Explosionen auf dem Boulevard der Dämmerung: Von alternden Actionhelden

„Ich bin groß. Die Filme sind es, die heute keine Größe mehr haben.“, behauptet die alternde Diva Norma Desmond in Billy Wilders Boulevard der Dämmerung. Hochmütig stolziert sie durch die Ruinen ihres einsamen Anwesens. Nur gelegentlich kommen Andere, die, wie sie, ihre besten Tage hinter sich haben, zum Bridge spielen vorbei. Etwa Buster Keaton oder H. B. Warner.


(Norma Desmond in Sunset Boulevard von Billy Wilder)

Würde man den Film heute neu auflegen, sie würden wohl nicht mehr passiv in trauter Einigkeit der Vergangenheit nachsehnen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie Dinge in die Luft sprengen und Bösewichte jeden Couleurs erschießen, erschlagen oder erwürgen würden. Norma Desmonds Villa hätte neben dem Swimmingpool wohl auch einen gut ausgestatteten Trainingsraum.

Buster Keaton war 55, als der Film erschien. Darüber kann Liam Neeson nur lachen. Der britisch-amerikanische Darsteller ist 63 Jahre alt. Bekannt wurde er mit Rollen wie Oscar Schindler aus Spielbergs Schindlers Liste, begonnen hat er seine Karriere in Belfast, als Bühnendarsteller. In den vergangenen Jahren hat er mehr Actionfilme gedreht, als manche Stars in Jahrzehnten. Schon zuvor hatte er gelegentlich Rollen dieser Art übernommen, doch keiner hätte Neeson je wirklich als Actionstar bezeichnet. Doch nach dem Erfolg von 96 Hours (Originaltitel: Taken; der Film spielte bei Kosten von etwa 25 Millionen US-Dollar fast das Zehnfache ein) im Jahre 2008 und einer persönlichen Tragödie stürzte er sich Hals über Kopf in das Genre. Das ist nun sieben Jahre her. Seitdem hat Neeson in Das A-Team – Der Film mitgespielt, in Kampf der Titanen und Zorn der Titanen. In Battleship, in Unknown Identity, The Grey – Unter Wöfen und Non-Stop. Ende 2014 war er in den deutschen Kinos mit Ruhet in Frieden – A Walk Among The Tombstones vertreten, im Januar 2015 folgte der nunmehr dritte Taken-Streifen. In dieser Woche läuft Run All Night in den deutschen Kinos an.

Natürlich ist er bei weitem nicht der einzige Rentner-Rambo der Gegenwart. Das Actionkino hat momentan etwas Geriatrisches – auch dort ist der demographische Wandel zu spüren. Das Genre ist voll mit alten oder alternden Männern, wie Bruce Willis (60), Kevin Costner (60) Denzel Washington (60), Sylvester Stallone (68) oder Harrison Ford (72), Keanu Reeves (50), Tom Cruise (52) und Jean-Claude Van Damme (54). Neben Sean Penn (54) stellen sich bald auch Mel Gibson (59, Blood Father) und John Travolta (61, I Am Wrath) in diese Reihe. Der demographische Wandel scheint auch vor dem Actiongenre keinen Halt zu machen.

(Der Cast von The Expendables 3 beim Filmfestival in Cannes 2014, Bildquelle: Georges Biard / CC BY-SA 3.0)

Was all ihre Darbietungen und Rollen verbindet ist, dass sie zwar gealtert, aber nicht gereift sind. Wenn Stallone sie wieder und wieder zu den Expendables zusammenruft, dann spielen sie dieselben Rollen und stehen für die gleichen Ideen und Bilder wie in den 1980er und 1990er Jahren. Nur an ihren Körpern nagt die Zeit. Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Warum eigentlich? Warum sind die Helden von heute in vielen Fällen die Helden von gestern? Woher kommt diese Retromanie, warum kann die Popkultur (wie Simon Reynolds in Retromania schreibt) nicht von ihrer eigenen Vergangenheit lassen?

