Rezension: Inherent Vice – Natürliche Mängel

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Filme sind nicht zwangsläufig Geschichten. Oftmals werden beide miteinander verwechselt, weil viele Hollywood-Produktionen Geschichten erzählen. Paul Thomas Andersons Verfilmung des Thomas Pynchon Roman Inherent Vice – Natürliche Mängel scheint schon die Idee narrativer Logik zu verspotten. Wenn Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix) nach etwa der Hälfte des Films vor einem Whiteboard steht und verzweifelt versucht, die wirren Stränge der Kriminalgeschichte zu verbinden, dann geht es ihm wie großen Teilen des Publikums.

Anderson hat schon lange das Interesse an klassischer Handlung verloren. Konnte man There Will Be Blood noch fast als konventionelles Drama verstehen, das seinen Figuren viele Freiräume abseits des Plots gewährte, war The Master schon gänzlich beherrscht von der Charakterentwicklung seiner Protagonisten. Inherent Vice lässt tradierte Erzählmuster weitestgehend in Rauch aufgehen. Die Joints, die Sportello sich unentwegt rollt, bestehen wohl aus Drehbuchseiten. Der Film mäandriert wüst vor sich hin, zeigt Szenen, die nur lose zusammenhängen. Alles scheint in der Auflösung befindlich.

Damit liefert die wirre Mischung aus Krimi, Noir-Parodie, Komödie und Drama vor allem ein Zeitporträt: Die sechziger Jahre waren eine Epoche der klaren Welt- und Feinbilder. Eine Generation junger Menschen sah sich Zuständen und Strukturen gegenüber, die eindeutig und unwiderruflich falsch und böse waren. Die alte Garde sah eine Horde Chaoten, die alles Gute und Heilige, das man nach den desaströsen Weltkriegsjahren erbaut hatte, einfach niederreißen wollte. Beide Seiten brauchten nur wenige Jahre um zu spüren, dass ihre moralische Überlegenheit wenig mehr als eine Geschichte war, die sie sich selbst erzählten. Die Überzeugungen der Hippies verloren sich schnell in Hedonismus und Exzess, die Morde der Manson-Familie im Jahr 1969 (auch im Film immer wieder erwähnt) desillusionierte viele Friedensbewegte.

Und so torkeln in Inherent Vice verletzte, traumatisierte Gestalten durch die Ruinen ihrer eigenen Weltbilder. Sie suchen nach Sinn in einer sinnlosen Welt. (Man fühlt sich erinnert an True Detective: „This place is like somebody’s memory of a town, and the memory is fading.“) Der amerikanische Traum wird bei Anderson zum MacGuffin eines Film Noirs. Die Themen und Bilder hallen durch vernebelte Räume – ihren Ursprung sehen wir dabei nie.

Protagonist Larry Sportello jagt permanent Phantasmen nach – und sie ihm: Eines Abends steht seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (zwischen geisterhafter Erscheinung und Femme fatal: Katherine Waterston) in seiner Strandwohnung in der fiktiven Stadt Gordita Beach, irgendwo in Los Angeles im Jahre 1970. Sie erzählt nicht nur von ihrem neuen Liebhaber, dem Bauunternehmer Micky Wolfman, sondern auch von dem Plan seiner Frau und ihrem Geliebten, Mickey in ein Irrenhaus sperren zu lassen. Er soll das verhindern. Noir-Typisch verrät sie ihm nicht die ganze Wahrheit. Hinter allem was geschieht stecken größere Mächte. Das ist keineswegs Übertreibung als Stilmittel: Wirklich hinter allem.

Es ist eine Welt wie der Fiebertraum im Anschluss an Raymond Chandlers Großen Schlaf. Wenn sie überhaupt einer Logik folgt, dann einer der paranoiden Verschwörungstheoretiker. Alles ist eng miteinander verwoben, jede Gruppierung, Gang und Regierungsinstitution ist gleichzeitig im Krieg mit jeder anderen, arbeitet aber auch heimlich mit ihr zusammen. Sportello stößt mit Hippies, Nazis, Juden  Black Panther-Aktivisten, Sektenmitglieder, Drogenhändlern, korrupten Polizisten, Prostituierten und sogar einem Syndikat von Zahnärzten (entstanden aus Steuergründen) zusammen. Nicht ist wie es auf den ersten Blick scheint. Manchmal ist ein Hakenkreuz-Tattoo auch nur ein hinduistisches Zeichen für Frieden.

Die höheren Mächte, die anscheinend alles beherrschen, stellt Anderson schon in der Architektur seiner Welt dar: Polizeistationen und Bürokomplexe werden von der Kamera zu türmenden Festungen stilisiert, symmetrischer Brutalismus herrscht über zwergenhaft erscheinende Darsteller. Die richtigen Kameralinsen lassen Büroräume und Polizeistationen ins Unendliche reichen.

