Alexei German: Stille und Kunstpausen

14 Jahre: So lange verbrachte Edmond Dantès, besser bekannt als Der Graf von Monte Christo aus Alexandre Dumas` gleichnamigen Roman, in seinem Kerker auf der Gefängnisinsel Château d`If. So lange ist auch der Zeitraum zwischen den letzten beiden Filmen des russischen Filmemachers Alexei German. Sein finales Magnum Opus Es ist schwer, ein Gott zu sein schafft es in dieser Woche, über zwei Jahre nach dem Tod des Regisseurs, endlich auch in die deutschen Kinos. Weder Dantès noch German haben ihr Schicksal wirklich selbst gewählt. Es wurden grausam Löcher in ihr Leben und Wirken gerissen, es folgte unerträgliche Stille. Vielleicht handelt es sich aber auch um gewaltige Kunstpausen, die nur den Kontrast zu den Schlussakkorden ihrer Kompositionen betonen.

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(Filmstill aus Es ist schwer, ein Gott zu sein. Copyright:  Drop-out Cinema / Bildstörung)

Ihre Geschichten, ob auf oder außerhalb von Romanseiten, schildern die Welt als immerwährenden Freiheitskampf. Die Feinde des „Grafen“ – also die, welche die Schuld an seiner Gefangenschaft tragen – sind leicht zu identifizieren: Der Zahlmeister und Denunziant Danglar, der ihm seine Karriere neidet; der eifersüchtige Fischer Fernand, der Dantès‘ Verlobte begehrt; der Staatsanwalt Gérard de Villefort, welcher seine egoistischen Interessen letztendlich über das Gesetz stellt.

Auch Germans Gegner nahmen verschiedenste, ewig neue Gestalten an und verdeutlichten dadurch, welche Inkarnationen dieselben Ideen in dieser Zeit durchlaufen haben. Zunächst waren es die sowjetischen Zensurbehörden, die zu den härtesten der Welt gehörten und jedes seiner Projekte scharf bekämpften. German begann seine Karriere zu einem Zeitpunkt, als die Tauwetter-Epoche längst Geschichte war und die Repertoirekommission wieder unerbittlich alles verschwinden ließ, was von den Vorgaben des Sozialismus abwich.

Im Laufe seines gesamten Lebens und einer fast fünfzig Jahre währenden Karriere drehte German gerade einmal sechs Filme. Nur ein einziger davon, das Kriegs-Drama Zwanzig Tage ohne Krieg von 1977, wurde je ohne größere Vorbehalte innerhalb der Landesgrenzen zugelassen und dort auch (nach wenigen Jahren) tatsächlich in Kinos gezeigt. Von seinem Regiedebüt (Der siebente Trabant, auch bekannt als Der siebente Sputnik, von 1968) distanzierte er sich. Es entstand in Zusammenarbeit mit dem erfahrenen, klar linientreuen Grigori Aronow, der etliche Entscheidungen (bis hin zur Wahl des Hauptdarstellers) über seinen Kopf hinweg traf.

Seinem Zweitling Trial on the Road von 1971 waren nur wenige Vorstellungen vergönnt, bevor er für 14 Jahre im sozialistischen Giftschrank verschwand (der Blick auf die Geschichte des Landes wurde für zu „unheroisch“ befunden) und erst zu Zeiten von Perestroika und Glasnost wieder das Licht der Leinwand zu sehen bekam. Ähnlich erging es Mein Freund Ivan Lapshin, dessen Drehbuch bereits 1969 fertiggestellt wurde – erst 1982 lag der fertige Film vor – und erst 1985 wurde er auf dem Moskauer Filmfestival gezeigt.

Doch auch nach dem Ende der Sowjetunion erging es German nicht besser: Die Geldgeber des nunmehr kapitalistisch erschlossenen Russlands waren ähnlich wirkungsvoll darin wie die früheren Zensoren, seine Arbeit unmöglich zu machen. Khroustaliov, mein Wagen! (1998) wurde vor allem durch Finanzspritzen aus dem fernen Frankreich ermöglicht und dort auch prompt bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Die Reaktionen waren verhalten bis ablehnend: Scharenweise floh das Publikum vor der 150 Minuten langen Analyse der russischen Volkspsyche. Kritiker schrieben zornige Verrisse. Lediglich der Vorsitzende der Jury, Martin Scorsese, war angetan und wollte den Film mit der Goldenen Palme auszeichnen. Seinen Mitjuroren soll er gesagt haben: „Dieser Film ist so außergewöhnlich, dass selbst ich ihn nicht verstanden habe!“ Trotzdem ging der Film leer aus, auch große internationale Erfolge blieben aus. Letztendlich hatte es keiner Zensoren bedurft, sondern lediglich desinteressierter Kinogänger.


(Ausschnitt aus Khroustaliov, mein Wagen!)

