Agenten und andere Superhelden

Der Superheld gilt vielen längst unbestreitbar als die zentrale Figur des Gegenwartskinos: Nichts wird von Fans und Journalisten eifriger und lauter diskutiert, als mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattete Männer und Frauen in Latexanzügen. Tatsächlich jedoch sind in diesem Jahr mit Avengers 2: Age of Ultron, Ant-Man und (ab 13.8.) Fantastic Four gerade einmal drei Filme mit den populären Comic-Charakteren in den Multiplex-Sälen zu sehen. Angesichts des Medientrubels um diese Filme wird ein anderer Archetyp, ganz seinem Wesen entsprechend, meist übersehen: Der des Agenten.

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(Filmstill aus Codename U.N.C.L.E.; Copyright: Warner Bros. GmbH)

Von Mission: Impossible – Rogue Nation, über  Kingsman: The Secret Service und Spy – Susan Cooper undercover, bis hin zu Codename U.N.C.L.E.: Geheimdienste und ihr Wirken füllen Drehbuchseiten und Lichtspielhäuser gleichermaßen. Ihre Erfolge am Box Office können sich durchaus sehen lassen. In den nächsten Monaten folgen noch (unter anderem) Kill the Messenger, der neue James Bond-Film Spectre und Stephen Spielbergs Bridge of Spies – Der Unterhändler.

Auf den ersten Blick erscheint es nur einleuchtend, wie eine Fortführung der Tagespolitik: Selten wurde so öffentlich über das Geheime diskutiert wie in den letzten Jahren. NSA, CIA, hierzulande auch BND und Verfassungsschutz, drängen immer wieder auf die Titelseiten. Doch sieht man sich die Protagonisten der Ereignisse genauer an, wird die Diskrepanz zwischen Kino und Realität bald mehr als deutlich: Ethan Hunt und Julian Assange verbindet bis auf eine merkwürdige Ausstrahlung wenig, Harry „Galahad“ Hart aus Kingsman würde angesichts von Edward Snowdens Hemdsärmeligkeit wohl verächtlich die Nase rümpfen. In Michael Manns Blackhat verkörpert ausgerechnet Chris Hemsworth, seines Zeichens muskelbepackter Thor-Darsteller, einen Hacker. Jeremy Renner ist in kurzen zeitlichen Abständen Matt Damon-Ersatz in Das Bourne Vermächtnis, der Avenger Hawkeye und IMF-Mitarbeiter William Brandt in M:I 5. Auf merkwürdige Weise fallen Agenten- und Superhelden-Figuren zusammen – und damit aus der Zeit.

Kein Held ist mehr als die Summe der Menschen, die ihn zu einem solchen erklärt. Kriegszeiten mit klaren Feindbildern führen zu herkulischen Figuren. Zweifler und Bedenkenträger hingegen sind die Vorkämpfer skeptischer Massen und füllen die Lücken brüchig werdender Weltbilder. Ihr Kampf gegen Übermacht und Autorität gibt ihnen etwas Heroisches, auch wenn sie nicht die Vorstellungen des hypermaskulinen Archetyps erfüllen. Die Schlüsselpersonen der heute immer auch digital gefochtenen Kriege sind schüchterne Computer-Nerds und Whistleblower. Edward Snowden und Chelsea Manning sind unauffällige, blasse Menschen, kleine Räder in einer großen Maschine, die aufgehört haben zu funktionieren. Gerade ihre offensichtliche Normalität macht sie zur perfekten Projektionsfläche. Interessant ist, wie sehr sie den Protagonisten der Paranoia-Thriller ähneln, die nach dem Kennedy-Attentat, dem Watergate-Skandal und im Rahmen des Vietnamkriegs die Kinos der Welt fluteten.

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(Edward Snowden in Citizenfour; Copyright: Piffl Medien GmbH)

Es ist ein kurioses Wechselspiel: Die Wirklichkeit wirkt heute oft wie ein Verschwörungsthriller aus den 1970er Jahren: System und Institutionen türmen sich schattenhaft über dem Individuum auf und schaffen ein Gefühl von allgemeiner Machtlosigkeit. Am Ende stehen oft das Unwissen, die Nicht-Erkenntnis und eine zunehmend diffuse Freund-Feind-Unterscheidung.

