Rezension: Kiss the Cook – So schmeckt das Leben

KissTheCockDas Schlimmste an alternden Regisseuren ist, dass sie ihre Midlife-Crisis in selbst geschaffenen fiktiven Welten ausleben können, in denen idealisierte Versionen ihrer selbst all jene Dinge tun und sagen, die den realen Vorbildern verwehrt geblieben sind. In diesem eitlen Kasperletheater schrumpft die böse, unbeherrschbare Welt auf einen Globus zusammen, der sich nur für sie dreht. Jon Favreau hat mit Kiss The Cook – So schmeckt das Leben einen Film über sich selbst gemacht; man merkt es nicht zuletzt daran, dass er die Hauptrolle spielt. Es ist die Art film à clef, für die sicher niemand einen Schlüssel braucht. Nach großen Studiofilmen sehnt sich Favreau jetzt wieder nach Authentizität und Ungebundenheit.

Genau nach der verlangt es auch seinen Leinwand-Zwilling Carl Casper, Chefkoch im kalifornischen Restaurant Gauloise. Das Geschäft boomt, Capser hat sich über das letzte Jahrzehnt ein ansehnliches Stammpublikum erarbeitet. Die Beziehung zu seinem Sohn Percy (Emjay Anthony) und seiner Ex-Frau (Sofía Vergara) könnte besser sein, immerhin spendet Kellnerin Molly (Scarlett Johansson) Trost. Doch die Routine ermattet ihn – statt originellen, frischen Kreationen erlaubt Besitzer Riva (vollkommen verschwendet: Dustin Hoffman) nur das Bewährte. Das stellt sich spätestens, als der gnadenlose Restaurant-Kritiker Ramsey Michel (Oliver Platt) seinen Besuch ankündigt, als großer Fehler heraus: Das Urteil fällt vernichtend aus. Nachdem sich Caspers zornige Reaktionen in den sozialen Medien verbreitet haben, bleibt ihm nur noch eine Option: In einem Imbisswagen tourt er durch Amerika, auf der Suche nach seiner Jugend, (künstlerischer) Freiheit und der Liebe seines Sohns.

Es ist die Art von Stoff, die einem soliden Handwerker wie Favreau Stoff für einen netten 82 Minuten-Film bietet. Stattdessen schleppt sich Kiss the Cook über fast zwei Stunden Laufzeit. Der Film mäandriert vor sich hin und bietet mehr Füllmaterial als das durchschnittliche Doppel-Album. Spätestens die fünfte Miniatur-Montage oder der sechzehnte Establishing Shot zu „fetziger“ Musik, entlarvt ihn als den Massenmörder unter den Zeit-Totschlägern. Favreau ist so in die Belanglosigkeiten und Allgemeinplätze seines Drehbuchs verliebt, dass er jeden Handlungspunkt vollständig auserzählen muss. In der Regel ist von der ersten Einstellung einer Szene an klar, was in den nächsten Minuten passieren wird. Es ist wie einem langen, schlecht erzählten Witz zuzuhören, den man seit vielen Jahren kennt; sonderlich lustig war er schon beim ersten Mal nicht. Im Schnittraum wäre dieser Film zwar nicht zu retten gewesen, aber man hätte das Leid zumindest verkürzen können.

Die Beziehungen zwischen den Figuren sind nicht nur völlig uninteressant, sondern entwickeln sich auch genauso, wie man es erwartet. Es gibt einen Überschuss an Darstellern, ausgeglichen durch einen erheblichen Mangel an Charakterentwicklung und Substanz. Drama oder Überraschung sind hier nicht einfach Fremdwörter, sondern lange unter Wüstensand verschollene Hieroglyphen. Es steht zu keinem Zeitpunkt etwas auf dem Spiel. Multi-Millionär Favreau kann sich greifbare Nöte und Mängel nicht einmal mehr vorstellen. Natürlich finden Casper und sein Sohn wieder zueinander, natürlich entflammt die Liebe zwischen ihm und seiner Ehefrau aufs Neue. Natürlich (?) verschwinden Scarlett Johansson, Dustin Hoffman und Robert Downey jr. (als schmieriger Ex-Mann von Caspers Ehefrau langweilig wie in letzter Zeit so oft) nach ein oder zwei kurzen Auftritten spurlos. Hoffentlich hatten sie etwas Besseres zu tun.

Ramsey Michael ist die tausendste Kritikerfigur, wie zornige Kulturschaffende sie sich in ihren Köpfen konstruieren: Selbstgerecht, arrogant, harsch; aber im tiefsten Inneren eigentlich nur enttäuschte Fans, die sich an ihren eigenen Minderwertigkeitskomplexen abarbeiten. Vielleicht entspricht dieses Bild ja sogar der Wahrheit, wer weiß. Doch selbst wenn dem so wäre, das Klischee wird dadurch keine neue Erkenntnis und die Machwerke der gekränkten Filmemacher nicht besser. Ohne Zusammenhang: Favreaus letzter Flop Cowboys & Aliens kam bei der Kritik nicht sonderlich gut an. Dustin Hoffman ergänzt die Feindbilder mediokrer Regisseure um den engstirnigen Produzenten, der nur das Geld im Blick hat.

Favreau wähnt sich am Puls der Zeit und jongliert munter mit Social Media Buzzwords: Immer wieder muss Millennial Percy seinem alten Vater Phänomene wie Twitter, Vine, Facebook oder Geolocations erklären. Die Reisebüro-Ästhetik, in der Städte wie New Orleans eingefangen werden, trifft auf eine Digital-Ideologie, nach der Twitter und Facebook nicht nur kommerzielle Phänomene, sondern persönliche Freunde und Wegbereiter des individuellen Schicksals sind. „Ich bin ein Mem!“, erklärt Casper einmal Stolz. Wenn später in einer Szene Twitter-Vögel physischer Teil der Realität werden und durch den Himmel zwitschern, möchte man am liebsten schreien. Oder zumindest einen zornigen Tumblr- oder Reddit-Thread eröffnen. Es wird Namedropping betrieben, mehr nicht. Das Risiko, dass sich daraus so etwas wie Tiefgang ergibt, liegt konstant bei null.

Kiss the Cook ist das emotionale und narrative Kino-Äquivalent eines Blicks auf einen durchschnittlichen Facebook-Feed. Einige Menschen haben ihr Mittagessen gepostet, was durchaus ansprechend aussieht, aber natürlich nicht satt macht. Andere posten unfassbar spontane Bilder aus ihrem Erlebnisurlaub, ihr Lächeln ist breit und ungekünstelt; oder sie teilen das virale Motivations-Video, das eine rührende Geschichte direkt aus dem echten Leben erzählt. Es fehlen nur noch Katzenbilder.

Vor allem aber unterliegt der Film dem Diktat der guten Laune. Bilder, Geschichte, Figuren und Aussage sind glatt und wohlfeil, kein Wölkchen trübt den blauen Himmel dieser Arthaus-gerechten Feelgood-Welt. „Ich möchte die Leben der Menschen berühren!“ erklärt Casper seinem Sohn. Favreau meint damit seine Filme. Doch gerade hier, wo das finale Produkt mehr als je zuvor in seinen Händen liegt und von seinen Fähigkeiten abhängt, liefert er etwas vollkommen Seelenloses. Berührt wird man höchstens peinlich. Es ist ein Lifestyle-Filmchen ohne Leben oder Stil.

Und das ist, gerade in Anbetracht der endlos über dem Zuschauer ausgekübelten guten Laune, wirklich tief traurig. Jeder soll die Kunst machen, die er machen will. Aber wer solche Kunst machen will, sollte besser keine Kunst machen wollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s