Unmittelbares Ego – Filmkritik auf YouTube

„Über Musik reden ist wie zu Architektur tanzen“, wird Frank Zappa zitiert. Es sind die Worte eines Mannes, der sich und seine Musik oft missverstanden sah, vor allem durch Journalisten. Aber natürlich sind sie mehr als eine reine Trotzreaktion. In der eher flapsigen Aussage schwingt ein durchaus beachtenswerter Gedanke mit: Möglicherweise kommt man jedem Medium, jeder Kunstform mit ihren eigenen Mitteln am nächsten.

welive
(Filmstill aus We Live in Public; Copyright: IndiePix Films)

Die nächste Evolutionsstufe der Filmkritik wäre also stets, selbst Film zu werden. Diese Entwicklung gab es in ihrer Geschichte immer wieder. Das bekannteste Beispiel dafür dürften die Regisseure der Nouvelle Vague sein, die rund um die Zeitschrift Cahiers du cinéma ein eigenes Kino schufen. Jean Luc-Godard erklärt: „Ich mache keinen Unterschied zwischen Kritik und Regie. Als ich begann, Bilder zu betrachten, war das bereits ein Teil des Filmemachens.“ – und merkt auch 2011 in der Zeit noch an: „Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.“

Die gewaltigen Massen von Videokritiken, die heute entstehen, wird er wohl nicht gemeint haben. Tatsächlich werden davon heute so viele produziert wie niemals zuvor: Die Onlinepräsenzen vonüberregionalen Tageszeitungen und Magazinen bieten sie an, vor allem aber findet man sie auf Googles Video-Plattform YouTube. Aus der früheren Videoblog-Kultur sind im letzten Jahrzehnt zahllose separate Partikular-Szenen entstanden – unter anderem eben auch eine beträchtliche Anzahl von Filmkritik-Kanälen.

(Kritik von DVDKritik zu American Sniper)

Sie wirken natürlich moderner als die geschriebenen Texte aus Feuilletons und Blogosphäre. Vor allem aber versprechen sie die Unmittelbarkeit und Authentizität, die (auch außerhalb des Filmbereichs) seit jeher als das größte Kapital der YouTube-Stars gelten. Die Abstraktion der Worte verschwindet, stattdessen sitzt dem Publikum ein klar erkennbarer Mensch gegenüber, der mit seinem Gesicht und guten Namen für seine Äußerungen einstehen muss. Kritisch könnte man vermuten: Wie andere Social-Media-Kanäle auch sind sie vor allem Ausdruck von Narzissmus und formen aus jedem Thema ein Personality-Format. So bewirbt etwa der Kanal KinoCheck seine Kritiken mit der Tagline: „Hot or Not? Unsere Kritiken zu aktuellen Filmen – einfach ehrlich und direkt, versprochen!

KinoCheck gehört mit über 600.000 Abonnenten zu den erfolgreichsten (filmbezogenen) Kanälen in deutscher Sprache. Es ist eines von vielen Angeboten mit ähnlichem Konzept, die vor allem als Aggregator aktiv sind: Einfach ein Wasserzeichen auf oder ein Intro vor einen Trailer geklatscht, schon ist mit geringem Zeitaufwand ein neuer Inhalt entstanden. (Die gegenwärtige Teaser-Kultur legt ja ohnehin mehr Wert auf die Antizipation als auf die Rezeption). Zur Distinktion von der großen Konkurrenz gibt es darüber hinaus eben auch Interviews, Kritiken und Specials. Die Kanäle tragen Namen wie DVDKritik (über 300.000 Abonnenten) oder auch Filmfabrik (über 200.000). Vor allem im letzten Fall hat man einen akkuraten, sprechenden Titel für die Arbeit der Videokritiker gefunden. Eigentlich verspricht das Bewegtbild-Format nahezu unendliche Möglichkeiten, wie eben beim Kino selbst. Klickt man sich jedoch durch ihr Angebot, wird einem nur eine biedere, mechanische Gleichförmigkeit geboten. Endlose Playlists werden zu Content-Fließbändern, die abhandeln und verarbeiten.

Es ist erstaunlich: Auch wenn die Plattform Modernität und jugendlichen Entdeckergeist verspricht, wirkt die tatsächliche Umsetzung formal meist nicht fortschrittlicher als gebundene Bücher oder Radiosendungen. Zehntausende immer gleiche Videos mit Menschen vor einem GreenScreen oder ihrem Bücherregal, im immer gleichen Winkel und der immer gleichen Einstellungsgröße werfen die Frage auf: Wie sollen sich Menschen für interessante und originelle Bilder einsetzen, wenn sie selbst offensichtlich nur ein einziges kennen – das ihres eigenen Gesichtes?

(Kritik von KinoCheck zu Fantastic Four)

Das YouTube der Filmkritiker wirkt, als hätten Journalisten als Reaktion auf Zappas Aussage das Spielen von Instrumenten erlernt, um stolz und laut immer wieder denselben Ton vorzutragen. Wer in die Suchleiste der Seite die Worte „Kritik“ und „Film“ eingibt, kann sich auf ein visuelles Vuvuzela-Konzert einstellen. Es entstehen Personality-Formate ohne Persönlichkeit. Die Tatsache, dass auch inhaltlich vor allem Belanglosigkeiten und gefährliches Viertelwissen kolportiert werden, erscheint da fast schon unerheblich. Wo nicht gerade Inhaltsangaben und das wenig reflektierte Moment ästhetischer Erfahrung dargeboten werden, gibt man sich dem zahnlosen Spott amerikanischer Formate wie Red Letter Media oder der Honest Trailer hin.
Kanäle wie Jay & Arya (über 300.000 Abonnenten) oder Die Filmfabrik gehen darüber hinaus mit großer Begeisterung auf die besserwisserische Suche nach so genannten Filmfehlern und Filmfakten. Mit spielerischem Unterton werden kunst- und künstlerfeindliche Ideen verbreitet und das enge, wenn nicht sogar beschränkte Bild der Betreiber auf das Medium offenbart. Endlose Top- oder Flop-Listen verdeutlichen den Wunsch nach Schubladen und einfachen Kategorien, nach Einordnung und Hierarchien.

Natürlich gibt es stellenweise auch im deutschsprachigen Raum positive Gegenbeispiele – repräsentativ sind sie jedoch leider nicht. Im Gegenteil, sie werden kaum wahrgenommen und gehen gegenüber den hier aufgezählten vollständig unter. (Auch von den in den USA immer populärer werdenden Essay-Filmen fehlt in YouTube-Deutschland bislang jede Spur. Welchen Nutzen hat eine neue Plattform, wenn ihre Eigenheiten und Mehrwerte hierzulande fast noch nicht genutzt werden?) Selbst in den wenigen Fällen, in denen Gedanken entstehen, bleiben sie vor allem eines: Selbstporträts. Nimmt man die Bilder weg, geht nichts verloren, außer einem Ego. Keiner der Beiträge bleibt jemals in Erinnerung. Die US-Kritikerin Pauline Kael hat einst über Gena Rowland in Cassavates Eine Frau unter Einfluß geschrieben: „Nothing she does is memorable, because she does so much.“ Das Gleiche gilt für die bilderlosen Bilderbeschreiber, die endlose Redundanzen kreieren und damit die reißenden Datenströme der Gegenwart nicht in neue Bahnen lenken, sondern sie nur größer machen. Medien erfüllen heute unseren Verstand. Die Frage ist also, wie wir die Medien wieder mit Verstand füllen können.

(zuerst erschienen unter kino-zeit.de)

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