Filme, die keine sein dürfen: Jafar Panahi und Kino als Identität

Was ist ein Filmemacher, der keine Filme mehr machen darf? Wäre er eine Maschine, die Antwort wäre leicht: Ein Rasenmäher beispielsweise, der nicht mehr Rasen mähen kann, ist Schrott. Er wird entsorgt und ersetzt. Bei Menschen ist die Sache natürlich komplizierter. Sie sind mehr als Name und Funktion. Doch auch für sie sind Arbeit und Identität deutlich erkennbar miteinander verbunden. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum repressive Regime unbequeme Künstler so gerne mit Arbeitsverboten belegen: Sie hoffen, damit nicht nur ihr Schaffen zu unterbinden, sondern sich des gegenläufigen Lebensmodells zu entledigen, das in ihren Werken liegt.

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(Filmstill aus Taxi Teheran; Copyright: Weltkino Filmverleih)

„Das Regime macht einem das Dasein zum Gefängnis“, formuliert es die iranische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh in Taxi Teharan, dem neuen Nicht-Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft. Darin fährt er in einem Taxi durch die Stadt und führt Gespräche mit einer illustren Riege von Gästen: einer Lehrerin, einem Schwerstverletzten, einem Anbieter illegaler DVDs, der eigenen Nichte und eben auch Sotudeh, die nur als Blumenfrau vorgestellt wird. Dabei kommen nach und nach erstaunliche Erkenntnisse über Politik und Gesellschaft zustande. Gefilmt wird das Ganze von einer Dashcam, wie sie in Taxis oft aus Sicherheitsgründen installiert wird. Cadrage und Mise en Scène werden (angeblich) dem Zufall überlassen – ein Regisseur ist also vordergründig nicht am Werk. Filme sind das Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen. Wer sie nicht trifft, nicht treffen darf, der muss logischerweise etwas anderes machen. Ähnlich war es schon in This Is Not A Film, als die Kamera von Panahis Sohn „blindlings“ auf einen Stuhl gestellt wurde, so als wäre sie nur ein Requisit.

Denn: Es sind Filme, die keine sein dürfen. Seit Panahis Verurteilung wegen „Propaganda gegen das System“ ist er mit einem zwanzigjährigen Berufsverbot belegt. Zudem darf er keine Interviews geben und das Land nicht verlassen. Nach den Präsidentschaftswahlen von 2009, als Mahmud Ahmadinedschad sich entgegen aller Prognosen und Erwartungen mit einem Erdrutschsieg gegen seinen Konkurrenten Mir Hossein Mussawi durchsetzen konnte, erschütterten Proteste das Land. Der Regierung wurde massiver Wahlbetrug vorgeworfen, natürlich war es auch ein allgemeiner Kampf um die Zukunft des Landes. Der Kontakt zu westlichen Medien und ihren Kameras, die Bilder der Gewalt in die Welt sendeten, wurden strikt unterbunden. Panahi unterstützte die aufbegehrendeGrüne Bewegung, ließ sich auf internationalen Festivals mit ihren Symbolen ablichten und wohnte der Beerdigung einer von Milizen getöteten Zivilistin bei. Ihm wurde vorgeworfen, er wolle einen Film über die Ausschreitungen drehen und damit seinem Heimatland schaden.

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(
Filmstill aus This is Not a Film. Copyright: Produktion/ Verleih)

Schon zuvor wollten seine Filme nicht so recht in den Gottesstaat passen: Aufgewachsen mit vier Schwestern fühlte er sich, von Beginn seiner Karriere an, zu Geschichten hingezogen, in denen Frauen die Hauptrolle spielen. Filme wie Der weiße Ballon oder Der Spiegel spielen auf den Straßen Teherans, wandern mit dem Zuschauer umher und erzählen von einfachen Menschen. Sie vermengen kindliche Fantasie und sozialen Realismus. Fast beiläufig werden gesellschaftliche Themen behandelt, sanft im Vorbeigehen gestreift. In späteren Filmen treten sie deutlicher in den Mittelpunkt: Offside etwa erzählt von einer Gruppe Mädchen, die sich in ein Fußballstadion schleichen, um ein Spiel der Nationalmannschaft zu sehen; nach den Gesetzten des Landes sind sie dort nicht erwünscht. „Warum konnten japanische Frauen das Spiel Japan gegen Iran hier sehen?“, wird ein Soldat gefragt. Der erwidert: „Sie waren japanisch.“

Das Urteil, der Gefängnisaufenthalt, der Hungerstreik: Die äußeren Umstände haben Panahi nicht nur physisch ins Innere gedrängt. Einer der Schlachtrufe der Protestbewegung lautete „Wo ist meine Stimme?“; eine Frage, die nun auch der Regisseur sich stellen musste. Er machte Heimatfilme der besonderen Art, jetzt war ihm die Welt außerhalb der eigenen vier Wände abhandengekommen.

