Rezension: Predestination

Predestination-US-PosterZeitreisefilme sprechen oft eine sehr spezielle Zielgruppe an. Die Art Menschen, die sich auch für Flussdiagramme und Tabellenkalkulationen begeistern kann, gerne Internetforen vollschreibt und vermeintliche Anschlussfehler sammelt. Doch Fans von Logik und Chronologie werden sich an Predestination die Zähne ausbeißen. Der nunmehr dritte Spielfilm der Brüder Michael und Peter Spierig ist lupenreines Genrekino, hebt sich aber von Filmen wie Looper oder Primer auf wohltuende Weise ab. Denn statt lediglich die Grundidee der Vorlage (die Kurzgeschichte „—All You Zombies—“ von Robert A. Heinlein) durchzuexerzieren und sich an den Handlungsmechanismen zu erfreuen, stellt das Brüderpaar greifbare Figuren in den Mittelpunkt der Geschichte.

Mit seinen Artgenossen hat der Film dennoch gemeinsam, dass man sich mit Storydetails besser zurückhält: Ein Zeitreise-Agent (Ethan Hawke) wird in die Vergangenheit gesendet, um einen Terroristen zu stoppen. Er kann den geplanten Bombenangriff vereiteln, wird dabei aber schwer verletzt. Der so genannte „Fizzle Bomber“ kann entkommen.

Als der Agent wieder bei Kräften ist, wird er auf eine letzte Mission geschickt. Er reist in die siebziger Jahre, und gibt sich dort als Barkeeper aus. Ein Kunde weckt sein Interesse: Ein Autor, der unter dem Namen „Unverheiratete Mutter“ Trivialgeschichten für Hausfrauenmagazine schreibt, vertraut ihm seine Lebensgeschichte an. Bald stellt sich heraus, dass die beiden mehr verbindet als der reine Zufall. Und, das Identität kein so klar umrissenes Konzept ist, wie man es vielleicht denken könnte.

Predestination ist eine Science-Fiction Achterbahnfahrt, voll mit zunehmend abstruseren Wendungen und Offenbarungen. Selbst M. Night Shyamalan würde angesichts manches Twists die Augenbrauen hochziehen. Doch die Spierig-Brüder verstehen, dass das Genre nicht nur der Formulierung von realistischen Zukunftsvisionen dient, sondern auch dazu, Figuren auf neue Art und Weise mit sich selbst zu konfrontieren.

Das wüste Zeitlinien-Chaos wird jedoch von den beiden Hauptdarstellern geerdet. Für den bühnenerfahrenen Ethan Hawke ist der zugängliche Kumpeltyp nach jahrzehntelanger Arbeit mit Richard Linklater fast schon zweite Natur geworden. Angesichts seines Status als Schauspielveteran ist es erstaunlich, wie mühelos sich Jungdarstellerin Sarah Snook in jeder Szene gegen ihn behaupten kann. Bislang war die Australierin vor allem in kleineren Fernsehrollen zu sehen, doch man kann nur hoffen (und ihre IMDB-Seite verheißt in dieser Hinsicht Gutes), dass ihr in naher Zukunft der Durchbruch bevorsteht.

Ihre Rolle verlangt eine außergewöhnliche Wandelbarkeit, die von Maske und Kostümen zwar unterstütz, nie aber vollständig getragen werden kann. Ohne sich zu sehr in Manierismen und eindeutigen Gesten zu verlieren, schafft sie eine Kontinuität in ihrer Charakterentwicklung, die selbst Abwegiges überzeugend werden lässt.

So liegt dann der Reiz des Films auch vor allem im Wechselspiel zwischen Hawke und Snook. Wo andere Regisseure die Darbietungen ihrer Darsteller gerne der Geschichte unterordnen, gibt es hier mehr Raum für Schauspiel als erwartet. Auch wenn man von den Science Fiction-Elementen absieht, wagt sich der Film an viele Sujets, die sonst im Kino nur wenig thematisiert werden. Am ungewöhnlichsten scheint hier manchmal, was schon längst überall auf der Welt Realität ist. Die Rückblenden, in denen Snooks Figur sich nach und nach dem Publikum offenbart, haben etwas angenehm Romanhaftes.

Was nicht heißt, dass der Film nicht auch mit Bildern aufwarten könnte: Auch wenn das Budget spürbar begrenzt ist wirken alle Sets und Kostüme wie aus einem Guss. Vor allem die retrofuturistischen Designs, die hier die sechziger und siebziger Jahre bestimmen, haben etwas sehr apartes.

Predestination ist sicher kein sonderlich bedeutsamer oder übermäßig innovativer Film. Doch allein dafür, wie konsequent er seine Hatz durch Zeit und Raum inszeniert, verdienen die Spierig-Brüder Anerkennung. Und wer gerne Zeitstrahlen und Stammbäume zeichnet, der hat endlich eine Lebensaufgabe gefunden.

(Predestination erscheint am 05. 02. auf DVD und Blu-ray)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s