Rezension: Leviathan

Leviafan-US-PosterTosende Wellen donnern gegen eine trostlose und zerklüftete Küste, so wie Umstürzler gegen uneinnehmbare Festungsmauern. Sie umspülen Schiffswracks, die letzten Überreste einer vergangenen Zeit. Es ist ein totes Land; Andrey Zvyagintsevs Russland ist der Kadaver einer Idee, das Gerippe eines gestrandeten Wales. Nur noch bewohnt von Destruenten, die sich um das letzte Aas streiten, ansonsten erfüllt von Leere und dem fernen Nachklingen besserer Epochen. Ein verendeter Leviathan. Zu dieser topographischen Untergangsstimmung mischt sich noch musikalische Apokalyptik: Das Präludium von Philip Glass‘ Akhnaten. Die Oper über den ägyptischen König Echnaton ist düster, sperrig und von fast alttestamentarischem Ingrimm – es ist die perfekte Untermalung für Zvyagintsevs Film.

In Leviathan wirkt jedes Bild, zeigt es auch noch so zeitgenössische Dinge, wie ein cineastischer Atavismus. Jede Einstellung steht im Widerspruch mit sich selbst, „war“ und „ist“ prallen unentwegt aufeinander. An der Oberfläche geht es um das Russland der Gegenwart; um Korruption, Putins eiserne Herrschaft, kapitalistische Moderne und Sowjetvergangenheit. Doch unter dem dünnen Firnis liegt ein Abgrund verborgen.

Das Drama erzählt von Automechaniker Kolia (Alexey Serebryakov) und seinem aussichtslosen Kampf gegen die Staatsmacht. Der feiste, korrupte Bürgermeiste Vadim (wundervoll schmierig: Roman Madyanov), rotgesichtiges Zerrbild eines jeden Lokalpolitikers, will das Haus einebnen lassen, in dem Kolia mit seiner Frau Lilia (Jelena Ljadowa) und seinem Sohn Roman (Sergej Pochodajew) lebt, um das Grundstück neu zu bebauen. Das Gericht will dem Mechaniker dafür lediglich eine läppische Summe erstatten, einen Bruchteil des eigenetlichen Wertes. Nicht unähnlich einem Michael Kohlhaas verbietet ihm vielleicht sein Sinn für Gerechtigkeit, vielleicht reine Sturheit, sich damit abzufinden: Mit Hilfe eines alten Armeekameraden, dem Anwalt Dmitri (Wladimir Wdowitschenkow) versucht er, doch nur zu seinem Recht zu kommen. Der Moskauer bringt eine wertvolle Waffe mit sich: Einen Ordner voller Beweise für Romans Korrumpierbarkeit. Welche das sind werden wir nie erfahren, von Relevanz ist, worin genau seine Schuld liegt, ohnehin nicht. Bedeutsam ist nur, dass das System sich bedroht fühlt. Und beginnt, zurückzuschlagen…

Im nunmehr nicht von Zaren oder Kommunisten, sondern von Markt und Putinismus beherrschten Russland, ist der Bürger dazu verurteilt, frei zu sein – aber immer noch vor allem dazu frei, verurteilt zu werden. Wenn Kolia vor Gericht die Fallgeschichte seines Grundstück-Disputs in einem Ton robotischer Gleichgültigkeit vorgetragen wird, erstickt jeder Anflug von Mitsprache im Wortschwall. Auch der Zuschauer kommt kaum nach – Verständnis ist nicht erwünscht. Später im Film gibt es eine ganz ähnliche Szene, nur das es statt um ein Objekt diesmal um ein Menschenleben geht. Doch der Ton ist der Gleiche, weil Menschen in diesem System den Wert von Gegenständen erhalten. Im besten Fall.

Solche Szenen systemischer Allmacht und individueller Ohnmacht fängt Kameramann Mikhail Krichman immer wieder durch Glasscheiben ein. Sie werden zu einer der Metaphern des Films. Die Grenzen im System sind heute unsichtbar. Man bemerkt sie erst, wenn man gegen sie stößt. Wir kennen die transparenten Gefängnisse, aus denen Chodorkowski oder auch die Punkband Pussy Riot in die Kameras der Welt blickten. Wenn der Film sich tatsächlich einmal in Räume begibt, ist die Kamera so positioniert, als wäre der Zuschauer selbst interniert. Nur, um in anderen Szenen plötzlich aus der Perspektive der Obrigkeit zu filmen. Kolia und Dmitri wollen einen Antrag einreichen, gezeigt wird alles vom Standpunkt der für den Zuschauer gesichtslosen Beamten. Kolia beginnt zu toben, doch zu uns dringen seine wütendes Brüllen nur dumpf. Machtlos ist, wer nicht gehört wird. Jeder Protest Kolias wird als Affront gewertet. „Ihr seid alle Insekten!“, erklärt Vadim einmal. Und: „Du Ratte hattest nie Rechte, du hast jetzt keine und wirst auch nie welche haben!“ Immer wieder positioniert der Regisseur Putins Bild hinter ihm. Es ist klar, was gemeint ist.

