J. K. Simmons – Kontrollierter Wahnsinn

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An diesem Sonntag wird J. K. Simmons einen Oscar gewinnen. Die Verleihung selbst scheint eigentlich nur noch eine Formalität, ein logisch aus der Tonika entspringender Schlussakkord. Den zwischen perfektionistisch und grausam changierenden Musiklehrer Terrence Fletcher spielt er in Damien Chazelles Drama Whiplash wie einen Drill Instructor: Laut, tobend, angsteinflößend. Doch mehr als alle diese Eigenschaften definiert ihn eine weitere: Präzision.

Wenn seine Orchesterprobe um 9 Uhr beginnt, dann erscheint er nicht um 8 Uhr 59. Nein, die Tür öffnet sich exakt, wenn der Sekundenzeiger auf die nächste Minute umschlägt. Sein Leben ist bestimmt von einem unhörbaren Takt, der sein Dirigieren, seine Schritte und wahrscheinlich sogar seinen Herzschlag bestimmt. Und an seinen Wutausbrüchen ist nichts unbeherrschtes, im Gegenteil: Sie dienen jeweils einem einzigen, exakten Zweck. In einer Szene im Film reißt er sein Jazzensemble jäh aus ihrem Spielfluss: Eines der Instrument im Raum ist verstimmt. Natürlich weiß er zu diesem Zeitpunkt längst, welches. Doch der Schuldige soll leiden, gedemütigt werden. Und so orchestriert Fletcher eine Melodie aus Flüchen und Schmähungen, unterlegt mit einem Beat aus stampfenden Schritten. Zornige Schreie crescendieren zu einem Finale, das sich als forte fortissimo entlädt und den entsprechenden Schüler in ein jammerndes Wrack verwandelt und für immer aus seiner Welt jagt.

Auch die Rolle des Fletcher selbst gleicht einem solchen Finale. Es ist eine jener seltenen Darbietungen, in denen eine ganze Karriere zu kulminieren scheint. J. K. Simmons spielt Figuren, die für Systematik und Beständigkeit stehen. Autoritätspersonen, die der chaotischen Welt um sich herum Ordnung und Rhythmus aufzwängen. Nicht irgendeinen Rhythmus, versteht sich, sondern ihren.

Einige von ihnen sind fürsorglich und nahbar, sanfte Patriarchen, die wirklich nur das Beste für ihre Schützlinge im Sinn haben. Solche mimt er in den Filmen von Jason Reitman, der Simmons mehrfach als „seine Muse“ bezeichnet hat. (Zitat:„Hitchock hatte Blondinen und ich habe J. K. Simmons.“) Bislang war er in jedem Spielfilm des Regisseurs zu sehen. In der Teenagerkomödie Juno spielt er das harte, aber herzliche Familienoberhaupt Mac. Über den jungen, schlaksigen Mann, von dem seine sechzehnjährige Tochter ein Kind erwartet, mag er spotten; ihre Seite verlässt er jedoch zu keiner Minute. Das Publikum von Kriminalserien wie Law & Order und Law & Order: Special Victims Unit verlangt geradezu nach solchen Figuren. Polizeipsychiater Dr. Emil Skoda, in dessen Rolle Simmons im Laufe der Jahre für beide Formate immer wieder geschlüpft ist, scheint in seiner paternalistischen Art wie die fleischgewordene, gutherzige Staatsmacht. Eine Institution als Freund und Helfer.

Die Kehrseite der Medaille ist sein Repertoire an unsympathischen Widerlingen und machtgierigen Despoten. Menschen, denen man weder im Dunkeln, noch überhaupt irgendwann begegnen möchte. In der HBO-Gefängnisserie Oz – Hölle hinter Gittern wechselt er auf die andere Seite des Gesetzes und wird er zum Neonazi Vernon Schillinger, hochrangiges Mitglied der „Aryan Brotherhood“.

