Rezension: The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben

TuringDie Geschichte von Alan Turing ist erschütternd, ihre Kinoumsetzung erschütternd einfallslos. Selten hatte ein Film seinem Stoff so viel zu verdanken und selbst so wenig Eigenes beizutragen. The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben will (basierend auf der Biographie Alan Turing – Enigma von Andrew Hodges) erzählen, wie der britische Mathematiker und Mitbegründer der modernen Computertechnologie den Enigma-Code der Nazis knackte. Seine Verfolgung als Homosexueller verkommt dabei zur Randnotiz.

Denn so funktioniert Hollywoods Prestige-Kino nun einmal: Lebensbejahende, inspirierende Geschichten über bedeutsame Menschen, die trotz aller Widerstände triumphieren. Vage liberal, aber auf keinen Fall zu politisch. Und so inszeniert Morten Tyldum (zuletzt: Headhunters) eine Kryptographie-Version von The Kings Speech: Auf keinen Fall handwerklich schlecht, narrativ zufriedenstellend, gut gespielt – aber leider ohne einen Hauch von Originalität.

Der Film konzentriert sich vor allem auf Alan Turings Beitrag zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten. Eingebettet in eine weitestgehend unnötige Rahmenhandlung (ein Polizist versucht das Geheimnis von Turings Vergangenheit zu ergründen) wird gezeigt, welche politische und persönliche Hindernisse er dabei überwinden musste: Engstirnige Vorgesetzte, inkompetente Mitarbeiter, Doppelagenten und vor allem: sein eigenes Ego. Während seine Kollegen immer noch versuchen, die codierten Botschaften von Hand zu entschlüsseln, will er eine Maschine bauen, welche den Prozess automatisiert. Denn jeden Tag werden die Codes geändert, jeden Tag beginnt das Spiel von neuem. Leider fällt es dem Außenseiter Turing schwer, seine Kollegen von der Realisierbarkeit seiner Idee zu überzeugen.

Benedict Cumberbatch spielt das exzentrische Genie im Großen und Ganzen wie immer, macht seine Sache aber gut. Natürlich hat man den solipsistischen Exzentriker, eigentlich schon oft genug von ihm gesehen. Denn sein Turing gleicht seinem Sherlock, gleich vielem, was er zuvor  spielte. (Eine längere Interpretation von Cumberbatches Schauspielkarriere findet sich hier.)

Noch wirkt sein schwer zu greifender, aristokratisch-intellektueller Charme. Einige Male wird man sich noch über überhebliche Einzeiler, die er anderen Figuren an den Kopf wirft, und an der Menschwerdung der Schauspiel-Maschine amüsieren können. Doch so langsam muss sich der talentierte Brite dagegen wehren, sich zu sehr auf einen Archetyp festlegen zu lassen. Er will ja schließlich nicht wie Johnny Depp enden.

Das restliche Ensemble ist zwar hochwertig besetzt, bekommt aber nur wenig Raum, sich zu entfalten. Keira Knightley als Joan Clarke ist sympathisch, geerdet und nahbar, kann aber wenig eigene Akzente setzen. Zwar wird ihre anfängliche räumliche und persönliche Distanz zu den anderen Codeknackern mit fortschreitender Spielzeit zunehmend aufgelöst, ihr wirklicher Beitrag zur Problemlösung ist aus dem Film jedoch kaum ersichtlich. Die junge Frau, die sich für den Posten durch herausragende Leistungen bei einem Test qualifiziert hat, wird uns vorgestellt als Genius, mindestens auf dem Level von Turing. So löst sie ein Rätsel, für das Turing „mindestens acht Minuten“ braucht, in unter sechs. Leider dient sie dann im restlichen Film vor allem dazu, Cumberbatch die Bälle zuzuspielen. Auch Mark Strong als MI6-Agen Stewart Menzies bekommt wenig zu tun, Charles Dance als Alastair Denniston kommt über den klischeehaften, übellaunigen Bürokraten nie hinaus. Die durchgehend gelungenen Schauspielleistungen fallen dem Drehbuch zum Opfer, das nie vollfertige, greifbare Charaktere etabliert.

