Rezension: Into the Woods

Into-the-Woods-US-PosterEs war einmal. Warum genau es war, das ist schwer zu beantworten. Wirklich verlangt nach einer Filmumsetzung von Stephen Sondheims und James Lapines Broadway-Erfolg Into the Woods hat wohl niemand. Bis auf die findigen Menschen von Disney vielleicht, die beim alltäglichen Geldspeicherbad bemerkten, dass man wieder einmal nachfüllen könnte. Zuletzt haben sich vor allem Märchenumsetzungen wie Alice im Wunderland, Die fantastische Welt von Oz, Maleficent, Tangled oder Frozen als äußerst lukrativ erwiesen. Was lag also näher, als das wirre Märchen-Misch-Masch-Musical von der Bühne ins Kino zu verfrachten?

Verpflichtet haben sie dazu den durchaus Musical-affinen Rob Marshall. Der ehemalige Broadway-Choreograph ist immerhin der Kopf hinter dem am schnellsten vergessenen Oscargewinner (Chicago), dem größten Schandfleck in Daniel Day-Lewis Karriere (Nine) und dem schlechtesten Fluch der Karibik-Teil (und das soll was heißen.) Das Ergebnis seiner Bemühungen ist alles andere als märchenhaft: Die inkohärenten Tonalitäten und Ideen von Into the Woods mit Frankenstein Monster zu vergleichen, wäre noch ein Kompliment. Es ist mehr ein zuckender Leichenhaufen – außerdem hatte das Monster ein Hirn.

Das Musical kann seine Broadway-Herkunft leider zu keiner Sekunde verheimlichen. Die Schauplätze wirken isoliert, austauschbar und unspezifisch; die Welt fühlt sich klein und beengt an. Das wird Shakespeare mit „Die ganze Welt ist eine Bühne“ nicht gemeint haben. Regie zu führen gelingt Marshall nur selten, meist zuckelt die Kamera unmotiviert in unansehnlichen CGI- und Plastik-Wäldern umher. Ein Mehrwert gegenüber der Vorlage entsteht dabei nicht. Zwischen schlecht gespielten Dialogen geben allerlei begabte und weniger begabte Sänger und Schauspieler Melodien zum Besten, die vergessen sind, bevor der Abspann läuft.

Die Handlung ist wirr und belanglos: Ursprünglich war das Bühnenstück gedacht als unterhaltsame Version tiefenpsychologischer Analysen von Märchen. Schon Freud und Jung hatten in der simplen Moralität der Geschichten immer wieder Konflikte innerhalb des Unterbewusstseins verortet. Wenn der böse Wolf das unschuldige Rotkäppchen verschlingen will, dann liegt darin sicher auch eine sexuelle Komponente. Johnny Depp, der in absurder Aufmachung das haarige Scheusal spielt, schafft es schon früh, jeden Ansatz von Subtilität im Keim zu ersticken. Das Risiko, dass sich  Into the Woods mit solchen Dingen auf sinnvolle und interessante Weise auseinandersetzt, wird somit rechtzeitig ausgeräumt. Puh. Wenn der düstere Wald die Psyche des Menschen darstellt, dann ist der Film ein mentaler Kahlschlag.

In den finsteren Forst verschlägt es hier gleich eine Reihe von bunt durchmischten Figuren: Jack (Daniel Huttlestone) will seine geliebte Kuh Milky White verkaufen. Rotkäppchen (Lilla Crawford) ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter, mit Brot und Kuchen. Cinderella (Anna Kendrick) ist auf dem Weg zum Ball des Prinzen. Prinz 1 (Billy Magnussen) verliebt sich in die schöne Rapunzel, die ärgerlicherweise von einer Hexe (Meryl Streep) in einem Turm gefangen gehalten wird. Prinz 2 (Chris Pine) verliebt sich in Cinderella, die aber noch unentschlossen ist. Und ein Bäcker und seine Frau (James Corden und Emily Blunt) machen sich auf, um den Fluch einer Hexe (zufällig auch Meryl Streep) zu brechen. Weil ihr Vater sich am Garten der alten Kräuterfrau vergangen hat, wurde ihre gesamte Familie mit Unfruchtbarkeit gestraft. Gegen einen Gefallen würde sie sich jedoch bereit erklären, die Verwünschung aufzuheben: Es gilt, vier magische Gegenstände zu finden. Eine Kuh, so weiß wie Milch; ein Mantel, so rot wie Blut; Locken, so golden wie Weizen; und ein Schuh aus purem Gold. Auf die Suche nach einem Drehbuch, so gut wie Citizen Kane, ist leider niemand gegangen.

