Aardman Animations – Eine Welt voller Schafe

Shaun the Sheep the Movie

Ein wenig ist die Geschichte des Kino wie die vom Turmbau zu Babel: Am Anfang standen die Bilder, und jeder konnte sie verstehen, unabhängig von Nationalität und Herkunft. Jedes Land hat eigene Slapstick-Stars hervorgebracht, ausgestattet mit einem Vokabular aus Pantomimen und Artistik. In Amerika waren das Stars wie Charlie Chaplin und Buster Keaton, Harold Lloyd, die Marx Brothers, Laurel und Hardy. In Italien verzauberte Totò die Massen, in Frankreich war es Jacques Tati und in Indien Raj Kapoor. Doch auch wenn diese Figuren jeweils die landestypische Version eines Archetypen darstellten, konnte jeder sie genießen. Erst mit dem Tonfilm zerfiel die Welt des Kinos zunehmend und Landesgrenzen kam wieder mehr Bedeutung zu. Doch auch heute lebt die Tradition des Films als universelle Sprache weiter, wahrscheinlich selten so sehr, wie in den Filmen von Aardman Animations. Figuren wie Wallace & Gromit oder Shaun das Schaf (dessen erstes Kinoabenteuer ab dieser Woche überall in Deutschland zu sehen ist) mögen auf den ersten Blick sehr britisch sein – trotzdem begeistern sie Kinder und Junggebliebene über den ganzen Erdball verteilt.

Aardman Animations zählt zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Animationsfirmen der Welt, neben Kurz- und Spielfilmen produziert das Studio auch Musikvideos und Werbeclips. Ihr eigener Name mag nicht so vertraut sein wie Walt Disney, Dreamworks oder Ghibli; im Gegensatz zu diesen Schwergewichten verschwinden die Briten fast hinter ihren eigenen Charakteren.

Alles fing an mit dem Wunsch, ganz vorne zu stehen. Zwei Schüler, Peter Lord und David Sproxton, wurden im Klassenzimmer nebeneinandergesetzt und hatten schnell ihre gemeinsame Leidenschaft entdeckt: Filme. Durch ihre Väter, die beide Mitarbeiter bei der BBC waren, standen ihnen schon früh 16mm-Kameras zur Verfügung. Mithilfe von diesen drehten sie erste, experimentelle Animations-Clips, wirre und formlose Collagen aus zurechtgeschnittener Pappe und Farbe, die heute an Terry Gilliams Cartoonsequenzen aus Monthy Python’s Flying Circus erinnern. Die allgemeine Verständlichkeit von Shaun, Gromit und Co. lässt sich noch einfach nachvollziehen, wenn man weiß, wo ihre Erfinder erste Gehversuche unternahmen: Ihre erste professionelle Arbeit (gezahlt wurden, laut Sproxton, 25 Pfund) leisteten sie für Vision On – ein Programm der BBC für gehörlose Kinder. So entstand Aardman (vom niederländischen Wort für Natur) – ein tollpatischer Superheld, welcher ihrer neu gegründeten Firma den Namen geben sollte. Auf Aardman legten sie sich fest, weil er in allen alphabetischen Listen ganz vorne auftauchen würde.

Für das BBC-Kinderfernsehen waren die siebziger Jahre eine Zeit der Auf- und Umbrüche, Künstler fanden hier eine offene Spielwiese für Experimente. Neben klassischen Zeichentrick-Animationen experimentierten Lord und Sproxton bereits früh mit Stop-Motion Filmen. 1975 erschien Greeblies, über eine Gruppe Knetfiguren, die einen Schreibtisch verwüsten. Der kurze Claymation-Film kam so gut an, dass das Duo darauf basierend für die Vision On-Nachfolgeserie Take Hart einen eigenen Charakter entwickelte – Morph. Das wandlungsfähige Männchen erlebte allerlei Abenteuer, unterhielt sich in unverständlichem Kauderwelsch mit dem Moderator der Sendung und musste sich später mit seinem groben, unfreundlichen Bruder Chas auseinandersetzen.

(Der erste Auftritt von Morph in Take Hart)

Die Figur erfreute sich solcher Popularität, dass sie später eine ganze Reihe von eigenen Serien bekam: Zuerst The Amazing Adventures of Morph, später The Morph Files, Morph TV und zu guter Letzt ganz einfach Morph. Von letzterer erscheinen noch heute neue Episoden.

Gleichzeitig versuchten Lord und Sproxton sich zunehmend auch an ernsteren, an Erwachsene gerichteten Projekten. Grundlage der Channel 4-Reihe Conversation Pieces waren Aufnahmen tatsächlicher Gespräche, oft über gesellschaftliche und politische Themen. Den Stimmen wurden Körper aus Knetgummie zugewiesen. Der Effekt ist sehr eigentümlich und gibt den reellen Konversationen etwas Unwirkliches.

