Rezension: Gefühlt Mitte Zwanzig

Gefuehlt_Mitte_Zwanzig_-_PlakatWir würden alle sofort von vorne anfangen. Auf den langen Kampf um das Erwachsenwerden folgt für manche heute unmittelbar die Midlife-Crisis. Konfrontiert mit den endlosen Abzweigungen moderner Lebensläufe, wiegen alle nicht gewählten unendlich schwer. Zumindest scheint es so – wem alles versprochen wurde, der lebt eine Existenz endloser Verfehlungen. Noah Baumbachs komödiantisches Drama Gefühlt Mitte Zwanzig beschreibt einen gesellschaftlichen Blick in den Rückspiegel und zeigt Figuren, die nur durch den Umweg über die Vergangenheit die Gegenwart begreifen und ertragen können.

Der New Yorker Regisseur versucht sich an zwei Generationenporträts zugleich: Wie er sich seine Altersgenossen vorstellt, schildert er anhand des Ehepaars Josh und Cornelia Schrebnick (Ben Stiller und Naomi Watts), die ewig gescholtenen Millennials geben Jamie und Darby Massey (Adam Driver und Amanda Seyfried). Josh ist Mitte Vierzig und Dokumentarfilmer, sein Leben scheint zu stagnieren: Sein Projekt über den Linksintellektuellen Ira Mandelstam (Peter Yarrow) ist auch nach acht Jahren noch nicht abgeschlossen. Seine Frau wünscht sich Kinder, doch wirklich bereit für Verantwortung und Gebundenheit fühlen sich beide nicht. In der ersten Szene des Films werden sie mit einem Baby konfrontiert, ihre Überforderung ist die erste von vielen eher misslungenen Pointen.

Jamie stellt sich Josh, nach einer von dessen Vorlesungen, als großen Fan seiner Filme vor. Darby und Cornelia bleiben dabei, wie eigentlich den ganzen Film über, nur Begleiterscheinungen – mit den papierdünnen Frauenfiguren werden zwei wundervolle Darstellerinnen leichtfertig verschwendet. Man kommt ins Gespräch, langsam erwächst eine Freundschaft. Das ältere Paar verliebt sich in die hippe, junge Lebensweise. Worin der Unterschied besteht, visualisiert Baumbach in einer unerträglich plumpen Parallelmontage, in der Retrochic auf Gebrauchslogik trifft: Statt CDs und MP3s sammelt das junge Paar Vinyl, Stapel von VHS-Kassetten ersetzen Netflix, statt auf dem Tablet werden Brettspiele gespielt. „They make things!“, erklärt Josh Freunden, die zunehmend vom seinem adoleszenten Lebenswandel irritiert sind. Denn statt ihre Freizeit gesellschaftskonform mit Kindern und auf Empfängen zu verbringen, trifft man Cornelia und Ihn plötzlich auf Block-Partys und beim Hip Hop-Workout. In einer der unterhaltsameren Szenen des Films nehmen sie an einer Ayahuasca-Zeremonie teil, bei der die eigenen Sorgen und Ängste rituell ausgekotzt werden. Der Schamane bespielt den Ritus dabei stilsicher mit seiner persönlichen Vorstellung von okkulter Musik – mit Vangelis und Teilen des Blade Runner-Soundtracks.

Gefuehlt_Mitte_Zwanzig_Szenenbilder_03.300dpi

Natürlich verdichtet und überzeichnet Baumbach, doch vor allem den Millenials wird er nie so recht habhaft. Alles wirkt wie Hörensagen. Mit der Darstellung von Hipster-Klischees und dem Vorwurf scheinheiliger Nostalgie persifliert er ihre Generation mit der Akkuratesse, mit welcher der Langenscheidt-Verlag Jugendworte festlegt. Manch eine Drehbuch-Sequenz scheint mit umgedrehter Basecap und Skateboard unter dem Arm geschrieben worden zu sein.

Auch wenn der Regisseur seine Figuren wieder und wieder betonen lässt, die Jugend wäre ja nicht bösartig und falsch, sondern einfach nur anders: Im Endeffekt ist Jamie eine nahezu unerträgliche Figur, die Drivers blasses Spiel der Willkür des Drehbuchs überlässt. Ein großer Teil des im Kern recht konventionellen Komödie-Plots wird dafür aufgewendet, von seinem eigenen Dokumentar-Projekt zu erzählen. Dabei entpuppt sich der kreative Kopf als eiskalt kalkulierender Egoist, für den keine Freundschaft mehr als Networking und Wahrheit nur ein Mittel zum Zweck ist. Sicher soll hier diskutiert werden, welche Verantwortung ein Filmemacher eigentlich trägt, wie sehr ein Film Dokument sein kann und ob es Fakten oder ekstatische Wahrheiten zu suchen gilt. Doch dieser ontologische Blick existiert nur auf dem Papier, einmal mit der Inszenierung konfrontiert bleibt nur eine Litanei von Urteilen. „I don’t own Brooklyn any more.“, gesteht Baumbach in einem Interview mit dem britischen Filmmagazin Little White Lies. Die Verbitterung über diesen Verlust von Deutungshoheit ist in jeder Einstellung spürbar. In Teilen erweckt Gefühlt Mitte Zwanzig den Eindruck, das Drehbuch stamme von einem alten Mann, der hauptberuflich Kinder von seinem Rasen verjagt und Falschparker meldet. Es gibt keine Versöhnung zwischen Gestern und Heute, nur verlogene Toleranz.

Wie so oft liegt das zentrale Problem hier also auch in der größten Stärke des Regisseurs: Niemand erschafft so unerträgliche, abstoßende Charaktere wie Baumbach. Man denke nur an Der Tintenfisch und der Wal – ein Film, für den das einzig mögliche Happy End in einem alles vernichtenden Meteoriteneinschlag bestanden hätte. Die anschließende Menschwerdung scheitert jedoch nahezu immer, weil Baumbach dazu neigt, Fehler zu verklären und diese nur in Teilen anerkennen kann.

Gefuehlt_Mitte_Zwanzig_Szenenbilder_05.300dpi

So zerfasert auch sein neuster Streich letztendlich in belangloser Akzeptanz-Rhetorik. Wie in Frances Ha müssen alle ihren Platz in der Welt erkennen und der allgemeinen Erwartungshaltung genügen. Jugend ist vergänglich, wir überschätzen sie. Das Erwachsenwerden darf auch in der Neuzeit nicht ewig verschleppt werden. Das ist natürlich richtig, aber gänzlich trivial.

Gefühlt Mitte Zwanzig ist ein unerheblicher Film. Trotz aller Bemühungen erwächst aus den mühsam vermengten Einzelideen keine tiefere Wahrheit, jede Erkenntnis bleibt simuliert. Hier werden zwei bis drei schwache Feuilletons von halbwertigen Gestalten vorgetragen, die der Regisseur dennoch zu sehr liebt. Das dieses Brooklyn nicht die Welt und diese Figuren nicht die Menschheit sind, das ist verschmerzbar. Doch dass die Betrachtungen dann nicht einmal komisch sind, macht das Ärgernis komplett. So bleibt schlussendlich wieder nur die Hoffnung auf den Meteoriten.

(Bildrechte: SquareOne Entertainment / Universum Film)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rezension: Gefühlt Mitte Zwanzig

  1. Klingt nach dem, was ich vermutet habe – schon die letzten zwei Filme von Baumbach waren gar nicht mein Ding, weil ich nur das Gefühl von banalem vor sich hin plätschern hatte..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s