Rezension: Foxcatcher

Foxcatcher-US-PosterMark Schultz spricht wenig, er handelt lieber. Der Ringer, gespielt von Muskelberg Channing Tatum kommuniziert vor allem über Umarmung und Würgegriff – zwei Bewegungen, die einander so unähnlich nicht sind. Beide haben sie etwas Besitzergreifendes, es sind zwei Seiten einer Medaille. Und mit Medaillen kennt sich Olympiasieger Schultz aus. Er hat gelernt, dass sie schwer um den eigenen Hals liegen: Trotz aller sportlichen Erfolge hat es für ihn nie wirklich zur Zufriedenheit gereicht. Während sein Bruder David im Familienglück schwelgt, ist sein Leben wenig mehr als die Summe karger Trainingsräume. Seine Welt, geschaffen von Bennet Millers Foxcatcher, ist leer und grau.

Was folgt ist kein Sportfilm. Es soll zumindest keiner sein, obwohl es viele innere und äußere Kämpfe zu sehen gibt. Alle Figuren ringen, mit sich selbst wie mit anderen. Es ist ein Ringen um Kontrolle, um Macht und um Anerkennung. Miller erzählt eine düstere Liebesgeschichte. Am Anfang jeder Romanze treffen zwei Fremde aufeinander und ihre Leben verändern sich für immer. Als Schultz überraschend einen Anruf von Multimillionär John du Pont erhält, kennt er ihn kaum. Er wird ihn kennen lernen, ihn und seine Welt.

Der Exzentriker, gespielt von Steve Carell unter Bergen von Make-Up und Prothesen, liebt vor allem zwei Dinge: Amerika und den Ringkampf. Im Sport sieht er seine Möglichkeit, endlich ein Teil des normalen Volks zu werden, aus der er in seinem Reichtum immer schon hervorstach. Er blickt zur Unterschicht auf – die Ironie darin sieht er nicht. Mark Schultz ist für ihn eine Projektionsfläche seiner Sehnsüchte. Seinen Kindheitstraum von der Ringerkarriere hat er zwar aufgegeben, doch durch seinen Reichtum kann er sich zumindest in eine Welt einkaufen, zu der er nicht gehört: Auf seinem Anwesen in Pennyslvania hat er Trainingseinrichtungen aufgebaut. Er lädt Mark ein, seinem Team Foxcatcher beizutreten und dort für die Weltmeisterschaft zu trainieren. Der soll auch seinen Bruder Dave rekrutieren – dieser lehnt jedoch ab.

Und so lebt der Ringer fortan mit den anderen Teammitgliedern auf du Ponts Ländereien. Mit ihren nebelverhangenen Wiesen und Wäldern und dem archaischen Herrenhaus gleichen sie einer physikalischen Abbildung seiner Seelenlandschaft. Hinter jeder neurotischen Filmfigur steht, spätestens seit Norman Bates aus Hitchcocks Psycho, eine beherrschende, kalte Mutter. So auch hier: Vanessa Redgraves spielt Jean du Pont als geisterhafte Erscheinung, die ihren Sohn auch nach ihrem Tod weiter verfolgt. Die kalte Matriarchin hatte für seine Hobbys nie viel übrig, das plebejische Gerangel schien ihr eines du Ponts unwürdig. Reitsport und die Pferdezucht empfand sie als angemessener. Für ihren schwachbrünstigen, einsamen Sprössling konnte sie selten mehr als Mitleid aufbringen. Manchmal bezahlte sie Bedienstete, um mit ihm zu spielen.

Steve Carell trägt diese Leidensgeschichte offen nach außen. Er spielt den Millionär als Summe von Neurosen. Seine Sprachmuster sind fremdartig, zerstückelt und nasal. Die Kamera fängt ihn vor allem als Beobachter ein, als Voyeur, der still stehend von außen auf Aktion und Bewegung blickt. Damit ist er als Gegenfigur zu Schultz konstruiert, auch wenn beide die Einsamkeit verbindet.

Die Beziehung zwischen den beiden steht im Mittelpunkt des Films: Du Pont sieht es als eine zwischen Mentor und Schüler, ein wenig auch zwischen Vater und Sohn. Zunehmend wird es auch eine zwischen Meister und Sklave, zwischen Herrscher und Beherrschten. Millers Metapher ist eine einfache: Auch wenn er anders sein will als seine Mutter, behandelt er den Ringer zunehmend wie sie ihre Pferde. Er kann die Traditionen der Oberklasse nicht abschütteln, die das gemeine Volk vor allem als Werkzeug, bestenfalls als Humankapital versteht.

Darin drückt sich Millers Verständnis von Amerika aus, sein Bild vom amerikanischen Traum und denen, die ausziehen, um ihn zur Realität zu machen. Philantrophie und Patriotismus der Reichen dient nur dazu, ihre Komplexe abzuarbeiten. Und die Wünsche und Ziele der Unterschicht führen sie nur in die gesellschaftliche Isolation, ihre Leben sind die Hobbys der Oberen. Im ewigen Klassenkampf und kapitalistischen Wettbewerb sind sie nicht der Gegner, sondern gerade einmal die Spielfigur.

Und doch ist der Blick des Films ein Konservativer: Das Glück liegt für den Filmemacher in der Familie. Immer wenn Dave Schultz nicht trainiert, sehen wir ihn mit einer Horde spielender Kinder, seine Frau Nancy (Sienna Miller) steht lächelnd, unterstützend und weitestgehend passiv neben ihm. Die innige Beziehung zwischen den Brüdern wird im Sparringkampf deutlich, wenn ihre Körperlichkeit aufeinander prallt. In ihrem Tanz aus Griffen schwingt brüderliches Verständnis und eine tiefe Vertrautheit mit.