Was folgt sind weitestgehend disparate Szenen, in denen die Figuren in immer neuen Konstellationen zusammengewürfelt werden. Dabei überschneiden sich alle Geschichten, jede der Figuren trägt zufällig einen der vier Gegenstände bei sich. Es liegt nun an dem Bäcker und seiner (deutlich kompetenteren) Frau, sie ihnen abzujagen. Währenddessen laufen natürlich auch die anderen Geschichten weiter. Cinderella flüchtet immer wieder vor ihrem Prinzen, Jack tauscht seine Kuh gegen magische Bohnen und besucht wieder und wieder das Reiche der Giganten. Und so weiter, und so fort.

Für ein Musical sind die Songs, welche die losen Handlungsfäden verknüpfen, leider sehr langweilig geraten. Vom Prolog bis hin zum finalen Ever After regieren flache, austauschbare Nullmelodien. Der alleinige Höhepunkt ist das wundervoll pathetisch vorgetragene Duett der Prinzen –  Agony – an dem wohl auch Gaston aus Die Schöne und das Biest seine Freude hätte. Mit ihrem narzisstischem Boyband-Habitus, wildem Chargieren und Zeilen wie „Agony! / Far more painful than yours“ wirken Pine und Magnusson wie die einzigen im Film, die wirklich Spaß haben.

Denn einmal von diesem Glanzlicht abgesehen, ist der Film eine irritierend freudlose und trübe Veranstaltung. Marshall erzählt seinem Publikum einen Witz, den er selbst nicht so richtig verstanden hat. Auch wenn die zweite Hälfte des Stücks ernstere Töne anklingen lässt und zeigt, wieso „…und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ in der Regel kein realistisches Szenario ist – etwas so biederes wie seine Interpretation kommt selten dabei heraus. Die meisten Aufführungen des Broadway-Stücks ziehen Humor aus der neuen Einordnung der ursprünglichen Märchen und dem Spiel mit den Zuschauererwartungen: Wenn Rotkäppchens harmlose Großmutter plötzlich verstörend mordlüstern fordert, den Magen des Wolfs mit Steinen zu füllen, dann lacht man nicht nur über den ironischen Bruch; man sieht auch die Geschichte plötzlich in neuem Licht. Marshall unterdrückt entweder die Spiellust seiner Darsteller zu sehr (Blunt, Corden, Kendrick) oder lässt sie zu ungehemmt gewähren (Depp hätte für seine Darbietung nicht nur eine goldene Himbeere, sondern gleich einen goldenen Obstsalat verdient.) Das Ergebnis ist ein Ärgernis, das selten zum Lachen anregt.

Dabei ist Marshall doch bekannt für seine absurden Witze: Chicago, Nine, Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten – um nur die bekanntesten zu nennen. Into the Woods fügt sich nahtlos in eine Karriere ein, die weniger aus Fehltritten besteht, als vielmehr aus einem gradlinigen Marsch Richtung Abgrund. Wer auch immer verantwortlich ist für diese kolossale Verschwendung von Geld, Zeit und Talent: Möge ihm widerfahren, was mit dem Bösen am Ende eines Märchens immer passiert. Ob er sich nun mit glühenden Schuhen zu Tode tanzt, sich zornig in der Mitte zerreißt und von der Erde verschluckt wird oder sein Magen mit Steinen gefüllt wird, nur um ihn dann im Brunnen zu versenken – das ist eigentlich egal.

Um auf einer positiven Note zu enden: Die Kuh Tug gibt ein wirklich überzeugendes Filmdebüt. Mit ihrer furiosen Doppelrolle als sterbenskranke Milky Way und „mehlbedeckte Kuh“ zählt sie schon jetzt zu den besten Rinderdarstellern Hollywoods. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences muss sich langsam die unangenehme Frage gefallen lassen, warum selbst nach fast 100 Jahren noch kein einziger Paarhufer mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Eine Nominierung für Tug wäre mit großer Wahrscheinlichkeit besser nachvollziehbar, als die neunzehnte für Meryl Streep. Muh.

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