Die schlechtesten deutschen Verleihtitel 2014

Unbenannt

Dass deutsche Verleiher auf ihr Publikum verächtlich herabblicken ist ausreichend dokumentiert. Während viele vermeintlich zu anspruchsvolle Film hierzulande erst gar nicht veröffentlicht werden, müssen andere dem Durchschnitts-Bundesbürger erst durch allerlei Tricks näher gebracht werden.

Als größtes Hindernis sehen die findigen Geschäftsleute bei Warner Bros., Universal und Co. oftmals komplizierte, wenn nicht sogar missverständliche Titel. Natürlich spricht nicht die Zielgruppe jedes Films fließend fünf Fremdsprachen. Otto er et næsehorn korrekt mit Otto ist ein Nashorn zu übersetzten, stellt wohl für niemanden ein Problem dar.

Problematisch sind eher die Stilblüten, die der Wunsch treibt, die Aufgaben von Trailer und Plakat dem Titel aufzubürden. Nomen est omen – was für die ursprünglichen Filmemacher ein Teil ihres Gesamtkunstwerks ist, muss für die Experten vom Verleih Pitch, Handlungsabriss und Werbeslogan zugleich sein. Genau wie Trailer heute oft minutiös die vollständige Geschichte eines Films zeigen, damit auch ja keiner im Kino überrascht wird, gibt es mittlerweile ein elaboriertes System von Codes und Sprachmustern in deutschen Filmtiteln.

Logisch geht es dabei selten zu: Den Artikel hat man The Dallas Buyers Club bei der Einreise zur Sicherheit entzogen, hierzulande erschien das Drama als Dallas Buyers Club. Da aber Loft einfach zu unspezifisch war, wurde der Thriller unter dem Titel The Loft veröffentlicht. Manchmal werden erklärende Titelzusätze hinzugefügt (Free Birds – Esst uns an einem anderen Tag), manchmal werden sie wegrationalisiert (Vampire Academy: Blood Sisters). Und so gerät die Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner im Kino zu einem Feldzug gegen Logik, Sinn und Kohärenz; gegen die Kontrolle der Künstler über ihr Werk und gegen jegliches sprachästhetisches Empfinden.

Es folgen einige (aber bei weitem nicht alle) der traurigen Tiefpunkte des Jahres 2014, eingeteilt in vier Kategorien.

Kategorie: Aus Englisch mach Englisch
Natürlich versteht in Zeiten von Internet und Globalisierung auch ein Großteil der Deutschen die englische Sprache. Aber, wenn man dem Filmverleih glauben darf, eben nicht besonders gut. Dementsprechend wird mancher englische Titel kurzerhand durch einen anderen ersetzt.

The Return of the First Avenger (Original: Captain America: The Winter Soldier)
Deutsche Kinogänger sind keine Fans von Captain America. Den ersten Avenger finden sie dafür natürlich super.

No Turning Back (Original: Locke)
Um Verwechslungsgefahr mit dem John Locke-Biopic (Erscheinungstermin: Nie) oder einem möglichen Lost-Spinoff zu vermeiden, war diese Änderung sicher zwingend notwendig. Darüber hinaus kennt in Deutschland natürlich niemand Ivan Locke, während in den USA schon seit Jahrzehnten die Abenteuer der (erst in diesem Jahr erdachten, fiktiven) Figur tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind.

Can a Song Save Your Life? (Original: Begin Again)
Nein, ein Lied kann kein Leben retten. Außer man singt im richtigen Moment „Help“. Aus dem englischen Originaltitel war wohl nicht deutlich genug zu erkennen, dass es sich um einen Musikfilm handelt. Für das deutsche Cover wurde auch die Gitarre freundlicherweise ausgepackt. Den Inhalt der schwarzen, gitarrenförmigen Tasche hätten wir sonst sicher nie erraten.

Sex on the Beach 2 – Down Under brennt der Busch (Original: The Inbetweeners 2)
Dem Vierzehnjährigen, der in so einem zarten Alter bereits einen hohen Posten bei Universum Film besetzt, kann man nur gratulieren.

Kill the Boss 2 (Original: Horrible Bosses 2)
Horrible Translators. Äh, falsch. Kill the Translators natürlich.

 

Unnötige Zusatztitel
In anderen Fällen soll wenigstens der englische Originaltitel erhalten oder „elegant“ übersetzt werden. Aber nicht ohne Kommentar der deutschen Verleiher. Das ist schließlich der halbe Spaß daran.