Im Rahmen der Ermordung von Boris Nemzow wurde viel über die Verrohung der Kultur und des Zusammenlebens unter Putin geschrieben. Von so etwas wie einer Gesellschaft ist im Drama wenig zu spüren. Alle Figuren isolieren sich mehr und mehr voneinander, irgendwann scheint jeder in seiner eigenen Sphäre. Nach etwa der Hälfte der Laufzeit verschiebt sich der Fokus der Geschichte, plötzlich geht es mehr um das Privatleben der Figuren, die politische Dimension wird über eine Reihe von Szenen hinweg ausgeblendet, fast schon vergessen. Es ist ein Moment der Verdrängung, wie es im Film viele gibt. Eskalationen finden oft nicht vor der Kamera statt, sondern irgendwo im Off. Wir hören nur fernes Rufen. Das gilt selbst für wichtige Konfrontationen und sogar den Tod. Morde finden in der Öffentlichkeit statt, aber gesehen hat sie keiner.

Die orthodoxe Kirche schaut tatenlos zu und macht sich sogar mit den Mächtigen gemein. Im Auto des Bürgermeisters hängen neben Pin-Ups verblichene Heiligenbilder. Bei persönlichen Gesprächen erzählt der Priester Weihungsvolles, wohl vor allem wegen den großzügigen Spenden, die er von Vadim erhält. Auch der Glaube ist hier ein unsichtbarer Schirm, der die Strukturen vor ihrer aufgebrachten Herde schützt. Wenn Kolias Sohn vor dem ewigen Familienzwist flieht, zieht es ihn zu seinen Freunden – in die Ruine einer Kirche. Warm halten ihn die Kameradschaft anderer Jugendlicher und ein Feuer, nicht aber die Religion und die Familie.

Kolia selbst wird später, als er in seinem Kampf beinahe schon alles verloren hat, einen Priester wütend um Rat fragen. Der erzählt ihm die Geschichte von Hiob, der alles verliert, es akzeptiert und dadurch doch noch glücklich wird.

Glaubt der Regisseur dieser Parabel? Dass der russische Staatsapparat heute längst ein Gott geworden ist, unbezwingbar und ewig? Ja und Nein. Niemand, der eine Struktur wirklich für unsterblich hält, würde sie als tot darstellen. Denn das ist das wohl bekannteste Bild aus Leviathan: Das gewaltige Skelett eines toten Wals.

Andererseits gibt der sperrige, ewig vom Unheil geschwängerte Film wenig Anlass zur Hoffnung. Alles beginnt und endet mit Wellen, denen im Bild und Philip Glass‘ musikalischen. Die formlose Gewalt hinter den Dingen, welcher Gestalt sie auch immer sei, tritt hier nur durch ihre unabänderliche Gleichgültigkeit auf. Gegen Ende des Films gibt es eine kleine Geste der Menschlichkeit, eine einzelne Kerze in der Dunkelheit. Mehr Katharsis gesteht Zvyaginstev dem Zuschauer nicht zu. (Manchmal wünscht man sich den tänzerischen Leichtmut eines Béla Tarr oder Ingmar Bergmann herbei.) Die Schlusspointe des Films lässt lachen. weil man so fassungslos ist, dass alle anderen Optionen unangemessen erscheinen. Der göttliche Schein wird zu einer Halogenleuchte unter Kunststoffverkleidung.

Man könnte den europäischen und amerikanischen Kritikern, die den Film in höchsten Tönen loben, sicher vorwerfen, ihre Laudationen seien reiner Gesinnungsapplaus. Leviathan bestätigt ein populäres Russlandbild. In der Heimat wurde der Film zensiert, Zvyaginstev gilt als Nestbeschmutzer. (Obwohl die  russische Filmkritik auch viel Gutes über den Film zu sagen hatte.)  Die Krimkrise lässt aktuell viele kalte Krieger auftauen, selbst in der Kunst. Doch Zvyaginstev geopolitischen Opportunismus vorzuwerfen, ein Anbiedern an den Westen, wäre verkürzt gedacht. Fast schon lachhaft. Zu sehr ist das Drama nicht tagespolitisch, sondern als universelle Parabel zu sehen. Seine Inspirationen trägt der Regisseur ostentativ vor sich her: Das Buch Hiob, Kleists Michael Kohlhaas, Thomas Hobbes Leviathan, Franz Kafka, Vaclav Havel, vielleicht Hermann Melville oder die Existenzialisten.

Evoziert werden wohl alle Geschichten der Menschheit, die von der hoffnungslosen Konfrontation mit dem Unbesiegbaren und dem Ewigen handeln. Dafür, dass es so etwas im Kino überhaupt noch gibt, sollte man irgendwem danken. Nur eben nicht Gott.

БЕРЕЖЁНОГО (И) БОГ БЕРЕЖЁТ

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Ein Gedanke zu “Rezension: Leviathan

  1. Sehr schöne Rezension, lese deine Texte immer sehr gerne und ärgere mich, dass die Wortwahl in meinen Kritiken die Essenz meist nicht so gut trifft. Zum Film: Die Zäsur auf der Hälfte des Films hat den Film nach meinem Empfinden zunächst etwas aus dem Tritt gebracht. Je länger der Film bei mir nachwirkt, desto besser funktioniert die Wandlung vom kritischen Gesellschaftsdrama zur klassischen Tragödie aber für mich.

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