Rezension: Wenn der Wind singt / Pinball 1973

wenn_der_wind_singt_pinball_1973Vielleicht sind ja alle Dinge ihre Herkunft. Jede Religion hat ihre Genesis, jedes Start-Up seinen Gründungsmythos und jeder Superheld seine Origin Story. Menschen mögen den Blick auf die Herkunft und einfache Kausalitäten. Gott sagt „Es werde Licht“, also ist Licht. Newton fällt ein Apfel auf den Kopf, also Schwerkraft. Peter Parker wird von radioaktiver Spinne gebissen, ergo Spider-Man. Nun werden auch die Ursprünge des international wohl populärsten japanischen Autors der Gegenwart näher beleuchtet, die von Haruki Murakami. Im Dumont-Verlag sind gerade erstmals seine Debütromane in deutscher Übersetzung von Ursula Gräfe erschienen; in einem Sammelband, versehen mit einem kurzen Vorwort.

Murakamis „Origin Story“ ist zunächst einmal bekannt: Nach dem Universitätsabschluss eröffnet er eine Jazz-Bar und lebt, liebt und liest. An einem sonnigen Tag hat er bei einem Baseball-Spiel eine Epiphanie und beschließt, einen Roman zu schreiben – der Baseball muss ihm nicht einmal auf den Kopf fallen. So entsteht Wenn der Wind singt, der den Nachwuchspreis der Literaturzeitschrift Gunzō gewinnt. Noch kein Durchbruch, aber ein erstes Splittern. Ein Jahr später erscheint der Nachfolger mit dem Namen Pinball 1973. Gemeinsam mit Wilde Schafsjagd, seinem ersten einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemachten Text, bilden sie eine Art Trilogie. Sie teilen sich vor allem eine Nebenfigur („Ratte“), aber auch Themen und Ideen.

Das beigefügte Vorwort liest sich wie eine vorauseilende Entschuldigung, eine schüchterne Verbeugung vor dem Leser. Zum Teil ein Kokettieren mit den bescheidenen Anfängen, zum anderen schwingt ein gewisser Stolz auf den gegenwärtigen Status mit. Küchentisch-Romane nennt er sie, aber auch: Alte Freunde.

Wie diese Präambel fühlt sich dann auch der erste Satz von Wenn der Wind singt an: „So etwas wie ein vollkommener Stil existiert nicht.“ Ein Urknall? Nein, das nun wirklich nicht. Eher ein defensives Manöver. Auktoriales Selbstbewusstsein sieht anders aus. Natürlich lässt sich eine exegetische Lesung der Texte fast nicht vermeiden. Es entsteht die Stimmung einer archäologischen Expedition; man sucht nach den ersten Zeichen des zukünftigen Schriftstellers, nach fossilisiertem Stil. Schnell wird man fündig: Der Protagonist von Wenn der Wind singt ist, wie so oft bei Murakami, wenig mehr als ein Menschengefäß. Durch sein Innerstes spukt nur der Nebel zahlloser amerikanischer Rock- und Jazzplatten, klassischer Konzerte und dicker russischer Bücher. Von der ersten Seite an verpflichtet sich der Autor seinem „Boku“-Erzähler, benannt nach dem ungewöhnlich informellen Wort für „Ich“, das Murakami im Original verwendet, weil es in seiner Darstellung von Identität dem amerikanischen „I“ am nächsten kommt.

Ein trockener, nüchterner Stil wird seinen Büchern oft attestiert, manchmal sogar vorgeworfen. Das ist natürlich falsch, so trunken mit Distanz zu den Dingen ist jede Zeile. Seine Protagonisten blicken auf die Welt mit einer fast beruhigenden Gleichmütigkeit und höflicher Reserviertheit. Das wirkt zunächst sehr japanisch, trotz aller Westorientierung. Doch durch die Ablehnung der Sprachcodizes (bezüglich Klasse und Geschlecht), die oft Nippon-Literatur beherrschen, findet man sich schnell zurecht. Denn es ist kein kalter Blick auf die Welt, die in dieser Ansprechhaltung mitschwingt. „Die Tätigkeit des Schreibens besteht darin, sich seiner Distanz zur Umgebung zu vergewissern.“, wird Derek Hartfield zitiert, ein fiktiver Autor, irgendwo zwischen H.P. Lovecraft und Kurt Vonnegut. Es geht vor allem darum, nicht die Details aus den Augen zu verlieren. Die gewählte Sprache ist klar und unauffällig, verliebt in kleine Gesten. In das Kochen, das Rauchen, Handbewegungen, in Blicke und Rituale.

