Dem Adel verpflichtet: Was macht eigentlich Florian Graf Henckel von Donnersmarck?

Florian Henckel von DonnersmarckErinnert sich noch jemand an Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg? Der dynamische, junge CSU-Abgeordnete und Bundesminister mit dem ellenlangem Namen und Adelstiteln en masse galt vielen einst als neuer Hoffnungsträger der deutschen Politik. Die Deutschen liebten ihn, die meisten zumindest. Doch schon bald stellte sich heraus, dass sein Charme sein Talent bei weitem überstieg und sowohl seine Politik als auch er wurden der Scharlatanerie überführt. Folge: Rückzug aus der Öffentlichkeit, Flucht nach Amerika, vorsichtiges Abtasten der Möglichkeiten für ein Comeback. Und ein Buch: Vorerst gescheitert, ein gebundener Rechtfertigungsversuch.

Ende 2010, nur drei Monate, bevor zu Guttenberg alle politischen Ämter niederlegte, hatte man noch folgendes über ihn zu sagen: „Ich könnte mir vorstellen, dass KT mit den gleichen Prinzipien von Ehre und Anstand erzogen wurde, die auch mir eingeimpft wurden.“[1] Diese Worte stammen von seinem Cousin, zu diesem Zeitpunkt ebenfalls kein ganz unbedeutender Mann: Florian Graf Henckel von Donnersmarck.

Erinnert sich noch jemand an Florian Graf Henckel von Donnersmarck? Der dynamische, junge Regisseur und Drehbuchautor mit dem ellenlangem Namen und Adelstiteln en masse galt vielen als neuer Hoffnungsträger des deutschen Kinos. Die Deutschen liebten ihn, zumindest die meisten. Auch in Amerika war er erfolgreich. Doch schon bald stellte sich heraus, dass sein Charme sein Talent bei weitem überstieg und sowohl seine Filme als auch er selbst wurden der Scharlatanerie überführt. Folge: Rückzug aus der Öffentlichkeit, Flucht nach Amerika (mehr geistig als physisch), vorsichtiges Abtasten der Möglichkeiten für ein Comeback.

Und eben auch ein Buch. Es trägt den Namen Kino! (erschienen Anfang des Monats im Suhrkamp Verlag) und vereint von 2007 bis 2013 veröffentliche Feuilleton-Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, allesamt über das von ihm gewählte Metier. Es ist erheblich dünner als das von zu Guttenberg und scheint, zumindest auf den ersten Blick, auch keine Verteidigungsschrift zu sein.

Und wofür überhaupt verteidigen? Wogegen? Immerhin wurde bereits von Donnersmarcks Langfilmdebüt, das Stasi-Drama Das Leben der Anderen mit Ulrich Mühe und Sebastian Koch, zum Oscargewinner. Zuerst wurde es in Kinos auf dem gesamten Erdball gezeigt, dann sogar in deutschen Klassenzimmern. Der Graf (Nicht der Schlagermusiker) hatte nicht nur Kinogeschichte geschrieben, sondern war plötzlich zum Teil des nationalen Vermächtnisses geworden.

Die Welt stand ihm offen, die Pforten Hollywoods ohnehin. Von Donnersmarck brüstete sich mit den zahllosen Optionen, die man ihm offerierte, wollte sich aber lange auf keine wirklich festlegen. Man bot ihm Wunschprojekte wie eine Wagner-Inszenierungen an, doch er lehnte standhaft ab: Er wolle doch kein Remake inszenieren. Es galt immerhin zu beweisen, dass hier keine Eintagsfliege am Werk war. Kein One-Hit-Wonder, dem Steven Spielberg nach der Oscarverleihung zu Recht gesagt hatte: „Das wirst du nie verkraften.“[2]

