Warum das Kino keine Angst vor den sozialen Medien haben darf

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser dieses Textes ihn über ein soziales Netzwerk entdeckt hat, ist ziemlich hoch. Facebook, Twitter und Co. sind für viele die Oberfläche des Internets, von der aus sie alle anderen Stationen ansteuern. Nun eben auch diese hier, die sich mit Arthouse-Kino beschäftigt. Und weil das Kino immer ein Spiegel der Welt um es herum ist, geht es in den Filmen von heute auch oft um ebendiese sozialen Medien. Die neue Vernetzung beeinflusst jeden Aspekt unseres Lebens, auch das kollektive Sehen. Doch die Beziehung zwischen den beiden Medien ist nicht immer einfach.

Tweet1(Filmstill aus Kiss the Cook. Copyright: StudioCanal Deutschland)

Sichtbar wird das unter anderem in einem Film, der in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft: Jon Favreaus Kiss the Cook – So schmeckt das Leben. Dem Titel zum Trotz ist es eigentlich nicht wirklich ein Film über Kochkunst, sondern einer über das Leben mit den sozialen Medien. Der von einer Midlife-Crisis geplagte Koch Carl Casper verliert seinen Job, nachdem sich im Internet ein Video verbreitet, in dem er einen Restaurantkritiker wüst beschimpft. Daraufhin zieht er mit einem Imbisswagen durch die Vereinigten Staaten. Erfolgreich ist er dabei vor allem, weil auch sein Sohn mit ihm auf Reisen ist. Als Teil einer neuen Generation kann der ihm erklären, wie man Fans über Facebook mobilisiert, warum ein Vine-Video nur sechs Sekunden lang ist, oder wie genau man die Ortsbestimmung bei Twitter anschaltet, um zahlungswillige Kunden über den Standpunkt des Wagens zu informieren. Dabei baut der Film eine klare Dichotomie auf: Casper ist ein wenig wie das Kino – ein talentierter Künstler, aber etwas behäbig und überholt. Und sein Sohn ist, wie die sozialen Netzwerke, immer am Puls der Zeit.

So ähnlich funktioniert es auch in dem Musik-Drama Frank (Deutschlandstart: 27. August), in dem der junge, schüchterne Jon (Domhnall Gleeson) sich der Band des verschrobenen Frank (Michael Fassbender) anschließt. Ohne das Wissen der anderen Bandmitglieder lädt er Videos ihrer Proben auf YouTube hoch, führt einen Blog über seine Erfahrungen und twittert seine Gedanken. Plötzlich sind sie berühmt – nicht wirklich durch ihre Musik, sondern vor allem durch die Präsenz im Netz. Durch ein Image. Der zurückgezogene Künstler Frank, der immer einen großen Kopf aus Pappe über seinem eigenen trägt, ist vom Hype um seine Person überfordert.

#Zeitgeist und Disconnect konfrontieren gleich ganze Ensemble von Figuren mit dem Internet, in der Regel mit negativen Konsequenzen. Und an anderer Stelle sind die sozialen Netzwerke sogar eine Bedrohung für Leib und Leben: Im neuen Horror-Thriller Unknown User (Deutschlandstart: 16. Juli) lauert im Internet der Tod. Der Slasher Smiley – Das Grauen trägt ein Lächeln handelt nicht nur von Internet-Memes und urbanen Web-Legenden, sondern wurde sogar vom YouTube-Star Michael Gallagher selbstständig produziert.

Einig sind sich diese Filme, vor allem in der Gefahr der sozialen Netzwerke – seltsam einstimmig werden sie als un- bis antisozial angeklagt und das Netzwerk zum Spinnennetz erklärt. Wenn man sich diese Beispiele ansieht, bekommt man schnell den Eindruck, Filmschaffende versuchen vor allem, einen Minderwertigkeitskomplex des Kinos zu verarbeiten. Es erinnert ein wenig an die fünfziger Jahre, als das Fernsehen plötzlich eine Bedrohung war, oder an die Auseinandersetzung der Achtziger mit dem Videofilm.

Zum einen ist es der natürliche Generationenkonflikt, der zwischen Produzenten und Konsumenten aus Sachzwängen fast immer besteht: Die Mühlen der Filmstudios mahlen langsam, bis ein Regisseur sich etabliert hat, ist er in der Regel nicht mehr jung, Ausnahmen bestätigen die Regel. Dem eigenen Medium fühlt man sich verbunden, eine gewisse Distanz zu allen anderen, zumal neueren, geht oft damit einher. Kino hat mittlerweile Tradition und Geschichte, hip und sexy ist es nur manchmal.

