Rezension: Lost River

lostriverDie verfallende Stadt Lost River wurde nach der Zerstörung eines Staudamms nicht nur von Wassermassen überschwemmt, sondern scheinbar auch von Zeichen und Symbolen. Die urbanen Ruinen sind die Leinwandentsprechung von Detroit, Fiktion und Realität evozieren gemeinsam die Schrecken der Finanzkrise und den Niedergang der USA. In diesem annähernd postapokalyptischen Alptraum kämpfen von der Zivilisation Verlassene um das Dasein. Dabei scheinen sie keine Menschen, sondern Metaphern-Maschinen zu sein. Durch ihre Adern fließt kein Blut, sondern Semiotik.

Die Schleusentore für diese Bilder hat Ryan Gosling geöffnet, der statueske Schauspieler gibt mit dem Film, der vormals How to Catch a Monster heißen sollte, sein Regiedebüt. Im Mittelpunkt stehen die alleinerziehende Mutter Billy (Christina Hendricks) und ihr Sohn Bones (Iain De Caestecker), deren Haus abgerissen werden soll. Billy lässt sich vom zwielichtigen Dave (Ben Mendelsohn) dazu überreden, in seinem ebenso zwielichtigen Nachtclub als Künstlerin aufzutreten. Es ist kein Striplokal, um Nacktheit geht es hier nicht, sondern um eine ganz andere Art der Selbstenthüllung. Währenddessen betätigt sich Billy als Archäologe und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit der Stadt. Dabei begegnet er nicht nur der freundlichen Rat (Saoirse Ronan) und ihrer zahmen Ratte Nick, sondern auch dem gewalttätigen Schläger Bully (Matt Smith) und seinem entstellten Freund Face (Torrey Wigfield). (Welches neu erlassene Gesetz alle zu so sprechenden Namen zwingt, wird nicht deutlich.)

Doch eigentlich ist die Handlung nur schmückendes Beiwerk. Jedes Bild macht klar, dass es eine leere Welt ist, in der längst alle Geschichten erzählt sind. Sie liegen jetzt unter Gebäuderuinen begraben oder tief unter den Fluten des Flusses. Ryan Gosling hat sich in Architektur und Landschaften verliebt, vor allem in brennende, einstürzende und sterbende. Auch seine Bilder sind merkwürdige eckige, starre Konstrukte.

Als Darsteller ist er oft ein Teil der Szenerie. In seinen stoischen Darbietungen liegt die Ruhe eines Mannes, der sich der Unvermeidbarkeit seines eigenen Schicksals bewusst ist. Er wartet ab, beobachtet, saugt Stimmung und Energie auf, um zum Spiegel für die Menschen zu werden. Gewalt begegnet er mit Gegengewalt, und Liebe erwidert er. Doch was als Baustein eines Films noch funktionieren mag, lässt ihn als Architekten versagen.

Denn seine Regie ist ebenfalls nur Spiegelung, Gosling entlädt Bilderfluten, die er an Sets von Nicolas Winding Refn und Derek Cianfrance absorbiert hat. Oder in Kino und Fernsehen bei David Lynch. Mühsam ordnet er Versatzstücke und Zitate im gefälligen Rahmen an, ohne dass daraus je etwas Eigenes oder Neues entstehen würde. Wo einem Tarantino solche Collagen immer wieder glücken, weil es eine persönliche Ästhetik und ein ordnendes Prinzip gibt, wirkt Goslings Film wie Kunstraub. Er wird Kurator in einer Galerie der Eitelkeiten. Jede Einstellung trägt die Handschrift eines Anderen.

Der Nachtlub könnte auch das Silencio aus Mullholland Drive sein. Das Licht gleißt in kalten Neonfarben in den Raum, genau wie in Drive oder Only God Forgives. Selbst die Schauspieler sind aus Refn- und Cianfrances-Filmen zusammengeklaubt. Ben Mendelssohn spielt einfach Dennis Hopper aus Blue Velvet nach, die Suche nach dem düsteren Unterbau Amerikas haben beide Filme gemein. Nur das schon Goslings Oberfläche in Trümmern liegt und statt einer pittoresken Americana-Traumwelt den gewaltige Krater einer Subprime-Bombe zeigt. Und jedes Wühlen bringt dann mehr Trümmer ans Licht, weshalb man sich die Suche eigentlich auch sparen könnte.