Tyldum schert sich wenig um die Welt um Turing herum. Alle Versuche, durch eine Verknüpfung mit den Kriegsgeschehen die Decodierung mit Dringlichkeit aufzuladen, scheitern an regietechnischem Unvermögen. Die Montage von Archivaufnahmen und Spielfilmbildern verknüpft die zwei separaten Ebenen nur unzureichend. Sie zeigt nur immer wieder, wie viel The Imitation Game seiner Vorlage verdankt.

Natürlich ist das immer so, wenn Hollywood sich feige hinter dem Schriftzug „Based on a true story“ versteckt. Das Ziel ist klar: Fakten sollen Wahrheit schaffen. Weil das Gezeigte so (oder so ähnlich) wirklich passiert ist, muss es für den Zuschauer narrativ und emotional automatisch glaubwürdig sein. Doch dem ist natürlich nicht so. Filmbiographien kämpfen immer gegen ein inneres Spannungsfeld an, zwischen den tradierten Erzählmustern und diesem ganz und gar uncineastischen Gebilde, welches wir das echte Leben nennen. Niemand, nicht einmal die größten Persönlichkeiten, lebt sein Leben mit dem Gedanken, später eine Filmfigur zu sein.

The Imitation Game erzählt zum Glück nicht Turings ganzes Leben, sondern nur einen Abschnitt. Diesen gelungenen Ansatz untergräbt der Film jedoch immer wieder. Zum einen gibt es immer wieder unnötige Rückblenden, die uns die Kindheit des Codeknackers zeigen. Es sind Szenen wie aus einem Grundkurs fürs Drehbuchschreiben, man kann sich die Anweisungen vorstellen: Etabliert bestimmte Dinge, die eure Figur antreiben. Zeigt uns die Wirkung der Vergangenheit in der Gegenwart. Die Umsetzung ist leider irritierend plump.

Zum anderen setzt der Film die falschen Schwerpunkte. Denn die Episode aus Turings Leben, die neunzig Prozent der Spielzeit füllt, wird mit dem Happy End versehen, welches ihm in seinem Leben verwehrt blieb. Schlichte Texttafeln schildern, was Kern der Geschichte sein sollte. Aus einem tragisch Verfolgten wird ein triumphales Genie – die halbe Wahrheit. Eine finale Szene, in der sein Leidensweg gezeigt wird, scheint wie ein im Nachhinein gefasster Gedanke; es ist ein Feigenblatt, um sich gegen Kritiker abzuschirmen und schafft einen Moment mehr für die Oscar-Showreels.

Alexandre Desplats musikalische Untermalung ist wohlklingend und ansprechend, wird vom Film jedoch auf schauderhafte Weise eingesetzt. Es wird Zeit, dass Filmemacher lernen, Musik nicht wie „Applaus“-Tafeln in Fernsehstudios einzusetzen. Wenn der Score seinem Publikum förmlich anschreien muss, doch endlich etwas zu empfinden, dann ist diese Emotion wohl nicht verdient.

The Imitation Game macht während dem Kinobesuch mehr Spaß als in der Retrospektive. Es ist eine befriedigende, oft lustige und unterhaltsame Erfahrung. Nicht originell, ganz sicher keine hohe Kunst, aber solides Oscar-Kino. Nur in der Nachbetrachtung fällt auf, wie wackelig und unsicher hier alles konstruiert ist. Wer Benedict Cumberbatch beim Cumberbatchen zusehen will, der liegt hier goldrichtig. Nur von Alan Turing gibt es hier leider wenig zu sehen. Das größte Enigma bleibt, auch am Ende des Films, er selbst.

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Ein Gedanke zu “Rezension: The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben

  1. solipsistisch – das musste ich googlen..:-)
    „Wer Benedict Cumberbatch beim Cumberbatchen zusehen will, der liegt hier goldrichtig.“ – Leider korrekt. Es wird Zeit für etwas Neues.

    Ich kann in dem Film auch nicht mehr als ein konventionelles Biopic-Kino erkennen, das sich nicht viel traut. An anderer Stelle las ich, dass jedes Bild aussehe wie angestrengtes Oscar baiting. Würde ich auch unterschreiben. Keira Knightleys Rolle ist zudem wirklich ärgerlich. Worin besteht die Rolle der klugen Joan? Turing mit großen Augen bei seinen Taten zuzuschauen, na vielen Dank!

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