James Franco – Ein Selfie des Künstlers als junger Mann

Es gibt Titel, auf die man nicht unbedingt stolz sein muss. „King of Selfies“ ist ein solcher Titel. Das moderne Handy-Selbstporträt weckt viele negative Assoziationen: Narzissmus, Eitelkeit, ein übersteigertes Bedürfnis zur Selbstdarstellung. Die Amerikanische Gesellschaft für Psychologie (APA) nimmt sogar an, dass zu viele Selfies Ausdruck einer Geistesstörung sein könnten.


(James Franco; Copyright: Bridget Laudien / Wikimedia Commons)

James Franco sieht das anders. In einem New York Times-Essay über „Die Bedeutung des Selfies“ erklärt der amerikanische Schauspieler und Regisseur sogar, es würde ihn abschrecken, wenn von einer Person in den sozialen Netzwerken keine Selbstbilder verfügbar wären. Er wisse ja schließlich nicht, mit wem er es hier zu tun habe. James Franco ist Schauspieler und Regisseur, verfasst Drehbücher, Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Essays. Er ist zudem Maler, Fotograf und Videoinstallateur. Es würde weniger lang dauern, alle Felder aufzuzählen, in denen er sich nicht schon versucht hat. Franco versteht sich vor allem als Künstler, als Universalmensch nach Vorbild der Renaissance. Oder als ein zeitgenössisches Mitglied der von ihm so verehrten Beat Generation, denen der unmittelbare, spontan improvisierte und permanente Ausdruck alles galt. Dabei hat seine Kunst oft auch etwas von einem Selfie: Sie zeigt ihn – und wenig sonst.

An Ambition und Strebsamkeit fehlt es dem Sechsunddreißigjährigen sicherlich nicht: In seinem Eintrag in der International Movie Database werden 111 Rollen als Schauspieler gelistet, 27 Mal ist er als Regisseur aufgeführt. Und 114 Film-Auftritte als „er selbst“, etwa in Dokumentationen. Im Filmgeschäft ist er schier omnipräsent: Allein auf der diesjährigen Berlinale war er in drei Filmen zu sehen, zwei davon Arbeiten deutscher Großmeister. Zum einen spielt er in Werner Herzogs Queen of the Desert, an der Seite von Nicole Kidman und Robert Pattinson, den mittellosen Diplomaten und Glücksspieler Henry Cadogan. Zum anderen in Wim Wenders Drama Every Thing Will Be Fine(ab Donnerstag in den deutschen Kino zu sehen), als Schriftsteller Tomas Eldan, der den Tod eines Kindes verarbeiten muss, welches er selbst überfahren hat.

Was finden Regisseure solchen Kalibers an einem wie Franco, der dem großen Publikum vor allem aus eher simplen Komödien wie Ananas Express, Your Highness – Schwerter, Joints und scharfe Bräute und Das ist das Ende bekannt ist, sowie aus Blockbustern wie Planet der Affen: Prevolution, Spider-Man oder Die fantastische Welt von Oz?

Zunächst ist er natürlich ein prominentes Gesicht. Mangelnde Aufmerksamkeit kann man dem Amerikaner sicher nicht unterstellen: Jüngst löste The Interview – die Komödie, in der Franco als selbstverliebter Talkshow-Host gemeinsam mit seinem Kollegen, gespielt von Seth Rogen, für das CIA den nordkoreanischen Diktator Kim Jung-Un töten soll – sogar einen handfesten internationalen Skandal aus, der weltweit durch die Presse ging. Bereits vor Veröffentlichung des Films verurteilte der nordkoreanische UN-Botschafter die Ermordung eines amtierenden Staatsoberhauptes, auch wenn sie im fiktiven Rahmen geschehe. Als im November 2014 Hacker große Mengen interner Daten von Sony Pictures stahlen (dem Studio hinter The Interview), vermuteten viele hinter diesem Angriff einen Racheakt Nordkoreas. Der Film wurde zum Politikum und zu einer der erfolgreichsten Video-on-Demand Veröffentlichung aller Zeiten. Eine Weile schien es, die Komödie zu sehen sei amerikanische Bürgerpflicht und diene der Verteidigung von Meinungsfreiheit und Demokratie. Dem war natürlich nicht so. Die Farce war weder eine brillante Parodie auf dem Level von Chaplins Der große Diktator noch eine bissige Satire auf Hollywood. Wie so oft scheiterte James Franco an seinem eigenen Anspruch.