(Clip Late Edition aus der Reihe Conversation Pieces)

Internationale Berühmtheit sollten Aardman 1986 erlangen: Mit dem Musikvideo zu „Sledge Hammer“ von Peter Gabriel gewann das Studio nicht nur die bisher unübertroffene Menge von 9 MTV Video Music Awards, der Clip ist darüber hinaus auch der bis heute meistgespielte der Sendergeschichte. (Kein Wunder, wird man wohl auch beim zwanzigsten Ansehen in dem wilden Bildergewitter noch etwas Neues entdecken.) Für die Aufnahmen musste der Genesis-Frontmann 16 Stunden unter einer Glasscheibe verbringen, um sich Bild für Bild abfilmen zu lassen. Das Ergebnis ist rauschhaft, sehr trippig und verwandelt Gabriel selbst in eine seltsame, zuckelnde Cartoonfigur, deren Gesichtszüge sich immer wieder verwandeln, auflösen und neu zusammensetzen. Gerade die Sequenz mit den tanzenden Brathähnchen bewegt sich irgendwo zwischen Buñuel und Chaplins Goldrausch und bleibt im Kopf.

(Musikvideo zu „Sledge Hammer“ von Peter Gabriel)

Gemeinsam mit ihren Projekten wurde auch das Studio erwachsen und wuchs immer weiter: Lord und Sproxton begannen, neue Animationskünstler einzustellen. Einer von ihnen, ein junger Filmhochschulabsolvent mit dem Namen Nick Park, sollte zum erfolgreichsten Zögling des Studios werden. Sein Debüt gibt er 1989 für die Serie Lip Synch mit dem Kurzfilm Creature Comforts. Er handelt von Zootieren, welche die Vor- und Nachteile ihrer eigenen Gefangenschaft abwiegen. So wird dann etwa ein depressiver Gorilla gezeigt, Schildkröten in Hamsterrädern oder eine Familie von Eisbären mit ambivalenter Haltung. Für viele von ihnen sind ihre Gehege Schutz und Gefängnis zugleich. Natürlich sind die Zootiere für die, von ihren ersten Animationen an immer auch politisch motivierten, Aardman-Regisseure vor allem eine Metapher: Einige der Tiere wurden von den Bewohnern einer Arbeitersiedlung synchronisiert, andere von Senioren aus einem Altersheim. Der Berglöwe war eigentlich ein brasilianischer Austauschstudent, der sich in Großbritannien zunehmend fremd fühlte. So wird die vermeintlich belanglose Tiergeschichte zur abwiegenden Diskussion über das Leben im zeitgenössischen Großbritannien. Es ist die erste Aardman-Produktion, die mit einem Oscar (als bester animierter Kurzfilm) ausgezeichnet wird.

(Kurzfilm Creature Comfort)

Park entwickelte auch die wohl bekanntesten Figuren des Studios: Den käseverliebten, etwas schusseligen Erfinder Wallace und seinen Freund, der Hund Gromit. Gemeinsam durchlebt das Duo verschiedene Kurzfilm-Abenteuer: Sie fliegen zum Mond (Wallace & Gromit – Alles Käse, 1989), kämpfen gegen räuberische Pinguin-Gangster und Roboter-Hosen (Die Techno-Hose, 1993) oder retten eine Schafsherde vor finsteren Schurken (Unter Schafen, 1995). Für die beiden letztgenannten Filme gewinnt Nick Park zwei Oscars, der erste unterliegt bei der Verleihung – aber nur, weil er im gleichen Jahr erscheint wie Creature Comforts.

Obwohl in ihren Filmen gelegentlich ein paar kurze Sätze gesprochen werden, sind Wallace & Gromit ein typisches Stummfilm-Duo. Wie Dick und Doof, nur eben weder Dick, noch Doof. (Höchstens Wallace scheint manchmal ein wenig schwer von Begriff.) Gerade dadurch, dass die Bewegungen nie vollständig flüssig sind, immer ein bisschen ruckeln und zuckeln, entstehen eine ganz eigene Ästhetik und ein ganz eigener Charme. Der Unterschied zwischen Stop-Motion und CGI-Animationen ist, das man bei der Arbeit mit dem Stoptrick immer eine menschliche Präsenz zu spüren ist. Wenn man sich Ray Harryhausens King Kong genauer ansieht, fällt schnell etwas auf: Das Fell des Riesenaffen ist in permanenter Bewegung, als würde ein merkwürdig fokussierter Wind wehen. Tatsächlich entsteht dieser Effekt dadurch, dass die Figur vor jedem neuen Bild ein wenig bewegt wird – und zwar von Hand. Man sieht, im wahrsten Sinne des Wortes, den menschlichen Touch.

Dazu kommt ein immer zwischen feinen, subtilen Noten und brachialem Slapstick changierenden Humor. Gerne erinnert man sich an skifahrende Parkuhren und Verfolgungsjagden mit Modelleisenbahnen, an Roboterhunde, Mäuse mit Sonnenbrillen und Wallaces zahllose absurde Rube-Goldberg-Maschinen. Neben vier Kurzfilmen (2008 erscheint Wallace & Gromit – Auf Leben und Brot und wird ebenfalls für einen Oscar nominiert) sponn man bei Aardman um die zwei ungleichen Freunde auch eine Reihe von Clips, eine eigene Serie, einen Freizeitpark, es gibt sogar eine Stiftung, die ihren Namen Trägt. Und den Spielfilm Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen.

