Rezension: Baymax – Riesiges Robowabohu

BaymaxBaymax – Riesiges Robowabohu zeigt ein positives Bild der Zukunft, ist aber Teil einer Dystopie für das Kino: Nun, da auch der Kinderfilm assimiliert wurde, werden wohl bald alle Formen der irdischen Unterhaltung auf die gleiche Art und Weise von Superhelden erzählen. Denn der neuste Animationsfilm der Kindertraumfabrik Disney bringt wieder einmal auf die Leinwand, was zuvor noch in Bildkästchen und Sprechblasen zu erleben war. Nachdem der Konzern im Jahr 2009 sein Imperium um den Comicriesen Marvel erweitert hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bildsprache von Iron Man, Thor und Konsorten auch die Familienunterhaltung erreicht. Das Ergebnis ist ein seltsamer Hybrid, der ein wenig an Roboter-Protagonist Baymax erinnert: Ein weicher, drolliger Kern wird in einen militärische Hülle gezwängt, ein eisernes Korsett. Es will nicht so recht passen.

Auch die menschliche Figuren und der Schauplatz des Films sind Mischwesen, kulturell fluide Chimären: Protagonist Hiro Himada ist 14 Jahre alt und ein technisches Genie. Da er seine Schullaufbahn bereits abgeschlossen hat, verbringt er seine Zeit mit Roboterkämpfen in schäbigen Seitengassen seiner Heimatstadt. Die heißt San Fransokyo und ist ein Musterbeispiel urbaner Turboglobalisierung: Die Metropole verbindet die Hügel und engen Straßen des amerikanischen Hippie-Mekkas mit dem futuristischen Lichtermeer der japanischen Hauptstadt.

Wie immer bei Disney geht es natürlich auch um die Familie: Hiro ist Waisenkind und lebt deshalb bei seiner schrulligen Tante Cass. Sein großer Bruder Tadashi macht sich Sorgen um seine Zukunft: Damit der brillante Teenager sein Potential endlich ausschöpfen kann, nimmt er ihn mit in das Robotiklabor seiner Universität. Dort trifft er auch auf Tadashis mehr als diversen Freundeskreis, der später zum (der Originalversion des Film ihren Titelgebenden) sechsköpfigen Superhelden-Team Big Hero 6 umgewandelt wird.

Da wäre zum einen GoGo, eine archetypische „starke Frau“, was so viel heißt wie: Körperlich stark, kompetent, wortkarg, schwarze Haare, aber ohne Charakter oder wirkliche Relevanz für die Handlung. Der ähnlich fragwürdig benannte Wasabi ist hochgewachsen und ein wenig neurotisch. Honey Lemon (wie bitte?) ist eine quirlige, vage hispanische Chemikerin. Fred ein Comic- und Kostümfan, eine typische Stoner-Figur; nur die Zielgruppe verhindert, dass er in jeder zweiten Szene Bong raucht oder Blunts dreht. Und einer der Freunde ist nicht einmal ein Mensch: Tadashi hat einen Gesundheitsroboter entwickelt, der als Pflegekraft fungieren soll. Der dickliche Roboter Baymax ist so herzerwärmend tollpatschig und niedlich, dass er nicht nur wie seine eigene Spielzeugversion aussieht, sondern auch den deutschen Titel zuungunsten aller anderen Helden an sich gerissen hat. Ein wenig spiegeln sie die um Diversität bemühten, amerikanischen Sonntagmorgen-Cartoons (etwa Captain Planet) der neunziger Jahre wider. Manchmal heißt Vielfalt wohl einfach nur, dass alle Ethnie und Kulturen gemeinsam konsumieren dürfen.

Darüber hinaus trifft Hiro auch auf den Leiter des Instituts, den Erfinder Callaghan. Als alternde, vertrauenerweckende Autoritätsperson, ist schon mit seiner Vorstellung klar, welche Entwicklung seine Figur im weiteren Verlauf durchmachen wird. Fast beiläufig erwähnt er bei ihrer ersten Begegnung, dass auch für Hiro ein Platz an der Universität wäre.

