Rezension: From What is Before

FromwhatisbeforeManche Wunden dürfen nicht verheilen, weil ihr Schmerz vor neuen Fehlern warnt. Mit From What is Before setzt Slow Cinema-Regisseur Lav Diaz mit seiner Klinge erneut tief unter der Haut der philippinischen Vergangenheit an. Er widmet sich der Marcos-Diktatur, dem verheerenden Jahr 1972 und den Schrecken, die folgen sollten. „This story is the memory of a cataclysm. This story is the memory of my country.“ erklärt Diaz‘ Stimme aus dem Off. Das Publikum wird zum Schlachter getrieben. Doch selbst der Gnadenstoß wird ihm verwehrt – es wird qualvoll ausgeblutet.

Selbst der Regen, der ohne Unterlass vom Himmel fällt, könnte ebenso gut Blut sein. Er kommt wie ein unheilvolles Omen über ein einzelnes Barrio, dass Diaz als Stellvertreter für den ganzen Inselstaat auswählt. Die Dorfbewohner leben, fernab von Großstädten und Moderne, in einer Zeit, die, so sagt es bereits der Titel, vor unserer zu liegen scheint. Ihnen haftet etwas so Urzeitliches an, dass die Soldaten, die später mit Gewehren und Radios in diese Welt eindringen, ebenso gut zeitreisende Invasoren sein könnten. Doch ihrer Ankunft gehen ganz andere Sorgen voran: Aus dem Urwald dringen mysteriöse Geräusche. Ein Unbekannter schlachtet Vieh, wodurch Hirte Sito (Perry Dizon) arbeitslos wird. Hütten brennen nieder. Die Dorfbewohner mögen hinter allem Dämonen und böse Kräfte vermögen, tatsächlich sind hier jedoch stets Menschen am Werk.

Gleichzeitig nimmt alltägliches Drama seinen Lauf: Itang (Hazel Orencio) kümmert sich mühsam um ihre Schwester Joselina (Karenina Haniel), die unter einer geistigen und körperlichen Behinderung leidet. Gleichzeitig ist Joselina jedoch auch Grundlage ihres gemeinsamen Lebensunterhalts: Sie gilt vielen als Heilerin mit magischen Kräften, entsprechende Rituale werden gut bezahlt. Der katholische Priester sieht das natürlich überhaupt nicht gern. Der junge Hakob (Reynan Abcede) hat Probleme in der Schule („Math is hard.“) und möchte stattdessen lieber mit seiner Steinschleuder auf die Jagd gehen. Ein Schriftsteller sucht nach Inspiration und Ruhe, Familien kämpfen uns Überleben. Später werden Menschen sterben, werden vergewaltigt und getötet.

Manche Probleme erscheinen vertraut, andere nicht – nachvollziehbar sind sie alle. Der Ensemble-Film versucht, eine historische Katastrophe durch Menschen zu erklären, ohne zu stark auf das Individuum einzugehen. Kollektive Schuld, aber auch kollektive Opferschaft vereint sie. In fünfeinhalb Stunden Laufzeit gibt es nicht eine klassische Nahaufnahme zu sehen. Die manchmal fünf Minuten und länger gehaltenen Bilder sind nicht unbedingt an Menschen interessiert, sondern erklären sie zu etwas Vergänglichem: Ein typisches Bild beginnt menschenleer, mit Dschungel, dann wird es durchquert, kurzzeitig bevölkert; aber am Ende bleibt meist der leere Dschungel. Rahmen als Kunst, die Kamera als Präsenz. Jede Person bekommt etwas Flüchtiges. Vergänglichkeit umweht sie, als wäre ihr Schicksal längst besiegelt.

