Rezension: Ex Machina

Ängste verändern sich, weil der Mensch sich verändert. Sie sind wie Schatten, nicht immer sichtbar, aber stets zugegen. Wo wir stehen, bestimmt ihre Form. Die Furcht vor der Versklavung des Menschen durch die Technologie ist so alt wie unsere ersten Werkzeuge. Stanley Kubrick erkannte die Ahnenlinie zwischen Knochen und Raumschiff, ließ sie verschmelzen. Doch heute ist die Angst nicht mehr, dass unsere mechanischen und robotischen Sklaven uns unterjochen oder einfach vernichten. Gegenüber den gewaltigen Datenströmen des Internets können wir – in Körpern wandelnde Hirne gesteuert von kleinen Datenströmen – nicht anders, als ein Gefühl von Obsoleszenz zu verspüren. Wir fürchten die Gewalt der Terminatoren noch, aber hinzugekommen ist etwas vermeintlich Sanftmütiges, jedoch unendlich viel Grausameres. Was, wenn der Mensch abgelöst wird, überwunden gar? Wenn all unser Ringen umsonst war, Leiden und Lieben der Massen sich als Problem im Code herausstellt, als Fehler, und letztendlich unsere eigenen Geschöpfe zu der Gottheit werden, die wir immer verehrt haben. Von dieser Angst handelt Alexander Garlands Ex Machina.

Der sechsundzwanzigjährige Caleb (Domnhall Gleeson) wird sie bald am eigenen Leib erfahren. Bei einer firmeninternen Lotterie gewinnt er eine Woche auf dem entlegenen Anwesen von CEO Nathan (Oscar Isaac). Schon bei der Anreise im Helikopter wird klar, wie sehr die Welt dem exzentrischen Genie gehört, das bereits im Teenageralter die an Google angelehnte Suchmaschine „Bluebook“ entwickelt hat. Als Caleb sich beim Piloten erkundig, wann sie endlich seinen Besitz erreichen, antwortet der: „Wir fliegen seit gut zwei Stunden drüber!“.

Einmal vor Ort stellt der junge Angestellte bald fest, dass er nicht einfach für eine vergnügliche Urlaubswoche angereist ist. Auch wenn Nathan sich betont kumpelhaft und jugendlich gibt, mit rasiertem Schädel und Vollbart sogar eher in den Szenebezirken als in Labors  zuhause scheint, macht er schon früh klar – es geht um etwas Großes. Der Konzernchef hat eine neuartige künstliche Intelligenz programmiert, Caleb soll den menschlichen Teil des anstehenden Turing-Tests übernehmen. Die K.I. trägt den Namen Ava (gespielt von Alicia Vikander) und hat nicht nur einen menschenähnlichen, sondern auch einen eindeutig weiblichen (Roboter-)Körper. Doch schon während des ersten Gesprächs muss Caleb feststellen – irgendetwas geht nicht mit rechten Dingen zu. Kann er Nathan wirklich vertrauen?

Garland schildert eine Welt permanenter Anspannung und lässt das idyllisch von Bergen, Flüssen und Wäldern umspielte High-Tech Domizil – der einzige Schauplatz im Film – zu einem Gefängnis der Freiheit werden. Nie zeigt der Film einen Ort, der nicht in Nathans Besitz ist. Es gibt kein Außen mehr, höchstens noch als dekorative Kulisse. Das Umland könnte auch ein Holodeck sein, eine Matrix. Der CEO ist ein gutherziger Wärter: Als er zu Beginn des Films Caleb seine Zugangskarte erklärt, merkt man sofort, wie sehr er gewohnt ist, Freiheitsentzug als Chance zu verkaufen. Sein Gast müsse sich keine Gedanken machen, wo er erwünscht ist und wo nicht, weil die Karte nur ausgewählte Türen öffnet. Und so muss er sich auch keine Gedanken machen, ob es hier etwas zu verbergen gibt.

Der Film wandert irgendwo zwischen den Genregrenzen von Science Fiction, Thriller, Horror und Drama. Fast kammerspielartig lebt er vor allem von dem Zusammenspiel der Figuren. Oscar Isaac spielt das Technik-Genie enigmatisch und seiltänzelt zwischen dem Neo-Machismo des Silicon Valley und der suchenden Melancholie und Unsicherheit, die Issacs Darbietungen stets wie eine zweite Haut umhüllt. Er zieht Caleb immer wieder in seine Nähe, nur um ihn wieder abzustoßen. Manchmal blickt er auf ihn wie eine Katze, die eine Maus gefangen hat, manchmal wie ein Robinson Crusoe, dem nach langer Zeit doch endlich ein Freitag in die Arme läuft.

