Ein neues Genre? „Tokyo Tribe“ und Innovationen im Kino

Eigentlich müsste es mehr Musicals geben: „Alle Kunst strebt den Zustand der Musik an.“, erklärt der Kritiker Walter Pater in seinem Essay The School of Giorgione. Im Kino der Gegenwart verspürt man jedoch meist wenig von dieser speziellen Ausprägung des Anders-strebens. Wenn überhaupt, dann will der Film heute immer auch Serie sein, manchmal Videospiel, nur noch selten Theater, Roman oder eben Musik. Das bewegte Bild genügt sich selbst, was nicht unbedingt schlecht sein muss, aber auf Dauer ein wenig langweilt. Endlose Metaspielereien und Selbstreferenzen, die etwa in den Jump Street– oder den Marvel-Filmen eine kritische Masse erreichen, sind Ausdruck dieser cineastischen Stagflation. Hier findet das Kino nicht zu sich selbst, sondern jagt seinem eigenen Schwanz nach.

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Filminnovation wird meist vor allem im technischen Bereich vermutet: Nach 3D-Technologie und zunehmend gewaltigeren Soundlandschaften, versprechen in naher Zukunft auch Virtual Reality und interaktive Elemente immer neue Level von Immersion. Doch nicht jeder Fortschritt ist technischer Natur, dieser Blick ist deutlich zu eng. In Der göttliche Funke argumentiert Schriftsteller Arthur Koestler: „Alle großen Neuerungen, die am Anfang einer neuen Ära, Bewegung oder Denkschule stehen, bestehen aus einer plötzlichen Veränderung eines bisher vernachlässigten Aspekts der Erfahrung, einem toten Winkel des existenziellen Spektrums.“ In diesem Zitat wird deutlich, was viel zu selten wahrgenommen wird: Die Geschichte des Kinos ist nicht nur die seiner Industrie und Technologie, sondern vor allem die eines Mediums, einer künstlerischen Ausdrucks.

In dieser Woche läuft ein Film in den deutschen Lichtspielhäusern an, in dem durchaus ein wenig von diesem göttlichen Funken zu spüren ist. Es ist kein Meisterwerk, nicht gänzlich frei von Fehlern, aber tritt den Beweis an, dass der Blick in die toten Winkel der Kinoerfahrung zu aufregenden Neuschöpfungen führen kann. Die Rede ist von Sion Sonos Tokyo Tribe: Nach einer Manga-Vorlage (Tokyo Tribe2 von Santa Inoue) wird die Geschichte eines dystopischen Tokyos der nahen Zukunft erzählt. 23 Clans herrschen über die Stadt. Doch das Gleichgewicht ist brüchig und der finstere Yakuza Buppa versucht, den Moloch unter seine Gewalt zu bringen.

Was nach einer gewöhnlichen Gangstergeschichte klingt, ist alles andere als konventionell. Denn wo die Handlung bekannt scheint, ist es die Erzählform noch lange nicht: Fast neunzig Prozent der Dialoge werden nicht gesprochen, sondern gerappt. Statt mit symphonischer Filmmusik sind ein Großteil der Szenen von mal treibenden, mal eher ruhigen Rap-Beats unterlegt. Der Sprechgesang wird zum ordnenden Prinzip – wer nach der Logik des aktuellen Tracks nicht dran ist, kommt auch nicht zu Wort.

Fast beiläufig wird in vielen Kritiken erwähnt, was sicher größere Aufmerksamkeit verdienen würde: Sion Sono hat mit Tokyo Tribe möglicherweise, en passant, ein neues Genre geschaffen. Beatrice Behn kreierte auf dieser Seite das Portmanteauwort Rapsical„. Andere greifen zu „Hip-Hop-Musical-Pastiche“, zu „Battle-Rap-Musical“, „Rap-Oper“, „Hip-Hopera“ oder einfach „Rap-Musical“. In der Welt wird, in Anlehnung an Robert Wise und Jerome Robbins, von einer East Side Story gesprochen.

Insgesamt sehen Kritiker den Referenzrahmen von Sonos Film also zwischen zwei Polen: Zum einen Rap und die eng damit verknüpfte Hip-Hop-Kultur, zum anderen Oper und Operette, vor allem aber eben das Musical.

Handelt es sich also bei Tokyo Tribe lediglich um eine neue Spielart des Filmmusicals, nur eben angewandt auf eine neue Musikrichtung? (Ist es gar nur eine japanische Version von 8 Mile, in der die Battles mehr Raum erhalten?) Gibt es im Grunde keinen substanziellen Unterschied zwischen dem im Regen singenden Gene Kelly und dem im Regen rappenden Protagonisten der schrägen Yakuza-Gefechte?

Es gibt einen: Rap ist nicht im klassischen Sinne Musik, sondern wird lediglich über denselben Markt vertrieben. Natürlich ist diese Einordnung nicht im Geringsten abwertend, sondern dient einer Trennung, die dieser künstlerischen Zwischenform nur nützen kann. So wird im Duden Musik definiert als „Kunst, Töne in bestimmter (geschichtlich bedingter) Gesetzmäßigkeit hinsichtlich Rhythmus, Melodie, Harmonie zu einer Gruppe von Klängen und zu einer stilistisch eigenständigen Komposition zu ordnen“.

