare Hommage an Picassos Porträts. Leider ist die 3D-Animation oft sehr Detailarm, in den schlimmsten Momenten denkt man das Nachmittagsprogramm von Super RTL.

Bei der Musik hat man nicht, es wäre so naheliegend gewesen, auf klassische Mariachi-Stücke zurückgegriffen. Stattdessen gibt es bekannt Popsongs, nur eben vorgetragen mit Gitarren und Trompeten.  Sicher, eine stilistisch angepasste Version des Radiohead-Klassikers Creep hat großen Unterhaltungswert. Und Ennio Morricones Extasy of Gold würde noch Bildern von Rentnern an einer Supermarktkasse Dramatik verleihen. Die schnulzigen Liebesballaden, die aufgefahren werden, um die Liebe zwischen Maria und Manolo greifbar zu machen, sind hingegen peinlicher Kitsch.

Der Film erzählt sich wie die Mexiko-affine Version von The Lego Movie. Alles ist bunt und überladen, das Erzähltempo ist mehr als rasant und wird auch das Interesse der Jüngsten allein durch pures Spektakel an sich binden. Kritisch betrachtet: Ein weiteres Kulturprodukt der Generation ADHS. Der Humor zielt vielleicht ein paar Mal zu oft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Es gibt ein wenig zu viel Slapstick und zu viele hohle Actionsequenzen.

Die Art und Weise, mit welcher der Film die engen Grenzen zwischen Leben und Tod darstellt, hat leider auch entscheidende Nachteile. Zum einen führt es dazu, dass die Gefechte einen großen Teil ihrer Spannung einbüßen. Zum anderen verliert das Dahinscheiden mit hoher Frequenz und geringer Konsequenz auch an emotionaler Wirkung. Hier wird der jungen Zielgruppe zu wenig zugetraut. Beim Kinderfilmen hat die Wiederauferstehung von Protagonisten natürlich eine lange Tradition (vom Giganten aus dem All bis hin zu Balu aus dem Dschungelbuch besaßen Kinderfilmfiguren messianische Qualitäten) – was eigentlich immer die falsche Entscheidung ist. Warum bleiben gerade Disney-Klassiker wie Bambi oder Der König der Löwen so lange in Erinnerung? Weil sie für viele Kinder eine der erste Konfrontation mit dem Tod darstellen. Hier wird deutlich, dass hier eben doch vor allem eine Kultur simuliert wird, selbst wenn viele Beteiligten aus ihr stammen – es ist Studiokino. Denn hier gibt es keinen ruhigen Moment, an dem man sich erinnern könnte, nur die rasante Flucht nach vorne. Die mexikanischen Traditionen sollen dem Tod gegenüber nicht gleichgültig machen, sondern ihn zum Teil des Lebens machen.

Manolo und das Buch des Lebens ist wie eine Piñata: Einmal aufgeschlagen hagelt es Konfetti und bunte Süßigkeiten, solange der bunte Regen auf uns einprasselt, fühlen wir uns unterhalten –  am Ende bleibt jedoch eine leere Hülle zurück.

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