Doch der bestand, wie so oft bei Franco, auch noch in einem anderen Ziel: Selbstparodie. Seine Figur, der TV-Moderator Dave Skylark, ist erfolgreich und massenwirksam, aber als Journalisten respektiert ihn keiner. Als Skylark an ein Interview mit Diktator Kim Jung-Un kommt, weil dieser ein Fan seiner Sendung ist, sieht er seine große Chance: Endlich kann er allen beweisen, dass er mehr kann, als nur sein nettes, charismatisches Gesicht in die Kamera zu halten.

Wer Franco castet, der will den Strebenden, den Bemühten: Oft sind die Rollen für ihn nur eine dünne Schicht, die er über seine öffentliche Persona legt. Selbstironie ist in Hollywood schwer angesagt und gilt als eindeutiges Zeichen für Intelligenz, Reflektiertheit und Nonchalance. Erfolgreiche Blockbuster wie die der Jump Street-Reihe sind so voll mit Metahumor, dass sie fast in sich selbst verschwinden. Franco liefert sie in seinen Komödien immer wieder, etwa wenn er in Das ist das Ende sich selbst als abgehobenen Kunst-Snob spielt.

Aber natürlich ist die Flucht nach vorne immer noch eine Flucht. Nur weil man das eigene öffentliche Bild immer und immer wieder reproduziert, verliert es nicht an Wahrheitsgehalt. Je mehr er so tut, als würde er nicht zum Hollywood-Establishment gehören, desto besser passt er in die moderne Inkarnation der Traumfabrik. Denn heute gehört die Unangepasstheit auf den Boulevards und roten Teppichen längst zum guten Ton. Sie ist zu einem Accessoire geworden.

James Franco bemüht sich seit Jahren sehr intensiv, respektiert zu werden. (Einer seiner Filme trägt sogar den Namen Annapolis – Kampf um Anerkennung). Nicht als Publikumsliebling und Blockbuster/Blödel-Star, sondern eben als großer Intellektueller und Künstler. Nachdem er sein Studium 1996 ursprünglich abgebrochen hatte, um Schauspieler zu werden, schrieb er sich ein Jahrzehnt später wieder bei Universitäten ein: Er belegte gleichzeitig Kurse an drei verschiedenen New Yorker Hochschulen, machte seinen Master of Arts und ist heute selbst Dozent.

Seine Liebe zur Literatur etwa drückt Franco mit großer Regelmäßigkeit in Filmadaptionen aus. Die Ziele steckt er dabei hoch – William Faulkner zu verfilmen, das trauen sich nicht viele. Verschachtelte Erzählstrukturen und ein einzigartiger, unkonventioneller Umgang mit Sprache lassen die Bücher für viele als unverfilmbar gelten.

Filme wie As I Lay Dying oder The Sound and the Fury werden niemanden vom Gegenteil überzeugen. Die finanziellen Flops kamen auch bei der Kritik nicht gut weg. Sie verenden in der Regel irgendwo auf halbem Weg zwischen Video-Installationskunst und Amateurprojekt. Seine Projekte müssen meist mit einem Minimalbudget auskommen und werden gänzlich von ihm selbst finanziert. Man merkt es ihnen an, viele YouTube-Clips erwecken einen professionelleren Eindruck. As I Lay Dying etwa arbeitet mit eigentümlichen Split-Screen-Effekten und Malick-esquen Naturaufnahmen in Zeitlupe und ist über eine Spielzeit von 110 Minuten nur schwer zu ertragen. Die Dialoge, die an vielen Stellen einfach eins zu eins übernommen wurden, bekommen ein stark papierenes Rascheln. Über The Sound and the Fury schreibt Telegraph-Filmkritiker Robbie Collins: „Wer sich Francos Arbeitslast anschaut, muss sich die Frage stellen, wann dieser Mann einmal ausspannt. Dann schaut man sich die Filme an und findet die Antwort.“ Dieses Zitat beschreibt präzise diese Aura von Beiläufigkeit, die vielem, das Franco veröffentlicht, anhängt. Als wäre es darum gegangen, etwas zu machen, nur um zu sagen, man habe es gemacht. Sie wirken wie unter der Erwartungshaltung zusammengeschustert, dass ohnehin niemand sich dafür interessiert.

ncos Versuch dar, die berüchtigten 40 Minuten Filmmaterial nachzustellen, um die William Friedkin seinen im Schwulenmilieu angesiedelten Thriller Cruising schneiden musste, um ein R-Rating zu erhalten. Tatsächlich ist das Experiment dann fast 60 Minuten lang, will sich stilistisch und inhaltlich nicht in den Gesamtfilm einfügen.

