Rezension: The Kingdom of Dreams and Madness

kingdom_of_dreams_and_madness_hugeJeder Ort kann eine Kirche sein, aber auch eine Grabkapelle. Entscheidend ist nur, was die Leute dort denken, fühlen und glauben. Wenn die Kamera ehrfürchtig durch die Räumlichkeiten von Studio Ghibli fährt, dann verspürt man beides. Anfang und Ende liegen in der Luft. Licht flutet durch Buntglasfenster und geöffnete Türen, die Natur scheint so nah wie im urbanisierten Japan nur selten. Es ist die Heimat geschäftiger Menschen, schließlich handelt es sich um Büro, Verwaltungsapparat und Arbeitsfläche. Doch auch eine Katze lebt dort, sie heißt Ushiko. The Kingdom of Dreams and Madness nennt Regisseurin Mami Sunada die Räumlichkeiten des Animations-Studios, vor allem aber die Gedankensphären, die sie durchfließen. Weil jedes Königreich nach einem Regenten verlang, ist alsbald auch die Hauptfigur ihres Dokumentarfilms über Japans bestes, einflussreichstes Animationsstudio gefunden: Hayao Miyazaki.

Aber was für ein König war und ist der mittlerweile (endgültig?) im Ruhestand befindliche Filmemacher? Hört man seinen schwermütigen, oft gar fatalistischen Schilderungen und Weisheiten zu, so möchte man zuerst meinen: Ein König Lear. Denn in Sunadas Dokumentation geht es vor allem um Vermächtnisse, um den Geist einer alten Generation und den andersartigen einer Neuen, um die Hoffnung auf Veränderung und die Grenzen des Idealismus. Miyazaki spricht im heiteren Ton von einer düsteren Zukunft. Bedeutungsschwanger heißt es da: „Das einundzwanzigste Jahrhundert offenbart sich.“ Seinen Rückzug, aber auch das Ende seines Studios scheint er schon zu spüren.

Dem möglichen Thronfolger, seinem Sohn Goro, spricht er seine eigene Schaffenskraft ab. Dessen Kreationen, Die Chroniken von Erdsee und Der Mohnenblumenberg gelten als kritische und finanzielle Fehlschläge. Golo Mann und Goro Miyazaki unterscheidet wenig, in ihren Köpfen waren die Fußstapfen, die es zu füllen galt, immerzu Abgründe. Der Film widmet dem Sprössling gerade einmal eine einzige Szene, in der er Sohn und Kind bleibt, auch als erwachsener Mann. Das Urteil erscheint zu hart. Es ist nicht die einzige Entfremdung, die geschildert wird: Auch Isao Takahata, Ghiblis zweiter Starregisseur, bleibt lange eine ferne Figur, ein Usurpator aus der anderen Landeshälfte. Auch wenn er erst zum Ende hin wirklich in Erscheinung tritt, bildet er eine bedeutsame Präsenz, ein Loch im Raum, das mit Beschreibungen gefüllt wird. Mitarbeiter und Weggefährten erklären ihn zum Konkurrent und Freund Miyazakis, zum Feind der Deadlines, natürlich auch zum Schöpfer erstaunlicher Werke.

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The Kingdom of Dreams and Madness ist sicher ein Film für Ghiblis Verehrer, aber nicht auf die Art, wie man es erwarten würde. Von plumper Ehrerbietung nimmt die Regisseurin Abstand, es bleibt eine Dokumentation, kein Denkmal. „Otakus lernen niemals etwas.“, verkündet Miyazaki in einem Ausschnitt, und meint es. Diese blinden, unreflektierten Fans sind ihm zuwider, genau wie der Kult um ihn als Einzelperson. Zu stark mit sich selbst will er sein Werk ohnehin nicht verknüpft wissen. An seine Autorenschaft scheint er kaum zu glauben, er versteht sich mehr als scripteur im Sinne Roland Barthes. Und, nicht nur wegen des von ihm häufig thematisierten Tōhoku-Erdbeben, auch als Seismograph, der die Erschütterungen der Welt in Geschichten verwandelt.

Sunada bebildert diese Überzeugungen präzise: Ein Lautsprecherwagen einer politischen Partei fährt vorbei und Wahlslogans hallen durch die Bürogänge. Der Altmeister steht auf dem Dach des Gebäudes und beobachtet den Sonnenuntergang. Auf einer Tafel in seinem Haus sind alle Ereignisse seit der Katastrophe des dritten März 2011 markiert, eine Chronik der Nachwirkungen. Wenn er an seinem Schreibtisch sitzt, erzählt er, wie wenig er bisher weiß über den Film, für welchen er gerade im Kopf Regie führt. Auch das wird deutlich: Wie sehr der Animations-Regisseur ins Innere kehrt, was der Realfilmer physisch manifestiert. Nur in einer Szene gibt es Ausschnitte von Ghiblis Filmen zu sehen, da beschreibt der Regisseur einfach nur ein Haus auf der anderen Straßenseite, wie man zu ihm klettern könnte. Plötzlich wird seine Erzählung von Gezeichnetem unterlegt, als sei ein Damm gebrochen, der Fantasie und Realität trennt. Alles fließt.

Manchmal wirkt es ein wenig widersprüchlich: Man erkennt in seinen Filmen gleichzeitig eine so starke autobiographische Tendenz, eine unmittelbare Wechselwirkung von Kunst und Leben, andererseits weist er diese gänzlich von sich. Es ist sicher keine ironische Distanz zur eigenen Identität, kein Angeln nach Komplimenten. Stattdessen ist es seine Art, doch noch Hoffnung zu beschwören. Ghiblis Ende sieht er kommen. „Die Zukunft ist klar, es wird fallen.“, prophezeit er, als ginge es um ein Imperium. Auch sein Ende fühlt er heraneilen. Der Wunsch ist, dass mit seinem Tod nicht alles endet, für das er gearbeitet hat: „Ghibli ist einfach nur ein zufälliger Name. Ich habe das von einem Flugzeug. Es ist nur ein Name.“, so formuliert er dieses Verlangen nach Ewigkeit ohne Religion aus. Dann blickt er ein wenig zur Seite und entdeckt etwas, vielleicht eine Blume oder einen Schmetterling. „Oh, wie schön.“

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The Kingdom of Dreams and Madness begleitet vor allem die Fertigstellung von Miyazakis letztem Film. Es ist sein persönlichster und fügt sich mit Mami Sunadas zu einem Testament. „Was bleibt“, fragen wir von uns selbst, aber auch über andere. Wie der Wind sich hebt endet auf einem Flugzeugfriedhof, Flugzeugingenieur Jiro wird mit seinem Scheitern konfrontiert. In der Dokumentation bricht sich jedoch schlussendlich das Wünschenswerte seinen Weg. Es ist das letzte Bild des Films, ein schlichtes: Ganz vorne weg läuft der alte Meister und nähert sich der Kamera. Ein wenig hinter ihm die Regisseurin, Abgang links. Zuletzt folgen jene, für die er gelebt und geschaffen hat – eine Gruppe Kinder. Die Ideen dieser beiden Endbilder verfließen zu einer Doppelhelix, zur DNA von Morgen und Übermorgen. „Wir müssen leben“, heißt es in Wie der Wind sich hebt, nicht immer ist das eine tröstliche Erkenntnis. Es ist ein Ausspruch, der in Kirche und Grabkapelle gleichermaßen in der Luft liegt. Seit dem letzten August wissen wir, das Ghibli seine Pforten schließt. Doch Wahnsinn und Träume, die werden bleiben.

(Bildrechte: Produktion/Verleih)

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