Rezension: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

z1452609Es gibt Sätze, die man selbst in Filmen nicht sonderlich oft hört. „Ich wünschte, ich hätte Krebs.“, ist ein solcher Satz. Dabei wurde er mit großem Bedacht ausgewählt; Sprache war für Alice Howland immer schon das wertvollste aller Werkzeuge, zumindest das am besten beherrschte. Worte und Grammatik ordneten ihr Leben und gaben der Professorin der Linguistik einen Platz in der Welt. Eine Krebserkrankung bringt Tod und Schmerz, doch das ihre scheint ihr ein noch schlimmeres Schicksal: Eine Alzheimer-Erkrankung löst nach und nach ihre mühsam erbaute Sphäre aus Worten auf, raubt ihre Eloquenz und Erinnerungsfähigkeit.

Es ist einer dieser besonders sprechenden Titel: Still Alice. Immer noch Alice. Im Kampf mit der Krankheit geht es vor allem darum, das Selbst zu bewahren. (Als unnötigen deutschen Untertitel hat der Verleih „Mein Leben ohne Gestern“ ausgewählt.) Der Film, basierend auf Lisa Genovas gleichnamigen Roman, begleitet die Professorin und ihre Familie, während die Symptome zunehmend schlimmer werden. Kamera und Zuschauer folgen der Fünfzigjährigen auf Schritt und Tritt, immer wieder filmen die Regisseure Richard Glatze und Wash Westmoreland sie von hinten, während sie durch die Heimat wandelt, die mehr und mehr zu einem fremden Land wird.

Viel Plot gibt es konsequenterweise nicht, Drama entsteht vor allem aus dem Prozess des geistigen Verfalls und seinen Folgen. Alice muss ihren Job aufgeben und sieht sich nach einer erfolgreichen, fordernden Karriere plötzlich mit Leere und Langeweile konfrontiert. Die Beziehung zu ihrem Ehemann John (Alec Baldwin) gerät in die Krise: Er will eine neue Position in einer anderen Stadt antreten, nach vorne blicken – kurz: weitermachen. sie hingegen oszilliert zwischen dem wachsenden Wunsch nach Sicherheit und Verlässlichkeit, und der Angst, zum Alltags-Eremiten zu werden. (Nach Blue Jasmine spielt Baldwin schon zum zweiten Mal in Folge den Ehemann einer Frau, die Probleme mit ihrer geistigen Gesundheit hat. Empfehlung an Filmfrauen: Auf keinen Fall Alec Baldwin heiraten! Gleiches gilt natürlich auch für echte Frauen.) Ihre drei Kinder haben Angst, zumal es sich um eine Erbkrankheit handelt, die auch sie betreffen könnte.

Immer wieder versuchen die Filmemacher Metaphern zu finden, vor allem intertextuell zu arbeiten: Dann liest Alice etwa Moby Dick und Alzheimer wird zum weißen Wal; zur Naturgewalt, der wir vergeben müssen. Oder Tochter Lydia spielt in Sartres Geschlossene Gesellschaft mit, die im Englischen passend No Exit heißt. Die Hölle sind die anderen, kein Entkommen, alles wie immer.

Der Film ist vor allem eine Bühne für Julianne Moore, Zyniker dürfen ihn gerne als (erfolgreiches) Oscar-Vehikel verstehen. Alle Punkte, die bei der Academy vermeintlich Punkte einbringen, werden abgehakt: Eine ernste Erkrankung; eine schöne Frau, die sich die Blöße gibt; ein Thema, das die überwiegend älteren Wähler anspricht.

Auch die althergebrachte Bildsprache ist anbiedernd: Die begleitende Erzählform zwängt den Zuschauer in eine distanzierte Beobachterperspektive, wirklich in Alices Kopf und Psyche vorzudringen, ist ihm nie vergönnt. Wenn sie durch die Straßen von New York joggt, dann nehmen die Regisseure nach und nach die Schärfentiefe aus den Bildern und reduzieren Alice immer stärker auf sich selbst. Tinnitus-ähnliches Pfeifen übernimmt die Geräuschkulisse. Später vergeht zwischen zwei Schnitten immer mehr Zeit, der Filmriss ist ja nicht umsonst eines der bekanntesten Sprachbilder, welches aus dem Kino in die Welt geschwappt ist.

