Darf Armut im Kino schön sein?

Nirgendwo auf der Welt liegen bittere Armut und dekadenter Luxus so dicht nebeneinander wie in Hollywood. Rote Teppiche und glamouröse Premieren im Chinese Theatre können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Stadtteil von Los Angeles mit einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen von gerade einmal etwas mehr als 30.000 Dollar zu den ärmeren des Landes zählt. Im County Los Angeles leben fast 45.000 Obdachlose, um der Lage Herr zu werden gibt die Stadt jährlich 100 Millionen Dollar aus, das meiste davon für das LAPD.

Trash

An nur wenigen Orten auf der Welt versammeln sich so viele hoffnungsvolle Menschen, von denen so viele scheitern werden. Selten liegen Traum und Wirklichkeit weiter auseinander. Viele der Stars, die es tatsächlich auf die roten Teppiche und in die Kinos der Welt schaffen, haben dann auch eine sehr amerikanische Aufstiegsgeschichte zu erzählen: Leonardo DiCaprio, Hilary Swank, Jim Carrey, Shia LaBeouf, Demi Moore, Mark Wahlberg – sie leben den amerikanischen Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär. James Cameron war Truckfahrer, Paul Schrader hat in seinem Taxi gelebt, Diablo Cody war Stripperin.

Im Kino (er)zählen vor allem jene, für die Armut etwas Überwindbares war. Wenig mehr als die Übergangsphase, wie sie viele Künstler kennen lernen, bis ihnen der Durchbruch gelingt. Für sie ist Armut ein persönliches, nicht aber ein gesellschaftliches Problem, das jetzt ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit darstellt und deshalb als Geschichte erzählt werden kann. Die Filmgeschichte wird von den ökonomischen Gewinnern geschrieben. Jede Produktion kostet viel Geld, es ist ein Medium mit großen Hürden. Das ist auch heute noch so, trotz immer leichter zugänglicher Technologie und neuen Vertriebswegen. Eine Geschichte über Unterprivilegierte stellt fast automatisch einen Blick von außen dar. Regie ist eine Kunst, die sich über Entscheidungsmöglichkeiten und Gestaltungsrahmen definiert; über Zusammenarbeit mit und Kontrolle über andere Menschen. Dieser Überfluss an Optionen und Werkzeugen steht den Zwängen der Armut gegenüber – nicht nur in Hollywood so, sondern in der ganzen Welt.

Man sieht es an Filmen wie Trash, der in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von Straßenjungen, die zufällig in den Müllbergen, in denen sie leben und arbeiten, eine Geldbörse mit wichtigen Dokumenten entdecken. Daraufhin werden sie von der Polizei und den Schergen eines korrupten Politikers gejagt. Beteiligt an dem Film über die Armut im Schwellenland Brasilien war, unter anderem, der Bekleidungskonzern C&A. In einer Szene kleidet sich eines der Straßenkinder in einer örtlichen Filiale neu ein und behält den Look für den Rest des Films bei.

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Trash zeichnet ein Bild des Mangels, in dem Opfer systemischer Benachteiligung zu sein, fast wie etwas Beneidenswertes erscheint: Die Kinder werden zum Star ihrer eigenen Abenteuer- und Actiongeschichte, lösen Rätsel, besiegen Schurken und machen Brasilien eigenhändig zu einem besseren Ort. Ihre Armut schweißt sie zusammen und macht sie zu Liebenswerten Underdogs. Ihre Favela ist ein magischer Spielplatz. Ähnlich ist es bei dem Sundance-Hit Beasts of the Southern Wild, in dem die ärmlichen Sumpfgebieten Louisianas zur riesigen Spielwiese werden, durch welche Hauptfigur Hushpuppy kamerawirksam mit Wunderkerzen stürmen kann, selbst wenn der eigene Vater ein im Sterben liegender Alkoholiker ist. Zugegeben: Gezeigt wird die Welt, gefiltert durch die Augen von Kindern. Aber die Weltsicht vieler Produktionen ist ähnlich naiv und infantil. Ob im Arthouse-Kino oder in Multiplexsälen, viel zu oft ist Armut etwas Schönes, Berührendes und Inspirierendes.