Die Darsteller gehen in all der Finsternis unter. Es ist ein starker Cast der Großes hätte stemmen können. Doch alle Schauspielkraft nützt nichts, wenn man tief im Drehbuch-Treibsand steckt und jede Anstrengung nur noch weiter in die Gestaltlosigkeit hinabzieht. Folgenlos prallen die Figuren aufeinander, tuen einander Gewalt an oder auch nicht. Lieben einander oder auch nicht. Die Protagonisten sind auch in der Initiative nur Opfer der Umstände. Interessanter sind die Bösewichte, nur dass das Venn-Diagramm aus Interessant und Überzeugend hier erschreckend wenig Schnittmenge bietet. Mendelsohn kann natürlich wundervoll unangenehm einen unverhohlen wahnsinnigen Vulkanmenschen spielen. Doch leider kann selbst der talentierte Australier nicht im Vakuum agieren. Vorgestellt wird er als Verkörperung des Kapitalismus, als wölfischer Businessmann. Doch wenn dann der kaum verborgene Zorn aus ihm hervorbricht, scheint er ohne jede Konsequenz. Die Welt ist doch ohnehin schon, wie er sie haben will, was also ist sein Ziel? So tobt er durch den fünften Kreis von Dante Alighieris Hölle, ohne dass je etwas auf dem Spiel stünde.

Und Matt Smith? Der scheint, auf der Suche nach einer Leinwand-Identität, die über Doctor Who hinausgeht, aufs Set gewandert zu sein und brüllt ein wenig herum. Dabei ist er nicht halb so bedrohlich, wie er gerne wäre und nicht einmal zu einem Viertel so bedrohlich, wie Ben Mendelsohn.

Gosling und der belgische Kameramann Benoît Debie, der schon mit Gaspar Noé, Harmony Korine und Wim Wenders zusammengearbeitet hat, machen aus der Kamera ein ungeduldiges Kind. Sie müssen eine Aufzählung von Kamera-Techniken und Stilmitteln gesehen und als Check-Liste missverstanden haben. Von der langsamen lateralen Fahrt bis zum Reißschwenk, von Handkamera bis hin zur Kranaufnahme ist alles dabei. Die Kamera wird zum eigenständigen Akteur, aber zu einem schizophrenen, der in jeder Szene etwas anderes erzählt – nicht über die Figuren oder die Welt, sondern nur über sich selbst. Jedes Bild verweist immer nur auf andere, ohne eigene Wirkung.

Im schlimmsten Fall langweilt oder verärgert Lost River: Wieso bekommt dieser so durchschnittlich begabte Schönling die Mittel und nimmt die Zeit so vieler talentierter Menschen in Anspruch, während mancher Newcomer immer wieder an Studiotüren abgewiesen wird? Zu erzählen hat er wenig, zu sagen noch viel weniger. Im besten Fall stimmt Lost River hoffnungsvoll: Vielleicht hat Ryan Gosling nun die Dämonen seiner Lehrer in sich exorziert und spricht in Zukunft statt unzusammenhängend in fremden Zungen mit einer eigenen Stimme.

(Dieser Film wurde auch im Longtake Podcast besprochen.)

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Ein Gedanke zu “Rezension: Lost River

  1. Ich habe LOST RIVER in einem Spezial-Screening auf der Berlinale gesehen und wenn ich mir so meine Notizen zu dem Film durchlese [eine Rezension habe ich aus Zeitgründen noch nicht geschafft], dann lese ich so Stichpunkte wie: Mischung aus REQUIEM FOR A DREAM und DRIVE, Matt Smith schreit entweder oder benutzt das Wort „Motherfucker“ dreimal im Satz (WARUM?), postmodern, amerikanischer Traum platzt, Freakshow, was will mir der Film sagen? Ich bin verwirrt.

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