Rezension: Mi Gran Noche

mi-gran-noche-poster-originalJeder Entertainer weiß es: The show must go on. Unterhaltung ist schließlich ein Geschäft, wenn nicht sogar Fließbandfertigung, die ja bekanntermaßen auch immer weiter läuft. Doch was, wenn das große Finale wirklich einmal ausbleibt und ein Event einfach nicht enden will? In Álex de la Iglesias Mi Gran Noche verwandelt sich die vom Pech verfolgte, schier endlose Produktion einer Fernseh-Silvestergala (die praktischerweise bereits im September aufgezeichnet wird) langsam in eine Vorhölle der guten Laune.

Die hyperaktive Showbiz-Farce macht unmissverständlich klar, was Neil Postman schon vor über 30 Jahren formulierte: Wir amüsieren uns zu Tode. Iglesia entwirft eine infantilisierte und künstliche Medienwelt, in der die Protagonisten nur noch triebgesteuert der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung nachjagen. Dazu verwebt er zahllose Handlungsstränge zu einem gewaltigen Story-Knäul und hastet mit seiner Kamera durch die engen Gänge des Fernsehstudios atemlos von Ereignis zu Ereignis.

Die „Hauptrolle“ des Ensemblestücks spielt ironischerweise einer der Statisten: Nachdem einer der Galagäste von einem Kamerakran erschlagen wird, bekommt der Durchschnittstyp Jose (Pepon Nieto) von der Arbeitsagentur den frei gewordenen Posten zugewiesen und wird unvorbereitet in das fellinieske TV-Chaos geworfen. Die Aufnahme läuft seit geschlagenen zehn Tagen und die Umstände treiben alle Beteiligten langsam in den Wahnsinn: Die Moderatoren Roberto und Christina (Hugo Silva, Carolina Bang), die eigentlich durch den Abend führen sollen, können sich auf den Tod nicht ausstehen – vor allem, weil beide auf einen Posten bei der Reality-Fernsehserie Survivor hoffen. Der alternde Schlagerveteran Alphonso (weniger gespielt als vielmehr gelebt von Eurovision Song Contest-Teilnehmer Raphael) wollte ursprünglich mit einer seiner Kitsch-Balladen das neue Jahr einleiten, muss diese Ehre aber nun an Teenagerschwarm Adanne (Telenovela-Star Mario Casas) abtreten. Gemeinsam mit seinem Assistenten und Adoptivsohn Juri (Carlo Areces) setzt er daher alles daran, sich für diese Schmach zu rächen – ohne zu ahnen, dass dieser einen psychotischen Killer auf ihn angesetzt hat, um die Vernachlässigung seiner Pflichten als Vater zu bestrafen. Adanne hat währenddessen eigene Sorgen: Eine seiner zahllosen Gespielinnen hat ein Fläschchen mit seinem Sperma gestohlen und plant nun, sich durch den Samenraub Alimente zu erklagen. Zu allem Überfluss liefern sich vor dem Studio auch noch wütende Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei, während Fans und Autogrammjäger zwischen die Fronten geraten.
Jose soll nun also im Studio den bestens unterhaltenen Partygast mimen, was gar nicht so einfach ist. Das Festmahl und die Getränke sind lediglich aus Plastik, Applaus und Gelächter werden immer wieder aufs Neue vom aggressiven Aufnahmeleiter Benitez (Santiago Segura) eingefordert. Vergnügen auf Kommando. Am zugewiesenen Tisch entsteht so etwas wie eine Miniaturversion von Sartres Geschlossene Gesellschaft, die Gäste sind einander hoffnungslos ausgeliefert und beginnen alsbald einander zu hassen und zu lieben. Ausgerechnet die attraktive Paloma (Blanca Suarez) macht Jose schöne Augen. Was er nicht weiß: Ihre Zuneigung führt oft ins tödliche Unglück…

Iglesia inszeniert seinen Film als ein schrilles Lustspiel mit brachialem Humor, irgendwo zwischen Slapstick und Screwball-Komödie. Die Tatsache, dass nicht jeder Gag ein Volltreffer ist, wird geschickt durch Ausdauer und Geschwindigkeit überspielt. Jeder Blindgänger geht in dem Trommelfeuer aus Scherzen gnadenlos unter und jede Einstellung ist überladen mit visuellen Reizen. Überall hagelt es Konfetti, flackern Lichter, manchmal donnert sogar ein Querschläger von der Straße durch die Studio-Räumlichkeiten. Der Film wirkt oft wie eine Realadaption der Looney Tunes.

Doch selbst wenn alle Figuren grotesk überzeichneten Cartoons gleichen, ist der Regisseur immerzu auf der Suche nach dem Echten, dem Authentischen, dem richtigen Leben im falschen. Kann es unter den Entertainern und Entertainten noch wirkliche Emotionen geben, die nicht auf Befehl und passend zum Musikeinsatz kommen? Immer wieder versuchen Figuren, aus der bunten Medienwelt auszubrechen. Sie schwingen sich zu pathetischen Reden auf und schwören einander die ewige Treue. Die bittere Pointe ist, dass jeder neue Ausbruchsversuch direkt wieder Teil der Show wird. Fast jeder Akt der Subversion wird von der Branche einfach absorbiert. Das wird spätestens klar, wenn der Killer, der eigentlich gekommen ist, um Alphonso zu töten, plötzlich auf der Bühne steht und begeistert eines seiner Stücke zum Besten gibt – das titelgebende „Mi Gran Noche“.

Mit den spanischen TV- und Musik-Stars des Films vertraut zu sein hilft, einige Insiderwitze zu verstehen, ist aber nicht zwingend erforderlich. Manche Anspielung mag für Nichtspanier verloren gehen, doch der Blick auf das Showgeschäft ist universell genug, um auch über die Landesgrenzen hinweg zu unterhalten.

Im Endeffekt funktioniert Mi Gran Noche aber besser als reiner Unterhaltungsfilm denn als Mediensatire: Die Komödie ist formell und visuell zu nah an der bunten Fernsehwelt, um wirklich glaubwürdig Kritik oder so etwas wie eine Botschaft zu vermitteln. Iglesia ist als Regisseur stets bemüht, seine leicht trashigen B-Filme mit subversiven Zwischentönen zu versehen. Mi Gran Noche lässt sie jedoch im lauten, respektlosen Gag-Feuerwerk untergehen. Die Spielzeit fliegt nur so vorüber, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Aber das ist natürlich nicht schlimm, denn das nächste Unterhaltungsprodukt wartet ja schon. Die Show muss weitergehen.

(zuerst erschienen auf kino-zeit)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s