Rap verzichtet sowohl auf Melodien, als auch auf Harmonie und erzählt sich vor allem in einer Form von rhythmisierter Poesie. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Wo selbst in der Zwölftonmusik noch der Ton die Musik macht, geht es bei Rap vor allem um den Textinhalt, um Metrum, Sprachfluss (Flow) und die Gesamtdarbietung. Loops brechen Melodien auf Perkussion herunter, die Remix-Kultur verweist häufig auf die Beliebigkeit des Instrumentalstücks. Daraus folgt, dass die formelle Vermengung von Rap und Kino nicht dasselbe ergibt, wie die von Musik und Kino. Ein Film, der sich dem Muster des Rap unterordnet, ist kein Musical, sondern eben etwas Neues. Die Art Innovation, die Arthur Koestler meint; die Art, die Mark Cousins in seiner Story of Film zu dokumentieren versucht.

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Vor allem die neunziger Jahre, als Rap erstmals eine dominierende Rolle in der Populärmusik-Industrie einnahm, brachten eine ganze Reihe von „kritischen Theorien“ der Kunstform hervor. Vorherrschend war dabei der Blick auf einen inneren Widerspruch: Rap und vor allem Hip-Hop leben von ihrem Selbstverständnis als Gegenkultur – gleichzeitig sind sie Teil des Massenmarkts. Das führt zum einen zu einer vagen Trennung von Untergrund und Mainstream, die scheinbar vor allem vom Zugehörigkeitsgefühl der Künstler abhängt. Vor allem aber auch zu verschwimmenden Grenzen zwischen Representer-Tracks (Stücke der verbalen Selbstbehauptung und Ego-Überhöhung), und sozialrealistischem Storytelling.

Wo der Einsatz der Musik im Musical meist eine Flucht aus der Wirklichkeit darstellt (treffsicher persifliert in Lars von Triers Dancer in the Dark) kann Rap die Filmwirklichkeit verdichten, die zuvor noch fantastisch erschien. Tokyo Tribe changiert permanent zwischen einem realistischen Blick auf Japan und dem absurd Comichaften. Es ist die Logik des Rap-Albums, in der auf das hemmungslose Prahlen mit materiellen Gütern und Erfolg eine Schilderung des Leids im Ghetto folgt. Hip-Hop ist hier das ordnende Prinzip, Form und Inhalt des Films zugleich. DJ-Scratches begleiten Schnitte, Handlungsebenen werden vermengt wie beim Beatjuggling. Das filmische Singspiel könnte nicht ferner sein, zumal mit Hip-Hop-, Battle-, und „Vier/Fünf Säulen“-Kultur auch gleich eine eigene Reihe von Sujets mit Rhythm and Poetry einhergeht.

Sion Sono ist mit großer Sicherheit nicht der Einzige oder Erste, der sich dem neuen Genre angenommen hat. Er ist es jedoch, der mit dieser (zumindest für Japan) nicht unbedingt kleinen Produktion, vor allem in den Augen der Cineasten sichtbar macht. Wer sucht, der wird ein Beispiel finden für etwas Vergleichbares, sicher auch zeitlich früher. Rap selbst bedient sich zum Teil der Einflüsse von Musiktheater und Vaudeville. Der Fokus auf eine einzige Initialzündung scheint ohnehin meist hinfällig, sind es doch ganze Epochen von Kettenreaktionen, sich gegenseitig verstärkende Entdeckungen und Fortschritte, die zur Innovation führen. Die Zeit des „Rapsicals“ (ein schöneres Wort als die ausufernden Komposita, vielleicht bislang das beste) scheint gekommen, der Def Jam-Gründer Russel Simmons plant etwas Ähnliches für die Broadway-Bühnen, mit Farbenblind gibt es ein vergleichbares Projekt in Deutschland.

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Sicher ist, dass Tokyo Tribe in seiner hyperkinetischen, wahnwitzigen Art aktuell noch eine singuläre Erfahrung ist – jedoch eine, die man nicht mehr missen möchte. Rap und Hip-Hop bringen gestalterische Ansätze mit sich, die (vor allem vom Mainstream-Kino) noch viel zu selten gewinnbringend eingesetzt werden. Sie sind Teil der Veränderung unseres geliebten Mediums, der jeder Fan, jeder Kritiker und jeder Filmemacher immerzu entgegeneifern sollte. „Alle Kunst strebt den Zustand der Musik an.“ Aber mit großer Sicherheit sind auch Rhythm and Poetry erstrebenswert. Sie sind es, die im Kino so oft fehlen.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)
(Bildrechte: Rapid Eye Movies)

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2 Gedanken zu “Ein neues Genre? „Tokyo Tribe“ und Innovationen im Kino

    • Nun ja, mit solchen Superlativen wäre ich vorsichtig, aber ich mag seine Filme auch sehr gern.

      Die Drehbücher sind nicht immer grandios, die Schauspielführung manchmal fragwürdig, aber sie haben immer etwas sehr Einzigartiges.

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