Julianne Moore – Does naked make it art?

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Man könnte sich gegenüber Julianne Moore sehr unfair verhalten und behaupten: Wenn sie in einem Film nicht gerade weint, dann ist sie nackt. Natürlich wäre es eine Verallgemeinerung, natürlich auch das, was Hollywood eben von Schauspielerinnen verlangt. Andererseits hat diese Aussage einen wahren Kern: Gerade diese zwei Akte sind es, die Moores Schauspiel am stärksten prägen, weil sie aus ihnen auf der Leinwand machen kann, was sie auch in der Wirklichkeit sind – Momente der Selbstoffenbarung, physisch wie psychisch. „Why are they always naked? Does naked make it art?“ wird eine ihrer Figuren, Marian aus Robert Altmans Short Cuts, gefragt. Marian antwortet nicht – das übernimmt Julianne Moore für sie.

In dieser Woche wird sie in Deutschland in gleich zwei Filmen zu sehen sein: Zum einen wäre da der vernachlässigbare Magier-Streifen Seventh Son. (Dass man auch 2015 noch wegen roten Haaren als Hexe gecastet wird, lässt an der Menschheit zweifeln.) Zum anderen ist da jedoch das bewegende Alzheimer-Drama Still Alice. Als einzige lebende Darstellerin (neben Juliette Binoche) hat Moore alle größeren Filmschauspielpreise (Berlin, Cannes, Venedig…) gewonnen, seit den 87. Academy Awards nennt sie nun auch eine schillernde Oscarstatue ihr Eigen. Es ist ein glänzender Höhepunkt einer langen Karriere. Eine Karriere, die erst ungewöhnlich spät wirklich begann, voller Um- und Irrwege.

Geboren wird sie 1960 in Fayetteville in North Carolina, unter dem Namen Julie Anne Smith. Als sie sich Jahre später der Schauspielergewerkschaft anmelden will, muss sie feststellen, dass es bereits eine Julie Smith in deren Verzeichnis gibt; so legt sie kurzerhand Vor- und Nachname zusammen, der zweite Name ihres Vaters wird zum neuen Familiennamen.

Moores Vater war Soldat, die Familie reiste um die ganze Welt. Julianne selbst besucht neun verschiedene Schulen, unter anderem auch in Frankfurt am Main. (Ihr Deutsch beschränkt sich jedoch auf vereinzelte Brocken.) Eine Englischlehrerin legt ihr die Schauspielerei ans Herz, schon in der Highschool spielte Moore Stücke von Molière und las entsprechende Branchen-Zeitschriften. Nach ihrem Abschluss an der Boston University ist sie zunächst am (Off‑)Broadway zu sehen, dann in kleinen Fernsehrollen.

(Ein Ausschnitt aus As the World Turns)

Viele Jahre später sollte Moore in Dem Himmel so fern mitspielen, einer Neuauflage des Douglas Sirks-Klassiker Was der Himmel erlaubt. Beide Filme erzählen von den beengenden Konvention der Fünfziger Jahre in Amerika, sie wählen dafür eine Metapher, die auch auf Moore für eine lange Zeit zutreffen sollte: In einer Einstellung spiegelt sich Hauptfigur Cary Scott in ihrem neuen Fernsehgerät – und scheint förmlich in der Bildröhre gefangen.

Bis in die frühen Neunziger Jahre benötigte Moore, um den Sprung vom kleinen Schirm auf die große Leinwand zu schaffen; Fernsehrolle schloss sich an Fernsehrolle. In der Daily-Soap As the World Turns (in Deutschland als Jung und Leidenschaftlich – Wie das Leben so spielt ausgestrahlt) spielte sie eine Doppelrolle, wird abwechselnd zur gutmütigen Frannie Hughes, und ihrer bösartige Halbschwester Sabrina. 1988 gewann sie dafür einen Emmy, die erste von vielen Auszeichnungen. Wer sich heute Ausschnitte aus dieser Zeit ansieht, erkennt eine faszinierende Mischung aus Engagement auf der einen Seite, aber auch spürbarem Desinteresse und Unterforderung auf der anderen.

