Rezension: Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex.

DerKleineTod_PlakatWas genau macht Sex eigentlich so komisch? Warum handeln so viele Komödien von Sex? Wer sich durch die Geschichte des Humors kämpft (und nichts gleicht mehr einem Kampf, als einem Witz in seiner Entstehung beizuwohnen), der stellt schnell fest, dass der menschliche Körper und all seine Absonderlichkeiten schon so lange der Erheiterung dient, wie er existiert. Wahrscheinlich sogar noch länger.

Es gibt gleich eine Reihe von Gründen dafür: Oft witzeln wir über Geschlechtsverkehr, um unsere eigene Unsicherheit mit dem Themenkomplex zu überspielen. Nicht lässt Teenager mehr zu rotköpfigen Hyänen werden, als der Sexualkundeunterricht. Und ein Teil des Heranwachsenden, der überfordert und unsicher kichert, lebt ewig in uns weiter. Lange war das Sujet tabu, als unrein und sündig gebrandmarkt, der Humor entstand aus der Grenzüberschreitung. Humor ist ein immer ein Raum, in dem man Themen erproben kann, bevor sie gesellschaftsfähig werden. Oft richtet er sich gegen das Unbekannte und Fremde und wird zum Gradmesser für Normales, Anerkanntes und das Unnormale, Fremde.

Der kleine Tod, der neue Film des australischen Regisseurs Josh Lawson, nimmt sich Fetischen an, die selbst in dieser vermeintlich übersexualisierten Zeit noch als Devianz gelten. Fünf Paare wählt er exemplarisch als Vertreter einer vielleicht befreiten, vielleicht schon enthemmten Gesellschaft.

Paul (Regisseur Josh Lawson selbst) sehen wir in der ersten Szene des Films an Zehen saugen, in einer Nahaufnahme. (Explizierter wird es nie, Sex ist in der Komödie meist eine sehr saubere, fast klinische Angelegenheit. Vielleicht liegt es an der permanenten ironischen Brechung, aber selbst Fifty Shades of Grey bebildert den Akt radikaler.) Seine Frau Maeve (Bojana Novakovic) hingegen fantasiert davon, vergewaltigt zu werden. Als Paul einem Freund davon erzählt lamentiert dieser: “Was ist nur aus ganz gewöhnlichem Durchschnitts-Sex geworden?”. Paul stimmt ihm unsicher zu. Seine Liebe zu Füßen verschweigt er lieber.

Dan (Damon Herriman) entdeckt seine Liebe zum Rollenspiel, die ihn bald übermannt. Rowena (Kate Box) will schwanger werden, doch irgendwie will das mit Richard (Patrick Brammall) nicht funktionieren. Ihr Arzt (der scheinbar noch nie von Masters und Johnson gehört hat) betont die „entscheidende Rolle“ des Orgasmus für das Unterfangen. Das Problem: Das Einzige, was sie wirklich erregt, ist wenn ihr Mann weinen muss.

Die mit großem Abstand überzeugendste Szene teilen sich Sam und Monica (T.J. Power und Erin James). Er ist gehörlos, sie eine langsam ertaubende Gebärdensprachdolmetscherin. Als er eines späten Abends bei einer Erotikhotline anrufen will und sie als Übersetzerin zwischengeschaltet wird, entspinnt sich eine Situation, die mit für den Film ungewohnter Zartheit erzählt wird. Es ist das einzige Mal, dass die babylonische Verwirrung der Sehnsüchte wirklich erfasst wird.

Zudem wandelt durch all diese Geschichten noch Steve (Kym Gyngell), ein verurteilter Sexualstraftäter, der verpflichtet ist, sich allen in der Nachbarschaft vorzustellen. Mit Golliwog-Keksen entführt er sie in die eigene Kindheit („Golliwogs! Die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen.“), womit der Grund des Besuchs fast nebensächlich wird…

Alle Gelüste führen die Paare, fast unvermeidbar, in zunehmend absurde Situationen. Dan etwa fühlt sich als Schauspieler bald zu Höherem berufen und Rowena greift immer tiefer in die Trickkiste, damit bei ihrem Partner die Tränen fließen. Die Ensemblekomödie besteht aus Kurzfilmen, die etwas grob zusammengeschnitten werden. Nicht immer leuchtet die Struktur des Films ein, sie wirkt brüchig und trotz dem Versuch der Verknüpfung wie Stückwerk. Jede Geschichte eskaliert das Verlangen und seine Folgen zunehmend – zunächst auf der Suche nach immer lauteren Lachern, dann schlussendlich, um tatsächlich etwas über das Wesen von Beziehungen und Sexualität zu ergründen.

Wo die Lacher noch meist glücken, vor allem wegen überzeugendem Timing, soliden Dialogen und fast enthusiastischen Schauspielern, scheitert die Wahrheitsfindung an einem Mangel an Erkenntnis bei Autor und Regisseur Josh Lawson. Wenig stilsicher gleitet er, sobald es emotional wird, ins Melodramatische ab und kitscht jeden Anflug von Reflexion ins Land der Popballaden.

Der kleine Tod will der Umgang mit der Thematik nicht recht gelingen: Wer über Fetische und Absonderlichkeiten sprechen will, der muss sie sowohl Verführerisch als auch Abschreckend darstellen. Vor allem aber muss, wer ein Bild moderner Sexualität zeichnen will, seinen engen Blick erweitern. Im Film sind alle Paare weiß, schlank und heterosexuell. Das ist nicht nur langweilig, sondern in diesem Kontext auch schlicht und ergreifend kontraproduktiv. Der Eindruck entsteht, als könnte der Regisseur den Themenkomplex seiner Zielgruppe nur zumuten, wenn wenigstens alles um sie herum von maximaler Normalität geprägt ist.

Darüber hinaus hinterfragt der Film seine stellenweise fragwürdig handelnden Figuren zu wenig: Wenn ein Ehemann seine Frau mit Schlafmittel betäubt, um mit ihr Sex zu haben, dann ist das Missbrauch – darüber kann kein noch so guter Witz, kein noch so anrührendes Geständnis, etwas ändern.

Am Ende stellt sich die Frage: Lacht der Regisseur (bzw. sein Film) mit oder über die Fetischisten? Will er sie normalisieren oder zeigt er mit dem Finger auf das Verlangen anderer, um sich selbst in seiner Normalität zu bestärken? Die Antwort ist: Beides gleichermaßen. Unentschlossen scheint Lawsons Drehbuch, gleichzeitig urteilend und affirmativ. Die Hochglanz-Kamera gibt allem den Anklang einer romantischen Komödie, nur um dann (gerade am Ende) immer wieder doch harsch zu urteilen. So kommt der Handlungsstrang über das Rollenspiel zu dem Schluss, dass jede Rolle eine Flucht vor dem als minderwertig empfundenen Selbst darstellt. Das kann man so sehen, nur sollte man sich dann eben nicht einen progressiven Geist auf die Fahne schreiben.

Und so bleibt nur, sich zu einem unter Cineasten sehr verbreiteten Fetisch zu bekennen: Gut geschriebene und strukturierte Drehbücher; kohärente Geschichten; Filme, die großes Ganzes statt Stückwerk sind. Kein Cinephiler wird hier den keinen kleinen Tod sterben, die Erregung hält sich in Grenzen. Es ist ein Film ohne Orgasmus – die Freude am eigentlichen Vorgang, am Auf und Ab, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Endeffekt unbefriedigt zurückbleibt.

(Dieser Film wurde auch im Longtake Podcast besprochen.)

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