Die Kunst seiner Darbietungen besteht oft darin, wie fließend der Übergang zwischen Gut und Böse wird. In vielen seiner Parts gibt es diesen kleinen Moment, in dem alles zu kippen scheint. In dem klar wird, dass ein falscher Ton die Grundmelodie stört. Er beherrscht es perfekt, nur mit einer kleinen Geste das Gleichgewicht kippen zu lassen. Dann verzieht er etwa seine Mundwinkel, ganz leicht, und plötzlich bekommt eine zuvor entspannte Situation etwas Feindseliges. Eigentlich friedliche Vertreter von Recht und Ordnung werden bedrohlich, und der Zuschauer begreift, warum man sich auch vor der Staatsmacht fürchten sollte. Oder aber andersherum: Ein grausamer Verbrecher lässt plötzlich einen Teil seiner Fassade bröckeln und gibt den Menschen dahinter preis. Simmons verleiht der Demokratie etwas Diktatorisches und der Diktatur Legitimität und Humanität. Hinter jede Instanz von Obrigkeit setzt er ein Fragezeichen. Sein Gesicht ist vieldeutig, und, abgesehen von einem harschen Grundton, weitestgehend neutral. Für einen Sketch kann er Satan persönlich sein, nur um am Tag danach wieder den vertrauenserweckende Großvater für Farmers Insurance zu spielen.

Die meisten seiner Figuren liegen somit näher beieinander, als sie es auf den ersten Blick scheinen. Sie alle ordnen die Welt, ob vom Schreibtisch oder von der Straße aus. Lediglich ihre Herrschaftsinstrumente dabei sind ungewöhnlich. Wir assoziieren sie selten mit Macht oder Unterdrückung: Musik und Humor. Sie verbindet vor allem eins: Beide verlangen nach perfektem Timing.

Man nehme nur die Rolle, durch die ihn wohl die meisten Kinozuschauer kennen: J. Jonah Jameson, aus Sam Raimis Spider-Man-Reihe. Wie Fletcher versteht sich der überhebliche Chefredakteur des Daily Bugle gut darin, dem ohne Spandex gänzlich unheroischen Peter Parker zunehmend kreativere Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Für ihn ist beißender Spott ein Mittel, das zu bekommen, was er will. Wenn Parker nach einem Vorschuss fragt, dann reagiert er mit einer kleinen Choreographie: Pause. Lachen. Pause. Lachen. Klatschen. Pause. Und dann: „Meinst du das ernst?“ Er zermürbt seine Mitmenschen weniger mit dem was er sagt, als vielmehr damit, wie er es sagt. Jameson redet schnell, wie ein Rapper, in jedem Satz so viele Wörter, wie ohne Atempause möglich sind. Sein kriecherischer Assistent erscheint immer auf den Punkt dann, wenn er gebraucht ist – Call and Response. Für alle, die sich nicht so unterwerfen und anpassen gilt, was auch für Miles Tellers motivierten Jungschlagzeuger Andrew aus Whiplash gilt: „Not quite my tempo.“

Viele der musikalischen Gesten, die Simmons als Fletcher verwendet, hat er schon zuvor in seiner Karriere immer wieder benutzt. Sie gehören nicht zur Kunstfigur, sondern zum Schauspieler. Als unbenannter CIA-Abteilungsleiter aus Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger von den Coen-Brüdern scheint er seine Agenten, vielleicht sogar die ganze Welt, zu dirigieren. Man nehme nur die Eröffnungssequenz des Films: Die Kamera fährt aus dem Weltraum Richtung Erde, durch die Wolkendecke, hinein in das Hauptgebäude des Geheimdienstes, folgt einem Mitarbeiter durch einen langen Gang, durch eine Tür. Und plötzlich: Stopp. Ein Schnitt auf J. K. Simmons, mit nach vorne gestreckten Händen. Die Coens untermalen die Geste mit einem dramatischen Geräusch, es erinnert an das Kratzen einer Schallplattennadel. Sie lassen Simmons sogar die Form des Films für einen Moment mit seinen Händen lenken. Und dann zieht er Daumen und Zeigefinger zusammen und zieht einen unsichtbaren Schlussstrich in die Luft, genau wie er es als Musiklehrer immer wieder tut. Die Kamera rückt ganz nah an seinen Schreibtisch, als müsse er den gesamten Bildkader füllen und beherrschen.

