Rezension: Victoria

Victoria„Berlin statt Stillstand“, wirbt ein lädiertes Plakat. Wahrscheinlich geht es um eine politische Kampagne, aber eigentlich ist es auch gleichgültig. Für so etwas ist keine Zeit, die Augen hetzen vorbei. Großstädte schlafen nicht, sie sind Orte ohne Unterbrechung, ohne Stillstand eben. Ihre Straßen sind die Aorta der Welt, durch die menschliche Körper pochen. Im Alltag wird man an Gesichtern vorbei gespült, von vielen bleiben nur Schemen. Genau mit solchen beginnt Sebastian Schippers Drama Victoria: Langsam fährt die Kamera durch einen von Stroboskopblitzen erhellten Nachtclub, der Bass dröhnt jeden menschlichen Laut in die Bedeutungslosigkeit. Die einzelnen Leiber sind kaum zu erkennen, sie werden Teil einer amorphen, anonymen Masse. Bis plötzlich eine Protagonistin auserkoren wird, die titelgebende junge Spanierin, gespielt von Laia Costa.

Wer ist Victoria? Eine unter Tausenden, eine einsam tanzende Träumerin, Produkt ihrer Zeit und Teil ihrer Generation. Vor drei Monaten aus Madrid nach Berlin gekommen, steckt sie jetzt in einem unbefriedigenden Job als Kellnerin fest. Vier Euro die Stunde, soviel kostet auch ein doppelter Shot Wodka. Nach einer durchfeierten Nacht will sie eigentlich nur noch nach Hause. Die Sonne wird bald aufgehen, um 7 Uhr muss sie das Kaffee aufschließen. Doch auf dem Heimweg trifft sie eine Gruppe Männer in ihrem Alter, vielleicht ein bisschen prollig, aber irgendwie liebenswert. Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) legen viel Wert darauf, „echte Berliner Jungs“ zu sein; „real Berlin guys“, wie sie Victoria in ihrem gebrochenen Schulenglisch erklären. Gemeinsam albern sie durch die langsam erwachende Stadt, als wäre sie ihr Spielplatz. Doch als Boxer von seiner kriminellen Vergangenheit eingeholt wird, zeigt das urbane Monstrum sein wahres Gesicht.

Man kommt nicht umhin, eine zentrale Regie-Entscheidung in den Mittelpunkt der Filmerfahrung zu stellen: Victoria wurde in nur einer einzigen Einstellung gedreht. Dabei haben keine technischen Tricksereien geholfen (wie etwa beim mittelmäßigen Birdman), sondern nur Proben, Performance und Perfektion. Man kann den angehaltenen Atem aller, die nicht im Bild zu sehen sind, zu jedem Zeitpunkt spüren. Wozu nun aber an solche Grenzen der Filmform gehen? Wozu sich dem entledigen, was für viele die Seele des Kinos ist, sein Alleinstellungsmerkmal?

Das Ziel ist, sich dem Leben anzunähern, indem man die konventionelle Continuity-Bildsprache aufgibt – so wie man im Gedicht manchmal die Syntax entfernt, damit die Sprache freier sein kann. Die Kamera wird eine eigenständige Figur, weil der Zuschauer bei dieser wilden Reise durch die Nacht unmittelbar dabei ist. Er nimmt die Rolle eines schweigsamen Begleiters ein, der trotzdem kommentiert. Schipper zeigt seinem Publikum, dass es aus Einzelnen unter Tausend besteht. Aus Menschen, die wie Victoria sind. Das pulsierende Leben der Figuren spiegelt sich im ewig fließenden Bild. Sie verschmelzen zu dem Porträt einer Generation: Ständig in Bewegung, ohne klare Bindungen. Junge Menschen, die immer flexibel sein sollen. Die Welt ist ihnen nah, ihre Metropolen sind immer auch ein globales Dorf. Gerade dadurch sind sie einsam und frei. Aber es ist eine falsche Freiheit. Victoria fühlt sich oft wie eine Geisterbahn an, fünf Menschen werden wie auf Schienen ihrer Bestimmung entgegen geführt. Machtlosigkeit liegt in der Luft wie ein betäubendes Gas, aber die Protagonisten kämpfen dagegen an. Nur in manchen Szenen lösen sich die Marionetten ganz von ihren Fäden. Wenn der Film zum ersten Mal eine Schleife beendet und in den Nachtclub zurückkehrt, folgen flüchtige Augenblicke der Entfesselung und des Glücks. Die Welt steht kurzzeitig Kopf. Die Musik von Nils Frahm (und DJ Koze) tut ihr übriges, reiß manche Szenen sogar gänzlich an sich. Wenn sich über stampfende Clubszenen plötzlich ruhige Klänge legen, dann wird etwas eigentlich Triviales erhöht und sehr bewegend.