Handlung bleibt im skizzenhaft gestalteten Debütroman eher nebensächlich. Der namenlose Ich-Erzähler, ein 21-jähriger Student kehrt während den Semesterferien in seinen Heimatort zurück und schlägt Zeit tot. Er lebt, liebt und liest, die meiste Zeit in der Bar von Jay, einem chinesischen Einwanderer. Es ist eine Zustandsbeschreibung, irgendwo zwischen angesammelten Gedankenfragmenten, Tagebuch- und Selbstfindungs-Prosa. Die Welt, die vor dem inneren Auge entsteht, gleicht einer Kohlezeichnung. Nur vereinzelt verirrt sich ein Farbtupfer ins Gesamtbild. So kann man die Welt auch sehen: Als Ort der Graustufen zwischen Leben und dem (deutlich öfter benannten) Tod. So wie der Autor den farblosen Herr Tazaki ein ganzes Jahr lang über den Tod sinnieren ließ, ist auch hier jede Zeile von Sterblichkeit geprägt. Autoren-Vorbild Hartfield springt mit einem Schirm und einem Bild von Hitler in der Hand vom Empire State Building. Der Onkel, der dem Protagonisten das erste Buch von ihm schenkte, stirbt an Darmkrebs. Und im nächsten Abschnitt wird erzählt, wie ein anderer Onkel nach Kriegsende auf seine eigene Landmine getreten ist. Der Tod als absurde Kaskade, der bei der Literatur beginnt, vielleicht in ihr aber auch nur seinen Ausdruck findet. Wiederholt geht es um das Kennedy-Attentat, Freundinnen des Erzählers begehen Selbstmord. Alles eher merkwürdig als tragisch, weil Tod immer Teil der Vergangenheit und sicher auch der Zukunft ist. Oder, wie es Nietzsche formuliert, im Roman wird es auf Hartfields Grabstein graviert: „Wer kann im Licht des Tages das Dunkel der Nacht verstehen“.

Die Geister- und Tierbegleiter der späteren Romane, halb real, halb Teil der Psyche, wie etwa „Krähe“ aus Kafka am Strand, sind hier noch tatsächliche Menschen. Ratte, ein Freund des Protagonisten, mag vom Namen her wie ein Punk klingen, hat die Universität abgebrochen und verbringt seine Zeit auch meistens in einer Bar, beschäftigt sich aber vor allem mit dem Lesen von Weltliteratur. Später wird er Autor. Er entwickelt sich, wo der Ich—Erzähler statisch bleibt.

Vom magischen Realismus von Mr. Aufziehvogel oder Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt ist noch wenig zu spüren. Auch Murakamis erstes politisches Großthema, das Scheitern der Studentenproteste in den Sechzigern, liegt er hier noch verborgen zwischen den Zeilen. Das Buch ist im Jahr 1970 angesiedelt, wahrscheinlich sind die Wunden noch zu frisch. Es bleibt bei Andeutungen.

Das ändert sich in Pinball 1973, wie man schon dem Titel entnehmen kann drei Jahre später erschienen. Es ist eine direkte Fortsetzung. Der Erzähler arbeitet mittlerweile in einem Übersetzungs-Büro und teilt sich seine Wohnung mit einem Zwillingspaar. Sein Weg und der von Ratte haben sich mittlerweile getrennt, der Roman liest sich wie zweigeteilt: Die Passagen über den Protagonisten sind so zurückhaltend und minimalistisch wie eh und je, die über Ratte ergehen sich in ausschweifenden, naturpoetischen Landschaftsbeschreibung. Schizophren mutet es an, wie sehr Murakami sich selbst auf zwei Figuren verteilt: Der letztendlich weltflüchtige Schriftsteller und der in lauwarmer Gleichförmigkeit arbeitende, angepasste Ich-Erzähler. Wo der eine auf der Suche nach der großen Liebe und dem Lebenssinn ist („Dennoch war der Weg zum Leuchtturm das Vertrauteste in seinem Leben.“), verliert sich der andere in kruden Phantasmen (die Zwillinge, mit denen er seine Zeit verbringt, sind die befremdliche Phantasie eines einsamen Mannes) und bindet sein Dasein unwiderruflich an Objekte.

