Rezension: Counting

counting-posterJem Cohens letzter Film spielte in einem Museum, sein neuster ist selbst eines. Nachdem der Spiel- und Dokumentarfilm-Hybrid Museum Hours mit für den afghanistanstämmigen Videokünstler und Filmemacher fast schon konventionellen Narrativen daherkam, kehrt er mit Counting zur lyrischen Bildcollage zurück. 15 Kapitel von stark variierender Länge und Kohärenz fordern die menschliche Neigung zur Mustererkennung heraus.

Versucht man das komplexe Bildergedicht zu ergründen, beginnt man am besten an seinem Ende. Cohen schließt mit einem Zitat von Chris Marker, dessen Filmessay Sans Soleil – Unsichtbare Sonne in Counting immer wieder anklingt: „… In this layman’s double for prayer that we call memory“. Sowohl der Film als auch die Erinnerung sind Möglichkeiten, die flüchtige Vergangenheit festzuhalten. In beiden Fällen gibt es keine feste, in Stein gemeißelte Wahrheit, die es nur zu reproduzieren gilt. Jede Erinnerung und jeder Film sind eine Neukreation, in Counting führt Cohen beide zusammen: Das Ergebnis ist ein visuelles Tagebuch, ein innerer Monolog auf der Leinwand. Eine Ansammlung von Reisebildern, eine Großstadtsymphonie und eine zutiefst subjektive, idiosynkratrische Aufzeichnung der vergangenen Jahre, in denen der Filmemacher unter anderem Moskau, New York, Porto, Schardscha und Istanbul bereist hat.

‚Der Mann mit der Kamera‘ anno 2015 durchstreift sehenden Auges die Welt, nicht unbedingt auf der Suche nach dem schönsten oder originellsten Motiv. Nahezu keine von Cohens Aufnahmen wäre für sich stehend beeindruckend oder sonderlich interessant: Menschen in Alltagssituation, Straßenszenen, immer wieder Ausstellungen. Naturaufnahmen, verstreute Objekte, Formen und Muster. Das rein Dekorative und Beschauliche ist ihm fremd, nur wenige Einstellungen wirken wie das Ergebnis von bewusster Auswahl und durchdachter Bildkomposition. Counting ist eher ein beiläufiges Koyaanisqatsi des Trivialen. Cohen sucht nach Bildern, die sich reimen, nach Schnittstellen und Konfliktlinien. Was verbindet und trennt die Menschen auf unserem Planeten?

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In manchen Kapiteln geht es explizit um politische Aspekte, doch nur selten lässt sich ein tatsächlicher Kommentar aus dem Gezeigten ableiten. Irgendwo in New York hat jemand „Trump is a monster.“ in den Boden geritzt. Demonstranten rezitieren wütend Eric Garners letzte Worte „I can’t breath“. Die Kamera besucht den Gezi-Park und durchstreift die Straßen in der Umgebung. Konkreter wird das Kapitel Three letter word: Gezeigt wird die Reflektion eines Gehwegs voller Passanten, darüber erklingt die Stimme des US-amerikanischen Geheimdienstdirektors James R. Clappers. Zuerst behauptet er, die NSA sammele keine Daten über die amerikanischen Bürger, kurz darauf revidiert er sein Statement. Für eine Weile setzt der Regisseur seine Kameras zur Überwachung ein, kann dabei aber niemals mehr als eine vage Spieglung der Wirklichkeit erfassen.

Der Abschnitt The Blues bebildert die Rezession in den USA und verbindet Soundbites über die Zerschlagung von Gewerkschaften mit maroder Infrastruktur. Dazu gibt es traurig im Wind flackernde Flaggen in rot-weiß-blau – fast etwas zu dick aufgetragen. Eine kurze Sequenz auf Coney Island erklärt Amerika zum Freizeitpark, der für den Winter geschlossen ist. Schilder mit Aufschriften wie „Thrills“ und „Wonder“ liegen unterm Schnee bedeckt, Obdachlose blicken in die Kamera und wechseln ein paar Worte mit dem Regisseur. Auch das kommt gelegentlich vor: Der Hawthorne-Effekt setzt ein und Menschen verändern ihr Verhalten für die Kamera. Schulkinder imitieren die Bewegungen Cohens und Passanten winken freundlich. Cohen ist etwas daran gelegen, seinen Film als Konstrukt offenzulegen, vor allem aber auch als Ergebnis eines persönlichen Ausdrucks. Das wird besonders deutlich, als ihn im Kapitel Jewish Telegram plötzlich eine schwerwiegende Nachricht erreicht und das Publikum auf einen langen Leidensweg mitgenommen wird.

Viele Themen, die Cohen schon über seine gesamte Karriere hinweg begleiten, werden auch in Counting aufgegriffen. Eine frühe Sequenz könnte als Musikvideo für Songs von Fugazi dienen, die Struktur des Films erinnert an ein Post-Rock-Album. In einer kurzen Montage wird die Reichweite der New Yorker Musikszene abgebildet. An Stadträndern kämpfen Natur und Kultur gegeneinander, in ihren Kernen sind es Religion und Wissenschaft, Arm und Reich, Wahrheit und Fiktion.

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Die beste Erklärung für Counting findet sich jedoch letztendlich – wie könnte es anders sein – in einem Museum, genauer gesagt in der Tretjakow-Galerie in Moskau. Dort hängt Kasimir Malewitschs Gemälde Das Schwarze Quadrat, ungefähr hundert Jahre vor Cohens Film fertiggestellt. Es zeigt nicht mehr als der Titel verspricht. Malewitsch selbst erklärte über sein Bild: „Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ Und so muss man wohl auch Counting betrachten: Als Spiel mit der Form, vielleicht als eine Art Rorschachtest, der den Zuschauer auf sich selbst zurückwirft. Einerseits kann man Cohen sicher eine gewisse Verweigerungshaltung vorwerfen, auf viele wird der Film willkürlich und beliebig wirken. Manchmal muss man ihnen recht geben: Counting kann eine frustrierende Seherfahrung sein. Es macht wahrscheinlich mehr Spaß, über den Film nachzudenken und zu schreiben, als ihn im Kino anzuschauen. Manchmal kann ein Kunstwerk so persönlich werden, dass es schon an Egoismus grenzt. Andererseits ist es ja gerade diese scheinbare Sinnlosigkeit, die viele Menschen jeden Tag erleben. Anton Tschechow, dem genau wie Marker ein Kapitel gewidmet wird, hat geschrieben: „Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.“ Counting ist wie Das Schwarze Quadrat, ist wie das Leben: Man sucht nach einem Sinn. Vielleicht wird man niemals fündig, aber besser als von vorneherein aufzugeben ist die Suche in jedem Fall.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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