Auf der Suche nach einer Antwort sollte man die Veteranen erst einmal grob in zwei Lager unterteilen. Zum einen wären da die Altgedienten des Reagan-Kinos. Schwarzenegger, Stallone und Co. zehren heute noch vom Ruhm einer vergangenen Ära. Sie wurden Weltstars in einer Zeit, in der amerikanische Regisseure und Zuschauer auf der Leinwand eine neue Eindeutigkeit suchten. Hatte der Hayes-Code bis in die 1960er Jahre jegliche moralische Ambivalenz in Filmhelden unterbunden, brachten die Pioniere des New Hollywood gleich eine ganze Reihe von Nicht- und Anti-Helden hervor. Dieses revolutionäre Potential, geboren aus den Scherben des Studiosystems, verlor sich schnell unter dem Druck der Kulturindustrie: Mit der Geburt des Blockbusters 1975 verschwanden viele dieser mutigen Vorstöße. Im Laufe der 1980er Jahre und der Reagan-Administration wich die Gebrochenheit der Vietnam-Generation einer neuen, ostentativen Härte. Die wortkargen Cowboys der Gründerzeit kehrten wieder zurück in die Gegenwart und ließ die Amerikaner ihre Welt- und Allmachtsfantasien zumindest im Kino ausleben.

Es ist ein Muster, das sich nun wiederholt – mit denselben Protagonisten. Auch Afghanistan- und Irakkrieg brachten keine klassischen Kriegssiege, Hollywood liefert seinen Beitrag zur nationalen Selbstbild-Konsolidierung. Nachdem es um die Jahrtausendwende stiller um sie geworden war, sind sie nun alle wieder da. (Neu ist vor allem die Ironie, die jeder ihrer Zeilen und Gesten innewohnt. Als wären sie selbst unsicher, ob das Publikum sie noch sehen will, auch um Kritikern schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln zu nehmen, witzeln sie, was das Zeug hält über ihre eigene Rüstigkeit. Serien wie R.E.D. – Älter, Härter, Besser oder die Expendables-Filme sind immer auch Komödie.)

Zum anderen gibt es auch Darsteller wie Tom Cruise, Sean Penn, Denzel Washington, Nicolas Cage, Ethan Hawke oder eben Liam Neeson selbst. Sie waren früher eher im Indie- und Prestigekino beheimatet. Statt wie früher goldenen Oscar-Statuen, jagen sie heute oft osteuropäischen Terroristen und Gangstern nach.

Ins Genre zieht sie zum einen der Wunsch, weiter zu arbeiten und relevant zu bleiben. Natürlich geht es auch um Geld, aber nicht nur. Der Huffington Post erklärt Ethan Hawke: „Gattaca doesn’t get made today […] Hamlet wouldn’t come out today. No way. So I had to start working in genre films to stay relevant and try to tell politically interesting stories using the genre. I feel like it’s the ’50s. Like, I had to make some Roger Corman drive-in movies to keep the indie spirit alive. That’s where independent cinema is living right now.“

Was Ethan Hawke sagen will: Das mittelgroße Projekt ist vom Aussterben bedroht. Immer stärker verlagern sich die Studio-Gelder zu den zwei extremen Polen der Produktionskosten: Hin zu winzigen Minimalprojekten und den großen Tentpole-Blockbustern, die sich keinerlei Risiko und Novität erlauben können. Das Mittelfeld, in dem sich Darsteller wie Liam Neeson immer am wohlsten gefühlt haben, verschwindet.

Gleichzeitig wird das Star-System zunehmend brüchig. Selbst Tom Cruise hat mit dem unterhaltsamen SciFi-Actionfilm Edge of Tomorrow einen Flop hingelegt. Kein Darsteller ist heute noch Garant für einen Kassenerfolg. Und Franchise-Giganten wie die Marvel-Filme verkaufen sich nicht über Menschen und Schauspieler, sondern vor allem über schon vorher bestehende Marken, über Vertrauenszuschüsse des Publikum und Erwartbarkeit. Hier ist das Cinematic Universe der Star. (Das ist auch einer der Gründe, warum es noch keine wirklichen Nachfolger gibt. Darsteller wie Chris und Liam Hemsworth, Chris Pratt, Aaron Taylor-Johnson, Andrew Garfield, Josh Hutcherson, Chris Pine, Taylor Lautner, Kyle Gallner, Logan Lerman, Jai Courntey, Evan Peters und Co. können sich (noch) nicht gegen die Größer ihrer Franchises behaupten. Viele von ihnen werden aufgesogen von Young Adult-Romanverfilmungen, die längst nicht alle so erfolgreich sind wie die Hunger Games-Serie.)

