Zum Tod von Terry Pratchett

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Ich hatte immer Angst vor diesem Tag. Angst davor, in der Pflicht zu sein, über den Tod eines Menschen zu schreiben, dem ich nie begegnet bin. Zumindest rein körperlich, denn seine Worte, – kunstvoll angeordnet, so viel mehr zu sein, als nur das – haben mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ein Mensch, der schreibt, ist immer mehr als nur ein Körper. Er ist auch die Ideen, Wünsche und Träume, die er in den Köpfen anderer aufsteigen lässt.

Seit dem traurigen Tag, an dem ich erfuhr, dass Terry Pratchett an Alzheimer erkrankt war, wusste ich, ich würde über ihn schreiben müssen. Weil sein Werk so untrennbar mit allem verbunden ist, was ich heute bin. Und war, und sein werde. Um den Schmerz zu ertragen. Die Angst, die an mir haftete, war auch die Angst vor einem Dolch im Herz, diese widerwärtige Angst vor dem Unvermeidbaren. Von dem Moment an, in dem Buchstaben für mich mehr waren als ein Meer wirrer Zeichen, gab es keine Zeit, in der ich nicht seine Bücher gelesen habe. Sie waren Teil des papierenen Fundaments, welches mir Halt gab.

Es waren keine schönen Bücher, zumindest von außen betrachtet, das sind sie bis heute nur selten: Verleger haben es nie verstanden, den einzigartigen Visionen eines Terry Pratchett gerecht zu werden. Jetzt gerade schaue ich durch weinende Augen auf all die wirren, schmelzenden Menschen von Josh Kirbys Umschlagillustrationen, und sie scheinen selbst zu Tränen zu werden. Ich blicke auf abgegriffene, zerlesene, schmutzige Bände, die mir stets die treusten alle Begleiter waren. Freunde, die zu mir sprachen. Ich hab bis heute keins von ihnen weggeworfen, trotz mindestens fünf Umzügen. Die Preise auf der Rückseite sind zum großen Teil noch in Deutschen Mark angegeben. Bei einigen späteren ist das mittlerweile Vertraute Eurozeichen gleichwertig darunter, allein steht es nur selten: Irgendwann werden die Buchpreise plötzlich in Pfund oder Dollar gedruckt. Es ist eine Zeitreise innerhalb von drei Regalbrettern. Würde man sie aufschneiden, sie würden wahrscheinlich Jahresringe zeigen. Manche Seiten sind verwischt von den düsteren Momenten des Heranwachsens. Jedes Buch war eine Wegmarke meines Lebenslaufes. Ich erinnere mich, vor meiner Mutter weg in Buchläden zu stürmen, in der kindlichen Freude, die Weihnachten bei weitem überstieg. Und, später, an das Scheppern von Türen, mit denen Postboten Alltage in Feiertage verwandelten. An Lesen mit einer Taschenlampe, versteckt in einem Zelt in Kroatien. Und an die Wochen in Dänemark, in der Bücher mir ein Leben ermöglichten, obwohl die erste Liebe verloren und der Planet Erde ein wüster, leerer Ort war.

Terry Pratchett hat mir mehr beigebracht als wohl jeder andere Mensch, abgesehen von meinen Eltern vielleicht. Zuerst hat er mir das Lesen beigebracht, später seine Sprache: Englisch. Die Erinnerung reduziert meine Kindheit auf unzusammenhängende Einzelbilder, begleitet von Fotos, wahrscheinlich verblichene Polaroids. Doch ich denke zurück daran, Bücher zu lesen, die ich nicht verstand. Worte füllen heute alle Leerstellen. Noch hangelte ich mich mühsam über Seiten hinweg, als wären es steinige Felswände. Seit Pratchett habe ich keine Sorge nach unten zu schauen, weil seine Fußnoten so wundervoll waren, wie ganze Romane anderer Autoren. Noch das niederste verdiente unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