 

Nächster Halt: Fruitvale Station
Warum nicht gleich: „Nächster Halt: Die kalifornische Bahnstation Fruitvale Station, an der Oscar Grant am Silvesterabend 2009 von rassistischen Polizisten erschossen wurde, was nicht gut ist und uns viel über die gesellschaftlichen Probleme in den USA verrät.“

The Drop – Bargeld
Geld in einer Bar. Bargeld. Hui!

The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem
Der spritzige Untertitel wird der Schenkelklopfer-Komödie über die Auslöschung des Selbst und die Herrschaft von Konzernen und Big Data über die Menschheit absolut gerecht.

Tammy – Voll abgefahren
1994 wäre das sicher ein super Zusatz gewesen, aber im Jahr 2014 ist dieser Bus leider – voll abgefahren.

I Am Ali – Muhammed Ali – Der Mann hinter der Box-Legende
Wieso einen unnötigen Zusatztitel, wenn man durch ZWEI unnötige Zusatztitel eine (beabsichtigte?) James Bond Anspielung hinkriegen kann?

Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit  (Original: Desert Dancer)
Im Vergleich zu I Am Ali ist dieser Titel leider ein bisschen zu kurz geraten. Könnte man nicht den vollen Namen des Wüstentänzers in den Titel packen? Oder seine Heimatstadt? Die Blutgruppe?

Maze Runner: Die Auserwählten im Labyrinth
Hier werden der deutsche und der englische Buchtitel kurzerhand zu einem Bastard von Titel zusammengeflickt. Es bleibt die Hoffnung auf Nachfolger wie „Die Auserwählten im Zoo“, „Die Auserwählten im Schwimmbad“ und „Die Auserwählten im Weltall“.

Eyjafjallajökull – Der unaussprechliche Vulkanfilm
Zum Glück ist der einzige Witz des Films schon im Titel zu sehen. Haha, Isländisch! Nein, was eine ulkige Sprache!

 

 

Kategorie: Liebe & Leben
Oder auch: Die beste Methode, um Filme als Wegwerf-Groschenromane zu vermarkten. Egal, was das eigentliche Thema ist: Jetzt gibt es Schmachfetzen voller Herzschmerz zu sehen.

Liebesbriefe eines Unbekannten (Original: Snails in the Rain)
Eigentlich sind Liebesbriefe von Unbekannten ein guter Grund für eine Unterlassungsklage. Aber immer noch besser als nasse Schnecken.

Wie schreibt man Liebe? (Original: The Rewrite)
Ganz einfach: L-I-E-B-E. War doch gar nicht so schwer.

Für immer Single? (Original: That Awkward Moment)
Mit der Einstellung auf jeden Fall.

Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe (Original: Gabrielle)
Die findigen Menschen hinter Gabrielle haben als erste festgestellt, dass „keine“ und „eine“ nur einen Buchstaben auseinander liegen. Eine tolle Leistung, denn bis auf den Verleih von (K)Ein besonderes Bedürfnis ist (in diesem Jahr) kein anderer auf diesen Gedanken gekommen.

Liebe im Gepäck (Original: Baggage Claim)
Ab sofort ist auf Langstreckenflügen die Mitnahme von mehr als 200 ml Liebe nicht gestattet. Außerdem ist es an der Zeit, die Romantisierung von Flughäfen zu verbieten. Nein, keiner wird im letzten Moment durch das Gate stürmen und um eure Hand anhalten. Und wenn doch kümmert sich die Antiterroreinheit des Flughafens um ihn.

Kategorie: Künstlerische Freiheit
Man muss es sich eingestehen, manchmal sind die Originaltitel einfach nicht mehr zu retten. Wen interessiert auch, was der Drehbuchschreiber oder Regisseur dachten, die Verleiher haben schließlich das letzte Wort. Werkintegrität ist ein Fremdwort, welches häufig mit „Scheissegal“ übersetzt wird.

#Zeitgeist (Original: Men, Women & Children)
Die hippen Menschen bei Paramount wissen, auf was die Generation Yolo steht. #swag # turnup #hashtag #kreativistanders

Zwei vom alten Schlag (Original: Grudge Match)
Für alle, denen es entgangen ist: Sylvester Stallone und Robert DeNiro sind alt. Und haben mal Boxer gespielt. Und machen das jetzt wieder. Und bei Grudge denken Deutsche nur an kleine Mädchen mit zu langen Haaren.

Die Schadenfreundinnen – Drei sind zwei zu viel (Original: The Other Woman)
Ein Wortspiel und eine halbe Matheaufgabe. Was will man mehr?

