Rezension: Slow West

SLOW-WEST-PosterDie Freiheit liebt den Menschen nicht. All seine Loblieder bleiben unerwiderter Minnesang. Sehen und greifen kann man sie nie, man deutet nur die Welt, bis man sie für sich darin entdeckt hat. So wie manche den Sternenhimmel betrachten und die Lichter in der Leere zu Löwen, Zentauren und lange vergessene Helden zusammenfügen. Vielleicht, weil sie die endlose Schwärze nicht ertragen können, denken sie sich Linien zwischen den winzigen glühenden Punkten. So geht es auch dem jungen Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), der auf der Suche nach seiner entflohenen Geliebten Rose Ross (Caren Pistorius) von Schottland in das Nordamerika der rauen Gründerzeit geworfen wird.

Als wir ihm in Slow West, dem (Neo-/Post-/Meta-)Western-Debütfilm von John Maclean, zum ersten Mal begegnen, richtet er gerade seine Pistole gen Himmel. Das Idiom „shooting for the stars“ bedeutet in der englischen Sprache so viel wie „sich selbst hohe Ziele setzen.“ Wie bezeichnend also, dass Jay seine Waffe nicht wirklich abfeuert, er deutet seine Schüsse lediglich impotent an – und doch strahlen die anvisierten Sterne plötzlich so hell wie nie zuvor. Schon von der ersten Einstellung an wird deutlich: Die Welt des Films ist eine der Träume und Mythen. Eine, die nur der menschlichen Deutungsmacht entspringt. Ein Voiceover leitet ihn mit „Es war einmal…“ ein, nur dass das Märchenhafte ferner nicht sein könnte.

Die Expedition des schüchternen Schwächlings führt ihn durch Areale, leer wie der Sternenhimmel. Alle Häuser und Lagerplätze scheinen im Nirgendwo zu liegen. Nichts verbindet sie. Die Menschen, denen er begegnet, sind nicht Figuren, sondern verdichtete Westernklischees. Allen voran Revolverheld Silas Selleck (Michael Fassbender), der dem Jungen das Leben rettet und sich als Bodyguard und Fremdenführer anbietet. Fassbender spielt eine Legierung aus Gary Cooper, John Wayne und den einsamen Gestalten, die er auch in Shame oder Frank verkörpert. Vielleicht umweht ihn ein rauer Wind, vielleicht ist es einfach nur Einsamkeit und Melancholie; wirklich zu durchschauen ist er, zumindest für Jay, nicht. Früher war er Mitglied in der Bande des grausamen Kopfgeldjägers Payne. Ben Mendelsohn stolziert im gewaltigen Pelzmantel über die Sets, wie eine Art Wildwest-Zuhälter, und trägt jeden neuen Schurkenspruch mit großer Emphase vor.

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Nicht nur in seinem grotesken Gebaren manifestiert sich der rüde, blutige Humor des Films. Das Genre wird so weit dekonstruiert, dass nur ein Kern aus Aberwitz bleibt. An historischem Revisionismus und Kritik ist Slow West fast schon nicht mehr interessiert: Jeglicher Diskurs, den man führen könnte, wird bereits vorweggenommen. Etwa in Form eines Forschers, der sich um die indigene Bevölkerung sorgt. Doch auch dieser, der wie ein Zeitreisender aus der politischen Gegenwart anmutet (möglicherweise mit tumblr-Blog), gehört nicht zu den Guten. Seine Perspektive wird nie geadelt, die Moderne siegt nicht über das Archaische. Sie gleichen sich einander sogar an. Einmal wird Jay betrogen und bestohlen, wacht nur mit einer Decke, dem Verhungern ausgeliefert, in der Wildnis auf. Der Übeltäter hat ihm nur einen Zettel gelassen, auf welchem ein Pfeil und das Wort „West“ zu sehen sind. Wo das vielbesungene Land der Freiheit liegt, ist hier also nur noch vom eigenen Standpunkt abhängig.

So bleibt als Kommentar zum Western eigentlich nur noch eines: All die Mythen von Pioniergeist, manifest destiny und hobbesscher Selbstbehauptung sind heute nur noch die mäßig witzigen Scherze eines massenmörderischen Stand-up-Comedians. Der Film bietet stimmungsvolle Reisen durchs elegische Innenleben, kontrastiert mit harschem Slapstick. Im kämpferischsten Heldentod findet Maclean nur die Würdelosigkeit der Gewalt, kein Täter kommt ungestraft davon. Und spätestens, als Jay zum ersten Mal kämpfen muss, wird klar, dass der Westen jeden früher oder später zum Täter macht.

Wo das Genre den Ausmaßen Amerikas in der Regel auch mit ausschweifenden Narrativen und langen Spielzeiten begegnet, ist Slow West Kino in Novellenlänge. Erzählt wird primär in kleinen Vignetten, in denen Fantast Jay mit seiner pubertären Vergangenheit und der grimmigen Realität des Westens konfrontiert wird. Seine Theorien über sich, sein Heldentum und vor allem seine Beziehung zu Rose, werden gemeinsam mit seinem Büchlein über das Leben im Grenzland (West, Ho!) von einem reißenden Fluss fortgespült. Seine Naivität und Unschuld überstehen den Erstkontakt mit der Realität nicht intakt. Das feindselige Land lässt ihn in manchen Einstellungen förmlich zusammenschrumpfen. Mal ist es der Tod (die erste Leiche, die Jay erblickt), mal die Natur (ein halluzinogener Pilz), an die sich die Kamera so dicht anschmiegt, dass der Junge im Bildhintergrund verloren geht. Ob das angesichts von Kodi Smit-McPhees Leinwandpräsenz wirklich nötig ist, steht auf einem anderen Blatt. (Vielleicht ist es die Rolle, vielleicht auch einfach der direkte Vergleich zu Fassbender und Mendelsohn, der ihn so nichtig erscheinen lässt.)

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Rose ist für ihn vor allem eine Verheißung, der Avatar von allem, was die Pioniere damals durch das schier endlose Land trieb. Die Zähmung der widerspenstigen Natur ist immer auch eine erotische Eroberung. John Fords Antwort auf die Frage How the West Was Won wird hier mit Fußnoten versehen – mit solchen über Freud, Trieblehre, Eros und Thanatos. Später muss Jay eine bittere Wahrheit über Rose lernen, mit schmerzhaften Folgen. Alles eskaliert und der Film spitzt sich auf ein letztes Gefecht zu, das wie eine Kollaboration von Quentin Tarantino und Jean-Luc Godard wirkt. Symbole prallen aufeinander. Es wirkt kaum noch überraschend, wenn jemand von seinen Untergebenen fordert: „Kill that house!“

Slow West stellt sich gewichtigen Themen auf komprimierte, leichtfüßige Weise. Zwar gibt es eher Oberfläche als tiefen Kern zu sehen, aber für mehr nimmt der Film sich ohnehin nicht ernst genug. Vom Genre-Gestirn bleibt höchstens sanft rieselnder (Sternen-)Staub. Eine nahezu ideale Besetzung reduziert sich im Ausdruck auf das Nötigste, auch die Kameraarbeit besticht mit einer erstaunlichen Effizienz. Die wird auch in den lakonischen Dialogen spürbar. Einmal fragt Jay, was ihn im Westen erwarten würde. Die Antwort: „Dreams and toil.“ Träume und Mühsal, das ist die Freiheit.

(Bildrechte: Prokino Filmverleih)

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