Schon eine Nebenrolle im Horror-Episodenfilm Geschichten aus der Schattenwelt 1990 scheint im Vergleich dazu ein großer Schritt nach vorne. Mit Steve Buscemi und Christian Slater bekommt sie erstmals interessante Leinwandpartner. Und wenn man ehrlich ist: Selten wurde der Kampf gegen eine Mumie mit mehr spürbarer Überzeugung gespielt.

Als Durchbruch kann Robert Altmans beeindruckendes Americana-Ensemblestück Short Cuts angesehen werden, und „Durchbruch“ ist hier wörtlich zu verstehen: Selbst unter 22 Hauptfiguren sticht Moore deutlich hervor, es ist eine wütende Eruption. Filme von Robert Altman sind definiert durch die nur dünnen Schichten, die das amerikanischen Trauma verbergen, die innere Zerrissenheit einer ganzen Nation: Der zynische Humor der Ärzte aus MASH, die Countrymusik in Nashville, oder eben das glänzend-glatte Vorstadtleben aus Short Cuts.

Einen großen Teil ihres berühmten Offenbarungsaktes spielt Moore „unten Ohne“, aus einem eigentlich trivialen Grund: Sie hat Wein über ihrer Hose verschüttet. Doch der Effekt ist eigentümlich, nicht zufällig wird die verträumte Malerin nun selbst zu einem ihrer Gemälde, zum selbstbestimmten, selbsterschaffenen Kunstwerk. Und somit auch zum verkörperten Widerstand gegen Konventionen und Sexualmoral der dargestellten Epoche.

(Ausschnitt aus Short Cuts)

Allein in dieser kurzen Szene zeigt Moore eine größere Bandbreite, als es vielen Schauspielern über ihre ganze Karriere hinweg vergönnt ist. Mühelos changiert sie zwischen schüchterner Zurückhaltung, Selbstzweifel und Schuldgefühlen, offener Erotik, sowie Frustration und Wut.

Erst im Alter von 35 Jahren übernimmt sie ihre ersten Hauptrollen: Zuerst in Vanja auf der 42. Straße, Loui Malles faszinierend minimalistischer Verfilmung von Tschechows Onkel Wanja; danach in Todd Haynes hyperneurotischer Suburbia-Satire Safe. Mit Auf der Flucht und Vergessene Welt: Jurassic Park sammelt sie erste Blockbuster-Erfahrung.

Weil ihre Hollywood-Laufbahn so verhältnismäßig spät beginnt, befinden sich bereits diese Rollen im Zwiespalt zwischen offener Körperlichkeit und dem Drama, das mit Mutterrollen und fortschreitenden Alter bei Schauspielerinnen in der Traumfabrik einhergeht. Sie hatte schon immer ein Gespür für die richtigen Projekte, vor allem aber für die richtigen Regisseure: Paul Thomas Anderson, die Coen-Brüder, Steven Spielberg, Ridley Scott – die Liste ist lang. Viele dieser Filmemacher hat sie im gleichen Maße entdeckt wie umgekehrt: Als sie 1996 Paul Thomas Anderson trifft, ist der Meisterregisseur ein noch fast unbeschriebenes Blatt. Ein junges Talent, welches lediglich seinen beachtenswerten, aber unausgegorenen Debütfilm Last Exit Reno (auch als Hard Eight und Sydney bekannt) vorzuweisen hat.

