Post-Apocalypse Now – Endzeitfilme im 21. Jahrhundert

Der Untergang der Menschheit war niemals mehr als eine Geschichte entfernt. Sobald der Mensch erzählen konnte, hat er das Ende verkündet. Die Apokalypse hat so viele Ursachen, wie es Ängste gibt. Von der göttlichen Bestrafung, über Kriege, Nuklearwaffenschläge und Naturkatastrophen bis hin zur Vernichtung durch Maschinen und künstliche Intelligenz: Jedes fiktive Armageddon ist Ausdruck einer kollektiven oder individuellen Sorge, eine warnende Projektion gegenwärtiger Veränderungsprozesse in die Zukunft.


Mad_Max(Filmstill aus Mad Max: Fury Road. Copyright: Warner Bros.)

Schlimmer noch als das Schicksal der Opfer wird dabei das der Überlebenden geschildert; die unseligen Untoten, die im ewigen Kampf um das Dasein durch die Scherben der Zivilisation kriechen wie durch eine Hölle auf Erden. Post-Apokalypse hat man diese Ansammlung von dystopischen Szenarien getauft, denen nur die vorhergehende, alles verändernde Katastrophe gemein ist.

An diesem Donnerstag stößt ein neues Endzeit-Bild hinzu, oder zumindest die neueste Version eines alten: Mad Max: Fury Road reduziert die Welt auf eine karge Wüste. Nur, dass die Kämpfe der letzten Menschen nicht mehr, wie noch in Mad Max 2 – Der Vollstrecker, um die letzten Ölreserven geführt werden, sondern um Trinkwasser. Auch wenn die Sorge um das baldige Erreichen des globalen Ölfördermaximums (engl. peak oil) nicht gänzlich verschwunden ist, so präsent wie kurz nach der Ölkrise von 1973 und der Energiekrise von 1979 (das Jahr, in dem der erste Mad Max-Film erschien) ist sie heute nicht mehr. Knapp 40 Jahre später rückt ein ökologisches Anliegen ins Blickfeld – medial und gesellschaftlich sicherlich eines der Themen der Stunde, mehr als nur einmal hat man in den vergangenen Jahren gelesen, dass die Kriege der Zukunft verstärkt um das blaue Gold geführt werden.

Jeder Blick in die Zukunft wird von der Brille des gegenwärtigen Lebensgefühls und zeitgenössischer Ideologien eingefärbt, so dass sich selbst innerhalb einer Filmreihe die Rahmenbedingungen und Regeln einer Welt drastisch verändern können. Schon seit dem frühen 19. Jahrhundert gibt es populäre post-apokalyptische Romane (Mary Shelleys The Last Man gilt vielen als der erste), und auch das erste Jahrhundert des Kinos war voller verwüsteter Leinwand-Welten. Gerade im Rückblick fällt es oft leicht zu sagen, welche Ängste eine bestimmte Epoche geprägt haben. Die nuklearen Zelluloid-Einöden der fünfziger und sechziger Jahre etwa waren spürbar der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki nachempfunden. Arch Oboler reduziert die Menschheit so auf Die letzten Fünf, bei Roger Corman blieben immerhin Die letzten Sieben. In George Pals Version von Die Zeitmaschine sind Morlocks und Eloi Ergebnis eines Nuklearkriegs, auch in Chris Markers Am Rande des Rollfelds (bekannter unter dem Originaltitel La Jetée und als Inspiration für Terry Gilliams 12 Monkeys) verstecken sich die Überlebenden eines Atomkriegs in unterirdischen Katakomben. Bis in die späten achtziger Jahre erschienen Filme wie Der Junge und sein Hund, The Day After – Der Tag danach und Terminator: Wo Spionagegeschichten und politische Paranoia-Thriller die Gegenwart des kalten Krieges beschrieben, zeigten diese Filme eine mögliche Zukunft. In den vorhergehenden Jahren hatte der Neorealismus, mit seinen Bildern von Stadtruinen, bitterer Armut und dem alltäglichen Überlebenskampf, den Versuch unternommen, den Kataklysmus des zweiten Weltkrieges zu verarbeiten.