Gleeson spielt Gleeson, also die durchschnittliche, schüchterne und doch intelligente Naivität, die jedem anhaftet, der in eine fremde Welt gesogen wird. Sie macht ihn zum Zuschauersurrogat, gemeinsam mit ihm ergründen wir die Welt von Morgen, in der Roboter aussehen wie Alicia Vikander und Götter wie Oscar Isaac. Er blickt kritisch auf die Welt, reflektiert und zögert. Trotzdem scheint ihm Nathan immer einen Schritt voraus zu sein.

Alicia Vikander hat die anspruchsvollste Rolle des Films: Sie muss die verschwimmenden Demarkationslinien zwischen Mensch, Maschine und Mensch-Maschine in Gesten und Sprache ausdrücken. In ihrer Ava vereinen sich zwei Kernfragen des Films: Zum einen die eingangs erwähnte nach der Menschlichkeit als programmierbares Auslaufmodell, andererseits, die nach weiblicher Identität als männliches Konstrukt. Zwischen Ava und Caleb entsteht eine Verbindung; nicht unbedingt Liebe, aber etwas Ähnliches, das vielleicht aber auch wieder nur Code ist und Teil des Tests. Den Kontrast zwischen den triebgesteuerten Computerspezialisten und der weiblichen Maschine hebt Garland deutlich hervor. Vor allem mit seiner letzten Figur, der schweigenden Hausdienerin Kyoko (Sonoya Mizuno), etabliert er ein Element von Unterdrückung und erweitert den düsteren, atmosphärischen Elektro-Soundtrack (von Geoff Barrow und Ben Salisbury) um einen ewig präsenten stummen Schrei.

Ex Machina ist spürbar ein Themenfilm, die Figuren führen hochtrabende Gespräche und werfen mit Referenzen um sich: Dann geht es um Jackson Pollocks Kunst, um Wittgenstein und seine Sprachspiele, Robert Oppenheimer und die Atombombe oder auch Frank Cameron Jackson und Marys Zimmer. Nicht all diesen Ideen wird der Film wirklich gerecht, manches wirkt bemüht und vorgeschoben. Sicher ist aber: Hier trifft auf künstliche Intelligenz endlich einmal echte. Garland liefert keinen Transcendence oder Lucy. Statt krachender Effekte und Action gibt es ein stilles Aufbegehren, mit ruhiger (Überwachungs-)Kamera eröffnet sich dem Zuschauer der Horror des Unvermeidbaren. Dabei wird geschickt mit Identifikation und Zuordnung gespielt. Es ist eine pessimistische Sicht der Dinge, nicht jedes Update gilt ihr als Verbesserung; plumpe Fortschrittsfeindlichkeit ist jedoch nie zu spüren. Garland ist kein mahnender Wächter, der von seiner Mauer vom Unheil kündet.

Stattdessen erinnert er uns an die Verpflichtung zur Menschlichkeit. Der Transhumanismus kann ein Humanismus sein, wenn er Fehlbarkeit nicht überwinden will, sondern ihr einen neuen Rahmen gibt. Jeder kennt den Deus ex machina, den Gott aus der Maschine. Der Gott ist hier längst überwunden, ein Homo ex machina die nächste Stufe und logische Konsequenz. Am Ende zeigt Ex Machina uns menschliche Schatten in einer Welt, die Kopf steht. Natürlich hat der Mensch Angst vor der Zukunft, denn es ist ein Ort, den wir nie betreten können, der ewig unbekannt bleibt. Aber, so kann man es auch sehen: Jeder fremde Schatten des Kommenden liegt in unserer Macht, hängt davon ab, wo wir uns positionieren. Und natürlich bedarf er immer einer Lichtquelle. In Sunshine schickt Garland Astronauten ins Weltall, um die Sonne neu anzufeuern. Dabei offenbart Ex Machina doch, dass künstliches Licht die gleiche Schönheit und den gleichen Schrecken bereithält. Die Sonne wird irgendwann sterben, aber das künstliche Licht kann unsterblich sein. Ob das eine Chance ist oder ein Alptraum, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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4 Gedanken zu “Rezension: Ex Machina

    • Die Filme ähneln sich eigentlich nur oberflächlich. Während „Her“ eine Liebesgeschichte ist, die das Wesen von Beziehungen zu ergründen versucht, positioniert sich „Ex Machina“ sehr viel expliziter zu Themen wie Digitalisierung, Singularität und Transhumanismus. „Ex Machina“ ist deutlich pessimistischer, düsterer und ernster.

      „Her“ ist dafür eine eigenständigere Erfahrung, unabhängiger vom Genre und seinen Konventionen. Außerdem ist ein Ausnahmeschauspieler wie Joaquin Phoenix selbst von einem talentierten Darsteller wie Oscar Isaac nicht zu ersetzen.

  1. “Hier trifft auf künstliche Intelligenz endlich einmal echte.“

    Sehr schön 🙂
    Dieser Film hat mich wir noch kein zweiter dieses Jahr umgehauen und du schaffst es wirklich alle inhaltlichen Aspekte in einer Review abzugrasen! Sehr gelungener Text!

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