Rezension: Marvel’s The Avengers 2: Age of Ultron

Copyright: Walt Disney GermanyAvengers: Age of Ultron ist ein Film mit suizidalen Tendenzen. Es ist ein Film wie eine Maschine, entstanden an Maschinen, Teil einer Maschinerie – und doch handelt er vom Kampf gegen eine Maschine, mit einer Maschine. Wie bei Marvel üblich reichen ihre Zahnräder, zwischen denen alle Menschlichkeit zermahlen wird, bis zum Horizont. Regisseur Joss Whedon kämpft mit aller Kraft um eine Beseelung des Apparats. Er tritt hier nicht einfach als Filmemacher auf, sondern ist vor allem auf einer Rettungsmission. Sein Problem: Die gewaltigen Studio-Visionen sind ihm nun endgültig entwachsen, sie waren immer schon zu groß für seine Fernseh-Sensibilitäten. In der Welt von digitalen Totalen und totaler Digitalität wird jedes Close-Up zum Fremdkörper.

Alles beginnt im fiktiven Ostblockstaat Sokovia. Die Avengers erobern eine Festung der terroristischen Nazi-Organisation Hydra, in der Schurke Baron von Strucker (Thomas Kretschmann) mit Lokis magischen Zepter an Menschen experimentiert hat. Und so sehen sich die Superhelden bald ihresgleichen gegenüber: Die Zwillinge Pietro und Wanda Maximoff (Aaron Taylor-Johnson und Elizabeth Olsen) haben einst ihre Eltern an eine Granate von Tony Starks (Robert Downey jr.) Waffenfirma verloren und sinnen nun auf Rache.

Die beiden sind jedoch längst nicht die größte Bedrohung für die Avengers und ihre Welt: Stark entdeckt im Juwel auf Lokis Stab eine künstliche Intelligenz und verwendet sie (trotz aller Warnungen von Mark Rufallos Bruce Banner und ohne Wissen der restlichen Rächer), um ein globales Verteidigungsprogramm mit dem Namen „Ultron“ fertigzustellen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Die Kreation des Wissenschaftlers gerät außer Kontrolle, die K.I. entwickelt ein Eigenleben. Beim Versuch, die Welt vor Gefahren zu schützen, identifiziert Ultron (im Original gesprochen von James Spader) ausgerechnet die Avengers als die größte. Kurzerhand versucht er, sie zu neutralisieren.

Natürlich ist das nur der allergröbste Rahmen einer schon fast lächerlich überladenen Geschichte. Eine Millionen Ereignisse wollen abgehandelt und weitergeführt werden, Handlungsstränge verlaufen durch den Filmkörper wie Muskelstränge. Doch all diese steroidgeschwängerte kommerzielle Kraft, die Macht der Gewohnheit, sorgt hier vor allem für Unbeweglichkeit und Versteifung. Dieser siamesische Mehrling steht nicht auf eigenen Beinen, sondern ist Teil des grotesken Mutanten mit Namen „Marvel Cinematic Universe“. Im ersten Teil wurde Whedon der Kreatur noch Herr, doch da gab es auch gerade einmal vier Filme. Mittlerweile ist das Franchise um sechs weitere, sowie Serien und so genannte One-Shots gewachsen. Immer mehr Figuren drängen auf ein viel zu kleines Spielfeld, Raum bleibt für keine. Die Laufzeit wird fast demokratisch unter allen relevanten Supermenschen verteilt. Kampfsequenzen geraten dabei fast zu Checklisten. Der Hulk zerstört etwas? Check. Iron Man erschießt einen Bösewicht? Check. Captain America (Chris Evans) wirft sein Schild, Black Widow (Scarlett Johanson) tritt jemanden, Hawkeye (Jeremy Renner) benutzt Pfeil und Bogen? Check, Check, Check. Dabei wirkt der Aufbau der Action-Sequenzen genauso fragmentarisch, wie die Räume, in denen sie stattfinden.

Doch auch all die Momente der Ruhe funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Wie bei politischen  Diskussion wird allen beteiligten gleiche Redezeit eingeräumt. Tony Stark darf ein wenig weiter an seiner Belastungsstörung aus dem ersten Teil leiden; Banner und Romanov schmachten aneinander an; Clint Barton wird Teil eines Norman Rockwell-Gemäldes und bekommt harmonisches Haus und Heim spendiert. Wenn nicht gerade die Frage „Why We Fight“ beantwortet wird, passieren lustige Dinge. Dann versucht etwa die versammelte Heldenriege sich daran, Thors (Chris Hemswoth) Hammer vom Tisch zu heben – mit gemischtem Erfolg. Gleich eine ganze Reihe von Running Gags werden nach sehr ähnlichem Schema etabliert: Thors Hammer ist schwer, Cap mag keine Schimpfworte, Warmachine (Don Cheadle) erzählt mittelmäßige Partygeschichten.