Gerade alte Studiogrößen reagieren mit Irritation auf ein neues Gefühl von Abhängigkeit, welches sich aus dem modernen Filmgeschäft fast zwangsläufig ergibt. Das frühere Erfolgsmaß, dass der Ticketverkäufe, ist heute nur eines von vielen; als neuer Gradmesser kommt auch die reine Online-Präsenz hinzu. Shares, Likes und Retweets sind nicht nur für den Bezahlsender HBO, sondern für jeden Filmverleih, eine relevante Größe. Kausalitäten werden immer schwerer abzuschätzen. Wer sein Produkt unters Volk bringen will, der analysiert die sozialen Netzwerke- die größte, unmittelbarste Feedback-Maschinerie der Gegenwart. Firmen wie Fizziology oder ListenFirst Media bieten einen solchen Service. (Weiteres dazu auch bei Forbes.)

Ohne große Kampagne in den sozialen Medien funktioniert heute keine Veröffentlichung mehr. Die Shorty Awards, die jedes Jahr „das Beste aus den sozialen Medien“ auszeichnen, vergeben auch einen Preis für das cleverste Filmmarketing. Bei der letzten Preisverleihung wurde die Kampagne für den Horrorfilm Devil’s Due – Teufelsbrut ausgezeichnet. Die Geschichte um ein Mädchen, das schwanger vom Teufel ist, wurde mit einem Video beworben, in dem ein animatronisches Baby in einem ferngesteuerten Kinderwagen New York terrorisiert, aufgezeichnet mit versteckter Kamera.

Das virale Video „Devils
Baby Attack“, mit dem
Devil’s Due – Teufelsbrut beworben wurde

Für Nightcrawler wurden der Hauptfigur Facebook, Twitter, Tumblr, Instagram, LinkedIn und WhatsApp-Profile eingerichtet. „Wir haben als Lou Bloom auf Kommentare in Echtzeit und mit seiner einzigartigen und unwiderstehlichen Stimme geantwortet.“, erklärt das Marketingteam, das sich in dem Psychopathen spürbar wiederfindet. Und um den K.I.-Thriller Ex Machina zu bewerben, meldete die zuständige Agentur ein automatische Antworten generierendes Programm bei der Dating-App Tindr an. Reihenweise verfielen Männer der fiktionalen Ava, nur um am Ende auf einem Instagram-Profil zu landen. Natürlich ist Werbung über das Internet kein neues Phänomen, man denke nur an das clevere virale Marketing, dass Blair Witch Project zu einem der lukrativsten Filme aller Zeiten machte. Neu ist vor allem der Event-Charakter, der virale Kampagnen in einigen Fällen sogar zu größeren Ereignissen als den eigentlichen Film macht. Das Teufelsbaby in New York haben allein auf YouTube über 50 Millionen Menschen angesehen, im Kino war es weltweit nicht einmal ein Bruchteil dieser Zahl. Virale Werbe-Videos sind für viele ein selbstständiges Produkt, das unabhängig vom eigentlichen Zweck eine Eigendynamik entwickelt.

Die sozialen Netzwerke werden von einer großen Anzahl von Menschen als Unterhaltungsangebot wahrgenommen, sie stehen oft in direkter Konkurrenz zum Kino. (Sogar im Kinosaal selbst glotzt noch ein Teil des Publikums auf sein Smartphone. Die Funknetze enden nicht an der Eingangstür.) Anstatt sich für Geld eine Komödie im örtlichen Multiplex anzusehen, könnte ein Teenager sich auch zwei Stunden Material seines Lieblings-YouTubers ansehen, Instagram-Bilder oder witzige Clips auf Vine. (Im Fall der unzusammenhängenden Pseudo-Parodien von Jason Friedberg und Aaron Seltzer, wie etwa Die Pute von Panem, läuft das sogar ungefähr auf das Gleiche hinaus.) Schon seit 2011 experimentiert Facebook mit dem Mieten von Filmen, direkt vom eigenen Profil aus.

Anders herum könnte man argumentieren: Das Kino ist selbst eines der ältesten sozialen Netzwerke. Es gibt Menschen in aller Welt einen Rahmen, miteinander zu kommunizieren. Ideen werden über den gesamten Globus getragen: Ein Film kann uns zeigen, wovon ein kleines Mädchen in Tansania träumt, wovor ein Koreaner sich fürchtet. Welche Gedanken sich ein Schwede über den Kapitalismus oder eine Amerikanerin über Kunst macht. Die Säle der Lichtspielhäuser bieten einem Raum zum Beisammensein – der Film ist auch ein soziales Medium.

