Rezension: Der große Trip – Wild

Wild-US-Teaser-PosterWenn Der große Trip – Wild endlich vorbei ist wünscht man sich, auch Jean-Marc Vallée würde auf eine sehr lange Reise gehen. Im zweitbesten Fall findet er sich dabei selbst. Im besten Fall wird er von einem Bären gefressen. Sein erster Film nach dem Oscarerfolg Dallas Buyers Club schickt Rees Witherspoon als Cheryl Strayed auf einen Tausendmeilenmarsch durch die Wildnis Amerikas, entlang des Pacific Crest Trail, aber auch auf eine Reise durch ihre eigene Vergangenheit. Der Selbsterfahrungs-Trip ist die unmittelbare Reaktion auf traumatische Erlebnisse, es ist eine Flucht vor der Einsamkeit unter Menschen. Doch das Wandern auf abseitigen Pfaden fordert auch seinen Tribut, seelisch wie körperlich: Bereits in der ersten Szene sehen wir Cheryl einen entzündeten Zehennagel von ihrem Körper abreißen. Physis und Psyche verschmelzen, es ist ein schmerzhaftes Bild; leider nicht einmal ansatzweise so schmerzhaft wie die Erfahrung, die folgenden zwei Stunden Film zu ertragen.

Wer eine große Wanderung antritt, der sollte sich zuerst seine Möglichkeiten vor Augen führen, seine Stärken und Schwächen reflektieren. Regisseur Jean-Marc Vallée hat das leider versäumt, denn er ist die wohl am wenigsten geeignete Person, die persönlichen Erfahrungen und den daraus resultierenden Roman von Cheryl Strayed umzusetzen. Es ist kein sonderlich guter Roman, aber gerade mittelmäßige Autoren waren ja oft die Vorlage für große Filmkunst. So die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Es ist vor allem eine sehr introspektive Geschichte, in ihrem Wesen so romanhaft wie wenig andere. Vallée hat als Regisseur eine Stärke: Er kann Schauspieler führen und ihnen neue, interessante Facetten abringen. Und Reese Witherspoon (als Frau in Hollywood immer auch auf der Suche nach fordernden, originellen Rollen) kann durchaus glänzen. Sie fühlt sich sichtlich wohl mit dem manchmal harschen Material und trifft den richtigen Ton auch in Szenarien, die sie sonst nur selten spielen darf. Leider ist ihre größter Feind nicht die gnadenlose Natur, nicht ihr aufgewühltes Innenleben, sondern die wirklich lausige Regiearbeit.

Denn was Vallée nicht gelingt, ist für Cheryls Erfahrungen die richtigen Bilder zu finden. Immer wenn er versucht, in seinen Einstellungen mehr als das Vordergründige zu zeigen, verliert er sich in visuellen Plattitüden.  Wir sprechen hier von dem Mann, der in Dallas Buyers Club seinen Protagonisten, der sich gerade verändert und entfaltet, in einem Raum voller Schmetterlinge filmen lässt. Seine Filme stinken nach Verzweiflung und dem Schweiß angestrengten Kunstwillens: Seht her! rufen sie. Es ist eine Metapher!

Filmemacher sollten ihr Publikum wie ein Klavier spielen, so hat es Hitchcock gesagt. Doch Vallée scheinen die Arme zu fehlen. Wild ist das Äquivalent eines Musikers, der einfach mit seinem Kopf auf die Tasten schlägt. Der Film verbindet die subtile Poetik vom Leben gelangweilter Teenager mit Rhetorik und Stil von Jack Wolfskin-Werbung. Vallée ist Bildsprachen-Legastheniker. Sein Plädoyer für die Selbsterfahrung in der Natur könnte auch aus dem Katalog eines Reiseunternehmens stammen. Spätestens wenn ein miserabel am Computer gerenderter Fuchs auftaucht wird die geheuchelte Naturverbundenheit als postmoderner Großstädterhabitus entlarvt.

Popliterat Nick Hornby zeigt mit seinem Drehbuch eindrucksvoll, warum Popliterat für viele als Schimpfwort gilt. Das zentrale Problem des Films ist, dass jedes Gefühl von Reise und Fortschritt durch endlose, redundante Rückblenden untergraben wird. Er gleicht einem Laufband: Es gibt permanente Anstrengungen, aber kein Vorankommen. Ein ums andere Mal kübelt der Film Cheryls Eskapaden und Schicksalsschläge über dem Zuschauer aus. Bald baut dessen emotionales Immunsystem Antikörper gegen die andauernden Gefühlsausbrüche auf; spätestens in der zehnten Szene, die von Cheryls Mutter handelt – oder von Krebs, Promiskuität, einer Abtreibung, von Drogen und anderen selbstzerstörerischen Exzessen – reagiert man nur noch mit Desinteresse.

Im Schnitt soll immer eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart geschaffen werden; viele Schnitte sind als Gedanken zu erkennen. Es wirkt wie der Versuch, den unorthodoxen Stil von Sarah Flack und Steven Soderbergh aus The Limey zu kopieren. Auch Satoshi Kon und Dede Allen (Slaughterhouse Five) könnten als Referenzpunkt dienen. Dabei wird keines dieser Vorbilder erreicht. Nichts wirkt durchdacht, die meiste Zeit fühlt man sich der sprunghaften Willkür inkompetenter Erzähler hilflos ausgeliefert.

Die Filmmusik wartet mit einem ähnlich evokativen, spontanen Charakter auf: Genau wie Melodien und Lieder sich plötzlich in unseren Köpfen festsetzen, uns durch Augenblicke und Lebensabschnitte begleiten, sind Szenen oft mit Populärmusik unterlegt. Das Ergebnis wirkt wie Scorsese für Arme. Triviales wird hier nicht zu neuer Bedeutung erhoben. Stattdessen zieht es den Film auf sein Niveau hinunter.

In Cheryls Selbstbehauptung sieht der Film auch einen feministischen Befreiungsschlag. Gänzlich entpolitisiert wird dabei ein gesellschaftliches Phänomen zur reinen Befindlichkeit heruntergestuft. Sicher ist die permanente Bedrohung, die von Männern für die Protagonistin ausgeht, eine akkurate Darstellung von dem, was Frauen fernab der (und oft auch in) Zivilisation droht. Doch auch wenn der Film viele Konstellationen und Probleme richtig erkennt, verliert sich jeder Ansatz von Botschaft und Haltung in der zerfaserten Erzählform und mangelnder Ausdruckskraft.

Wild fehlt jegliche Dringlichkeit. Je mehr Fakten wir über die Protagonistin erfahren, desto weniger kennen wir sie. Wenn am Ende als große Botschaft nur bleibt, das man mit seinen eigenen Fehlern leben muss, dann sind wir endgültig in der Ratgeberabteilung der Bahnhofsbuchhandlung angekommen. Da wollten wir eigentlich nicht hin. Und dafür hätten wir jetzt wirklich nicht verdammte tausend Meilen laufen müssen.   

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2 Gedanken zu “Rezension: Der große Trip – Wild

  1. Ursprünglich hatte ich ja durchaus Interesse an dem Streifen, aber nachdem ich jetzt ein paar Rezensionen gelesen habe, ist das doch stark gesunken. Da guck ich demnächst lieber noch mal Into The Wild.

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