Das Kino hingegen flüchtet sich retromanisch in die Gedankensphären des frühen Kalten Krieges.Codename U.N.C.L.E. spielt im Jahre 1960 – und basiert sogar auf einer Fernsehserie aus den Sechzigern. Kingsman: The Secret Service schwelgt verzückt in den Bildwelten, welche das James Bond-Franchise schon jahrelang nicht mehr betreten hat. Genau wie der simple Actionreißer M:I 5 und die Komödie Spy huldigen diese Filme dem Superagenten und seinem Gegenstück, dem finsteren Oberschurken.

Gemeinsam verkörpern sie das exakte Gegenstück zu der unbefriedigenden Ambiguität der Postmoderne, in ihnen sammelt sich alles Gute und Schlechte der Welt. Einmal entlarvt offenbaren die höchsten Verschwörer mit großer Begeisterung ihren Plan und erweisen sich als Träger einer ganzheitlichen Wahrheit über die Beschaffenheit der Welt. Ob ermordete Staatschefs, verschwindende Flugzeuge oder explodierende Fabriken – wieder und wieder erweist sich ein Einzelner als Schuldiger. Es hat fast schon eine religiöse Anmutung, wenn die Buhmänner die Sünden der Welt auf ihre Schultern laden. Vielleicht verschwinden Flugzeuge, weil der Konsument zu schlechter gewarteten Billigflügen greift, vielleicht wird in den Fabrikhallen etwas für ihn unter schädlichen Bedingungen hergestellt. Vielleicht trägt der Einzelne eine Mitschuld an Systemen und Strukturen, die zu Krieg und Leid führen. Doch das Bild des singulären Schurken, der die Marionettenfäden des Puppentheaters Welt in seinen Händen führt, lässt diese Gedanken gar nicht erst aufkommen.

(Filmstill aus Mission: Impossible – Rogue Nation. Copyright: Paramount Pictures Germany)

Gleichzeitig werden die Agenten zum Avatar ihrer jeweiligen Institutionen. Auf die erfolgreichen Handlungen eines Menschen reduziert, wirken diese moralisch unbedenklich. Gesundes Misstrauen wird einfach weggelächelt. Am Ende werden Geheimdienste ohnehin die Welt retten, dass macht ein eigenes Eingreifen unnötig. Keep calm and carry on. Alles bleibt, wie es ist – vorausgesetzt natürlich, Geheimdienste werden nicht an ihrer Arbeit gehindert. Vor allem nicht durch den Staat.

Mission: Impossible – Rogue Nation schildert es so: Die IMF soll aufgelöst werden. Skeptische Bürokraten wie der CIA-Chef Alan Hunley zerren den Geheimdienst vor einen Ausschuss des Senats. Die Argumente der Senatoren leuchten ein: Wofür bedarf es noch eines weiteren Dienstes, bei all den schon bestehenden? Fordern nicht die unkonventionellen Maßnahmen der Impossible Mission Force regelmäßig vermeidbare Opfer? Wirklich beantworten kann diese Fragen weder IMF-Mitarbeiter Brandt, noch der Film.

Später jagt der Staat Ethan Hunt über den gesamten Erdball. Doch der ist immer einen Schritt voraus und beweist schlussendlich nicht nur seine Unschuld, sondern auch, dass nur die IMF den Planeten zu einem sicheren Ort macht. Am Ende des Films wird über die staatliche Kontrolle nur noch gefeixt.