Die für Diaz typische Langsamkeit ist hier ein zweischneidiges Schwert. Natürlich hat sie, gerade in Verbindung mit der ungewöhnlichen Länge, schon alleine einen inhärenten Wert. Eine Versperrung, eine Widerstandshaltung, einen Effekt von Dekommodifizierung. (Nicht umsonst gibt es From What is Before in Deutschland nicht im Kino, nicht auf Blu-ray, sondern nur über den Arthouse-Streamingdienst Mubi zu sehen). Die reine Spielzeit sollte, gerade in Zeiten von Binge Watching und seriellem (statt prozeduralem) Fernsehen, niemals als Kritikpunkt oder auch nur als Besonderheit gelten. In dieser Hinsicht hat der Mainstream mit seinen neunundzwanzigstündigen Marvel-Marathons Diaz‘ Zeit-Teppiche längst überholt. Man muss angesichts Diaz‘ selbstgewähltem Sonderstatus nicht automatisch unkritisch werden: Wo manche Sequenzen gerade durch den unbeirrbaren Kamerablick besonders intensiv wirken, gerade im Kontrast zu der kontemplativen Ruhe des Gesamtfilms, erscheinen andere wie tote und verlorene (und nicht wie bei Vorbild Tarkowskij „versiegelte“) Zeit. Eine Szene früh im Film gibt Trauer endlich einmal den Raum, der ihr auch im Film gebühren sollte. Hier werden Leinwand-Worte zum Mantra, das sich immer weiter selbst verstärkt. Und wenn Joselinas Schreien und Winden sich minutenlang vor unseren Augen abspielt, wird Itangs Bürde greifbar. (Hier könnte sich Steve McQueen inspirieren lassen, denn seine Hollywoodversion von Installationskunst, etwa die Galgenszene aus 12 Years a Slave, wirkt plötzlich fast wie kindliche Spielereien, eine Fingerübung in Sachen Passionsdarstellung.) Manchmal blickt man jedoch auch einfach auf Palmen und rätselt, warum man gerade auf Palmen blickt.

Das digitale Schwarzweiß des Films gibt all der wohl eigentlich traumhaften Natur, dem bald verlorenen Paradies, eine gespenstische Stimmung. Triviale Orte bekommen einen mythischen Charakter. Alte Götter und Dämonen herrschen in den Köpfen der Menschen, weil die Zentralregierung für jeden Exorzismus zu weit weg ist. Diaz zeigt: Fast war der Primitivismus von „dem, was vorher war“ wünschenswerter, als die waffenstarrende Gegenwart. Diese Zivilisation ist nur Barbarbei mit elektrischem Licht. Fortschritt ist hier immer auch eine Verfremdung: In der Szene, in welcher Marcos über das Radio das Kriegsrecht ausruft, doppelt Diaz (der hier als Regisseur, Produzent, Autor, Kameramann und eben auch Schnittmeister tätig ist) die Tonspur auf eigentümliche Weise. Die Echos von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überlagern sich.

From What is Before spielt mit solchen Formbrüchen, nicht nur die Kamera hält auf Distanz. Immer wieder weist der Film selbst auf seine Entstehung hin: Der Sound bricht ab, in manchen Momenten klingt der Ton, als wäre das Mikrophon am Boden eines Brunnenschachts. Vieles ist nicht zu verstehen, Untertitel werden wohl selbst die brauchen, die Tagalog sprechen. Wasser spritzt gegen die Kamera, wie in Extremsport-Clips. Wahrscheinlich hat die Welt für Diaz schon genug verloren, um noch jemanden an fiktive Traumwelten zu verlieren. Sein Anliegen ist, auch wenn es vorher sogar um Tagespolitik geht, eher ein Ästhetisches.

Was bleibt also nach fünfeinhalb Stunden schleichenden Untergangs? Der Film endet auf einem finalen Aufbäumen, vielleicht auch nur mit finalen Zuckungen. Und nach dem schwarzen Bildschirm wartet das Leben, in dem Marcos Sohn und Tochter beide im philippinischen Kongress saßen. 126.000 Menschen folgen Diktatorensohn „Bongbong“ Marcos auf Facebook. So weit ist die Vergangenheit eigentlich gar nicht weg.

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