Rezension: Dating Queen

DatingQueenPosterEs ist eine der offenkundigsten Trennlinien, die gesellschaftliche Bigotterie zwischen den Geschlechtern zieht: Die Promiskuität. Sie macht Männer zu stolzen Verführern, zu Casanovas und Don Juans, Frauen hingegen zu Gebrandmarkten mit scharlachrotem Buchstaben. Amy Schumer ist so etwas wie die menschgewordene Reaktion auf diesen Missstand. Der offene Umgang mit der eigenen Sexualität ist das zentrale Thema der Komödiantin. Je nach Blickwinkel sind ihre Stand Up-Programme und die Sketchshow Inside Amy plumpe Kalauer-Paraden oder subversive Beiträge zur Geschlechterdebatte. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Sicher ist nur: Provokation und Transgression sind fester Bestandteil ihrer Leinwand-Persönlichkeit. Es ist fast enttäuschend, dass sie in ihrer ersten Spielfilm-Hauptrolle nicht einmal diese Mehrdeutigkeit bietet, sondern vor allem eines: harmlose Belanglosigkeit.

Dating Queen (im Original: Trainwreck) erzählt von Amy, etwa Anfang 30. Die Komödie behauptet im weiteren Verlauf, sie wäre eine unkontrollierte Alkoholikerin und würde die Partner öfter wechseln als ihre Unterwäsche. Glaubhaft dargestellt wird das jedoch nur in wenigen Szenen: Etwa, wenn sie zu Beginn des Films nach einem alkoholisierten One-Night-Stand einen odysseischen Walk of Shame durch halb New York antreten muss. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Autorin für das prollige Männermagazin S’nuff, in dem Artikel wie „Bin ich schwul oder ist sie einfach nur langweilig?“ erscheinen. Bei einem Meeting wird Amy, trotz (oder gerade wegen) einer ausgeprägten Abneigung gegenüber Sport, ein Porträt über den Sportmediziner Aaron Conners (Bill Hader) aufgezwungen. Schon nach den ersten Treffen wird ihr klar: Nie zuvor ist sie an einen Mann geraten, der ihr so viel bedeutet hat. Den sie wahrscheinlich liebt, statt nur seinen Körper zu begehren. Ihr Vater hat Amy als Kind beigebracht: „Monogamie ist nicht realistisch!“ Jetzt kämpfen die Lehren der Vergangenheit in ihrem Inneren gegen die Verheißungen der Gegenwart.

Beworben wird der Film als romantische Komödie, doch er ist weder sonderlich romantisch, noch besonders witzig. Regisseur Judd Apatow und Drehbuchautorin Schumer zeigen stattdessen: Hinter vorgeschobener Krassheit verbirgt sich oft spießigstes Biedermeiertum. Was im Endeffekt geschildert wird, könnte prüder und amerikanischer kaum sein. Sex wird nur behauptet und nacherzählt. Was tatsächlich gezeigt wird, ist weichgezeichnet und blumig. Auch das teuflische Feuerwasser wird primär off-screen konsumiert – das filmische Äquivalent einer braunen Papiertüte. Im Anschluss tut Schumer ein wenig angetrunken, fertig ist die kläglich gescheiterte Existenz. Das R-Rating in den USA rührt nur von einigen „fucks“ her – in Deutschland ist der Film Freigegeben ab 12 Jahren. Jeder Tiefschlag wird in Watte verpackt.