Dabei geht der Film jedoch nie weit genug: Die Inszenierung müsste noch um ein Vielfaches mutiger und experimenteller sein, um die Krankheit wirklich begreifbar zu machen. Der Handlung eines Films über Alzheimer sollten man irgendwann gar nicht mehr folgen können. Figuren sollten aus dem Nichts auftauchen. Er müsste auf die gleiche Art und Weise graduell wirrer, verstörender und feindseliger werden, wie die Welt für die Erkrankten. Doch stattdessen ist Still Alice eine Durchhalteparole, gut konsumierbares Wellnesskino. Der Tod als schmetterlingshaftes Entfliegen, als retromanische Heimkehr in den Kern des Selbst.

Warum sehen sich Menschen Filme über tödliche Krankheiten an, etwa über Krebs und AIDS? Aus demselben Grund, aus dem Jugendliche Horrorfilme lieben – um sich im inneren Gefühl der eigenen Unsterblichkeit bestätigt zu fühlen. Der Tod ist für sie etwas, das anderen passiert. Als Kind fürchten wir uns vor den Monstern unterm Bett, existenzielle Ängste wie das Vergessen und vergessen werden folgen erst später. Das Subgenre von Krankheits-Dramen ist leider oft wenig mehr als ein Horrorfilm für Erwachsene. Still Alice läuft in den Arthousekinos der Bundesrepublik, für eine überalterte Zielgruppe, wahrscheinlich in Sonntagsmatinee und Seniorenvorstellungen. Sie werden den Saal verlassen und wissen: Alzheimer ist etwas, das anderen passiert. Und wenn es passiert, dann ist das ja nicht einmal so schlimm. Es wird Momente der Demütigung geben, Verzweiflung, Trauer; aber die gibt es ja immer. Und dann folgt ein Schnitt und meine Familie liebt mich wieder. Gezeigt wird zu viel Eskapismus und zu viel Katharsis. Filme, in denen es wirklich um menschliches Leiden geht, sind weit davon entfernt, Hollywood-Mainstream zu sein.

Es wäre ein leichtes, Still Alice als manipulatives Melodrama abzutun, denn zumindest an der Oberfläche ist das eine zutreffende Beschreibung. Das im Endeffekt mehr gezeigt wird, als aneinandergereihte Wogen von Glück und Leid, ist vor allem dem fantastischen Ensemble zu verdanken: Gerade Julianne Moore und Kristen Stewart beweisen wieder einmal, dass sie zu den besten Schauspielerinnen ihrer jeweiligen Generation gehören.

Stewart ist als jüngste Tochter Lydia die einzige Figur im Film, die mehr ist als ein Gradmesser für Alices Veränderung. Wo etwa Ehemann John lediglich als Projektionsfläche dient, hat sie eigene Wünsche und Träume. Ihre Existenz erstreckt sich auch über die Leinwand hinaus. Sie will Schauspielerin werden, doch ihre Eltern wünschen sich, dass sie aufs College geht. Als ihre Mutter versucht, die Krankheit als Druckmittel einzusetzen, kommt es zu einem der wenigen interpersonellen Konflikte des Films, die wirklich etwas zu bedeuten scheinen. Lydia wirkt wie eine Figur aus dem Leben: jung, verspielt, aber immer mit einer wohl von der Mutter geerbten Aura von Intellekt und Würde.

Alice verdankt diese Aura Julianne Moore, die sich mit ihrer vollen Reichweite und Ausdruckskraft in die Rolle wirft. Sie verleiht einer schwachen Figur genug Präsenz und Charisma und schafft damit Fallhöhe. Was die Inszenierung nicht vermag, gelingt durch ihr Schauspiel. Schon in eine Handbewegung legt sie mehr Frustration und inneren Kampf, als viele andere in Schreie und Tränenmeere. Und wenn sie weint… „when it rains, it pours.“

Wenn es einen Grund gibt, Still Alice zu sehen, dann um eine Darstellerin bei der Selbst-Konfrontation mit dem Nichts zu bewundern. Schade nur, dass da sonst fast nichts ist – außer dem Nichts.

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