Rezension: I wie Ikarus

i-comme-icare-197138lKein Held ist mehr als die Summe der Menschen, die ihn zum Helden erklären. Kriegszeiten mit klaren Feindbildern führen zu herkulischen Figuren. Zweifler und Bedenkenträger hingegen sind die Helden skeptischer Massen und füllen die Lücken brüchig werdender Weltbilder. Ihr Kampf gegen Übermacht und Autorität gibt ihnen etwas heroisches, auch wenn sie nicht in unser Bild eines Helden passen. Heute sind das etwa Whistleblower wie Edward Snowden oder Chelsea Manning – eigentlich unauffällige, blasse Menschen, kleine Räder in einer großen Maschine, die aufgehört haben zu funktionieren. Gerade ihre offensichtliche Normalität macht sie zur perfekten Projektionsfläche.

Faszinierend ist, wie sehr sie den Helden der Paranoia-Thriller ähneln, die nach dem Kennedy-Attentat, dem Watergate-Skandal und im Rahmen des Vietnamkriegs die Kinos der Welt fluteten. Man nehme nur die graumelierte Harmlosigkeit von Generalstaatsanwalt Henri Volney aus Henri Verneuils (die Namensähnlichkeit: Zufall?) I wie Ikarus.

Seine Stunde schlägt, als der französische Staatspräsident Jary kurz vor dem Antritt seiner zweiten Amtszeit bei einem Attentat ums Leben kommt. Der vermeintliche Todesschütze, Karl Eric Daslow (Didier Sauvegrain), wird tot in der Nähe des Tatorts gefunden. Eine rasch einberufene Kommission kommt zu eindeutigen Ergebnissen: Daslow war ein paranoider Einzeltäter und hat nach seinem Anschlag Selbstmord begangen. Das Bild zeigt einen Ermittlungsraum, in dem Aktenordner wie gefallene Dominosteine über den Tisch verteilt liegen, alles scheint zu seinem logischen Ende gedacht. Doch Volney vermutet, was der Zuschauer längst weiß, weil es ihm zuvor gezeigt wurde: Dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Erst in dem Moment, in dem er widerständig wird, taucht er im Film auf und bekommt ein Gesicht. Erst der Zweifel macht ihn zum Helden, so wie Henry Fonda in Die zwölf Geschworenen oder Melvilles Bartleby („I would prefer not to“). Er weigert sich, den Bericht der Kommission zu unterschreiben und stellt mit seinem Team eigene Ermittlungen an. Schnell ist er einer Verschwörung auf der Spur. Und die Verschwörung ihm. Ikarus‘ Flug zur Sonne beginnt.

Verneuil macht aus dem sehr traditionellen Stoff eine Abhandlung über die Suche nach Wahrheit und die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion. Es geht um die Lücke in den (Welt)Bildern, die auch Antonioni in Blow Up gesucht hat. Einmal wird von Kameras direkt auf ein Scharfschützengewehr geschnitten, Fadenkreuz und der subjektive Blick des Objektivs gleichgesetzt. Die wahren Gewalttaten der Gegenwart sind entlarvt, wenig später wird ein Fernsehstudio zum Schlachtfeld. Eingeleitet wird der Film mit einem Zitat aus Boris Vians Roman Der Schaum der Tage: „Diese Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe.“ Immer wieder hallen Echos dieser Idee durch den Film, etwa wenn Volney verkündet: „Es ist schlecht, wenn das Erfundene nicht auf der Realität basiert. Ohne die Wahrheit gibt es keine Spannung.“

Der Film ist immer dann am stärksten, wenn er sich von seiner eigentlich trivialen Geschichte löst und sich solchen Gedankengängen hingibt. Doch darin liegt auch seine größte Schwäche: Zwischen dem Essayfilm, den Verneuil gerne gemacht hätte und dem klassischen Spannungsfilm, den er sich zu machen gezwungen sieht, liegt eine unüberwindbare Trennung. Der Thriller zerfällt in zwei Teile, die nebeneinander existieren. In dem einen wird ein Kriminalfall gelöst, ein typisches Procedural; im anderen führen Figuren (etwas didaktische) Dialoge über die Natur der Wahrheit. Eine lange Sequenz, in der Volney einen Psychologen befragt, ist wenig mehr als eine Visualisierung des Milgram-Experiments. Sie verrät zwar viel über das Menschenbild des Regisseurs und wäre als Teil einer expliziten Charakterstudie der Hauptfigur sicher gut platziert, bleibt aber für den eigentlichen Fall von geringer Konsequenz.

