Rezension: American Sniper

AmericanSniperPosterFür die Amerikaner war das Kino schon immer der Ort, an dem nationale Traumata wirklich verhandelt wurden. Geschichtsbücher liefern lediglich Fakten, dass Kino hingegen die Wahrheiten, die der texanische Heartland-Bewohner tief in seinem Herzen trägt. Im besten Fall reißt Hollywood Wunden, die niemals wirklich verheilen – der Vietnamkrieg schmerzt auch heute noch. Mit seinem Kriegsdrama American Sniper wird Americana-Regisseur Clint Eastwood zum Felddoktor an der Heimatfront, der eine geschundene Nation auf die nächste Schlacht vorbereitet: die im eigenen Land.

Es ist die Geschichte eines Massenmörders, der zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, zum Helden wird. Christopher Scott Kyle erzielte in seiner zehn Jahre andauernden Karriere als Scharfschütze für die Navy SEALs über 160 bestätigte Abschüsse. In seiner Autobiografie Sniper: 160 tödliche Treffer – Der beste Scharfschütze des US-Militärs, auf der Jason Halls Drehbuch basiert, erzählt er von seinen vier Einsätzen im Irakkrieg. Vom Alltag im Kampfgebiet, von Hinterhalten und Häuserkampf. Aber auch von der merkwürdigen Stille des Lebens, nachdem man in die Heimat zurückgekehrt ist, von seinem persönlichen Kampf gegen die posttraumatische Belastungsstörung.

In Interviews, aufgenommen vor seiner Ermordung durch einen anderen Veteranen im Jahr 2013, sieht er ein wenig aus wie ein zu hoch gewachsenes Kind. Seine muskulöse Physik, der texanische Akzent und die schlichte Wortwahl lassen ihn wie einen Footballspieler wirken. Seine Aussagen entlarven ein simplistisches Weltbild, mit Freund-Feind-Unterscheidung nach Carl Schmitt und einem Blick auf seine 160 bestätigen Opfer, als wären sie die Punkte in einem Computerspiel. Chris Kyle führt eine morbide Highscoreliste an. Ist er wohl stolz, mehr Menschen als Anders Breivik getötet zu haben, offiziell sogar mehr als Luis Garavito und Pedro López?

In den USA ist der Film zum Politikum geworden, ganz selbstverständlich. Filmjournalisten schrieben Vermischtes, aber in der Tendenz eher Positives. Sarah Palin erklärt den Kritikern des Films, sie seien es nicht Wert Kyles Stiefel zu polieren. Michael Moore verfasste Tweets über die Feigheit von Scharfschützen. John McCain nannte ihn dafür einen Idioten. Seth Rogen zog den Vergleich zum fiktiven Propagandastreifen „Stolz der Nation“ aus Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, nur um seine Aussage wenig später zurückzunehmen. In logischer Konsequenz ist der Film ein Überraschungserfolg, jetzt schon einer der größten Kassenschlager des Jahres.

Wie immer bei solchen Diskussionen wurde das Kino schnell reine Nebensache. Wer sich mit Chris Kyle beschäftigt merkt alsbald, dass er ein dummer, widerwärtiger Rassist ist. Doch etwas darzustellen heißt weder automatisch, es zu befürworten, noch es zu kritisieren. Es wurde über den Inhalt des Films gestritten, nicht aber über seine Form.

Die gestaltet sich zuerst einmal sehr grob und ungeschliffen. Clint Eastwood ist ein Regisseur, der mehr am Erzählten interessiert ist, als am eigentlichen Erzählen. Es ist ein Stil, so kunst- und schnörkellos, dass er oft fälschlicherweise „klassisch“ genannt wird. Seine Art, Schauspieler zu führen, hat hier etwas Beiläufiges, fast sogar Nachlässiges. Jede Einstellung wirkt roh und spontan, nicht aus einem Willen zur Unmittelbarkeit, sondern weil dem Filmemacher seine eigene Bildsprache spürbar gleichgültig ist. Vor allem Dialoge werden lieblos heruntergespielt, oft hat man das Gefühl, das erste, maximal aber das zweite Take zu sehen – was im harschen Kontrast zu den verschiedenen Gefechten des Films steht, die intensiv und wohldurchdacht inszeniert sind. Das Bild der Baby-Puppe aus Plastik, die im Film verwendet wird, symbolisiert perfekt, wie unbedeutend Menschen für den Mann hinter der Kamera sind.

