Rezension: Die Steuerfahnderin

tumblr_inline_mlubpl9c7d1qz4rgpRyōko Itakura ist eine Heldin, der auf den ersten Blick nichts Heroisches anhaftet. Sie ist pedantisch, präzise, manchmal gar gnadenlos. Mit ihrem Gesicht voller Sommersprossen ist sie sicher keine klassische Filmschönheit. Sie ist ein weiblicher Nerd, lebt in einer Welt aus Zahlen und begegnet Menschen oft berechnend: Subtrahiert, wen sie nicht mag; multipliziert ihre Talente mit denen ihrer Kollegen; teilt die Welt entlang von Gesetzen und Paragraphen. Über ihre Profession singt man keine Lieder, schreibt man keine Sagen, der Durchschnittsbürger blickt im besten Fall gleichgültig, meist jedoch eher verächtlich auf sie: Ryōko ist Steuerfahnderin.

Regisseur Jūzō Itami schafft mit ihr dennoch die wohl liebenswerteste, warmherzigste Bürokratenfigur der Filmgeschichte. Nicht nur, weil sie so wundervoll von seiner Ehefrau Nobuko Miyamoto verkörpert wird, kann er seine grenzenlose Zuneigung kaum verbergen. Dem Zuschauer geht es bald nicht anders: Ihr Schauspiel versöhnt Funktion und Mensch miteinander.

Die Steuerfahnderin erinnert an eine komödiantische Version von Friedkins French Connection, ein augenzwinkernder Blick auf Korruption und organisierte Kriminalität in Japan zur Zeit des Wirtschaftswunders. Es ist die Geschichte eines langen Duells zwischen zwei Menschen, die sich so unähnlich nicht sind, die einander hassen und lieben lernen. Der gerissene „Love Hotel“-Mogul Hideki Gondô (Tsutomu Yamazaki) ist ein Meister der Steuerhinterziehung und durchaus stolz auf seine Fähigkeiten. Seine Geschäfte bereiten ihm ein fast erotisches Vergnügen: Was Martin Scorsese mit seinem Wolf of Wall Street erst Jahrzehnte später begriff, nämlich wie nahe Gewinnausschüttung und Samenerguss liegen, klingt hier schon deutlich an. Sex sells, selling is sex. Nur, dass Gondô im Gegensatz zu Jordan Belforts exzessivem Rockstar-Gestus auch immer ein Rest seines menschlichen Antlitzes bleibt. Er arbeitet mit der Mafia zusammen, mit gewalttätigen Gangstern und Schlägern. Aber er ist auch ein überforderter, alleinerziehender Vater. Ryōko wurden verlassen, sie sorgt nun alleine für ihren Sohn – ihr geht es also nicht anders. Körper und Seele Gondôs sind gleichermaßen von der Vergangenheit versehrt, er geht am Stock.

Die Steuerfahnderin kann darauf keine Rücksicht nehmen. Von dem Moment an, als sie das erste Mal seinen protzigen weißen Rolls Royce mit der goldenen Kühlerfigur in einer Seitenstraße entdeckt, weiß sie intuitiv um Gondôs systematischen Betrug am Staat. Es folgt eine durchaus auch dramatische Komödie, in Kapitel unterteilt, die nach den Jahreszeiten benannt sind. Jūzō Itami erzählt unaufgeregt, er macht sich die Präzision und den erforschenden Blick seiner Hauptfigur zu Eigen. Es liegt immer eine große Befriedigung darin, Experten bei der Arbeit zuzusehen. Und Ryōko Itakura ist zweifellos eine Expertin. Zu Beginn des Films noch eine einfache Beamtin, wohnen wir zunächst ihrem Aufstieg bei. Mit welchen Tricks und Kniffen sie den Steuerbetrügern auf die Spur kommt, erinnert ein wenig an Sherlock Holmes. Es ist die Freude der Prozedur. Aus der Absurdität der Ausreden und Täuschungsmanöver zieht der Film einen erheblichen Teil seines selten subtilen, aber auch nie zu plumpen Humors.

Bemerkenswert ist, wie fern das gewöhnliche Erzählmuster des Problemfilms bleibt: Auch wenn sich hier eine Frau in einem überwiegend männlich geprägten Umfeld bewegt, geht es nicht um Benachteiligung und gläserne Decken. Kompetenz setzt sich durch, Ryōko wird gefordert und gefördert. Ihr Vorgesetzter ist eine fast liebevolle Vaterfigur. Wenn sich die beiden Staatsdiener mit der exakt gleichen Geste mit ihrer Hand durch die Haare, respektive über die Glatze fahren, erkennt man eine bis ins Muskelgedächtnis vorgedrungene Verbundenheit. Als sie endlich Inspektorin wird, muss sie sich niemandem beweisen: All ihre Kollegen wissen, dass keiner zu Unrecht seinen Posten erhält. Probleme werden, selbst im Konflikt mit der Mafia, weitgehend gewaltfrei gelöst; durch Scharfsinn und Improvisation. All das mag man für einen Wunschtraum halten, für in der paternalistisch-patriarchalen japanischen Gesellschaft geradezu fantastisch. Aber die dargestellte Welt der Möglichkeiten ist so wünschenswert wie reizvoll. Es ist einer dieser positiven Gegenentwürfe, von denen man so oft liest, die man jedoch so selten wirklich umgesetzt sieht.

Sicherlich ist Die Steuerfahnderin kein Werk von großer Formvollendung, doch wie stilsicher der Film dem Biederen nicht unbedingt Coolness, aber doch eine erstaunlich Anziehungskraft verleiht und das vermeintlich Triviale titanisiert, ist beachtlich. Eine kurze Montage von Lebensmittel-Aufnahmen zeigt die Schönheit eines gewöhnlichen Cafés. In manchen Momenten wirken Ryōkos gewaltige Brillengläser, durch Yonezo Maedas Kamera, wie die von Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany. Wo in vielen jüngeren Indie-Produktionen „clumsy girls“ fast zum befremdlichen Fetisch erhoben werden, kokettiert der Regisseur hier nicht unbedingt mit ihren Unzulänglichkeiten oder Schwächen. Zerzaustes Haar ist nicht Ausdruck eines mühevoll erarbeiteten Looks, sondern einfach das Ergebnis anderer Prioritäten. Dass die hart arbeitende Inspektorin die Erziehung ihres Kindes oft vernachlässigt, lässt der Film nicht unkommentiert: Nur eine Szene, zumal recht beiläufig eingestreut, thematisiert ihre Mutterschaft, gibt dadurch aber jeder Montage von langwieriger Arbeit eine neue Nuance. Hier wird nicht eine Rabenmutter gezeigt, wohl aber ein fehlerhafter, also ein greifbarer, echter Mensch.

Es ist eines der großen Wunder des japanischen Kinos: Ob Mizoguchi oder Ozu, Kurosawa oder eben Jūzō Itami – der vom Westen so oft belächelte Konformismus führt wieder und wieder zu einer Bewunderung für das vermeintlich Kleine und Nichtige. Natürlich darf man auch skeptisch sein, wenn ein Film sich auf diese Weise ausgerechnet einem Teil der Staatsmacht annähert. Doch hier wird mit der Erwartung des Zuschauers gebrochen, statt grauem Bürokratismus gibt es herzblutende Leidenschaft und theatralische Gesten. Was kann man von einem guten Film erwarten, wenn nicht wenigstens eine neue, einzigartige Perspektive?

(Diese Kritik ist Teil der Aktion EinFilmVieleBlogger.)

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