Seine markante, tiefe Bariton-Stimme fordert nahezu automatisch Respekt ein. Seine erdige Klangfarbe macht Simmons zum vielbeschäftigten Synchronsprecher. Von Superheldenserien, über Kinderunterhaltung bis hin zum gelben M & M aus der entsprechenden Werbung ist alles dabei. Bevor er zu Film und Fernsehen kam, war er am Broadway aktiv, sang in Musicals wie dem Revival von Frank Loessers Guys and Dolls oder Carousel. Seine Ehefrau Michelle Schumacher lernte er kennen, während er mit Peter Pan auf Tournee war. Seine Liebe zum Gesang stammt auch von seinem Vater, der vor seiner Kariere als College-Professor Musikunterricht an einer Highschool gab.

Sich selbst zählt Simmons nicht zu der Barrage aus herrschsüchtigen Weltordnern, die er oft verkörpert hat. Auf die Frage, ob er ein Perfektionist sei, antwortet er im Gespräch mit dem amerikanischen Magazin Interview: „In meiner Arbeit versuche ich alles richtig zu machen, und wenn dafür besondere Fähigkeiten notwendig sind – wie etwa in diesem Fall das Dirigieren, oder das Klavierspielen, oder in meinem neuen Film, in dem ich einen Deutschen spiele – gehe ich sehr gründlich vor und lerne Akzente und Dialekte und solche Sachen.“

Doch schon die Kurzform des Namens die er trägt wirkt angepasst und durch musikalische Interpunktion in einen Takt verwandelt. Selbst miserablen Filmen – und seine Karriere ist voll mit ihnen, Simmons ist eindeutig ein working actor – drückt er seinen Stempel auf und strukturiert sie um sich herum. So ist etwa der Science Fiction-Horrorfilm Dark Skies über die längste Zeit wenig aufregend. Erst als er der Alienexperte Edwin Pollard auftaucht bekommt die Geschichte eine Szene lang so etwas wie Bedeutung und eine existenzielle Bedrohung. Es ist ein chaotisch inszenierter Film, der plötzlich zur Ruhe zu kommen scheint. Simmons reißt Szenen an sich und macht sie zu seinen. Wie seine Figuren ist auch sein Spiel kontrollierend und herrschsüchtig.

Nie merkt man das so stark wie in Whiplash, Terrence Fletcher ist eine der überlebensgroßen Figuren, wie sie nur das Kino schafft. Sicherlich ist es die einnehmendste, intensivste Darbietung in einer langen Karriere. Es soll ein Charakter genau zwischen Gut und Böse sein, in seinen Rollen sieht Simmons immer beides angelegt. Ein Diktator, jedoch einer mit möglicherweise hehren Zielen. Auch wenn immer wieder Chazelles Haltung zum gezeigten durchschimmert, soll sich der Zuschauer selbst positionieren dürfen. Die Frage ist, ob Fletcher zu den wohlwollenden oder den selbstsüchtigen Autoritätspersonen aus Simmons Laufbahn zählt. Ob seine Melodie und sein Rhythmus die Unterwerfung, die er fordert, es auch wirklich wert sind. Ob irgendetwas auf der Welt diese Unterwerfung wert ist.

Jonathan Kimble Simmons ist im Alter von sechzig Jahren auf der Höhe seiner Schauspielkunst angekommen. Er verkörpert Grenzgänger. Oder passender noch: Seiltänzer, die der Abgrund förmlich zu rufen scheint. Manchmal fallen sie, manchmal nicht.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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2 Gedanken zu “J. K. Simmons – Kontrollierter Wahnsinn

  1. Simmons war gut, aber einen Oskar hätte ich nur vergeben, wenn er den erwähnten Drill-Sergeant in einem Kriegsfilm gespielt hätte und nicht einen Musiklehrer. Der Film war mir zumindest in weiten Teilen unverständlich:

    Sich so herumschubsen zu lassen wie der junge Andrew will mir nicht in den Kopf. Spätestens ab dem Vorfall mit den Rhythmus-Ohrfeigen wurde der Film mir fremd, weil ich kein Verständnis mehr für Andrews Verhalten hatte. Gut gefallen hat mir die Musik (interessanterweise fand ich sie beim „Zweithören dann doch eher anstrengend, wie es mir bei Jazz eigentlich immer geht).

    (Noch etwas mehr zum Film habe ich unter:http://friendly101.blogspot.de/2015/02/whiplash.html geschrieben)

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