Und hier geht es zuerst einmal um Amerikaner, die im Film wenigstens noch als Menschen anerkannt werden. Die Haltung eines Films zu einer fremden Kultur lässt sich leicht an einem Indikator ablesen: Untertitel. Menschen verstehen bedeutet auch, ihre Sprache zu verstehen. Wie soll man mit Menschen fühlen, deren Motive und Wünsche gänzlich unklar bleiben? In diesem Fall ist die Perspektive schon im Titel festgelegt: American Sniper. Untertitelt wird eine einzige Zeile, eine Drohung, ausgesprochen von einem Mann, der gerade ein kleines Kind mit einem Bohrer gefoltert hat: „Wenn ihr mit ihnen sprecht, sterbt ihr auch mit ihnen.“ Wie im ähnlich fragwürdigen Lone Survivor von Peter Berg wird jeder Nicht-Amerikaner zum Teil eines gesichtslosen Mobs degradiert. Die Popkultur hat nur noch wenige archetypische Feinde, die man bedenkenlos abschlachten darf: Orks, Zombies, Nazis, aber eben auch „Terroristen“, was in der Regel eigentlich jeden mit brauner Hautfarbe einschließt. Leiden und Schmerz verspüren American Sniper zufolge nur Amerikaner. Nur Amerikaner haben Familien, nur Amerikaner lieben, bringen Opfer und nur Amerikaner werden zu Helden.

„Last night to the flicks. All war films. One very good one of a ship full of refugees being bombed somewhere in the Mediterranean“, charakterisiert George Orwell das Kino in der dystopischen Welt von 1984, und ist damit beängstigend nah an der Wirklichkeit. Auch an Umberto Ecos Essay über den Ur-Faschismus fühlt man sich erinnert, angesichts stumpfer Männlichkeitsrituale (das homoerotische SEAL-Training), Frauenfeindlichkeit (etwa eine Szene mit Kyles Ex-Freundin früh im Film) und des offen zur Schau gestellten Rassismus. Wünschenswert wäre, wie bei Flags of our Fathers und Letters from Iwo Jima eine weitere Sichtweise, die wenigstens einen Ansatz von Fairness schafft. Doktor Eastwood, wir würden gerne eine zweite Meinung einholen.

Ambivalenz oder Verständnis für die zum Feind erklärten, werden maximal vorgetäuscht. Es ist ein winziges Feigenblatt, das Eastwoods panzerrohrgroße Erektion angesichts des Blutvergießens nur schwer verdecken kann. Die Frage nach Recht oder Unrecht von Krieg und Gewalt stellt sich erst gar nicht. Zwischen einer Szene, in der Kyle im Fernsehen von den Bildern der Anschläge vom 11. September schockiert ist (übrigens eine Szene, die auf ähnliche Weise gleich zwei Mal gezeigt wird), und seinem ersten Kampfeinsatz, vergeht nur eine Szene. Es gibt kein Abwägen, keine Diskussion, nur kalte Kausalität. Die völkerrechtswidrige Invasion ist hier gänzlich alternativlos. Bereits Kyles erste Opfer sind eine Mutter und ihr Kind. Der Film zeigt uns die Abschüsse als gerechtfertigt, ja sogar lebensrettend und notwendig. Die beiden sind mit einer Granate bewaffnet. Früh wird klar, dass es so etwas wie einen unschuldigen Iraker in diesem Krieg nicht gibt.

Nie sehen wir den Navy-SEAL im Kriegsgebiet einen Fehler begehen. Es wird Neutralisiert, nicht gemordet. Der Irakkrieg ist ein gerechter. In einer späteren Szene ist er einmal kurz davor: Ein kleines Kind, noch nicht einmal im Schulalter, beschließt die Panzerfaust eines toten Mannes aufzuheben. Doch bevor sich der Sniper entschließt, dem hochgefährlichen Fünfjährigen das Hirn wegzupusten, tut dieser ihm einen Gefallen und entledigt sich der Waffe, die er ohnehin kaum heben kann. Inszeniert wird dieser Moment als zutiefst bedeutsam, langsam fährt die Kamera auf das Gesicht des Protagonisten zu, so wie sie es bei Eastwood immer tut, wenn es eine schwerwiegende Entscheidung zu fällen gibt. Am Ende bleibt seine Weste weiß, trotz über 160 Hinrichtungen aus der Ferne, abgesehen natürlich von Auszeichnungen und Medaillen.

Nie bringt der Filmemacher den Mut auf, sich von Kyles beschränkter Sichtweise zu lösen. Die Nähe zur Vorlage zeigt ein Versagen des Regisseurs, dessen Präsenz im Film nahezu nie zu spüren ist. Regie führen heißt auch immer Entscheidungen treffen, nicht nur zwischen verschiedenen Linsen, Einstellungsgrößen und Kamerabewegungen, sondern auch in Bezug auf die durch sie ausgedrückte Haltung. Eastwood positioniert sich nie neu, sonder verharrt starr als Rückendeckung für seine Hauptfigur.

