Rezension: Von Glücklichen Schafen

von-gluecklichen-schafenJedes Leben ist eine Geschichte, nur ist es eben nicht immer eine schöne. Die alleinerziehende Mutter Elmas will die ihre schon lange nicht mehr akzeptieren, sie hat zu viel Schlimmes erlebt. Um die Traumata der eigenen Vergangenheit ertragen zu können, hat sie aus ihnen Märchen gemacht, die sie ihren Kindern erzählt. Sie handeln (so auch der Name von Kadir Sözens Drama) „von glücklichen Schafen“. Von starken Hammeln, die unbedarfte Schafe bezirzen und dann verschwinden. Oder von hinterhältigen Kröten, die ihnen Gewalt antuen. Doch auch Elmas Gegenwart ist voller Fabeln. Um ihre Familie ernähren zu können, arbeitet sie als Prostituierte. Sohn und Tochter lässt sie glauben, dass sie ihr Geld als Krankenschwester verdient. Die Grenze zwischen Fantasie und Lüge verläuft dabei fließend.

Die erste Szene des Films könnte fast noch aus einer Teenagerkomödie stammen: Sohn Can (Jascha Baum) liegt in seinem Bett. Unter der Decke bewegen sich seine Hände schnell auf und ab, als plötzlich seine Mutter (Narges Rashidi) und seine kleine Schwester Sevgi (Marlene Metternich) hereinplatzen und ihm zum sechzehnten Geburtstag gratulieren. Schnell türmt Can die Bettdecke über seinem Schritt auf. Sexualität liegt hier immer dicht unter der Oberfläche verborgen. Von seiner Mutter bekommt Can zum Geburtstag eine Gitarre, er träumt von einem Leben als Musiker. Sein bester Freund hat jedoch noch ein anderes Geschenk: Er lädt ihn kurzerhand in ein nahegelegenes Bordell ein. Erwartungsvoll sitzt Can, nur in Boxershorts bekleidet, im halbverdunkelten Schlafzimmer. Als ausgerechnet seine Mutter durch die Tür kommt, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Der Regisseur bemüht sich mit seinem Film, gleich eine ganze Reihe von Themen zu verhandeln: Die Bedeutung von Geschichten, das Leben als alleinerziehende Mutter/Prostituierte, die Migrantenerfahrung, Generationenkonflikte, Sexualität und gesellschaftliche Doppelmoral. Can reagiert wütend, verlässt das Haus und zieht zum konservativen Großvater (Vedat Ericin). Der hat seiner Tochter ihren Beruf nie verziehen. Can sieht sich im Spannungsfeld zwischen neuen und alten Werten, zwischen dem Zorn des Belogenen (sowie dem Beschützen der Familienehre) und der Liebe eines Sohns zu seiner Mutter.

Die interessante Prämisse des Films geht jedoch schnell in seiner unausgegorenen Machart unter. Eine bekannte Grundregel für Drehbuchautoren und Schnittmeister lautet: In Szenen sollte man spät ein- und früh wieder aussteigen. In Von glücklichen Schafenwird dies jedoch fast zu wörtlich genommen. Die meisten Szenen sind sehr kurz, dafür gibt es (naturgemäß) sehr viele von ihnen. Dadurch wirkt das Drama oftmals fragmentarisch, fast unkonzentriert. Die Unstetigkeit lässt nicht nur jedes Gefühl für Raum und Zeit abhandenkommen (einmal vergehen mehrere Monate, was ohne eine beiläufige Dialogzeile kaum aufgefallen wäre), sondern untergräbt auch jede emotionale Wirkung. Selbst bedeutsamen Momenten wird nur wenig Zeit eingeräumt, selten reicht sie aus, um sich wirklich einzufühlen. Die Kamera will nicht verweilen, als ob der Regisseur sich mit der Materie selbst nicht sonderlich wohlfühlt und auch seinem Publikum die unangenehmen Bilder lieber ersparen möchte.