Tatsächlich wies er dann beharrlich alle zurück, bis plötzlich Angelina Jolie anrief und in jeder Hinsicht unwiderstehlich schien. Ihr Projekt trug den Namen The Tourist, ein Remake des gerade einmal fünf Jahre jüngeren, französischen Thriller Fluchtpunkt Nizza (heute auch als Anthony Zimmer bekannt). Das Script kam mit einer bewegten Vergangenheit daher, gleich mehrfach wurden Cast und Regisseur gewechselt. Henckel von Donnersmarck schrieb das Drehbuch um und besetzte die männliche Hauptrolle mit Johnny Depp, der jedoch nur wenig Zeit hatte, bis er zum Dreh vom vierten Teil der Fluch der Karibik-Reihe weiterreisen musste. So standen für die Dreharbeiten des Films gerade einmal 58 Tagen zur Verfügung, der Film entstand (ab der Übernahme von Donnersmarcks) in unter einem Jahr.

Die hanebüchene Mischung aus Thriller und Komödie um Mathelehrer und Tourist Frank, der während einer Zugreise einer mysteriösen Frau begegnet, war (zumindest rein finanziell gesehen) kein Flop. Das rechnet von Donnersmarck auch gerne auf der Lese-Tour zu Kino! vor, mit der er gerade durch die Literaturhäuser, Kunsthallen und Museen der Republik zieht; das erste Lebenszeichen des ehemals Omnipräsenten seit einer halben Dekade. Immerhin 280 Millionen nahm der Film an den Lichtspielhaus-Kassen ein, bei Kosten von etwa 100 Millionen. Zum Flop habe dann erst die Presse den Streifen heruntergeschrieben.

Und überhaupt, die Presse! Enttäuscht sei er gewesen, erklärt er einem Publikum aus Senioren und Studenten im Deutsch-Amerikanischen Institut am Dienstag, den 24.03. in Heidelberg. Ursprünglich habe er immer darauf gehofft, irgendwann einen Film zu machen, der von der Kritik besprochen würde. All diese klugen Menschen, all diese Möglichkeiten, allein zum ästhetischen Wachstum! Doch dann sei die Ernüchterung gekommen: Gleichförmig habe man sich geäußert – das „gleichgeschaltet“ schwingt im Unterton mit. Selbst die positiven Rezensionen hätten sich falsch angefühlt, resümiert er. Kurz danach will er auf die Kritiken zu The Tourist zu sprechen kommen, doch sein Satz endet im Nichts. Donnersmarck bricht ab und beginnt plötzlich, ohne längere Pause, ganz woanders.

Es wirkt wie ein Moment der Verdrängung: Viel übrig hatte für den Film kaum einer etwas. In der Süddeutschen Zeitung wurde dem Filmemacher handwerkliche Inkompetenz vorgeworfen, neureiche Egomanie und Größenwahn. In den USA gestand Roger Ebert ein, es gäbe schon einen Weg, so einen Film zu machen – der Regisseur hätte ihn nur leider nicht gefunden. Und in der Zeit urteilte Christof Siems harsch: „Der Tourist, das ist die Bunte als Daumenkino in XXL.“ Paul Bettany bezeichnet die Entscheidung für den Film, statt für die Hauptrolle in The King’s Speech als größten Fehler seiner Karriere. Und Angelina Jolie meinte, sie habe die Rolle ohnehin nur angenommen, weil die Dreharbeiten kurz und in Venedig gewesen wären. Für viele beleuchtete dann sein Zweitwerk gleich auch die Schwächen des Debüts, in der taz etwa hieß es: „Genauso gut kann man sich daran erinnern, dass schon an Das Leben der Anderen einiges Kolportage und grob zuspitzend war. Hier kehrt die Grobheit als protzige Preziose wieder.“

Verbitterung und Frustration, nicht nur gegenüber der schreibenden Zunft, schwingt in vielen der Texte aus seinem knapp über 100 Seiten langen Büchlein mit. Gleich der erste (Im Labyrinth des Minotaurus), den er auch bei den Lesungen vorträgt, handelt von dem Kampf mit dem System Hollywoods. Von Studios, die Superheldenfilmen und Fortsetzungen sofort grünes Licht geben, aber Wagnisse fürchten. „Ich stürze lieber mit Ikarus nach hohem Flug, als dass ich im Labyrinth des Minotaurus gefangen bleibe.“, schreibt er. Es geht ihm darum, dass ein ambitionierter Fehlschlag lieber ist, als der Erfolg mit dem Mittelmaß.