Teilweise lässt sich das aus der Geschichte des Kinos heraus erklären: Zum großen Geschäft entwickelte sich die Filmproduktion vor allem in den späten zwanziger und dreißiger Jahren – eine Zeit, die geprägt wurde durch den Börsencrash von 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise. In den USA gingen in den Jahren nach der Krise prozentual mehr Menschen ins Kino als in allen folgenden (bis heute). Im Jahr 1930 (das erste Jahr, aus dem verlässliche Daten über Box Office Ergebnisse vorliegen) besuchten wöchentlich 80 Millionen Amerikaner die Lichtspielhäuser, fast 65% der ansässigen Bevölkerung. Sie lernten das Kino kennen als einen Zufluchtsort vor der harschen Realität, an dem jede Geschichte zum „Happy End“ führte. Eskapismus brannte sich tief in die DNA des Mainstream-Kinos ein.

First-nighters_posing_for_the_camera_outside_the_Warners'_Theater_before_the_premiere_of_-Don_Juan-_with_John_Barrymore,_-_NARA_-_535750(Filmpremiere in den Zwanzigern. Copyright: U.S. National Archives, via Wikimedia Commons.)

Auch wenn es immer wieder ästhetisch durchdachte Versuche gab, sich mit sozialer Ungleichheit auseinander zusetzen (von Chaplin, über den italienischen Neorealismus, bis hin zum New Black Cinema und Nollywood), ist ein Teil dieses Vermächtnisses bis heute erhalten geblieben. Wer nach „Movies“ und „Poverty“ googelt, wird schnell mit Listicles wie 10 Most Inspirational Movies About Poverty oder Hey, things could be worse: 21 great films to put the recession in perspective konfrontiert.

In solchen Texten zeigt sich die Wirkung der konventionellen Darstellung von Armut im Film. Zum einen ermöglicht sie oft cineastischen Armutstourismus: Wo Führungen durch Slums und Radtouren durch südafrikanische Townships immer noch ein gewisses Restrisiko bieten (beides wird von speziellen Reisegesellschaften angeboten), ist der Kinobesuch gänzlich gefahrenlos. Filme wie Slumdog Millionär erfreuen sich an der fernen Exotik. Die Bilder der indischen Kinderdarsteller auf dem roten Teppich, die zuvor in Slums gelebt hatten, doppeln dabei die Erfolgsgeschichte, die im Film selbst erzählt wird. Nur, dass sich diese im Nachhinein als Lüge herausstellte. Azharuddin Mohammed Ismail, der die jüngste Version der Figur Salim verkörpert, wurde obdachlos, nachdem indische Behörden seine Wohnung einreißen ließen. Rubina Ali (Latika) ereilte ein ähnliches Schicksal, als ihr Viertel 2011 niederbrannte. Die wenigsten der Straßenkinder, die gecastet wurden, um der Romanverfilmung Authentizität zu verleihen, haben je wieder eine substanzielle Rolle erhalten. Nachdem ihre Nöte von den Medien aufgegriffen wurden, erhielten sie Hilfe. Die Produzenten spendeten Geld, Fonds wurden eingerichtet. Doch nicht jede Geschichte dieser Art wird publik, nicht jedem wird geholfen. Regional angeworbene Laiendarsteller sind oft Requisiten, derer sich Produzenten schnell wieder entledigen können. Wo die Probleme ihrer Figuren innerhalb von 2 Stunden zu lösen sind, gestaltet sich dieser Prozess abseits der Leinwand deutlich schwieriger.

Die dargestellten Probleme haben selten einen aufklärenden Effekt. Dass viele Menschen der Welt in Armut leben ist jedem bewusst, der intelligent genug ist, sich eine Kinokarte zu kaufen. Vielmehr geht es um die Erfahrung frei von Konsequenzen. So wie Horror- und Actionfilme dienen Filme über Benachteiligte der Katharsis: Das Publikum fühlt sich, mit oft stilisierter Armut konfrontiert, im direkten Vergleich besser. „Wenigstens geht es uns nicht so!“, denkt sich das vermeintlich aufgeklärte Arthouse-Publikum, das sich an Ethno-Kitsch und Weltladen-Atmosphäre erfreut. Oft relativiert die noch schlimmere Not in der kaum greifbaren Ferne jene im eigenen Land.

Gleichzeitig wird durch Rührstücke wie Das Streben nach Glück immer wieder aufs Neue gezeigt, dass Obdachlose eigentlich nur Millionäre sind, deren Moment noch nicht ganz gekommen ist. Serien wie Shameless verkaufen Drogensucht, Prostitution und Alltags-Kriminalität als Aneinanderreihung von ulkigen Momenten. Oft wird der Mythos des noblen Wilden selbst auf andere Klassen und Schichten übertragen.