Auch formal macht sich dieser Bruch bemerkbar: Selbst wenn viel von Autoritätshörigkeit und Kritik an der Obrigkeit gesprochen wird, gelingt es dem Regisseur nur selten, diese wirklich von der Handlungsebene zu lösen. Manchen Autoritätspersonen vertraut der Zuschauer bis zuletzt, vor allem Henri Volney und eben auch Henry Verneuil. Natürlich ist der Anwalt mit einer erstaunlichen Selbstreflexion ausgestattet und hinterfragt sein Handeln, er zweifelt auch an sich selbst. Doch das stärkt seinen Nimbus von Logik und Fairness nur weiter. Was ihn von Manning oder Snowden unterscheidet: Er bleibt Teil der Strukturen, die er anzweifelt. Nur ist er eben die gute Autorität, der liebevolle große Bruder, im Kontrast zu den reichen Schurken. Das auch seine Logik und Neutralität eine Fassade sind, ist Verneuil bewusst, wird aber nicht zu Ende gedacht. Zwar zeigt er den leeren Block, den er dem Fernsehpublikum als wichtige Dokumente verkauft, aber seine Unehrlichkeit hat nie Konsequenzen.

Der Regisseur versteht sich hier als fairen Mediator, das Kino ist ihm ein Vermittler zwischen den Fraktionen. Leider bekommt der Film dadurch etwas Diffuses. Er ist sich seiner Leerstellen bewusst, aber lässt um diese Ambivalenzen zu starre Konstrukte, um wirklich zum Denken anzuregen. Das Problem der Strukturen, die entlarvt werden sollen, liegt in ihrem Wesen. Nicht in finsteren Gestalten und Hinterzimmern, dem Sonderfall, sondern in der Routine. Die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen in der Institution war eine wichtige für eine Generation von Vietnam-Kritikern. Man merkt, dass der Regisseur Harun Farockis Nicht löschbares Feuer gesehen hat, viele der dort dargelegten Ideen finden sich in I wie Ikarus wieder, nur das ihnen der abstrakte, avantgardistische Rahmen fehlt. Die Aufforderung „Kritisiere! Hinterfrage!“ wirkt unglaubwürdig, wenn der Film bis in seine letzten Momente alles erklärt und seinem Publikum wenig Eigenständigkeit zugesteht. Francis Ford Coppolas Der Dialog war schon fünf Jahre zuvor zwanzig Jahre weiter.

Was bleibt ist eine solide, gut besetzte Verschwörungsgeschichte; kompetent inszeniert, manchmal etwas trocken und vorhersehbar. Die Ermittlungen laufen sehr klassisch ab, werden jedoch durch einen feinen Humor (Beweisaufnahmen zwischen Hochzeitsvideos, eine unterhaltsame Brillen-Szene) und die wirklich grandiose und einprägsame Musik von Ennio Morricone vor der Durchschnittlichkeit errettet. In klassischer Suspense-Manier wird parallel montiert, ohne dass je die charmante Langsamkeit des Films verloren geht. Das große Finale des Films besteht aus einer mentalen Leistung, aus Recherche. Man merkt dann: Selbst das Mainstreamkino war einmal ein Ort der Ruhe, der Zwischentöne.

I wie Ikarus ist ein Produkt seiner Epoche, nicht aber eines ihrer Glanzstücke. Die großen Paranoia-Thriller sind heute aktueller denn je, weil sie uns verstehen und glauben lassen. Henri Verneuil hingegen kann uns heute nur noch sagen, was wir längst schon alle wissen.

(Diese Kritik ist Teil der Aktion EinFilmVieleBlogger)

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