Rezension: buy buy st. pauli

buybuy-stpauli-poster_webAuf den ersten Blick sind die Esso-Häuser in Hamburg nicht unbedingt schön. Der Plattenbau aus den 1960er Jahren wirkt wie ein müder Riese, den man in die Knie gezwungen hat. Vokabeln wie „heruntergekommen“ oder „schäbig“ drängen sich auf. Doch wenn die Geschichte der Architektur uns eines gelehrt hat, dann, dass an schönen Orten nicht unbedingt gute Menschen leben – und umgekehrt. Für den Dokumentarfilm buy buy st. pauli haben Irene Bude, Olaf Sobacz und Steffen Jörge die Bemühungen der Anwohner, sich gegen die Abrisspläne der Stadt Hamburg und der Investoren zur Wehr zu setzen, zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist die Geschichte eines ideologischen Konflikts, der heute immer und überall zu wüten scheint: der zwischen politischem Idealismus und Marktlogik.

Konkrete Form angenommen hat dieser oft diffuse Überbau in Deutschland in den letzten Jahren vor allem in den Debatten, die um große Infrastruktur- und Bauprojekte wie Stuttgart 21, die Elbphilharmonie oder den neuen Berliner Flughafen geführt wurden. Immerzu wird die Forderung nach einem Recht auf Teilhabe der Bürger gegen Gutachten und Zahlen ausgespielt. Wer das vermeintlich Alternativlose in Frage stellt, ist schnell ein Wutbürger, gerne auch ein Vertreter des Sankt-Florian-Prinzips („Nicht in meinem Hinterhof!“). Nachrichten von Umsiedlungen und widerstandslos aus dem Boden gestampften Mega-Komplexen aus China, scheinen angesichts technokratischer, post-demokratischer Tendenzen im Westen wie ein Blick in die Zukunft.

Auch wenn schon der Vorspann des Films Kämpfe verheißt, ist buy buy st. pauli ein sehr ruhiger, manchmal fast schon biederer Heimatfilm geworden. Statt die Ereignisse dramatisch zuzuspitzen und sich der Ästhetik der Zerstörung hinzugeben, stellt das Regie-Triumvirat einfache Menschen in den Mittelpunkt. St. Pauli ist, nicht nur dank seines Fußballvereins, bekannt als Heimat einer alternativen Lebenskultur. Hier versammeln sich Studenten, Linke, Kneipenwirte, Professoren und Außenseiter aller Art. Wie eine Collage von Home-Stories mutet der Beginn des Films an, wenn eine Handvoll Kiezoriginale in ihrem Lebensalltag präsentiert werden. Wie Revolutionäre wirken jedoch wenige von ihnen: Die Protagonisten reichen von rüstigen Rentnerinnen, über Fußballfans bis hin zu Clubbesitzern. Ein älterer Herr präsentiert stolz Souvenirs aus aller Welt, Trophäen einer kleinbürgerlichen Existenz.

schöner teurer

Die Esso-Häuser sind für sie vor allem das Symbol eines anderen Weges, der zu sterben droht, für eine Gemeinde innerhalb der Metropole. Mehr und mehr macht die Nachbarschaft mobil, die Kamera begegnet ihnen bei Protestaktionen, beim Flugblätterverteilen und bei öffentlichen Diskussionsabenden. Eine weibliche Sängergruppe mit Megaphonen begleitet alles wie ein griechischer Theaterchor. Ein Aktionskomitee reist sogar nach Paris, um sich die Renovierungsideen einer französischen Architektin näher anzusehen. Als Antagonisten und menschliche Antlitze des Kapitalismus treten der etwas feiste Vertreter der „Bayerische Hausbau“ und ein Verantwortlicher der Stadt auf. Beide kommen zwar wenig zu Wort, werden aber auch nicht dämonisiert. Erst als sie später (nachdem die Esso-Häuser schließlich Geschichte sind) mit gönnerhaftem Tonfall Weihnachtsgeschenke an die nunmehr Obdachlosen verteilen, empfindet man sie wirklich als Schurken.

Bemerkenswert ist, wie viel Aufmerksamkeit der Rhetorik beider Seiten geschenkt wird: So wird gleich mehrfach vom breiten Norddeutsch der Ansässigen zu der Betriebssprache der Investoren geschnitten. Zwischen „Lütten“ und „Transmissionsriemen“ wird deutlich, wie schon die Sprechhaltung die Gruppen voneinander trennt. „Wir können nicht ergebnisoffen diskutieren“ und „Können wir nach der Revolution alles machen“ treffen auf „Es gibt immer Alternativen – nur ob die gewollt sind…“ und „Nur Kapitalismus geht ja auch nicht!“.

Am stärksten ist buy buy st. pauli in den Momenten, wenn diese Reibungsfläche zu Funken des Verständnisses führt: Beide Fraktionen haben ihre Schwächen und Fehler. Die vermeintliche Rationalität der Investoren ist ebenso Weltanschauung wie die bewahrende Nostalgie der Esso-Schützer. Und wenn eine Demonstrantin einem Anzugträger in Aussicht stellt, er könne der „Investor der Herzen“ werden, huscht diesem sogar ein kleines Lächeln übers Gesicht.

Leider haben die Macher spürbar zu viel Nähe zu ihrem Thema. Sicher: Jeder Dokumentarfilmer tritt an sein Subjekt im Idealfall mit einer klaren Haltung heran. Doch wenn die filmische Wahrheitssuche von schulmeisterlichem Agitprop überlagert wird, dann leidet das Gesamtergebnis. Selbstkritik klingt an, wird aber zu bedenkenlos beiseitegeschoben. Die Einspieler, in denen mit Pappmodellen die Geschichte des Gebäudekomplexes nachgestellt werden, wirken zwar charmant (wie eine linksalternative Sendung mit der Maus), doch ernstgenommen fühlt man sich in solchen Momenten als Zuschauer nicht. Eigentlich sind die genauen Jahreszahlen und Geldsummen nebensächlich. Es fehlt der Mut zum visuellen Pathos, zu großen Bildern. Sie hätten geholfen, den universellen Konflikt, der unter dem spezifischen verborgen liegt, zum Vorschein zu bringen.

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Zum einen bleibt also ein Stück Aktivismus mit zu engem Blick. Man will sich überzeugen lassen, denn alle vorgetragenen Anliegen sind sicher zutiefst nobel, doch als reines Dokument vermag buy buy st. pauli nicht vollends zu überzeugen. Manches wirkt gar zu einseitig, oft auf eine Art und Weise, die leise Zweifel an den Schilderungen weckt. Zum anderen muss man jedoch den Kampfgeist loben, der den Film durchzieht. Heute kann man von den Esso-Häusern nur noch in der Vergangenheitsform sprechen, der Kapitalismus hat wieder einmal gesiegt, doch es bleibt nicht nur ein Krater zurück: Der Film zeigt, dass es immer eine Alternative gibt. Jeder Kampf ist ein Sieg gegenüber der Gleichgültigkeit. So gesehen ist der Film, trotz seiner Mängel, ein großer Triumph.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)
(Bilrechte: Indigo Musikproduktion + Vertrieb GmbH)

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