Das Problem: Die Verlustängste der alten Riegen hindert das Gegenwartskino an einer reflektierten Auseinandersetzung mit diesem neuen Phänomen des Zeitgeists. Filme wie #Zeitgeist bieten wenig mehr als klassischen Konservatismus, statt einem kritischen Blick gibt es verknöchertes Gesinnungsfernsehen, das einer alternden Zielgruppe vorbetet, was es ohnehin schon weiß. Lifestyle-Filmchen wie Kiss the Cook biedern sich an und zeigen gute Laune und Versöhnung zwischen Jung und Alt, Analog und Digital, die aus heiterem Himmel kommt, ohne wirkliche Entwicklung. Es fehlt oft an einem Mittelweg. Warum muss die Thematik immer in den Mittelpunkt gestellt werden, statt organisch in die Filmwelt eingeflochten zu werden? Zumindest rein visuell ist man hier schon weiter. Von der Darstellung des Internets als separater Raum hat man sich verabschiedet – statt der alternativen Welten aus The Matrix gibt es nun immer mehr extra-diegetische (also nicht unmittelbar der eigentlichen Filmwelt zuzuordnende) Einblendungen.


Film-Essay über die Darstellung von SMS und dem Internet im Kino

Plump wirkt vor allem, wie spezifisch die Filmemacher oft werden; als ginge es um Aktualität um jeden Preis. Das Kino muss anerkennen, dass krampfhafte Berufsjugendlichkeit nicht funktionieren kann – gegen YouTube-Stars kommen sie in dieser Hinsicht ohnehin nicht an. Wer zu genau benennt, um welches Netzwerk es hier geht, reduziert seine Halbwertszeit erheblich. Wenn heute in einem Film von MySpace die Rede ist, fühlt er sich an, wie aus einem anderen Zeitalter. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Und wenn in Frank permanent über Twitter gesprochen wird, bekommt man darüber hinaus den Eindruck, einen Werbefilm zu sehen. Soziale Netzwerke haben ein kommerzielles Interesse an ihrem Kunden, wer das nicht abbildet, betreibt vor allem Produktplatzierung. Authentizität erlangt man nicht nur durch die reine Dopplung der Wirklichkeit, sondern durch Einordnung und Deutung.

Wünschenswert wäre hingegen, wenn es auch um Chancen und Möglichkeiten ginge, statt immer nur um Gefahren. Nur durch Gegenüberstellung und Abwägung wird ein Argument wirklich überzeugend. Ein Dokumentarfilm wie The Square stellt einleuchtend dar, wie Wirkung und Grenzen der Netzwerke aussehen. Das Spielfilme daran so oft scheitern, ist ärgerlich. Ökonomische Erwägungen und Ängste, die sich in Anbiedern und blindem Verdammen ausdrücken, versperren den Blick auf das Panorama. Angst muss das Kino nicht vor den sozialen Medien haben, sondern höchstens vor sich selbst: Vor der eigenen Abschaffung durch Versteifung und Gleichförmigkeit. Lust am Schauen, ein Bedürfnis nach der kollektiven Seherfahrung, wird es immer geben. Das Kino kann nur aus der Mode kommen, wenn es anfängt, sich selbst als eine Mode zu sehen.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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Ein Gedanke zu “Warum das Kino keine Angst vor den sozialen Medien haben darf

  1. Ich glaube schon, dass soziale Netzwerke ein wichtiges Thema im Kino sind, denn schließlich bildet das Kino auch immer Themen auf, die universell sind, damit sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen. Ich sehe allerdings eher einen Trend zum Portrait. So wird in THE SOCIAL NETWORK das Leben von Mark Zuckerberg verfolgt, derzeit gibt es einen Trailer zum neuen Steve Jobs-Film mit Michael Fassbender in der Hauptrolle.

    Wenn es dann aber um die Umsetzung geht, sieht es häufig schwierig aus, weil man eben Kapazititäten (insbesondere Menschen) braucht um die sozialen Netzwerke zu bedienen. Marketingexperten, PR-Leute, Koordinatoren, evtl. Maskenbildner, Bühnenbauer, Schauspieler…. – Der Fantasie sind ja keine Grenzen gesetzt. Um in Interaktion mit den Fans zu treten, hilft es nicht einfach nur regelmäßig Filmstills hochzuladen. Sehr gelungen finde ich diese Idee einer britischen Kinokette (https://www.youtube.com/watch?v=GruHSeYuXUE), die zum Kinostart von KINGSMAN Kinobesuchern einen Adrenalinkick verpasste und das Kino kurzerhand zum Kampfschauplatz umfunktionierten.

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