Die Menschen, die sie bevölkern, sind nicht weniger absonderlich: Der Film schwemmt Welle um Welle schräger Charaktere über den Zuschauer hinweg. Ein Voiceover begleitet über die gesamte Laufzeit, doch die Erzählerin wirkt, als hätte sie das Drehbuch nur überflogen. Statt Exposition gibt es Horoskope und vage Vermutungen. Joaquin Phoenix spielt den dauerbreiten Detektiv, der von einer Zahnarztpraxis aus operiert, mit einem Ausdruck permanenter Ungläubigkeit. Seine Augen changieren von halb geschlossen und trüb zu fast schon kindlichem Staunen. Manchmal scheint Sportello an Schauplätze zu springen, nicht weil er es will, sondern weil die Noir-Logik es von ihm verlangt. Dann fragen ihn düster dreinblickende Gestalten, was er hier eigentlich will – und er merkt erst dann, dass er keine Ahnung hat. Früh im Film wird der Detektiv mit einem Baseballschläger ausgeknockt. Statt einem Schuldigen wird er einen Raum voll mit den hölzernen Sportinstrumenten finden. Symbole ersetzten die Wirklichkeit. Menschen tauchen auf und verschwinden zwischen Schnitten, so wie in Peter Greenaways Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber Kostüme ihre Farbe wechseln. Phoenix allein trägt über die Laufzeit hinweg sicher ein gutes Dutzend Siebziger Jahre-Outfits. Bei großen Teilen des Personals ist nicht einmal sicher, ob sie wirklich existieren oder nur eine drogenbedingte Halluzination sind. Schon ihre Namen klingen erfunden.

Josh Brolin etwa verkörpert Christian F. „Bigfoot“ Bjornson, einen stiernackigen Polizisten, der mit schadenfreudiger Begeisterung Bürgerrechtsverletzungen begeht und dessen Loyalität vor allem sich selbst gilt. Der quasifaschistische Cop ist das exakte Gegenstück zu Larry. Man wartet förmlich auf den Moment in dem sie erkennen, dass sie nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Owen Wilson tritt auf als ehemals heroinsüchtiger Saxophonspieler Coy Harlingen, der deutlich weniger tot ist, als seine Ehefrau es annimmt. Er taucht zuerst im Fernsehen auf, als Demonstrant bei einer Nixon rede. Er könnte genauso gut eine fiktive Serienfigur sein. (Sportellos Blick verliert sich oft in der Flimmerkiste; später sehen wir einen Darsteller die genauen Worte in einem Kino mitsprechen) Auch der lüsterne Zahnarzt Rudy Blatnoyd (Martin Short) oder Sportellos unbezahlter Anwalt Sauncho Smilax (Benico del Toro) erscheinen.

Es entsteht ein Strudel aus Gesichtern und Handlungspunkten, am Ende bleibt vor allem eine Stimmung. Radiohead-Mitglied und Komponist Jonny Greenwood unterlegt alles mit einem schrägen Noir-Soundtrack, gelegentlich übernehmen Pop- Rock- und Jazzstück die Szenen. Die Bilder von Kameramann Robert Elswit warten mit intensiven Farben auf, sie sind kontrastreich und von einer erstaunlich greifbaren Textur. Sie beweisen wieder einmal die Magie von 35mm-Film.

Paul Thomas Anderson wird von seinen Kritikern (nicht nur wegen der Liebe zum Analogen) immer wieder eine gewisse Nostalgie vorgeworfen. Es ist eine Unterstellung, die gehaltloser nicht sein könnte: Sicher, seine Film reproduzieren auf jeder Ebene die Atmosphäre einer Epoche. Doch in seinen Schilderungen der Vergangenheit liegt nicht ein Hauch von Bewunderung, es geht niemals darum, in einer vermeintlich besseren Welt zu schwelgen. Stattdessen zeigt er unglückliche, leidende Menschen, die verzweifelt einem Gleichgewicht hinterherjagen, dass es wohl nie gab. Nur weil seine Figuren sehnsüchtig zurückblicken, tun das die Filme noch längst nicht.

Inherent Vice ist ein erstaunlicher Film, das rar gewordene Kunstwerk, dass wenig Lust hat, sich seinem Publikum zu offenbaren. Ein Film ohne Drang zum Exhibitionismus, der für sich steht, der sich selbst genügt und nie den Zwang verspürt zu belehren, zu erklären oder zu erhellen. Und doch gibt es so viel Licht, all das bedeutet nicht, dass der Film nicht unterhaltsam ist: Im Kern der Handlung stehen immer noch echte Emotionen, manchmal ist das Gezeigte brüllend komisch, manchmal zutiefst traurig und melancholisch. Es ist nur kein Film für jeden, und in der Aussage schwingt nicht ein Hauch von ästhetischem Elitarismus mit. Inherent Vice wird viele vor den Kopf stoßen, auf Unwillen und Unverständnis stoßen. Und das ist okay. Man kann den Film als selbstverliebt, überlang, wirr und inhaltsleer beschimpfen. Als L’art pour l’art. Man kann ihn auch dafür loben, lieben und auf ein Podest stellen. Vielleicht ist beides falsch, vielleicht beides richtig: „Oh, do not ask, What is it?“ heißt es in The Love Song of J. Alfred Prufrock von T. S. Elliot. Denn wichtig ist nur, dass diese Erfahrung in der Welt ist.

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