Viele der ehemaligen Großen gehen demnach zu kleinen Filmen, um Identität und Selbstbestimmung zu behalten, um eigene Ideen mit einbringen zu können. The Gunman etwa, Sean Penns Weg zum Action-Star-Dasein hat er selbst mitproduziert, gemeinsam mit Taken-Regisseur Pierre Morel, der schon Liam Neesons neue (Leinwand-)Identität mitgestaltete.

Beide dieser Gruppen verbindet ein entscheidender Faktor: Viele dieser Filme spielen Geld ein. Auch Taken 3 kann auf dem internationalen Markt noch über 300 Millionen US-Dollar in die Kassen spülen. Oft sind es günstige Produktionen, ein Großteil ihres Budgets besteht in der Gage des jeweiligen Stars. Eine treue Fangemeinde reicht in diesen Fällen, um Kosten zwischen 10 und 50 Millionen US-Dollar wieder hereinzuholen. Der internationale (vor allem der Blockbuster- und Actionbesessene chinesische) Markt machen diese Projekte möglich.

Zudem bedienen sie ein starkes Nostalgie-Gefühl. Wenn Bruce Willis als John McClane in Stirb Langsam – Ein guter Tag zum Sterben, mit Wehmut in der Stimme über Frank Sinatras vergangene Größe sinniert, dann spricht er auch über sich selbst, über das Genre und das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Die alternden Actionstars führen ebenso gealterten Kinogängern ihre eigene Relevanz vor Augen. Diese Filme sind Antidot gegen die Angst mancher, angesichts gesellschaftlicher Diversifizierung und größerer Teilhabe und Selbstbestimmung von Frauen, einfach irrelevant zu werden. Schon im ersten Stirb Langsam-Film muss John McClane seine Ehefrau wieder für sich gewinnen. Sie führt seinen Nachnamen nicht mehr und definiert sich über ihre Karriere, nur am Ende doch wieder glücklich in seinen Armen zu liegen. Und Neesons Bryan Mills muss nicht umsonst im ersten Taken-Film seine Tochter und im zweiten seine Ehefrau retten. Es ist die ultimative Machtfantasie für den Familienvater in der Midlifecrisis: Gebraucht zu werden, die Kontrolle übernehmen, unabhängig vom eigenen Alter. (Und auch die Darsteller fühlen sich in solchen Rollen wohl, sonst würden sie nicht immer wieder zu ihnen zurückkehren.)

Gleichzeitig spiegeln diese Helden das neue Selbstbild Amerikas wieder: Das einer ehemaligen Großmacht, die sich zurücksehnt nach vergangenen Glanzzeiten. Wäre China als Markt für diese Filme nichts so bedeutsam, sie wären der Feind der Stunde. Taken spielt in Frankreich, kommt von einem Franzosen, aber ein Amerikaner muss den folternden, harten Welt-Polizisten spielen, damit am Ende wieder alles im Lot ist.

„Ich bin groß.“, behaupten also Zielgruppe und Darsteller. Sie wollen sich groß fühlen, aber der modernen Welt mit ihren immer komplexeren Regeln sind sie häufig nicht gewachsen. Also flüchten sie in kleine Filme, in denen Gut und Böse so einfach sind, wie nie zuvor. Es ist ihr persönliches Boulevard der Dämmerung, ein Ort der ewigen Wiederkehr, in der die Gestalten der Vergangenheit ein ungesundes Zombieleben führen. Ein Ort, an dem noch ein Expendables 4 und 5 folgen werden. Arnold Schwarzenegger kehrt mit Terminator Genisys und einem neuen Conan-Film zu seinen Ursprüngen zurück. Harrison Ford wird noch einmal Indiana Jones, noch einmal Replikant Rick Deckard und noch einmal Han Solo spielen. Wie oft er sich beim aktuellen Star Wars: Episode VII-Dreh verletzt hat, kann man nur noch schätzen. Sylvester Stallone wird in Creed wieder Rocky Balbo mimen.

Norma Desmond sagt später im Film: „Ein Star wird niemals verlassen. Das ist, was ihn zum Star macht.“ Man kann für sie alle nur hoffen, dass sie Recht hat.

Und Liam Neeson? Der wird gerade für Martine Scorsese zum Priester, in dessen nächstem Film Silence. Und ein bisschen Stille hat er sich, nach all der Aufregung, nach all den Toten und Explosionen, sicherlich verdient.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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