Nur: Worin bestehen eigentlich die donnersmarckschen Ambitionen? Was will er? Bestimmt versucht ein Film wie The Tourist viel – nur viel wovon? In Kino! geht es gleich mehrfach um Ursprünge, um die cineastische Erweckungserfahrung. Ein Kapitel widmet sich einem frühen, vielleicht dem ersten Kinoerlebnis. Sein Vater wollte im MOMA mit dem vierjährigen Sohn Doktor Dolittle sehen, stattdessen lief aber das sinnliche Eifersuchtsdrama Varieté. Es gehe ihm um das Verbotene am Film, erklärt er dazu. Ob er damit die plumpe Katalog-Erotik seines Werks meint? Als positives Beispiel für die Darstellung von Sex nennt er in einem Text ausgerechnet die Teenager-Komödie Superbad.

In seiner Bewerbung für eine Regie-Praktikum bei Richard Attenborough (den Text Warum ich mich für das Kino entschieden habe verfasst er im Alter von 22 Jahren und läutet damit seine Karriere ein) sagt er davon nichts und bietet einen anderen Ansatz: Er beginnt bei Pomp und Dramatik von Star Wars, hangelt sich mühsam über Platons Politeia zu C. S. Lewis und schließlich zu Steven Spielberg. Dann zur DDR und dem Freiheitsgefühl, für das Zurück in die Zukunft steht, weil Michael J. Fox seine Freundin mit einem Sportwagen abholt. Zuletzt landet er bei eigenen Ideen, er erzählt eine Grusel- und eine Fantasy-Geschichte. Genau wie über die gesamte Textsammlung hinweg will sich das Gefühl einer wirklichen Aussage und Positionierung nicht so richtig einstellen. Alles wirkt unentschlossen, widersprüchlich und ein bisschen wie Bildungshuberei.

Was man bei von Donnersmarck, sowohl in Interviews als auch in seinem Büchlein am stärksten spürt, ist eine Verehrung für den amerikanischen Mainstream, der ein wenig mehr sein will als nur das: Gladiator, A Beautiful Mind, Der talentierte Mr. Ripley. Immer wieder Täglich grüßt das Murmeltier und Zurück in die Zukunft.

The Tourist, aber auch schon Das Leben der Anderen will sein wie sie: Groß und schön, betörend, überwältigend und romantisch. Vielleicht ein wenig deutscher und beschaulicher. (Immerhin schlägt Florian Henckel von Donnersmarck im Buch sogar eine Quote für inländische Filme für die deutschen Verleiher vor.) Und immer mit klarem Fokus auf Schauspieler, die er über das Drehbuch und die eigentliche Regiearbeit zum Kern des Filmerlebnisses erhebt. (Drei Kapitel zeigen, wie er die Akteure sieht: Den Schauspieler als Scheinwerfer, den Drehbuchautor als Liberettist, den Regisseur als Lügendetektor.)

Es treibt ihn also die Liebe zum dem Medium, das ihm als Kind vorgestellt wurde. Kino! – mit einem Ausrufezeichen, welches wohl jugendliche Begeisterung zeigen soll. Manchmal wäre auch ein Punkt oder sogar ein Fragezeichen angebracht. Florian Henckel von Donnersmarck ist dann leider nie so richtig erwachsen geworden mit seinem Filmschaffen. Sein Kino buchstabiert alles aus, wohl weil Kinogänger für ihn noch immer das Kind sind, dass er einmal war.