In dieser Hinsicht ist selbst der Superheldenfilm erheblich weiter, der normalerweise nicht für sein Übermaß an Selbstreflexion bekannt ist: Auch wenn die großflächige Zerstörung urbaner Ballungsgebiete weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Comic-Adaptionen bleibt, setzten sich neuere Genrevertreter zunehmend aktiv mit der Wirkungsmacht ihrer Protagonisten auseinander. So ist etwa Avengers 2 fast durchgängig damit beschäftigt, Zivilisten vor den katastrophalen Ereignissen des Films zu retten. Und Batman v. Superman: Dawn of Justice verspricht eine kritische Auseinandersetzung mit den Massenvernichtungen von Man of Steel.

battmanvsuperman(Filmstill aus Batman v. Superman: Dawn of Justice. Copyright: Warner Bros. GmbH)

Parallel dazu drängen sich die Agenten-Figuren jedoch immer weiter fort von ihren realen Vorbildern. Wie getrieben von panischer Angst vor Relevanz oder Haltung, vor Kontroverse und Politik, flüchten sie in die vermeintlich glorreiche Vergangenheit. Oder werden zu den Karikaturen, denen sie spätestens mit dem Anfang des neuen Jahrtausends entwachsen schienen. Als vor über einem Jahrzehnt Die Bourne Identität eine neue Richtung wies und der „alte“ James Bond mit Stirb an einem anderen Tag letzte Atemzüge von sich gab, schien die Stoßrichtung des Agentenblockbusters eindeutig: Statt Charme und Gentleman-Attitüde ging es nun um Härte und Realismus. Jason Bourne sollte keine Institution, sondern ein verletzbarer Mensch aus Fleisch und Blut sein. Der Zeitgeist verlangte diesen Wandel auch von Bond. Aus Pierce Brosnan wurde Daniel Craig, ein Bourne mit anderem Namen. Doch der Bezug zur echten Welt, der (wahrscheinlich zu jedem Zeitpunkt nur vorgeschobene) Realismus, ging so schnell, wie er gekommen war. James Bond nähert sich mit jedem neuen Teil weiter seiner eigenen Vergangenheit und etabliert alte Charaktere und Erzählmuster im neuen Gewand. Was von Bourne bleibt, sind nur die Gewalt und das Gefühl, entgegen jeder Ordnung im Recht zu sein. Beides versucht sich der Superheldenfilm gerade mühsam abzugewöhnen.

So tauschen die Genres ganz langsam die Rollen, an manchen Stellen verschmelzen sie. Zum Teil haben jene, die vom Superhelden als zentrale Figur des Gegenwartskinos sprechen, also doch recht. Die Charaktere in Kingsman entspringen einem Comic, auch Ethan Hunt oder Susan Cooper könnten aus einem stammen. Agent und Superheld werden eines, es entstehen wieder nostalgische Superagenten und -schurken. Diese Archetypen wirken heute so feige wie eine Verschwörungstheorie, denn sie reduzieren die Komplexität der Welt, bis sie erträglich scheint. Bedeutsam oder auch nur interessant sind sie nicht, sondern fremd und unmenschlich. Edward Snowden oder Chelsea Manning sind anders. Nicht super, nicht einmal mehr richtige Agenten. Gerade die Erkenntnis, dass sie nicht Ethan Hunt oder James Bond sind, dass sie die Wahrheit nicht alleine tragen können und ohne fremde Hilfe die Welt niemals retten werden – falls sie denn überhaupt zu retten ist – macht sie zu wahren Helden. Sie hätten das Kino verdient – und das Kino sie.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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Ein Gedanke zu “Agenten und andere Superhelden

  1. Ich denke, das Genre des Agenten-Films bietet sich für Whistleblower-Geschichten nicht an: Snowden, Manning et al. sind nicht die Helden, die diese Filme brauchen, vor allem, da sie keine wirklichen Agenten sind. Ich fand die „Neuerfindung“ Bonds in Casino Royale super und finde es ebenso schade, dass sich Bond jetzt wieder zurückentwickelt, aber auch Craigs Figur ist immer noch ein klassischer Held.
    Die „Helden“ der Realität gehören nicht in den Agenten-Film, sondern in den Thriller. „The Fifth Estate“ habe ich zwar noch nicht gesehen, mir fällt aber spontan der wirklich tolle „Inside“ mit Pacino und Crowe ein. In diesem Stil kann ich mir einen Film über Snowden und Konsorten absolut vorstellen – und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in den kommenden Jahren noch einige davon erleben werden.

    Aber wie immer natürlich ein wirklich toller Text 😉

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