Mit dem Ende des kalten Krieges hat sich das Armageddon diversifiziert. Atombomben, aber auch konventionelle bewaffnete Auseinandersetzungen, erscheinen heute, in einer zunehmend multipolaren Welt, in der Kriege vor allem zwischen nicht- und innerstaatlichen Akteuren geführt wird, nur noch selten als glaubwürdige Untergangsursache. Die Möglichkeiten für das Ende sind nun mannigfaltig; so wie bei Ghostbusters, wo ausgerechnet der Stay Puft Marshmallow Mann zum Unheilsbringer wird, sind der (Vernichtungs-)Fantasie keine Grenzen gesetzt. Auch in Filmen und Serien des 21. Jahrhunderts geht noch regelmäßig die Welt unter, nur eben auf neue Art und Weise. Nur: Auf welche eigentlich?

Transcendence(Filmstill aus Transcendence. Copyright: Tobis Film)

Eine omnipräsente Entwicklung lässt sich gut mit dem Untertitel von Terminator 3 zusammenfassen – das Gegenwartskino erzählt immer wieder von einer Rebellion der Maschinen. Technikbedingte Endzeit-Narrative sind oft als Gegenpol zu einer verbreiteten Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit zu verstehen; ihre Urheber verstehen sich oft als Bedenkenträger und Mahner. So war es schon bei Mary Shelley, die dem viktorianischen Zeitalter, der industriellen Revolution und Visionen einer Welt ohne Hunger und Leid durch die Macht der neuen Technologien, gotische Schrecken wie Frankensteins Monster und menschengemachte Seuchen entgegensetzte. Mit dem Aufstieg des Internets und der Entstehung von künstlichen Intelligenzen, der zunehmenden Digitalisierung und Virtualisierung, mit der Vernetzung und Konzepten wie dem Internet der Dinge ist auch eine gesellschaftliche Skepsis erwachsen. (Im Magazin Time war zuletzt zu lesen, „welche fünf sehr klugen Persönlichkeiten“ denken, künstliche Intelligenz könne „zur Apokalypse führen“.) Die kleinen Datenströme menschlicher Gehirne blicken auf die gewaltigen Datenströme des Internets und verspüren einen Minderwertigkeitskomplex. Der findet seinen Ausdruck in Filmen wie Wally Pfisters Transcendence, in dem Johnny Depp Teil einer stetig wachsenden K.I. wird, die am Ende einen globalen technologischen Kollaps verursacht. In der NBC-Fernsehserie Revolution verschwindet unter mysteriösen Umständen sämtlicher Strom. I, Robot; The Machine; The Congress; Ex-Machina – die Liste ist lang.

Neu ist dabei vor allem eines: An die Stelle der offensichtlichen, physischen Gewalt der Terminatoren ist ein schleichender, langsamer Ablösungsprozess getreten. Filme wie Matrix, vor allem aber das zunehmende Gefühl von Abhängigkeit gegenüber PCs und Smartphones, haben dazu geführt, das an die Stelle der Auslöschung hier oft die Ablösung tritt. Die Auflösung alles Menschlichen in Cyborg und Hybride, der Austausch der fehlbaren Menschen durch die der Singularität entsprungenen Maschinengötter.

TriStar PIctures'' ELYSIUM.(Filmstill aus Elysium. Copyright: Sony Pictures Germany)