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Die Folge ist, dass Amys Leben nie schlimm wirkt, so etwas wie Fallhöhe existiert nicht. Trotzdem soll sich der Zuschauer emotional in ihre Rettung investieren. Da mag das monogame Leben, etwa die Ehe von Amys Schwester Kim (Brie Larson), noch so dröge dargestellt werden: Nur die eine wahre Liebe kann aus dem Leben voller Laster befreien. Wer den Funken zwischen Schumer und Hader auch nur erahnen kann, verdient einen Nobelpreis für Leinwandchemie. Wem die Frage, ob sich die beiden schlussendlich kriegen, als Spannungselement nicht reicht – wer sogar den Sinn dieser widerspenstigen Zähmung nicht erkennen kann – der wird im Laufe von über zwei Stunden Spielzeit meistens wirkliches Drama vermissen. Plot ist für Komödien (bzw. eigentlich für alle Filme) natürlich kein Muss – aber es hilft schon, wenn ein sinnvoller Kontext für den Humor erdacht wird. Eine Vorwärtsbewegung, die Gags Ziel und Richtung gibt. Dating Queen erzählt sehr konventionell, doch es gelingt nicht einmal, den oft eher niedrigen RomCom-Genrestandards zu genügen.

Zum Ausgleich wird auch das Regiehandwerk vernachlässigt: Nur weil Judd Apatow hinter einer Kamera steht, während andere Menschen versuchen lustig zu sein, sollte man ihn nicht mit einem Regisseur verwechseln. Er ist wie ein Dirigent, der nur Stücke und Musiker auswählt, sich am Konzertabend jedoch von einem Metronom vertreten lässt. In seinen Filmen kommt vor allem eines zum Ausdruck: Vollkommene Gleichgültigkeit, eine Willkür der Bilder. Wenig an ihnen lässt erahnen, dass er das Set mehr als einmal betreten hat. Sie sind in etwa so persönlich und lebendig wie die Mondoberfläche – und genau wie bei dieser gibt es keinen guten Grund mehr für die Menschheit, sie je wieder zu besuchen. Die Szenen wirken wie lose miteinander verbundene Sketche, die visuell gleichförmig, langweilig und ohne jede Raffinesse inszeniert werden. Wer Apatows schlafwandlerisches und beiläufiges Bebildern von Dialogen für gelungen hält, der hat nicht nur einen Schuss, sondern auch gleich den passenden Gegenschuss. Genauso gut könnte man die Seiten eines Drehbuchs abfilmen. Oder erste Probelesungen. Dazu gibt es immer den offensichtlichsten Musikeinsatz aus einem Soundtrack, für den sich selbst alternde Gelegenheits-DJs in der Dorfdisco schämen würden. Noch einmal erwähnt werden muss dabei, dass sich das Elend über zwei volle Stunden erstreckt. Statt flotten Screwball-Dialogen gibt es ausufernde Wortmeere, in denen jede Freude hoffnungslos untergeht.

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Beeindruckend ist, wie leichtfertig das stellenweise hochkarätige Personal verschwendet wird. In einem Cast mit großen Talenten wie Brie Larson, ist es ausgerechnet Basketballstar LeBron James, der die ihm zugespielten Bälle am besten verwandeln kann. (Vielleicht wird das ja was mit dem Space Jam-Remake?) Selbst die wundervolle Tilda Swinton, die in den letzten Jahren nicht eine schlechte oder gar langweilige Darbietung gezeigt hätte, fließt fast unbemerkt vorbei.

Dating Queen ist ein merkwürdig puritanisches und deutlich überlanges Chaos von einer Komödie. Statt einem überzeugenden Apell für Monogamie, gibt es einen für Monotonie. Nicht, das Härte und Direktheit das unmotivierte Konglomerat von Sequenzen wirklich gerettet hätten, aber sie würden das Wegdämmern zumindest ein wenig hinauszögern. Der deutsche Verleihtitel Dating Queen (anstatt von Trainwreck) erweist sich als treffender. Obwohl der Film einem Zugunglück gleicht – man kann ganz einfach wegschauen. Der Film ist es nicht wert, zum Gaffer zu werden.

(Bildrechte: Universal Pictures)

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3 Gedanken zu “Rezension: Dating Queen

  1. Höchst bieder und im Kern verspiest sind Apatow-Filme ja oft (wie US-Comedy trotz endloser Pimmel-Witzchen generell), aber das klingt schon arg öde! Und: Was hat die großartige Tilda in ner Apatow-RomCom zu suchen?

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