Seine Bücher offenbarten mir Welten, die ganz und gar anders waren, und doch genau wie die unsere. Sie waren bevölkert von Zwergen und Trollen, mächtigen Zauberern, feigen Zauberern, Zauberinnen, dem Tod, seinem Pferd, dem Tod der Ratten, Ratten, Wachen, Drachen, Hexen, Priestern, Barbaren, Alchemisten, Assassinen, Patriziern, Forschern, Dieben, Dämonen, Werwölfen, Gnomen, Elfen, Kobolden, Orks, Orang-Utang-Bibliothekaren und gewaltigen Schildkröten, die ganze Welten auf ihrem Rücken trugen. Doch in Wahrheit waren das keine fremden, fernen Fantasiewesen, sondern die Menschen um uns herum. Ab- und Zerrbilder von ihnen. Diese Bücher waren Zuflucht, ohne das in ihnen je eine Flucht angelegt war. Je weiter man sich von der Realität entfernt, je mehr man verfremdet, desto genauer sieht man manchmal das Wahre.

Terry Pratchett hat mir beigebracht, Mensch zu sein. Nicht alleine, natürlich nicht. Aber zwischen all dem vermeintlichen Klamauk, den Parodien, den einfach und den schweren Witzen, war die Menschheit in all ihren Facetten verborgen. Wer will, der darf behaupten, Pratchetts Bücher seien Trivial gewesen. Formelhaft, vielleicht sogar ein wenig infantil und kindisch. Aber Shakespeare hat auch für das Volk geschrieben, für Bauern und Plebs. Zwischen Witzeleien lag hier immer auch eine Konfrontation. Lag Güte, und Liebe, und Freundschaft. Würde, Vergebung, und Toleranz. Kein aufgesetzter, sondern ein unendlich tiefgehender, gefühlter wie gedachter Humanismus. Einer, der auch wütend war, der schimpfte und bestrafte; zornig, wie es jeder gute Scherz, jeder gelungene Parodie, nun einmal ist. Wut war ihm ein Geschenk, so sehr, dass er sie in den späteren Geschichten von Samuel Vimes zu einer Gottheit erklärte. Zu einer Macht, die wir alle im Inneren tragen, die wir zu beherrschen lernen müssen, für den Kampf, der unweigerlich kommt. Gegen die grauen Gestalten am Rande des Universums, denen unser buntes Treiben einfach zu viel ist. Gegen die Kleingeistigen, die Engstirnigen, die frömmelnden Zeloten und alle, welche die Unvernunft in sich selbst und anderen nicht akzeptieren können. Ich lernte die Schönheit des Gebrochenen kennen, die in jeder perfekt-imperfekten Zeile lag. Ich lernte, nicht zu glauben, und dann, später, wie wichtig es ist, an etwas zu glauben. Und warum diese beiden Dinge keine Widersprüche waren.

Wenn Terry Pratchett eines konnte, dann war es, das richtige Ende zu finden. Es stand oft so unendlich viel auf dem Spiel. Und am Ende war nie alles gut, kein Sieg war vollkommen, weil es im Leben keine vollkommenen Siege gibt. Bis zum Ende war Terry Pratchett ein Kämpfer für das Gute in dieser Welt. Gegen die Verzweiflung und den Zynismus, gegen den Hass der in jedem von uns lebt. Wenn jedes Buch eine Reise war, dann gab jeder Abschluss das Gefühl, anzukommen. An einem Ort, der gleichzeitig vertraut war, und doch neu. „Dorthin zurückzugehen, wo man begonnen hat, ist nicht das Gleiche, wie nie zu gehen.“ Schnee war über den Weg gefallen und noch unberührt. Am Ende steht ein Leser vor dieser Fläche und muss bedächtig seinen ersten Schritt wählen oder lostürmen, als würde ihm das Universum gehören.

Und so stehe ich jetzt vor einem Leben, das sich auch im langsam nahenden Frühling wie mit sanftem, weichen Schnee bedeckt anfühlt. Alles zerbricht in zwei Teile, in ein vor- und nachher. Jetzt ist die Angst verflogen. Vorsichtig setze ich meinen ersten Schritt in die weiße Unendlichkeit.  Danke, Terry Pratchett, für imperfekte Enden und unvollkommene Siege. Danke, Danke, Danke.

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