Natürlich fürchtet sich der Mensch immer noch am meisten vor sich selbst, vor anderen Menschen. Die Endzeit war immer schon ein Prüfstand der Humanität, vor dem der Naturzustand des Menschen sich offenbaren konnte, losgelöst vom Korsett der Zivilisation. Oft wird deutlich: In vielen postapokalyptischen Welten ist die Chance eines Neustarts angelegt. Jede nachzivilisatorische Welt ist gleichzeitig eine vorzivilisatorische. Wie im Neorealismus geht es auch im Endzeit-Film um den stetigen Wiederaufbau, den von Gebäuden und den von demokratischen Strukturen. Große sozio-politische Schreckensbilder beherrschen Filme wie die Tribute von Panem-Reihe, Elysium, Der Nebel oder Divergent: Ihre Kriege und Verwüstungen sind vor allem Ausdruck einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung, an der am Ende gleich die Weltordnung zerbricht. Frank Darrabonts Stephen King-Verfilmung Der Nebel lässt, wie der Titel schon sagt, die Welt in grauen Schwaden von Ungewissheit versinken, in denen gefährliche Kreaturen lauern. Ein Gruppe von Menschen flüchtet sich in einen Supermarkt und schnell wird klar: Die wahren Monster sind unter uns. Eine religiöse Fundamentalistin spielt die Bewohner des Mikrokosmos gegeneinander aus. Die Panem-Filme erzählen von Kriegen und Naturkatastrophen, die Nordamerika weitgehend verwüstet haben. Der Kontinent ist nunmehr aufgeteilt in 12 (bzw. 13) Distrikte, physische Manifestation von Klassen und Wirtschaftssektoren. In Elysium schwebt über einer weitgehend verarmten, verwüsteten Erde eine paradiesische Raumstation.

Beide Filme sind Produkt der Finanzkrise. Bemerkenswert: Auch wenn das Thema in den Nachrichten lange präsent war, schafft es der ökonomische Kollaps nur selten und indirekt auf die große Leinwand. Es gibt Ausnahmen, wie David Michôds The Rover, in dem das weltweite Wirtschaftssystem kollabiert ist, aber in der Regel bleibt es, wie Philosoph Slavoj Žižek sagt: Ein Ende der Welt können wir uns vorstellen, das Ende des Kapitalismus hingegen nicht.

Der Mensch ist nicht nur, wie in diesen Filmen, in seiner Ursprungsform gefährlich, sondern auch als Wiedergänger: Als Vampir, Mutant, vor allem aber als Zombie. Gerade die Untoten erfreuen sich in zahllosen Inkarnationsformen großer Beliebtheit. Seitdem er Ende der sechziger Jahre durch Die Nacht der lebenden Toten popularisiert wurde, ist der Untote ein Monstrum mit vielen Gesichtern gewesen. Er steht für die Angst des Individuums, sich im Kollektiv zu verlieren. Für das Horror- und Actionkino ist er ein wertvolles Instrument, weil es die Feinde der Helden entmenschlicht und wenig kontroverses Kanonenfutter bietet (im Kontrast zu etwa russischen oder arabischen Feinden.)

Serien wie The Walking Dead, aber auch Filme wie Dead Snow, The Horde, Resident Evil oder Dawn of the Dead bedienen eine Fangemeinde, welche zum Teil die Endzeit als gesellschaftlichen Aus- und Umbruch sogar herbeisehnen. In Fan-Foren und der Survivalist-Kultur wird der Ernstfall elaboriert durchdacht, es wird trainiert und entgegengefiebert. Nicht umsonst überlebt in der Komödie Zombieland ausgerechnet der zurückgezogene Nerd Columbus: Der Virus wird durch menschlichen Kontakt übertragen. Die Welt der Zombie-Apokalypse ist oft eskapistischer Sehnsuchtsort derer, die sich von Konventionen und Normen eingeengt fühlen.

Das gilt natürlich auch für Naturkatastrophen, die in der zeitgenössischen Interpretation oft keine Strafe Gottes mehr sind, sondern die Rache der gebeutelten Natur. Darren Aronofskys Noah ist ein militanter Umweltschützer, der lieber Tiere als Menschen schützt. M. Night Shyamalans The Happening lässt Pflanzen zum Immunsystem des Planeten werden, dass den Fremdkörper Mensch zu beseitigen versucht. Und in der Planet der Affen-Reihe wird die menschliche Spezies nicht mehr durch einen Atomkrieg, sondern durch eine selbst entwickelte Krankheit und den Zorn intelligenter Affen ausgelöscht. Auch in Christopher Nolans Interstellar hat die Menschheit ihren Planeten unbewohnbar gemacht. Mit seinem ökologischen Anliegen steht Mad Max: Fury Road also sicherlich nicht alleine dar.

