Rezension: The Boy and the Beast

boy-and-the-beast-movie-poster-1Mamoru Hosoda ist ein überaus begabter Regisseur, der sich manchmal selbst im Weg steht. Seit mehr als fünfzehn Jahren kreiert er herzerwärmende, detailverliebte Animationsfilme von großer Imaginationskraft, welche auf originelle Weise alltägliche Erfahrungen und Fantastik miteinander verschmelzen lassen. Mittels Zauberwesen und Magie drückt er die inneren Verwandlungen im Leben von Heranwachsenden aus, wie nur wenige es vermögen. Und doch: Ob Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, Summer Wars oder Aki und Mami – Die Wolfskinder – alle seine Filme streifen immer wieder kurz die Brillanz, nur um letztendlich doch auf die eine oder andere Art zu enttäuschen. Sein neuster Film The Boy and the Beast stellt dabei leider keine Ausnahme dar, ist aber dennoch ein bemerkenswertes Stück Anime-Kino.

Alles beginnt als eine Art Märchenerzählung: Neben der Welt der Menschen, so erklärt es der kurze Prolog, existiert auch eine der Bestien. Weil der dort herrschende Großmeister kurz davor steht, als Gott wiedergeboren zu werden, gilt es einen Neuen auszuwählen. Zwei Kandidaten kommen in Frage: Der beim Volk beliebte, überaus disziplinierte Eber Iozen und der bärbeißige Einzelgänger Kumatetsu. Letzterer ist zwar bereits ein erfahrener und starker Kämpfer, es fehlt ihm jedoch an Selbstbeherrschung und Empathie. Der Meister rät ihm, einen Schüler aufzunehmen, um seine Fähigkeiten weiterzugeben. Auf der Suche nach einem geeigneten Schützling verschlägt es ihn in die Welt der Menschen. Dort läuft ihm der neunjährige Kyuta in die Arme, der in den Straßen Tokyos lebt, seit er nach dem Tod seiner Mutter enttäuscht und wütend von Zuhause weggelaufen ist. Als ihm Bär Kumatetsu das Angebot unterbreitet, ihn mitzunehmen, lehnt er zunächst ab. Doch als ihn bereits kurze Zeit später die Polizei verfolgt, gelangt er durch eine mysteriöse Seitengasse in die Bestienwelt – in der der Menschen hält ihn ohnehin nichts.

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Nachdem er den ersten Schock überwunden hat, tritt er seine Krieger-Lehre beim zunächst skeptischen Bären an. Die beiden Hitzköpfe geraten permanent aneinander. Doch gerade der ewige Widerstreit zwischen den ungleichen Partnern ist es, durch den sie wachsen. Schon bald ist Kyuta zu einem der stärksten Kämpfer des Königreichs herangereift. Doch trotz der Anerkennung, die er erfährt, bleibt er ein Suchender ohne klare Zugehörigkeit. Er kehrt in die Welt der Menschen zurück und lernt dort die Hochschülerin Kaede kennen. Nachdem er sie mit seinen Kampfkünsten gegen die Schikanen missgünstiger Mitschüler verteidigt, entsteht eine zarte Freundschaft. Kyuta fühlt sich zunehmend zwischen den beiden Welten hin- und hergerissen. Wo ist sein Platz?
The Boy and the Beast ist eine rasant erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden und wartet dabei mit einem Füllhorn von eigentümlichen Figuren und Einfällen auf. Die vielgestaltigen Tierwesen dienen dabei als elaborierte Metapher für menschliche Schwächen, Ängste und Sehnsüchte. Die Parallelwelten korrespondieren immerzu miteinander. Damit wirkt der Film wie ein geistiger Nachfolger zu Aki und Mami – Die Wolfskinder, der sich Themen wie die adoleszente Identitätssuche oder dem Zerfall der japanischen Kernfamilie auf ähnlich prägnante Weise annimmt.

Für die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung zwischen Kyuta und Kumatetsu findet der Film ausdrucksstarke Bilder. Eine Szene, in der sich die beiden schier endlos um einen Küchentisch jagen, wirkt nur solange cartoonhaft bis deutlich wird, wie verzweifelt sie versuchen, den Standpunkt des jeweils anderen einzunehmen. Wenn der Lehrling die Bewegungen seines Meisters exakt imitiert, um seine Kampfkunst zu erlernen, ist das zunächst einmal nur ein Martial-Arts-Klischee. Doch dem Regisseur dient es als Mittel zum Zweck: Er gibt dem Annäherungsprozess der Figuren eine physikalische, kinetische Dimension.

Leider sind die Momente rar gesät, in denen solche Ansätze wirklich für sich stehen können: Die unaufhörlich erklärenden Kommentare und Expositionsbrocken aus den Mündern von Affe Tatara und dem buddhistischen Schweinemönch Hyakushûbô könnte man noch als eine Art Theaterchor deuten (oder als eine wohlwollende Version von Waldorf und Statler). Doch auch nahezu alle anderen Figuren der Geschichte neigen dazu, das Gezeigte überflüssigerweise zu kommentieren und einzuordnen. Ist Affe Tatara dann etwa zum ersten Mal von Kyutas Kampfkünsten beeindruckt, sagt er: „Ich bin zum ersten Mal von Kyutas Kampfkünsten beeindruckt.“ Wenn Kaede dem jungen Kämpfer das Lesen beibringt und wenig einsteigerfreundlich, dafür umso symbolträchtiger mit Herman Melvilles Moby Dick beginnt, bleibt eine elaborierte Einordnung des Romans nicht aus. Subtext wird zu Text. Vieles wird explizit ausgesprochen, obwohl Hosoda doch gerade beim visuellen Erzählen brilliert.

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Möchte man diesen Umstand positiv werten, könnte man sagen: Er macht sich Melvilles in Moby Dick oft angewandtes Prinzip zueigen, von einem spezifischen Einzelbild langsam auf eine universelle Erkenntnis über die menschliche Natur hinzuarbeiten. In der Praxis entsteht jedoch vor allem der Eindruck, dass hier das Publikum unterschätzt wird. Eigentlich ist es kein Film (nur) für Kinder, aber der Zuschauer wird wie eines behandelt. In vielen Dialogen ist das papierene Rascheln des Drehbuchs zu hören und die Konstruktion der Geschichte wird offenkundig. Die eigentlich wundervoll komponierten Stücke von Masakatsu Takagi, der sich bereits für die Musik von Ame & Yuki verantwortlich zeichnete, drängen manchmal zu offensiv und eindeutig in Richtung einer bestimmten Emotion.

Doch all diese Schwächen schmälern die mitreißende, oft sehr berührende Wirkung des Films nur wenig. The Boy and the Beast ist hervorragend animiert, hat sein Herz am rechten Fleck und weiß immer wieder aufs Neue zu überraschen. Die vor allem in der zweiten Hälfte gehäuft auftretenden Gefechte sind optisch gewaltig und fühlen sich wie eine organische Fortführung der persönlichen Probleme der Figuren an. Es wird nicht auf plumpe Cliffhanger gesetzt, sondern auf Fallhöhe. The Boy and the Beast ist auch ein Film über die Notwendigkeit, die eigenen Schwächen zu erkennen und mit ihnen zu leben. So gesehen sind seine Unvollkommenheiten nur konsequent.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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