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Doch Armut ist nicht schön, Armut ist nicht inspirierend, nicht magisch und Spaß macht sie mit großer Sicherheit nicht. Sie führt nicht zu einem besseren Gemeindesinn, sie schweißt nicht zusammen, sondern trennt. Sie macht nicht frei und nicht glücklich. Was als Befreiung von der Hektik des modernen Lebens romantisiert wird, ist eigentlich nur ein Mangel an Teilhabe.

Armut ist etwas Ekelhaftes, ein Krebsgeschwür für die Welt, das nicht zu unserem Vergnügen da ist. Durch den gegenwärtigen Produktionsrahmen sind die Betroffenen im Kino selten dazu in der Lage, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Natürlich disqualifiziert das nicht jeden Beitrag zu diesem Thema, darüber zu erzählen ist nicht automatisch verwerflich. Es gibt auch viele positive Gegenbeispiele. Aber es gibt eben auch Filme wie Trash, die auf den Müllberg der Geschichte gehören. Wer ins Kino geht, sollte eine natürlich Skepsis hegen gegenüber Filmen zum Thema Armut. Vor allem dann, wenn sie von Menschen kommen, für die sich als zahnloses Monster erwiesen hat. Gut gemeint ist viel zu oft das Gegenteil von gut gemacht.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)
(Filmstills aus Trash. Copyright: Universal Pictures International Germany)

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2 Gedanken zu “Darf Armut im Kino schön sein?

  1. Zunächst einmal: gut durchdachter, umfassender Artikel!
    Ich sehe das aber teilweise etwas anders.. Vielleicht lese ich zu viel in TRASH hinein, was ich eh schon weiß, aber in meinen Augen ist es nicht verwerflich, dass der Film eben nicht die üblichen Schuld- und Mitleidshebel, wie wir sie zur Genüge aus der Tagesschau kennen, umlegt – durchweg lässt er keine Zweifel daran, dass diese Kids nie eine Chance haben werden, weil die Gesellschaft sie mit Verachtung betrachtet und längst ausgeschlossen und abgeschrieben hat. Selbst das cheesige Ende beinhaltet doch den Gedanken, dass nur die totale Entkopllung von der festgefahrenen Gesellschaft den Jungs ihr Glück bringen konnte. Die Romantisierung (wenn man es so nennen will) geht für mich mehr mit dem Hauptthema einher, welches in meinen Augen eher Freundschaft als Armut an sich ist. Unterm Strich steht in dem Film für mich, dass die Menschen die wir sehen sich ihren komplett eigenen Mikrokosmos erschaffen mussten, der aber von außen als völlig wertfrei eingestuft wird – im Resultat werden die Hütten nach Lust und Laune niedergebrannt, die Kinder halbtot geprügelt, bzw. auf Anweisung ermordet, etc. Das ist doch nicht erstrebenswert und ich finde nicht, dass TRASH mir dieses Leben als so verkaufen wollte!

    • Ich schreibe noch eine richtige Kritik zu „Trash“, vielleicht wird meine Argumentation da etwas schlüssiger.

      (Achtung: Spoiler)
      Natürlich plädiere ich nicht für tränenrührende Tagesschau- oder Misereor-Ästhetik, aber der Film trivialisiert mir das Problem zu sehr. Gerade Geschichten über die besondere Freundschaft unter Armen, die einfach genug zusammenhalten müssen, um sich aus ihrem Zustand zu befreien, verfestigen klar eine libertäre Sichtweise: Wer arm bleibt, hat sich einfach nicht genug angestrengt. Oder war, in diesem Fall, nicht freundschaftlich und solidarisch genug. Armut ist aber kein individuelles Problem, sondern immer ein strukturelles.

      Wirkliches Leiden als Folge von Armut sieht man im Film eigentlich gar nicht, die Gemeinde und ihre Probleme bleiben reine Kulisse. Ein Gesellschaftsbild ergibt sich auch überhaupt nicht, alle Schauplätze wirken isoliert und unzusammenhängend, nach 20 Minuten gibt es eh nur noch Verfolgungsjagden und Rätselraten. Stattdessen werden Übergriffe durch Staatsgewalt und die Schergen von korrupten Politikern das Hauptproblem. Wieder ist nicht das System das Problem, sondern nur die fehlerhafte Ausführung.

      Und am Ende gibt es dann 30 Minuten schmalzigstes Happy End. Alles wird dargestellt, als wäre die Welt dank 8 Millionen Views auf YouTube jetzt ein besserer Ort.

      Vielleicht bin ich zu hart, gerade dadurch, dass „Trash“ auch als Action- Abenteuer- und Thrillerfilm für mich überhaupt nicht funktioniert hat. Aber ich kann die Dinge, die du beschreibst, in dem, was ich gesehen habe, einfach nicht finden.

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