Das steht im klaren Kontrast zu der ungeschminkten Drastik, die in vielen Szenen wohl erreicht werden sollte: Nacktheit und Gewalt spielen immer wieder eine Rolle, vielleicht will Sözen verstören, zumindest aber bewegen. Doch seine Tiefschläge in die Magengrube sind zaghaft, jeder gehetzte Schnitt federt sie aufs Neue ab.
Das Drehbuch mutet oft bemüht und konstruiert an. Wenn Elmas ihren Job aufgibt, um in einer katholischen Kirche zu arbeiten, ergibt sich ein bekanntest Bild: Sie wird von der Hure zur Madonna. Doch statt dieser fragwürdigen Dichotomie etwas entgegenzusetzen, wird sie nur reproduziert. Der Dialog, den die junge Mutter bei ihrem Vorstellungsgespräch mit einem Priester führt, wirkt fast höhnisch: „Wo haben sie bisher gearbeitet?“ „Im Fleischhandel.“ „Ach, als Metzgerin?“ „Nein, mehr im Verkauf.“

Auf gleiche Weise sind viele der Dialoge unfreiwillig komisch. Andere sollen wohl lustig sein, irritieren aber nur. Als Cans Freund erfährt, dass die Prostituierte, mit der er geschlafen hat, die Mutter seines Klassenkameraden war, bietet er an: „Willst du dafür jetzt meine, oder was? Würd’s dir nicht empfehlen.“ Auch mit Kolloquialismen und Kraftausdrücken kommt der Film niemals so etwas wie Realismus nah. Gleichzeitig wird das Versprechen, Geschichten einen besonderen Stellenwert einzuräumen, nie eingelöst. Statt die verschiedenen Erzählebenen gegeneinander auszuspielen, existieren sie unmotiviert nebeneinander her – selbst wenn manche Sequenzen so überzogen wirken, dass sie spürbar keinen Platz in der Wirklichkeit haben. Elmas Märchen führt als Voiceover in die Handlung ein und taucht dann sporadisch wieder auf, bleibt jedoch stets ein Fremdkörper. Es ist ein Stilmittel, das nur die besten Filmemacher erfolgreich einzusetzen vermögen – Sözen ist spürbar keiner von ihnen.

Die Darsteller können das stellenweise fragwürdige Material nicht mehr retten; einige unter ihnen machen wenigstens nicht alles noch schlimmer, als es ohnehin schon ist. Narges Rashidi spielt unentschlossen. In den entscheidenden Momenten hält sie sich zu sehr zurück, viele Zeilen betont sie, als wäre sie selbst von ihnen nicht sonderlich überzeugt. Statt zur liebenden Mutter im inneren Konflikt, wird sie eine fremdartige Kunstfigur. Jascha Baum und Marlene Metternich sind bemüht, aber spürbar unerfahren. Benno Führmann taucht in einer kleinen Nebenrolle als Zuhälter Klaus auf, bleibt aber Typ, statt Charakter zu werden. Vedat Ericin arbeitet als geläuterter Familienpatriarch routiniert die Entwicklung seines Charakters ab. Oft drängt sich die Frage auf, ob wirklich immer das beste Take ausgewählt wurde. Man erahnt Zeitdruck und Nachlässigkeit von Fernsehproduktionen, auch wenn hier für die große Leinwand gearbeitet wurde.

Von glücklichen Schafen ordnet sich ein zwischen einem Arte-Themenabend über Migration und der öffentlich-rechtlichen Version von Lars von Triers weiblichen Passionsgeschichten. Trotz des Mantels der Aufklärung ist die Haltung des Films zu seiner Protagonistin merkwürdig puritanisch und fast ein wenig herablassend. Es ist die Geschichte einer promiskuitiven Frau, die für ihre Grenzüberschreitungen leiden muss, die den Geistern ihrer Vergangenheit nie gänzlich entkommen kann. Ein ärgerliches archaisches Märtyrer-Märchen, wie man es eigentlich nicht mehr hören will.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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