Unterschiede sehen wir später, in Dialogen: Mark will Dave überreden, dem Team Foxcatcher beizutreten. Die Brüder werden von der Kamera getrennt, von Schuss und Gegenschuss. Miller filmt beide mit wenig Tiefenschärfe, doch während Daves Bildhintergrund permanent von den Bewegungen seiner Kinder erfüllt ist, bleibt der von Dave leer. Erst als der große Bruder den jüngeren in die Arme schließt, wird das Bild zur Zweiereinstellung und auch Mark wird Teil der Familie. Für einen kurzen Augenblick gehört er dazu. Im nächsten Bild räumt er seine Wohnung aus und bereitet sich auf den Umzug vor – allein. Denn für ihn ist die Umarmung wieder einmal auch ein Würgegriff. Ewig im Schatten des Erstgeborenen sieht er du Ponts Angebot auch als eine Möglichkeit, aus diesem liebevollen Clinch auszubrechen.

Mark Ruffalo versucht ein Ankerpunkt emotionaler Wärme in einem kalten Film zu sein. Mit seinem Fusselbart ist er der nahbare, verständnisvolle Bruder. Seine hohe Stirn wird zum Fels in der Brandung. Seine Darbietung ist sympathisch, aber etwas einseitig. Er sieht vor allem eine Bedrohung für sich und seine Lebensweise: John du Pont

Denn diese Figur steht gegen die Familie. Dem Leistungssport mit seiner Betonung der männlichen Physis, schwitzender Körper und glänzender Muskeln, wird oft eine inhärente Homoerotik zugesprochen. Das gilt umso mehr für das olympische Ringen mit seinen hautengen Trikots; auf eine tänzelnde-vorspielhafte Anfangsphase folgen eng umschlungene Höhepunkte.

Es ist eine spürbare, eindeutig zweideutige Codierung, die Regisseur Bennet Miller vornimmt: Du Pont verkörpert eine übergriffige Homosexualität. Er manifestiert die Ängste unsicherer heterosexueller Männer, die glauben, alle Schwulen wollten mit ihnen schlafen. Das Klischee des reichen Dandys, natürlich „Junggeselle“ geblieben, der sich an jüngeren, ökonomisch Schwächeren, weidet. Affektierte Gesten und Sprache, wabernd-weiche Handgelenke. Eine aristokratische Vampirfigur, die den Pöbel aussaugt um sich zu revitalisieren. Seine gewaltige Nasenprothese würde Freud Freud-entränen in die Augen treiben.

Szenen nächtlichen, spontanen Ringkampfs könnten natürlich auch einfach nur sich selbst darstellen. Miller filmt dieses Training jedoch mit der Bildsprache, die sonst sexuelle Übergriffe begleitet: Zuerst zeichnet sich der Schatten des Millionärs gegen Schultzs Fenster ab, danach sehen wir das ungleiche Paar in einem verdunkelten Saal. Du Pont hält sein menschliches Zuchtpferd im Klammergriff, beide stöhnen und winden sich. Langsam fährt die Kamera auf Schultz schmerzverzerrtes Gesicht zu. Und Schnitt.

In dieser Einordnung schwingt jedoch immer auch eine falsche Vorstellung über ein vermeintliches Machtgefüge in homosexuellen Beziehungen mit: So wie Paare oft gefragt werden, wer denn nun der Mann und wer die Frau der Beziehung ist, impliziert sie Unterwerfer und Unterworfenen. Sport ist eine gesellschaftliche Institutionalisierung des Krieges – die Liebe nicht.

Auch mit dem Ende des Hayes-Code ist der codierte Homosexuelle aus dem Kino nicht verschwunden, und Steve Carells John du Pont ist ein besonders irritierendes Beispiel. Es schwingt eine latente Homophobie in dieser Inszenierung mit, die Bennet Millers Oscarerfolg Capote in einem neuen Licht erscheinen lässt. Es mag sein, dass hier einfach der Stereotyp des weichlichen Muttersöhnchens bedient werden sollte, aber so entsteht ein fader Beigeschmack.

In der Summe ist Carells Performance ein wenig eindimensional, zu überzeichnet. Es gehen Zwischentöne verloren, derer es hier dringend zur Differenzierung bedurft hätte. Ein nasenförmiger Schatten liegt über jeder Geste. Gerade der Versuch, dem echten Schultz nahe zu kommen, schafft eine Karikatur. Auch Tatums köperbetontem Spiel fehlt es an Nuancen. Schultz ist ein wenig zu tumb und naiv, zu sehr Gorilla und zu wenig Mensch. Alles, was über Körpersprache gesagt werden kann, gelingt. Doch an den Dialogen scheitert er leider.

Foxcatcher ist ein unebener Film mit so vielen Stärken wie Schwächen. Wenn in der letzten Einstellung von Sprechchören förmlich Richtung Publikum gebrüllt wird, worum es geht, dann merkt man, wie wenig Miller seine eigene Kreation verstanden hat. Statt einem konzisen Manifest gegen den amerikanischen Traum und die herrschende Klasse, gibt es hier große Ideen, die sich nach und nach in überzogener Manieriertheit und Ingrimm verlieren. Nach endlosen Szenen in und außerhalb des Rings handelt der Film irgendwann nur noch von sich selbst. Dann wird aus du Ponts Wunsch, Olympisches Gold für Amerika zu holen, Bennet Millers Wunsch, Oscars zu gewinnen. Und Foxcatcher wird somit selbst einer dieser amerikanischen Träume, die es ursprünglich wohl einmal zu bekämpfen galt.

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