Die langen Pausen in Germans Filmografie sind gleichzeitig Niederlagen und Siege gegen die Bedingungen des Filmgeschäfts. Sie sind das Äquivalent eines lückenhaften Lebenslaufes. Unweigerlich entzieht er sich der Leistungsethik der Filmindustrie, die kontinuierlich Neues fordert. Für viele Regisseure sind ihre Filme wie Kinder. Mit welchen Gedanken auch immer sie in die Welt gebracht wurden, sie werden einen Teil ihres Vermächtnisses bilden. Sie werden ihre Eltern überdauernd und zu Lebewesen mit eigener Identität, und beeinflussen, wie über ihre Schöpfer gedacht wird. Die Industrie kann nicht anders, als einen fast biologischen Blick auf diesen Umstand zu werfen.

Wie die Populationsforschung trennt sie in K- und R-Strategen. Zur Erinnerung: K-Strategen wie etwa Frösche oder Kaninchen setzen eine große Zahl von Nachkommen in die Welt, in der Hoffnung, das genug von ihnen überleben. R-Strategen wie Elefanten und Blauwale hingegen setzen eher auf Qualität statt auf Quantität. Auf der einen Seite stehen die Takashi Miikes dieser Welt. Der japanische Regisseur hat in den letzten 15 Jahren über 50 Filme gedreht. Dadurch leidet natürlich nicht automatisch ihre Qualität, doch diese Filme werden fast zwangsläufig zeitgeistiger, zur unmittelbaren Momentaufnahme.

Wenn ein Künstler hingegen lange Zeit mit einem einzigen Werk verbringt, dann wird diese Zeit unweigerlich ein Teil der Kunst. Was der Mensch erschafft, handelt immer auch von der Vergänglichkeit. Schließlich schafft er, um weiter zu bestehen. Nicht umsonst ging Proust über knapp 14 Jahre und schlussendlich sieben Bände hinweg auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Nicht umsonst versuchte Tarkowskij mit seinen Filmen ihren Stillstand herbeizuführen. In seinem Buch Die versiegelte Zeit beschreibt er seine Vorstellungen von Kino als „Bildhauerei aus Zeit“ und erklärt: „Seine Individualität zeigt ein Regisseur vor allem durch sein Zeitempfinden […].“

Man merkt es den Filmen derer an, die wie German lange für sie kämpfen mussten. Nachdem Roy Anderssons Komödie Giliap ein finanzieller Misserfolg wurde, dauerte es fast 25 Jahre bis zu seinem nächsten Langfilm. Seiner „Trilogie der Lebenden“ merkt man die langen Jahre der cinematischen Odyssee an: Sie zeigen eine Welt so absurd und grotesk wie die der Werbespots, die er für über zwei Jahrzehnte zu seinem hauptsächlichen Betätigungsfeld machte. Als Terrence Malick zwanzig Jahre nach In der Glut des Südens mit Der schmale Grat ins Kino zurückkehrte, war aus ihm ein anderer geworden. (Eine interessante Geschichte seiner Abstinenz ist hier zu lesen.)

(Trailer zu Es ist schwer, ein Gott zu sein)

Auch German fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Mehr als nur 14 Jahre hat er innerlich mit seinem finalen Meisterwerk gerungen: Es ist schwer, ein Gott zu sein basiert auf einem Roman der Strugazki-Brüder aus dem Jahr 1964 und begleitete German schon fast sein gesamtes Leben. Erdacht wurde die vielschichtige Science-Fiction-Geschichte als Kommentar auf den Stalinismus. Auch wenn sie von einem fernen Planeten erzählt, zeigt die Adaption vor allem eine historische Kontinuität auf: Es ist eine Welt der politischen Alleinherrscher und der Repression, in welcher Intellektuelle und Künstler unterdrückt und interniert werden.

Doch Germans düsteres Vermächtnis ist mehr als ein Urteil über Russlands Geschichte. Unter einer Schicht aus Schlamm, Schmutz und Körperflüssigkeiten liegen wahrhaft zeitlose Ideen. Man muss sie suchen, tief nach ihnen graben. Manche werden vielleicht nie fündig werden. Doch keiner sollte sich der Expedition in die fremden, fernen Welten, die den unseren doch so oft gleichen, verweigern. Edmond Dantès hatte seine Rache noch zu Lebzeiten. Er wird reich und berühmt, erlangt Adelstitel und hohe Posten. Er bestraft die, die ihn verraten haben und belohnt seine Helfer. Aleksei German war kein so klassisches Happy End vergönnt. Angesichts seiner Filme scheint das nur folgerichtig. Sie waren sein Leben und werden es bleiben. Seine Rache ist sein Vermächtnis. Wer Zeitloses schafft, hat die Ewigkeit auf seiner Seite. So schreibt auch Dantès am Ende von Dumas` Roman in einem Brief: „Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten – Harren und Hoffen!“

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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