Ein Schotte macht noch keinen Sommer (Original: What We Did on Our Holiday)
Ein Wortspiel und eine Redensart. Naja, eigentlich nur eine Redensart. Och.

Planet der Affen – Revolution (Original: Dawn of the Planet of the Apes)
Die Namensgebung des Franchises war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ob der Zusatz „Revolution“ wirklich als Qualitätsmerkmal herhalten kann, ist angesichts von hochwertigen Namensvettern wie Matrix Revolutions und Step Up Revolution mehr als fragwürdig. Zumal im Film gar keine Revolution stattfindet – denn die wurde schon im Vorgänger abgehandelt. Der hieß logischerweise Planet der Affen – Prevolution. Was auch immer eine Prevolution ist. (Kleiner Tipp, Fox Deutschland: Das ist kein echtes Wort.)

Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Original: The Fault in Our Stars)
Die Verantwortung für diesen Titel geht zugegebenermaßen an den Hanser-Verlag, der den Jugendroman unter diesem Titel führt. Wer kam denn auch auf die wahnwitzige Idee, etwas mit einer Shakespeare-Anlehnung an Jugendliche zu vermarkten!

Am Sonntag bist du tot (Original: Calvary)
Natürlich muss nicht jeder wissen, dass Jesus Leidensweg sein Ende auf den Kalvarienbergen fand. Doch aus der melancholischen Tragikomödie einen billigen Thriller zu machen, war trotzdem nicht nötig. Was als Titelzusatz für The Ring noch verschmerzbar gewesen wäre, nimmt einem Film über die Würde im Scheitern jeden Anflug von selbiger.

Sag nicht, wer du bist (Original: Tom à la ferme)
Man kann sagen was man will: Tom auf der Farm ist ein so sprechender Titel, dass die deutschen Verleiher Dolan eigentlich dankend um den Hals fallen müssten. Scheinbar fehlte jedoch die Dramatik, um den Film als Thriller zu vermarkten. Vielleicht war die Ähnlichkeit zu Old McDonald (der bekanntermaßen auch eine Farm hat) einfach zu groß.

Im Abschluss bleibt nur, die Tagline von Alien vs. Predator zu zitieren.

Egal wer gewinnt, wir verlieren.

(Eine rege Teilnahme an der Umfrage wäre erfreulich.

Besonders schaurige Kreationen wurden übersehen? Einer der Kandidaten ist besser, als er hier dargestellt wird? Die Kategorien scheinen unsinnig, vielleicht gibt es bessere? Feedback in den Kommentaren trägt dazu bei, dass der Negativpreis im nächsten Jahr noch eher den Richtigen zukommt.)

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8 Gedanken zu “Die schlechtesten deutschen Verleihtitel 2014

  1. Kill The Boss ist ja einer der wenigen Titel, bei dem mir die Änderung tatsächlich gefällt, weil es einfach besser klingt, finde ich.

    Meine Highlights aus den letzten Jahren waren eindeutig „Safety Not Guaranteed“, aus dem man hierzulande intelligenterweise „Journey Of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe“ machte, was mit dem Film einfach gar nic mehr zu tun hat.
    Viel besser als alerdings noch „Goats“. Deutscher Titel: „Zicke Zacke Ziegenkacke“. Ganz großes Kino.

  2. Ich bin inzwischen dazu übergegangen die Filme unter ihrem Originaltitel zu rezensieren. Mir ist dieses ganze Namensumdenkding einfach zu blöd.

    Ich möchte an dieser Stelle noch Hanns Peter Molands „In Order of Disappearance“ nominieren aufgrund der verwirrenden Namensgebung. Zur Berlinale 2014 hieß der deutsche Titel noch KRAFTIDIOTEN, als er dann im Kino lief: EINER NACH DEM ANDEREN.

    Liebe Grüße von Franzi von filmkompass.wordpress.com

  3. Toller Artikel. Ich musste echt einige male beim Lesen laut lachen 😀
    Wenn ich meine Lieblings-Kategorie wählen müsste, würde ich die „Aus Englisch mach Englisch“ nehmen. Das find ich einfach am beklopptesten…
    War nicht „Thor: The Dark Kingdom“ bzw. „Thor: The Dark World“ nicht auch 2014? Der würde mir spontan auch noch einfallen.

    LG, Ma-Go

  4. Bei Can a Song Save Your Life? wird dem deutschen Verleih aber unrecht getan. Can a Song Save Your Life? war der ursprüngliche Titel, den der Regisseur vorgesehen hatte, was dann kurzfristig vom US-Verleih in Begin again geändert wurde.

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