Schippers wundervoller Cast betont vor allem das „Spiel“ in Schauspiel. Victoria begegnet allem, was ihren Pfad kreuzt, mit kindlicher Faszination und ertastender Naivität. In ihren Gesten liegt keine Müdigkeit, sondern vor allem Energie und Forscherdrang. Sie hat der Berliner Schnauze ihrer Weggefährten immer etwas entgegenzusetzen und strahlt überzeugend eine Mischung aus Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein aus. Schon von der ersten Begegnung an kreisen sie und Sonne umeinander, die beiden kommen sich stetig näher. Mühelos fängt die Kamera auch intimere Gespräche ein, doch die starke Bindung an die Echtzeit des Films fällt gerade in solchen Sequenzen besonders ins Gewicht. Ohne Schwarzblenden ist klar, dass wirklich jede Interaktion aufgezeichnet wurde. What you see is what you get. Gerade dieser Naturalismus lässt manchmal an den Figuren zweifeln: Wie oft sind ihre Handlungen und Sätze Folge ihres inneren Antriebs, wie oft einfach nur Drehbuchzwang? Anfangs wundert man sich noch oft, wie leicht Victoria sich einnehmen lässt, vor allem dann, wenn die Geschehnisse zunehmend eskalieren. Doch man lernt zu akzeptieren, genau wie abseits der Leinwand. (Victorias Träume sind gebrochen, das Kindliche ist auch der Gleichmut der Verzweiflung. Was soll denn noch kommen?) Es geht nicht um Schicksal, sondern darum, dass diese jungen Menschen lange nicht so selbstbestimmt sind, wie sie es sich wünschen.

Frederick Lau und Franz Rogowski gefallen sich seit jeher als Darsteller von Charakteren, die gegen diesen Kontrollverlust ankämpfen. Sonne und Boxer wären beide auf ihre Art gerne Anführer, bleiben aber Getriebene. In diesem Widerspruch liegt ihre Spannung. Rogowski, den Tänzer und Choreograf mit seinem kennzeichnenden Lispeln, besetzt Schipper als etwas tumben Gangster. Dadurch erhält die Figur etwas sehr Einzigartiges, das in solchen Rollen nur selten zum Tragen kommt. Wenn Victoria ihm erklärt, er sei kein schlechter Mensch, dann lässt sich die Dankbarkeit in seinen Augen ablesen.

Über keinen der vier jungen Männer erfährt man viel, nicht einmal ihre richtigen Namen werden klar. Sie werden körperbetont und intuitiv gespielt, man spürt die Improvisationen – das Drehbuch umfasst gerade einmal 12 Seiten. Ihre Coolness tragen sie wie Stigmata, weil sie nur Folge des Umstandes ist, dass sie sonst wenig haben. Ihre Identität ist vage, auf unnötig detaillierte Hintergrundgeschichten und Psychologisierung wird zum Glück verzichtet; so wie der Film auf vieles verzichtet, was zum Ballast hätte werden können.

Victoria zeigt, dass eine Generation des deutschen Kinos zu ihrer eigenen Ausdrucksform findet. Man hatte ja die Hoffnung längst aufgegeben. Die Feuilletons warfen ihnen vor, beliebig zu sein, unpolitisch, haltungslos und zu sehr auf Sicherheit bedacht. Dieser Film tritt einen Gegenbeweis an. Hier wird mehr geboten, als eine beeindruckende Plansequenz, mehr als reine Technik. Hier wird Zeitgeist erfasst und bis zum bitteren Ende gedacht. „Berlin statt Stillstand“, als wäre das ein Widerspruch. Vielleicht liegt ja in dieser endlosen Vorwärtsbewegung die Erlahmung, vielleicht geht es ja erst wirklich weiter, wenn die Unterbrechung kommt. Selbst der schnittfreie Film hat eigentlich einen Schnitt: Den am Ende auf den Abspann. Alles, was dargestellt werden kann, endet. Victoria ist ein über zwei Stunden langer Schlussstrich, direkt durch das Herz der Hauptstadt.

(Dieser Film wurde auch im Longtake Podcast besprochen.)

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3 Gedanken zu “Rezension: Victoria

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