Etwa an den titelgebenden Flippertisch, der fast automatisch zur Metapher für das (Berufs-)Leben wird: Ein ewiges Auf und Ab, ein Kampf gegen den Absturz, wie bei Sisyphos. Man muss sich Flipperspieler als glückliche Menschen vorstellen. Bei alten Modellen, wie dem im Roman beschriebenen „Spaceship“, gibt es noch nicht einmal eine Highscore-Liste. Eine ganz eigene Form von Geschichtsbuch. Was zeigt es, wenn ein Mensch sich in eine solche Maschine verliebt? Mit ihr spricht? Später reist der Protagonist sogar in die erste von Murakamis Halb- und Schattenwelten, um seinen geliebten Flippertisch wiederzusehen. Verliebt in das Spiel, in das System.

Warenfetisch und völlige Freiheit – irgendwo zwischen diesen beiden Extremen verortet der Autor auch die Zukunft seiner Generation. Es ist die der japanischen Studentenbewegung, die in Pinball 1973 deutlicher, aber immer noch sehr indirekt auftritt. Weil wir nichts mehr verachten, als das, was wir erst seit kurzem nicht mehr sind, liefert der Autor vor allem einen abschätzigen Blick. Erzählt wird von zwei Männern, einer von der Venus, der andere vom Saturn. Beide also Weltfremd. „Aktion bestimmt das Denken, nicht umgekehrt.“, werden die Schlachtrufe der studentischen Selbstverwaltung Zengakuren veralbert. Der Zynismus, mit dem das Politische bei Murakami so oft betrachtet wird, ist schon hier greifbar – genauso wie der enttäuschte Idealismus, der direkt darunter verborgen liegt. (Ein umfangreiches, lesenswertes Essay über Politik im Werk des Autors findet sich hier.)

Am Ende des Romans lässt der Protagonist das Zwillingspaar ziehen, genau wie sich das strikt zweigeteilte Weltbild langsam auflöst. Pinball 1973 zeichnet im Rahmen einer sehr persönlichen Geschichte, fast beiläufig, ein präzises Generationsporträt. Die Brüche der Vergangenheit werden klar dargestellt, scheinen aber nicht unüberwindbar.

Was zeigen Murakamis ersten Romane also? Zuerst einmal, dass die meisten Schriftsteller graduell wachsen, sich ausprobieren und entwickeln. Ursprünge sind in einem Medium des langsamen Wachstums, wie es die Literatur eines ist, nie mehr als eine Saat. Der Big Bang, heute so oft erwartet, wird mehr herbeigeredet und konstruiert, als dass er die Regel ist. Dinge sind nicht ihre Herkunft, höchstens ein bisschen. Die Schwerkraft hätte es wohl ohne Newtons Apfel gegeben, aber eine schöne Geschichte ist es ja trotzdem. Lange wollte Murakami diese ersten Gehversuche nicht öffentlich zugänglich machen, was einerseits verständlich, andererseits jedoch schade ist. Wenn der Wind singt und Pinball 1973 geben Einblicke in die Mechanik, zeigen Zahnräder, Wasserrohre und Motoren anstatt glänzender Karosserie. Doch Magie muss mit dem Mythos nicht sterben. Zahnräder können in der Fantasie Sterne sein; Wasserohre menschliche Blutbahnen voller Leben, die ein Herz in der Maschine betreiben. In den Einzelteilen erkennen wir besonders stark ihren Architekten, während wir uns in der Karosserie vor allem selbst spiegeln. Beides hat seinen Wert.

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