Wer sich mit Francos endloser Zahl von Projekten wirklich auseinandersetzt, der wird zuerst einmal von der schieren Menge erschlagen. Und mit jedem neuen Blick wird deutlicher: Manchmal ist weniger mehr. Quantität ist nicht automatisch bedeutsamer als Qualität. Seine Essays, etwa über die Liebe zu Lana del Ray oder zur Verteidigung seines oft ähnlich erratischen Schauspielkollegen Shia LaBeouf, schwanken zwischen belanglos und unleserlich. Sie bestehen zum großen Teil aus Anekdoten, entweder persönlicher Natur oder aus der Geschichte Hollywoods, die oftmals wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun haben.

Und so besteht auch seine Kurzgeschichte Bungalow 89 vor allem aus Prahlereien über Modelverträge und den prominenten Bekanntenkreis. Zentrales Handlungselement ist, dass Lindsay Lohan unbedingt mit ihm schlafen möchte – und das ist alles, was man wirklich über den Text wissen muss. Seine Erzählungs-Sammlung Palo Alto (später von Gia Coppola verfilmt – mit James Franco in einer der zentralen Rollen) ist, genau wie sein Roman Actors Anonymous, vor allem eine Möglichkeit, über sich selbst zu schreiben. Ein Mehrwert besteht dabei nicht, die Prosa wirkt vor allem gewollt, selten gekonnt.

Und da ist man wieder bei Francos Rollen wie Dave Skylark. Auch der ist bemüht, angestrengt, aber nie wirklich so gut, wie er es gerne wäre. Franco verkörpert Figuren, die entweder wie er sind; oder solche, die sind, wie er gerne wäre. Allen Ginsberg (Howl), James Dean (James Dean – Ein Leben auf der Überholspur), oder der furchtlose Extremsportler Aron Ralston (127 Hours). Menschen, die für ihre Leidenschaft an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen.

Einen Schauspieler prätentiös zu nennen, hat etwas Widersprüchliches. Immerhin ist es sein Beruf, etwas vorzutäuschen. Dingen Bedeutung zu verleihen, die eigentlich keine haben. Bis zu einem gewissen Grad gehört die Selbstüberhöhung zum Berufsethos. Es ist ja auch eines dieser Worte, das mehr Schaden anrichtet, als dass es nützt. Zu oft wird es als Urteil gegen alles geschleudert, dass von der Norm abweicht. Gegen alles, das mehr sein will als reine Unterhaltung.

Und James Franco ist kein schlechter Schauspieler. Seine Blockbuster-Rollen erfüllt er mit Verve und Charme, sie strahlen eine ganz eigene Energie aus. Doch mit seinem verzweifelten, angestrengten Bestreben, mehr zu sein als ein Schauspieler, diskreditiert er fast seinen eigenen Berufsstand. Wäre es wirklich so schlimm, nur ein Darsteller zu sein? Musste Marlon Brando mehr sein? James Stewart? Gene Kelly? Jack Nicholson?

Und so war seine bislang beste Rolle eine, die Francos Ambitionen verstand und gegen ihn kehrte. In der brillanten Americana-Satire Spring Breakers von Harmony Korine, spielt er mit diamantenen Grills und einer absurden Menge geschmacklosem Schmuck den halbkriminellen Gangsterrapper Alien. Der ist fest davon überzeugt, dass sein halbgeformtes Gestammel eine transzendente Erfahrung darstellt. Die zugespitzte Kunstfigur funktioniert nur deshalb so gut, weil Franco ihren wirren Flickenteppich aus narzisstischer Party-Esoterik,  Konsumwahnsinn und  prahlerischem Rapper-Jargon im gleichen Brustton der Überzeugung vorträgt, mit der er auch seine immer neuen Kunstprojekte anpreist. An der Seite von ehemaligen Disney-Stars wie Selena Gomez und Vanessa Hudgens begeht er schreckliche Verbrechen, fühlt sich dabei aber wie in einem MTV-Musikvideo. In einer Szene spielt der Rapper auf einem weißen Klavier im Sonnenuntergang einen Song von Britney Spears, während die ehemaligen Party-Bräute mit Sturmmaske und Maschinengewehr posieren. Wenn alles von Bedeutung ist, dann ist nichts von Bedeutung.

Dass Alien nicht nur mit seinen vergoldeten Gewehren auf Menschen, sondern auch mit dem Smartphone Selfies schießt – das steht ganz außer Frage. Der König der Selfies ist gekrönt.

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