Trotz guter Kritiken und einer Auszeichnung als bester Animationsfilm bei den Academy Awards gerät ihr Leinwandabenteuer eher zum Flop. Gerade auf dem amerikanischen Markt hatten die Briten es nie wirklich leicht. Der erste Langfilm des Studios, die Gesprengte Ketten-Hommage Chicken Run – Hennen rennen, die 2000 in Zusammenarbeit mit DreamWorks Pictures entsteht, war noch ein durchschlagender Erfolg. (Die Begeisterung vieler Academy-Mitglieder trug sogar dazu bei, dass seit 2001 der Preis für den besten Animationsfilm vergeben wird.) Die Geschichte um eine Gruppe von Hühnern, die von einer Farm entkommen will, arbeitet mit einem engmaschigen Netz aus Popkultur-Referenzen und parodiert alles, von David Leans Die Brücke am Kwai über Der Flug des Phönix bis hin zu düsteren Weltkriegsfilmen. Wie schon bei Creature Comforts wird das Erzählte dadurch, dass die Hauptfiguren eben Tiere sind, kein bisschen weniger menschlich.

Innerhalb der Hühner-Gruppe ist auch der kulturelle Konflikt zwischen Briten und Amerikanern angelegt. Ein Unterschied, der Aardmans Filmen wie Flutsch und Weg, Die Piraten! – Ein Haufen merkwürdiger Typen und dem Wallace & Gromit-Film zum Verhängnis wird. Allesamt sind sie sehr charmant, in gleichem Maße beseelt und sympathisch wie alles andere aus den Aardman-Studios. Doch während die Kassen auf der heimatlichen Insel klingeln, bleiben die Säle in den Vereinigten Staaten leer. Ein Streifen nach dem anderen bleibt hinter den Erwartungen zurück.

(Werbespot Pizza-Licious für Pringles)

Doch eine wirkliche Gefahr besteht für das Studio nie, mit Werbung und Serien ist es einfach zu breit aufgestellt. Jeder Misserfolg wird an anderer Stelle wieder kompensiert. Vor allem eine Figur, die zuerst in Wallace und Gromit – Unter Schafen auftaucht, avanciert zum Publikumsliebling und Kassenschlager: Das kleine, abenteuerlustige Schaf Shaun, benannt nach dem englischen Wort für geschoren, „shorn“. Der Paarhufer spricht noch weniger als Wallace. Tatsächlich verständigen Shaun und seine Freunde sich vollständig über verschiedene Mäh-Laute.

Mittlerweile hat es Shaun auf über 130 Episoden, zahllose Merchanidse-Artikel, ein Spinoff (über Shauns kleinen Cousin Timmy) und jetzt eben auch einen Kinofilm gebracht. In Deutschland sind seine Geschichten unter anderem in der Sendung mit der Maus zu sehen.

Am erfolgreichsten ist auch heute noch oft, was intuitiv für jeden verständlich ist. Wenn Shaun in der ersten Folge seiner Serie mit einem vom Lieferwagen gefallenen Salatkopf Fußball spielt, dann kann sich daran jeder erfreuen. Shaun das Schaf – Der Film ist eine würdige Fortführung der Serie und wird auch die, die eigentlich schon zu alt für Schafe aus Plastilin und Draht sind, begeistern.

Wofür steht Aardman? Dafür, Kino zu fühlen und zu erleben, anstatt es immer rational verstehen zu wollen. Für Handwerk mit Aura statt kalten Pixelwüsten. Jeder Film der Briten ist ein kleiner, universeller Appel für die Unvernunft. Sprachlosigkeit heißt bei ihnen noch nicht, dass jemand nichts zu sagen hat. Im Gegenteil. Wenn wir sonst Menschen als Schafe bezeichnen, hat das etwas sehr abfälliges, die wolligen Vierbeiner sind vor allem ein Symbol für blinden Gehorsam und Konformität. Doch bei Aardman werden die Gemeinsamkeiten der Schafe genauso betont wie ihre Unterschiede. Ein Schaf ist dick, ein anderes dünn, eines klein und eines groß – und doch verstehen sich alle. Eben genau wie bei den Slapstickstars, wie bei Chaplin, Totò, Tati, Kapoor und Co. Wenn sie auf einer Bananenschale ausrutschen, dann lachen wir alle gemeinsam, weil ihr Scheitern und ihre Triumphe Erfahrungen sind, die jeder Mensch kennt. Und auch wenn Shaun ein Schaf, Gromit ein Hund und Morph sogar ein nur vage humanoider Knetgummie-Blob ist – für sie gilt das Gleiche.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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