Rezension: Big Eyes

Copyright: Verleih / ProduzentNichts ist vernichtender, als an einem seelenlosen Ort der eigenen Seele zu begegnen. Doch genau das passiert Malerin Margaret Keane in Tim Burtons neustem Film Big Eyes: Plötzlich blickt sie in einem Supermarkt in dieselben tieftraurigen, weiten Augen, die das Markenzeichen ihrer Porträts sind. Was spürt ein Künstler, der den Ausdruck seines eigenen Innenlebens von jeder Aura beraubt und auf den Status von Weichspüler und Dosensuppen degradiert sieht?

Genau dieses Gefühl, ihm selbst wohl nur zu vertraut, muss es gewesen sein, welches Burton zu einer Adaption von Keanes Geschichte ermutigt hat. Der Film versucht sich an der alten Frage nach der Beziehung von Kunst und Kommerz, dem Spannungsfeld zwischen Reproduktion (schon der Vorspann zeigt Druckmaschinen, die endlos Kopien der Bilder ausspeien) und dem Einzigartigen. Beide Extrempunkte bekommen menschliche Form – und werden verheiratet.

Zum einen wäre da Margaret Keane (geboren Ulbrich), gespielt von Amy Adams. Zu Beginn sehen wir sie vor dem Ort fliehen, in dem für Burton schon immer der menschliche Horror lebte: Suburbia, die amerikanische Vorstadt. Es ist 1958 (übrigens auch das Geburtsjahr von Tim Burton), Scheidungen sind unüblich. Die Kriegswunden beginnen zu heilen, aber der Umbruch der Sechziger liegt noch im dichten Nebel der Zukunft verborgen. Sie erträgt es nicht mehr mit ihrem Ehemann, nimmt ihre Tochter und ihre Staffelei und bricht überstürzt auf. Natürlich zieht es Keane nach San Francisco, schon damals Hochburg von Hippie- und Gegenkultur.

Doch statt der großen Freiheit erwartet sie dort nur eine neue Form der Gefangenschaft. Um als alleinerziehende Mutter über die Runden zu kommen, verdient sie ihr Brot als Malerin bei einem Möbelunternehmen. Nicht zufällig erinnert das Gebäude von außen ein wenig an ein Gefängnis. Sie träumt jedoch von mehr, sie will von ihrer eigenen Kunst leben, zunächst wenig erfolgreich – bis sie Walter Keane (ewig gleich chargierend: Christoph Waltz) kennen lernt. Der ist selbst Maler, jedoch ein wirklich schlechter. Seine Stärken liegen mehr in Werbung und Verkauf. Und so gehen beide eine unheilige Allianz ein, die zur Ehe wird: Walter kann die zahllosen Mädchen mit großen Augen zwar an Mann und Frau bringen, tut das aber unter seinem eigenen Namen. Und so sieht sich Margaret vor einer Entscheidung: Goldener Käfig oder brotloses Künstlerdasein.

Leider scheitert Burton mit Big Eyes an sich selbst: Die eigentliche Kernfrage verliert er schnell aus den Augen (oder verschließt sie gar vor ihr), um sich in einem schwachen Echo von Douglas Sirks Melodramen zu verlieren. Mehr als die Hälfte der Spielzeit verschwendet er auf eine grübelnde Hauptfigur, wird zum Wiederkäuer einer einzigen Frage und überlässt Christoph Waltz und Amy Adams sich selbst. Beide geben ihr Bestes: Christoph Waltz spielt Christoph Waltz, eloquent, selbstsicher, ein wenig schmierig. Er ergreift die Initiative, wo Adams passiv bleibt. Manchmal wird er laut, gegen Ende dröhnend. Amy Adams versucht sich als Gegenpol, will erden und konsolidieren, schwelgt dann aber nur in hausmütterlicher Larmoyanz. Ihr Dilemma (Walter verlassen? Walter verraten?) teilt der Zuschauer nicht, denn ihre Beziehung wirkt leer und ohne einen Moment wahrer Liebe. Burton zeigt sie nicht, er glaubt nicht an sie.

Sein Problem ist, dass er kein Menschenfreund ist. Er blickt auf seine Artgenossen aus der Perspektive des selbsternannten Außenseiters, dem jede andere Blickrichtung fremd ist. Er studiert Charaktere nie, sondern prüft, wie sie sich zur selbstgerechten Revision seiner eigenen Jugenderfahrung verwenden lassen. Walter ist eigentlich Geschäftsmann und beneidet Margaret. Burton sieht sich selbst in ihr, sieht den Missverstandenen. Den Künstler, der gegen die Kommerzialisierung kämpfen muss, aber auch gegen seine Kritiker. Am Anfang erklärt ein Andy Warhol-Zitat ihre Bilder (und somit Burtons Filme) für gut, weil sie ja viele mögen. Und wer widerspricht ist ein prätentiöser Snob, wie der von Jason Schwartzman gespielte Galeriebesitzer, oder… nun ja… ein anderer prätentiöser Snob, wie Kritiker John Canaday (Terence Stamp). Zusammengefasst: Wer Burton nicht mag, der ist voll doof, ätschi bätschi. Von einem Sechsundfünfzigjährigen könnte man mehr Reflexion und Reife erwarten.

Es wirkt so widersprüchlich: Keanes Massenerfolg gibt ihr Recht, ihre Zugänglichkeit, ihre Zeitgeistigkeit. Und doch ist der Vertreter dieser Werte und Konzepte, Walter, so unsympathisch wie die Figuren aus einem Drama von Noah Baumbach – genau wie ihr eigentlicher Gegenpol, die Kritiker. Am Ende hält der Film Gericht über die Keanes, Magarete triumphiert natürlich, genau wie in der Realität. Doch ist es so ein leerer, konstruierter Sieg. Denn natürlich siegt nicht die Kunst, sondern der Kitsch. Es ist eine behauptete Geschichte von Selbstbehauptung, die kein Verständnis für ihre Epoche hat. Burton liefert eine Mischung aus Walter Benjamin und Was der Himmel erlaubt, die beidem nicht gerecht wird.

Statt Filmbilder gibt es Postkarten, der gewohnte burtonsche Düsterkitsch weicht Stadtromantik und immer gleichen Innenräumen. Gelegentlich gibt es einen Hauch Exotik mit Hawaii-Aufnahmen, der Film bleibt jedoch visuell uninteressant. Der Score plätschert, Lana del Rey liefert Teile des Soundtracks, ohne wirklich etwas beizutragen.

Sicher: Es ist erfreulich, dass Tim Burton mit Big Eyes ein wenig in die Realität zurückgekehrt ist und aus seinem Schema ausbricht. Doch statt ein neues Lied anzustimmen erwartet uns hier nur ein kurzer Break vom endlosen Loop. Es ist kein typischer Burton, es ist eine Art Renaissance seiner besten Werke, etwa von Ed Wood. Nur leider ist „anders als sonst“ hier nicht automatisch „gut“. Big Eyes lästert, laviert und langweilt. Statt der Selbstkonfrontation und einem Blick in den Spiegel liefert der Regisseur wieder einmal nur stinkendes Eigenlob. Hier soll Kunst entstehen, doch mit großen Augen starrt uns ein seelenloses Produkt an.

(Dieser Film wurde auch im Longtake Podcast besprochen.)

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2 Gedanken zu “Rezension: Big Eyes

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