Bradley Cooper ist ein charismatischer Darsteller, kann aber einen der unsympathischsten Widerlinge der Filmgeschichte nicht weniger abstoßend machen. Alle anderen Figuren des Films sind flüchtige Erscheinungen. Sienna Miller zeigt als Chris Ehefrau Taya Kyle nach Foxcatcher in diesem Jahr zum zweiten Mal, dass es für Frauen in Hollywood viele aufregende Rollen gibt, wie etwa Mutter, Mutter oder aber auch Mutter. Sie darf in einer Szene Schlagfertigkeit beweisen, danach jedoch nur noch Klischees und Drehbuch-Plattitüden abspulen. Ab und zu schreit oder weint sie auch. Bruder Colton Kyle (Max Charles) ist, so wie die meisten anderen Nebendarsteller, vor allem Dekoration aus Fleisch.

Gerade in der zweiten Hälfte gibt das Drama vor, sich auch mit den Folgen des Kriegs zu beschäftigen. In einigen Momenten gelingt das sogar, Cooper füllt seine Augen mit Leere und wird zu einem statischen Klotz in einem bewegten Familienleben. In einer klugen Einstellung scheint er wieder einmal seine wahre Heimat, das Kriegsgebiet, im Fernsehen zu betrachten. Schussgeräusche hallen durch den Raum, der Ex-Soldat starrt gebannt auf die Mattscheibe. Die Kamera rotiert um 180 Grad und offenbart – der Fernseher ist nicht einmal angeschaltet. Die Reflexion im dunkeln Bildschirm zeigt den Schatten eines Mannes.

Doch nach einer kurzen Szene mit einem Psychologen, in welcher Kyle eine neue Lebensaufgabe findet (die Betreuung anderer Veteranen), verschwindet sein Leiden einfach. Er streift eine tiefsitzende Störung ab wie einen alten Mantel. Es ist der Blick auf psychische Krankheiten, der mit Vorschlägen wie „Denk doch einfach mal positiver!“ einhergeht. Super- oder gar Übermenschen wie Navy-SEALs lassen sich von solchen Wehwehchen nicht aufhalten

Für Clint Eastwood ist der „american sniper“ die Verkörperung der Volksseele. Amerika muss sich seinen Traumata nicht stellen, sondern sie als Teil des eigenen Lebens akzeptieren. In seinem Spätwestern Erbarmungslos hat er die Gewalt als das Fundament der USA entlarvt. 1992 war es für ihn noch ein kritischer Blick auf die Heimat. An der Grundaussage hat sich nichts geändert, nur dass er das heute für etwas Gutes hält. Eine Schwäche wird zur Tugend erhoben.

American Sniper ist kein Film, sondern ein Kriegsverbrechen. Es ist in einigen Aspekten kompetent gehandhabte Propaganda, die dennoch als gutes Argument gegen eine gesamte Kunstform dienen könnte. Anti-Amerikanismus hat häufig etwas albernes, weil er die Probleme vieler Europäer einer fernen Macht zuschreibt. Für manche sind die USA ein bequemer Nebenkriegsschauplatz voller religiöser Fanatiker und fieser Republikaner, die einem Schwarzweiß-Denken erlauben, ohne sich mit der Komplexität der eigenen politischen Landschaft befassen zu müssen. Doch wenn es eine Rechtfertigung gibt, Amerika zu hassen, dann Filme wie American Sniper: Überhebliche, selbstgerechte Glorifizierung von Menschen, für die Verachtung noch zu gnädig wäre. Es ist die Heiligsprechung eines psychotischen Faschisten.

Im Film bekommt Kyle einen Gegenspieler zugewiesen, eine Nemesis, den Endgegner dieser gewaltigen Partie Call of Duty. Seinen Tod wird mit einer triumphalen Zeitlupe gefeiert. Der namenlose Scharfschütze steht unter direktem Befehl des Al-Qaida-Gründers Abu Musab al-Zarqawi, sein Versteck ist ein Kühlhaus voller Leichenteile. Die US-Soldaten nennen ihn nur bei seinem Spitznamen: „Der Schlächter“.

Die Frage ist nur: Welchen Namen hat die arabische Welt wohl für Chris Kyle?

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2 Gedanken zu “Rezension: American Sniper

  1. […] Lucas Barwenczik schaut sich für kino-zeit und kinomensch gleich den ganzen Eastwood an und nennt Beispiele für die Kritik an “American Sniper”: “Seth Rogen verglich ihn mit Stolz der Nation, dem fiktiven Nazipropaganda-Streifen aus Quentin Tarantinos Inglourious Basterds.” Und er erkennt: “Die Popkultur hat nur noch wenige archetypische Feinde, die man bedenkenlos abschlachten darf… […]

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