Rezension: Trash

Trash-posterEigentlich ist es ein starkes Bild: Brasilianische Kinder, die gewaltige Müllberge durchforsten, auf der Suche nach Verwertbarem. Was der eine achtlos fortwirft, ist dem anderen kostbarer Schatz und Lebensgrundlage. Greifbarer wird das Gefälle zwischen der ersten Welt und den Schwellenländern selten. Doch Trash, der neue Film von Stephen Daldry (Billy Elliot, Der Vorleser) handelt nur vordergründig von der Kluft zwischen Norden und Süden, zwischen Arm und Reich. Auf Basis des gleichnamigen Romans von Andy Mulligan wird vielmehr eine rasante, etwas naive Abenteuergeschichte erzählt. Die Favelas von Rio de Janeiro dienen dabei lediglich als Kulisse. Wie austauschbar sie als Schauplatz tatsächlich sind, erkennt man schon allein daran, dass die Vorlage eigentlich in Manila spielt.

Alles beginnt, als die drei Straßenkinder Raphael (Rickson Tevez), Gardo (Eduardo Luis) und Rato (Gabriel Weinstein) auf der Müllkippe, die sie auch ihre Heimat nennen, eine kleine Ledertasche entdecken. Sie freuen sich über das enthaltene Geld und wundern sich über allerlei merkwürdige Zettel und Dokumente. Als kurze Zeit später die Polizei ihre Halde auf den Kopf stellt, wird klar: Sie sind durch Zufall in etwas Großes hineingeraten. Mit der Hilfe des bärbeißigen Priesters Juilliard (Martin Sheen) und der engagierten NGO-Mitarbeiterin Olivia (Rooney Mara) widersetzen sie sich den sinisteren Kräften, die mit aller Macht ein erschütterndes Geheimnis vor der Öffentlichkeit verbergen wollen.

Schon der Vorspann der brasilianisch-britischen Ko-Produktion sorgt für erste Skepsis: Wie ernst kann man einen Film über Korruption und Armut in einem Schwellenland nehmen, welcher von dem Bekleidungshersteller C&A unterstützt wurde? Wahrscheinlich so ernst wie United Passions, den erstaunlich korruptionsfreien Film über die Geschichte des Weltfußballverbandes, der überwiegend von der FIFA finanziert wurde.

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Doch schnell wird klar, dass der infantile, oft rührselige Blick auf sozio-politische Zusammenhänge bei weitem nicht das größte Problem des Films ist. Fast erfreulich erscheint es, dass nur selten die tränenrührende Ungerechtigkeitsrhetorik von Tagesschau und Misereor bedient wird. Daldry und Drehbuchautor Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Tatsächlich … Liebe) machen die drei Straßenkinder nicht zu passiven Opfern, sondern zu proaktiven Miniatur-Detektiven, zu Südamerikas Drei Fragezeichen. Selbst wenn ihre Figuren etwas blass bleiben und ihre Motivation, sich wieder und wieder in Gefahr zu begeben, nur eingeschränkt glaubwürdig erscheint: Die Wortgefechte und Witzeleien zwischen den talentierten jungen Darstellern sind (neben einigen gefälligen Bildern) bei weitem das Interessanteste, was der Film zu bieten hat.

Denn auch wenn es viel zu erzählen gäbe, ist die eigentliche Geschichte nur selten fesselnd. Sie bleibt klischeebeladen und spätestens die dritte Verfolgungsjagd langweilt mehr, als dass sie den Adrenalinspiegel steigen ließe. Keine der Wendungen und Twists vermittelt wirklich das Gefühl, etwas Neues zu erfahren. Die Aufklärungsarbeit der Kinder erinnert eher an eine elaborierte Schnitzeljagd. Der Regisseur bemüht sich verzweifelt, noch die kleinste Enthüllung mit Bedeutung aufzuladen. Endlos werden Ereignisse parallel montiert und mit dramatischer Musik unterlegt. Selbst der Hinweissuche in einer Bibel wird eine längere Szene gewidmet, was in etwa so aufregend ist, wie es klingt.

Die Chronologie des Films springt wild über den Zeitstrahl, doch in der Regel sind diese Einschübe redundant. Als würde man dem Publikum nicht zutrauen, eigene Schlüsse zu ziehen, wird noch das Offensichtliste erklärt. Einem wirklichen Zweck dient die stellenweise extreme Stilisierung des Films nicht. Spürbar inspiriert durch den brasilianischen Kassenschlager City of God (aber deutlich weniger wirkungsvoll) verliert sich Trash in schnitt- und erzähltechnischen Spielereien, die meist reiner Selbstzweck bleiben. Warum etwa von einem gefährlichen Treffen abwechselnd Planung und Durchführung gezeigt werden, wie in einer Kinderversion von Reservoir Dogs, wird nicht klar. Ohnehin scheint Stephen Daldry dem Gedanken stark abgeneigt, eine Szene einfach für sich stehen zu lassen, geschweige denn ganze Sequenzen. Narrativen Sinn machen auch die in die Handlung eingeflochten Interviewaufnahmen mit den drei Hauptfiguren nicht, welche erst gegen Ende des Films wirklich erklärt werden.

Jedes noch so kleine Element der Handlung soll sich in irgendeiner Form auszahlen. Das Drehbuch liebt die Verknüpfung, das Vorausgreifen und den Rückbezug. Als wäre Anton Tschechow auf Speed Ko-Autor gewesen, ist der Film geradezu verliebt in Objekte, die erst später ihre volle Wirkung entfalten. Der eigentlich eher komödienaffine Richard Curtis scheint die Erinnerungsfähigkeit zur höchsten Tugend des Drehbuchautors erheben zu wollen, zeigt aber vor allem: Das Dramatische ist nicht so recht seins.

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Der Film endet dann auch etwa 20 Minuten zu spät und ergeht sich in endlos aufeinander getürmten Happy Ends. Die gesichts- und belanglosen Schurken stellen für das heroische Triumvirat von Straßenkindern kein wirkliches Problem dar, die landesweite Korruption wird durch einige YouTube-Klicks beiseite gewischt. Friede, Freude, Feijoada für alle. Für Fans von Abenteuergeschichten wie Die Goonies, die zufällig auch gerne im Weltladen einkaufen ist Trash möglicherweise genau das Richtige. Alle anderen lassen den leidlich unterhaltsamen Streifen da liegen, wo sein Titel ihn schon selbst positioniert: Auf dem Müllberg der Filmgeschichte.

(Bildrechte: Universals Pictures Germany)

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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2 Gedanken zu “Rezension: Trash

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