Immer wieder schimmert so das mechanische Skelett des Films durch seine Hülle aus Spezialeffekten. Alles kommt hier reichlich konstruiert daher. Whedon ist gewohnt, als Kino-Spielkind mit Legosteinen zu bauen, doch mittlerweile gibt das Studio ihm nicht einmal mehr Playmobil, sondern besser verkäufliche Actionfiguren. (Auch andere Produkte, wie etwa Beats-Kopfhörer werden äußerst aggressiv im Bild platziert.) Die Logik der Actionfiguren beherrscht diesen Film: Die Frage für jede Szene ist eigentlich nur: Was passiert, wenn X und Y aufeinanderprallen.

In der Regel explodieren dann Pixel. Trotz aller Charaktermomente entsteht nie der Eindruck, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Man fühlt mit niemandem mit, denn man hat ja auch keine Angst um seine Figuren, wenn man sie im Sandkasten gegeneinanderschlägt. Wieder arbeitet Whedon bewusst gegen den Genretrend und zeigt uns gleich in der ersten Schlacht eine Kampfverwundung einer Hauptfigur. Aber gerade dadurch, dass sich diese im Hauptquartier innerhalb von wenigen Filmminuten vollkommen in Wohlgefallen auflöst, wird die Unverwundbarkeit aller Heroen noch einmal zementiert. (Zumal alle wichtigen Darsteller langfristige Verträge unterzeichnet haben und somit schon aus finanzieller Verpflichtung heraus nicht sterben können.)

Joss Whedons Widerstand gegen die Konventionen des Superheldenfilms endet hier nicht: Der erschütternden Gleichgültigkeit des Genres gegenüber Zivilisten, begegnet der Regisseur mit permanenten Rettungen. Wenn Tony Stark erkennt, dass ein Gebäude einreißen jetzt gerade ganz nützlich wäre, dann überprüft er vorher, ob dort auch niemand lebt. Doch angesichts der etwa durch den Hulk entfesselten Zerstörungsorgien wirkt dieser Ansatz unglaubwürdig. Stark schießt eine Gruppe von Hydra-Handlangern über den Haufen, die dann trotz Kugeleinschlägen alle nur unter Beinverletzungen leiden. „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“, fragt Shylock in Der Kaufmann von Venedig. Hier lautet die Antwort ganz einfach: Nein. Keines diese Gefechte hat erfahrbare, spürbare, menschliche Konsequenzen. Egal wie hoch fliegende Inseln und Superhelden steigen, wirkliche Fallhöhe gibt es nicht. Wieder einmal wird der Zielgruppe bunter, spaßiger Genozid geboten, freigegeben ab 12 Jahren. (Im Kontrast zu etwa Man of Steel, wo hässlicher, düsterer, farbloser Genozid präsentiert wird.) Das drohende Ende der Menschheit war nie so banal.

Das ist natürlich umso ärgerlich, weil der Film schlicht und ergreifend von nichts handelt. Das Drehbuch klatscht Ideen auf die Leinwand, aber nichts bleibt hängen. Es geht um künstliche Intelligenz (gleich zwei neue Computer-Figuren treten auf) aber wie so oft auf eine dümmliche Art und Weise. Das bösartige Ödnis Ultron hantiert mit religiöser Sprache, die man ihm zu keinem Zeitpunkt glaubt. Die neu hinzugekommenen Figuren eröffnen Themenkomplexe wie die Frage nach amerikanischem Exzeptionalismus und Weltpolizeicharakter der Avengers, nur dass dieser Graben später plötzlich ohne wirkliche Konfrontation überwunden ist. Es geht um nichts, weil es um nichts gehen darf; weil Inhalt und Substanz auf Marvels Eroberungszug nur störend sind.

Seine inneren Widersprüche vermag Age of Ultron nie gänzlich aufzulösen. Es liegt  Nervenkitzel darin, jemandem im Kampf mit sich selbst zu beobachten, aber irgendwann wird man feststellen, dass es in diesem Duell keinen Gewinner geben kann. Schon gar nicht das Publikum.

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4 Gedanken zu “Rezension: Marvel’s The Avengers 2: Age of Ultron

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