In Boogie Nights erschaffte sie mit Pornodarstellerin Amber Waves eine außergewöhnlich komplexe Rolle, in der sie auch spürbar viele ihrer persönlichen Kämpfe verarbeitet. Denn natürlich ist keines der Probleme, mit denen Maggie (so Ambers eigentlicher Name) zu kämpfen hat, auf die Erwachsenenunterhaltung beschränkt. Es sind die gleichen Brüche zwischen äußerer Entblößung und innerer Unsicherheit, zwischen Reife und dem Diktat der ewigen Jugend, die sie als Schauspielerin schon immer bewegt haben. Drogenprobleme und Sorgerechtsstreit, aber auch ihre Ersatzmutterschaft für Heather Grahams „Rollergirl“ verleiht sie Gravität und Schwere, aufrechten Zorn und vor allem eine tiefe, innere Melancholie.

(Julianne Moore weint – Supercut)

Es wurde schon erwähnt: In Julianne Moores Laufbahn wurde oft und viel geweint. Ihr von Trauer verzerrtes Gesicht ist fast so etwas wie ihr Markenzeichen geworden. Es rollt nicht die aus so vielen Melodramen bekannte, einzelne Träne. Verzweiflung hat bei ihr nichts Schönes, es ist nicht abstrakt, ästhetisch und stilisiert. Ihre Züge verkrampfen sich zu einer düsteren Fratze, der amerikanischen Version einer japanischen Kabuki-Maske. Weit entfernt von jedem Naturalismus bekommt ihr Ingrimm eine fast alttestamentarische Qualität, sie wird zur zeitgenössischen Version von Renée Falconetti in Die Passion der Jungfrau von Orléans. Ihr Mut zur Hässlichkeit zu attestieren, liegt nahe, aber es ist wohl mehr als das: Es ist der Mut, sich in Abgründe zu stürzen, und dass von mühevoll erklommenen Bergen.

Gleichzeitig beweist sie mit Filmen wie The Big Lebowski komödiantisches Timing. Als feministische Künstlerin Maude bewegt sie sich irgendwo zwischen Femme fatale und Echtwelt- Cruella de Vil, mit einem Akzent, den sonst nur Gegenspielerinnen von James Bond innehaben.

(Ausschnitt aus The Big Lebowski)

In den folgenden Jahren arbeitet sie mit Regisseuren wie Gus van Sant (in seinem berüchtigten, unterschätzten Psycho-Remake), Todd Haynes (Dem Himmel so fern) und (wieder) Paul Thomas Anderson (Magnolia) zusammen. Als Ridley Scott Jodie Foster verliert, springt sie in Hannibal als Clarice Starling ein. Sie ist fast ebenso überzeugend als Foster, der Film scheitert jedoch an der schwachen Vorlage.

Ihre Filmografie ist mehr als vielfältig, sie bildet das gesamte Spektrum des amerikanischen Kinos ab: Von kleinen Independent-Produktionen (etwa Tom Fords brillantes Debüt A Single Man oder die solide Komödie The Kids Are All Right), über erfolgreiche Thriller (Die Vergessenen), bis hin zu Tentpole-Giganten wie Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1.

(Trailer zu Still Alice – Mein Leben ohne Gestern)

Julianne Moore beweist den Mut, wirklich ein anderer Mensch zu werden. In den düstersten Moment von Still Alice sieht die heute Fünfundfünfzigjährige sogar wirklich ihrem Alter entsprechend aus. Das Richard Glatzer und Wash Westmorelands Drama mehr ist, als lediglich ein sentimentaler Film über die Verluste, die eine Krankheit mit sich bringt, mehr, als ein schematisches Durchexerzieren von Symptomen und das Ablaufen eines Leidensweges, ist Julianne Moore zu verdanken. Denn sie verleiht dem Film Fallhöhe, erbaut eine Figur, die man wirklich nicht verlieren will. Und das gilt natürlich auch für Julianne Moore. Wenn sie nach und nach Schutzschicht um Schutzschicht der brillanten Linguistik-Professorin abstreift, dann ist die Antwort auf die Frage „Does naked make it art?“ längst überflüssig geworden.

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