Der ist sichtlich angetan, sein inneres Feuer entfacht: Mit Hochdruck arbeitet er an einer Technologie, die Callaghans Interesse weckt. Eine kurze Montage später ist er bereit und kann sein fertiges Projekt bei der nächsten öffentlichen Ausstellung der Hochschule vorstellen: Ein Schwarm unabhängig arbeitender Nanoroboter, die sich auf beliebige Weise zu neuen Konstruktionen zusammenfügen und wieder auseinander nehmen lassen. Eine Technologie, die in der echten Welt wohl das alltägliche Leben für immer verändern würde. Im Film reicht sie zumindest aus, um den Leiter des Robotik-Programms zu überzeugen und Hiro einen Uniplatz zu sichern.

Doch dann kommt es zu einer Katastrophe: Im Gebäude bricht ein Feuer aus. Todesmutig stürmt Tadashi ins Innere, um seinen Mentor Callaghan zu retten. Nur wenige Sekunden später erschüttert eine Explosion den Campus. Hiros Bruder stirbt in den Flammen, seine Welt bricht zusammen. Das einzige, was von Tadashi bleibt, ist die bedeutsamste Errungenschaft seiner kurzen akademischen Karriere: Baymax.

Diese emotionale Komponente ist eine der wenigen Elemente des Films, die zumindest theoretisch gut durchdacht ist. Denn natürlich wird die Maschine mit ihren menschenähnlichen Zügen plötzlich zum Surrogat für Hiros Bruder. Später wird es viel um das Loslassen gehen. Die Frage, wie Menschen mit Trauer umgehen, ist hier die deutlichste Trennlinie zwischen Gut und Böse. Denn auch die Schurken aus Baymax sind vom Verlust getrieben. Nur schade, dass der Filme seine eigene Botschaft sofort unterminiert. Es sollte für niemanden eine Überraschung sein, es ist nun einmal Disney, am Ende wartet ein fast schon ärgerlich plumpes Happy End. (Wie Tasha Robinson schon schrieb: Es wird Zeit, den Disney-Tod in den Ruhestand zu schicken.)

Jeder Hauch von Nachdenklichkeit geht unter im folgenden… Robowabohu. Ugh. Ein maskierter Schurke hat Hiros Nanoroboter, die eigentlich als im Feuer zerstört galten, in die Finger bekommen und plant Übles mit ihnen. Das junge Genie mobilisiert seine Freunde und verwandelt sie mithilfe von spezifisch auf sie zugeschnittener Technologie in Superhelden. Es scheint, als seien sowohl Charaktereigenschaften als auch Superfähigkeiten streng budgetiert gewesen: Für jeden der vier Nebenfiguren gibt es nur genau eine. Wären sie doch nur Protagonist geworden – selbst eine Trainingsmontage muss für alle reichen.

Man merkt es schon an der ausschweifenden Handlungsbeschreibung: Der Film ist ein wenig überfrachtet. Es gibt ein wenig zu viele Stationen, die alle abgearbeitet werden wollen. Nicht umsonst sind die Marvel-Filme für „Erwachsene“ (und diese Anführungszeichen könnten kaum größer sein) fast immer über 2 Stunden lang. Von der Heldwerdung, über diverse Nebenkriegsschauplätze, bis hin zum effektreichen Abschlussgefecht muss viel erzählt werden. Hier stehen nur knapp 100 Minuten zur Verfügung, weshalb gelegentlich Hektik aufkommt.

Warum dieser Film? Ganz einfach: Baymax ist eine klassische Einstiegdroge, das Filmäquivalent von Schokoladenzigarette, Bärchenwurst und Happy Meal. Baymax als Plastikfigur zwischen Matschburger und Fettfritten gequetscht, fertig ist die langfristige Konsumentenbindung; gefangen an der Fast-Food-Kette. Marvels Zielgruppe wird endlich richtig erzogen, lernt die Bildsprache von Explosionen und Schlachten, und kann dann nahtlos zum Beginn der Pubertät mit Avengers 4 und Thor 11 weiterkonsumieren. Der Konzern zeigt einer neuen Generation bunte Lichtblitze und behauptet: Das ist Kino. Aber ist es das wirklich?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rezension: Baymax – Riesiges Robowabohu

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s