Paul Cooke von der Universität Leeds attestierte von Donnersmarck, er nutze „seine europäische Perspektive nicht, um das Hollywood-Kino zu kritisieren, sondern um es zu erhöhen.“[3] Aber die Bilder der Traumfabrik zu erhöhen ist natürlich wie Eulen nach Athen zu tragen. Er reproduziert die Ästhetik, die er verehrt. Aber aus Verehrung entsteht nur selten Kunst. Kult und Kultur sind nicht das gleiche. The Tourist funktioniert nicht, weil der Film wenig mehr zeigt als die großen Bilder Hollywoods, es ist eine Blähung ohne Substanz. Die Seele, in die er sich wohl ursprünglich verliebt hatte, fehlt. Das Leben der Anderen mag gerade noch die richtige Größe gehabt haben, es fällt im Rückblick schwer zu sagen. Wohl eher gilt das Gesetz der verminderten Wiederkehr: Gelöst vom einstmaligen Hype verliert der Film mehr und mehr.

Ein paar Lacher hat der Graf auf seiner Seite, in seinem Buch genau wie beim Austausch mit seinem Publikum. Nicht nur wegen seiner ulkigen Frisur, sondern auch wegen einfachen Zielen und Allgemeinplätzen: Die Studios, Fortsetzungen, die Kritiker, Fernsehproduktionen. Aber am Ende bleibt man unbefriedigt zurück, hat das Gefühl, mehr Schein als Sein erlebt zu haben. Mehrfach fragen Zuschauer nach seinem nächsten Film. Die Antworten bleiben vage und wecken wenig Freude auf ein Comeback.

Und da drängt sich wieder der Vergleich mit seinem Cousin auf, mit Karl Theodor zu Guttenberg. Beiden merkt man an ihren Büchern und Äußerungen an, wie sie sich fühlen: Wie vom Mob entthronte Monarchen, die darauf warten, dass endlich wieder Ruhe einkehrt. Als Tyrannen missverstandene, zutiefst gütige Herrscher, die das Unrecht, dass man ihnen angetan hat, kaum fassen können. Ihre Veröffentlichungen strotzen von einer hinter Paternalismus allzu deutlich hervorschimmernden, adeligen Überheblichkeit. Beide hoffen darauf, dass ihre Fehler einfach vergessen werden. Veränderung, Selbstkritik, das alles wäre ein Eingeständnis der Schuld und ein Zeichen von Schwäche. Das ist dann wohl mit den gleichen „Prinzipien von Ehre und Anstand“ gemeint: Eine behäbige, selbstgerechte Beständigkeit gegen eine Welt, die sie nicht mehr will. Adel verpflichtet, das mag sein. Aber sowohl Kinopublikum als auch Wählerschaft sollten wissen: Niemand ist dem Adel verpflichtet.

[1] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77299780.html

[2] http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-kino-the-tourist-not-in-venedig-1.1034888-2

[3] „The Lives of Others“ and Contemporary German Film A Companion, Ed. by Cooke, Paul

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Ein Gedanke zu “Dem Adel verpflichtet: Was macht eigentlich Florian Graf Henckel von Donnersmarck?

  1. Ehrlich gesagt: Der Vergleich mit Ikarus trifft die Situation von v. Donnersmarck auf den Punkt. Wenn gleich der Debütfilm die höchsten Weihen der Filmbranche – also für einen deutschen Film – erhält, kann er danach nur „abstürzen“. Dass der Fall dann so deutlich war, ist wohl dem hohen Spieleinsatz geschuldet (Jolie, Depp). Hätte er einfach einen kleinen Indie-Film danach gemacht, wäre das vielleicht auch als Fingerübung abgetan worden. Aber: Nach seinem eigenen Selbstverständnis ist er ein großer Zampano. Schmalspur-Denken ist nicht sein Metier. Die Hybris hat ihn zu Fall gebracht, Bescheidenheit wurde für andere erfunden. Es wird nur die Frage sein, ob er sein restliches Leben damit verbringt, seine offensichtlich tiefe Gekränktheit zu verdauen.

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