Melancholia(Filmstill aus Melancholia. Copyright: Concorde Filmverleih GmbH)

Zunehmend bekommt der Weltuntergang auch eine individualpsychologische Komponente. Als Ergebnis von verstärkter Individualisierung und dem Bedeutungsverlust von klassischen Institutionen wie Kirche und Familie kann die Apokalypse auch etwas sehr persönliches sein. Dabei wird die globale Katastrophe zur Metapher für das Einzelschicksal. In Melancholia lässt Lars von Trier bildgewaltig einen Planeten mit der Erde kollidieren, zeigt damit aber vor allem die aufgebrachte Gefühlswelt seiner depressiven Hauptfigur Justine. David Gordon Greenes Prince Avalanche ist kein klassischer Endzeitfilm, lässt aber zwei Straßenarbeiter irgendwo im Nichts der von Waldbränden verheerten texanischen Ödnis die Fehler ihrer eigenen Vergangenheit konfrontieren. Und John Hillcoats Cormac McCarthy-Adaption The Road ist wenig an den Ursachen der weltweiten Katastrophe interessiert (die bleiben, wie im Roman, unklar), sondern konzentriert sich auf einen Jungen und seinen Vater, die mit dem Selbstmord ihrer Mutter umzugehen lernen müssen – in einer Welt voller Kannibalen, der Menschlichkeit wenig gilt.

Ausgerechnet Komödien-Regisseur Edgar Wright verbindet wie kein zweiter Schicksalsschläge mit globalen Katastrophen: Sowohl in Shaun of the Dead, als auch in The World’s End wird das apokalyptische und post-apokalyptische Großbritannien zum Katalysator einer persönlichen Entwicklung des Protagonisten. So kämpft The World’s End Simon Peggs Figur Gary King in gleichem Maße gegen seinen Alkoholismus und seine Entwicklungshemmung, wie gegen die invasionsbereiten Roboter.

Das Endzeitkino der Gegenwart beschäftigt sich also vor allem mit der Angst vor gesellschaftlicher Spaltung und den daraus erwachsenden Konflikten, vor der Ablösung durch Maschinen und K.I., vor dem Verlust der Identität gegenüber der durch die Globalisierung immer näher heranrückenden Masse (in Form des Zombies), vor dem ökologischen Kollaps und dem individuellen Scheitern. Natürlich gibt es auch viele andere Ideen und Sorgen, doch diese sind die präsentesten, lautesten, vermutlich die bedeutsamsten. Welche Befürchtungen und Dystopien in Zukunft Wirklichkeit werden, bleibt schwer abzusehen.

Beruhigend ist höchstens, dass das Ende der Welt nicht unbedingt das Ende des Kinos bedeuten muss. In Andrew Stantons Wall-E ist die Erde durch Umweltverschmutzung aufgrund des gesteigerten Massenkonsums und der daraus resultierenden Vermüllung unbewohnbar geworden. Der titelgebende Müllroboter ist der letzte Bewohner der gewaltigen Halde. Als einziger Freund bleibt ihm eine Kakerlake. Und der wahrscheinlich letzte Film des Planeten ist Hello, Dolly!, mit Gene Kelly, Barbra Streisand und Walter Matthau.

Wall-E(Filmstill aus Wall-E. Copyright: Buena Vista International Film Production)

Die Hollywood-Größen tanzen, ohne zu wissen, dass sie längst tot sind, ohne zu wissen, dass ihre Welt nicht mehr existiert und ihre Ballsäle Ruinen sind. Ohne zu wissen, dass ihre Lieder heute ungehört verhallen und ihre Choreographien zum morbiden Totentanz verkommen. Und trotzdem lehren sie Wall-E zu lieben – auch nach der Apokalypse.

(zuerst erschienen unter kino-zeit.de)

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Ein Gedanke zu “Post-Apocalypse Now – Endzeitfilme im 21. Jahrhundert

  1. Tolle Übersicht zu den Facetten des Genres. ich finde es ebenfalls spannend, wie durch den Wandel der Gesellschaft immer wieder neue Themen im Fokus stehen.

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