Autor und Emigrant Heinrich Heine hat einst die deutsche Sprache als seine „portative Heimat“ bezeichnet. Nichts anderes ist das Kino, die Bildsprache, für Panahi. Seine letzten Projekte, This Is Not A Film und Closed Curtain, waren vor allem Essays. Sie handeln von einer Neukonstruktion des Selbst, von der Identität als Künstler, Iraner und Mensch. Wenn ein Mensch, der ganz dem Kino verschrieben ist, fragt „Was ist ein Film?“, dann fragt er auch „Wer bin ich?“. Dargestellt wird nicht mehr nur der Iran, sondern vor allem eine Gedankensphäre, eine zerbrochene Seelenlandschaft, in der ein Mann auf die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten geht. Closed Curtain beginnt und endet mit dem Blick durch Gitterstäbe, es ist die Egoperspektive.

Das ausgesprochene Verbot erniedrigt und adelt Panahi gleichermaßen. Es zeigt: Kunst wird immer gleichzeitig unter- und überschätzt. Die meisten Menschen glauben nicht daran, möglicherweise zu recht, dass Musik, Literatur oder eben das Kino die Welt verändern können. Weder zum Besseren noch zum Schlechteren. Selbst unter Regisseuren, Cineasten und Kritikern ist in der Regel umstritten, in wie weit Filme wirklich auf Politik und Gesellschaft einwirken, beziehungsweise einwirken sollten. Lediglich manche Regierung findet hier eine beunruhigend eindeutige Antwort. Natürlich haben auch nur sie wirklich die Macht zur Zensur.

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(
Filmstill aus Closed Curtain. Copyright: Produktion/ Verleih)

Der Fall Panahi zeigt, dass sie damit jedoch oft etwas ganz anderes erreichen, als eigentlich geplant wurde. Denn Kino ist für Regisseure wie Panahi nicht das Ergebnis äußerer Umstände oder der Produktionsbedingungen, sondern eben etwas Inneres. Zensur und Limitierungen zwingen Filmkünstler zu dem Neuanfang, den sie ohnehin oft anstreben. Die Geschichte des Kinos ist durchsetzt von solchen Umbrüchen, Selbstbeschränkungen und Neuorientierungen. Ob Nouvelle Vague, Cinema Novo, oder die Unterzeichner des Dogma 95-Manifestes – sie alle verbindet der aktive Akt der Selbstbeschränkung. Bestimmte Mittel und Ausdrucksformen werden aufgegeben, förmlich verboten sogar, damit man letztendlich neue Wege beschreiten kann. Diese Perspektive macht kein Berufsverbot der Welt besser, vielleicht aber erträglicher.

Nicht einmal eine Woche ist vergangen, seitdem der Joint Comprehensive Plan of Action aus dem Iran, dem Enfant Terri̱ble der Weltpolitik, einen wichtigen Partner des Westens machte. Das Land, in dem wie kein zweites im Nahen Osten Tradition und Moderne aufeinander prallen, ist, nicht erst jetzt, genau wie der Filmemacher auf der Suche nach einer neuen Identität. Menschen wie Jafar Panahi hätten bei dieser Suche behilflich sein können, jetzt sprechen sie nur noch ins Ausland, über die Grenzen hinweg, zur Weltgemeinschaft des Kinos. Die applaudiert dem Rebellen gerne aus der Fern, Stühle und Gesten bleiben leer. Eines Tages wird der Iran zurückblicken und feststellen, was sie sich selbst vorenthalten haben. Bis dahin geht die Suche weiter.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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Ein Gedanke zu “Filme, die keine sein dürfen: Jafar Panahi und Kino als Identität

  1. […] Zwischen Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof lassen sich die üblichen Parallelen regimekritischer Künstler in autoritär regierten Staaten ziehen. Beide sind als verurteilte Straftäter gebrandmarkt und beiden wurde ein langjähriges Berufsverbot auferlegt. Beide drehen ihre Filme deshalb im Geheimen und sollten diese unwahrscheinlichen Unterfangen tatsächlich von Erfolg gekrönt sein, so bleiben die Abspanne ihrer Filme zumeist gleichermaßen schwarz. Keine Namen der Darsteller, des Produktionsteams und keine Danksagungen. Es wäre zu gefährlich, denn Panahi und Rasoulof schaffen Filme, die keine Filme sein dürfen. […]

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